April 2012

Alice Salomon © National Library of Israel, Schwadron collection, wikimedia commons, Lizenz-cc-3.0

Alice Salomon (1872-1948) – Begründerin der Sozialarbeit in Deutschland

Am 19. April jährt sich der Geburtstag von Alice Salomon zum 140. Mal. Sie wurde 1872 in Berlin geboren und gehörte der emanzipierten jüdischen Mittelschicht an. Alice Salomon selbst datiert den Beginn ihres Lebens rückblickend auf das Jahr 1893. Damals ist die aus einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie stammende Alice 21 Jahre alt und gerade mit ihrem Wunsch, Lehrerin zu werden, am Widerstand ihrer Eltern gescheitert.

1893 nimmt Alice an der Gründungsversammlung der "Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit" im Bürgersaal des Berliner Rathauses teil und ahnt die Bedeutsamkeit dieses Ereignisses für ihr zukünftiges Leben noch kaum.

„Aus der Charitas wird soziale Arbeit, Sozialreform und Sozialpolitik. Hilfstätigkeit erfordert nicht nur die rechte Gesinnung. Sie braucht auch Organisationen und Institutionen, durch die der Helfende den Weg zum Hilfsbedürftigen findet.“

Alice Salomon

Die "Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit" sind ein Projekt der noch jungen bürgerlichen Frauenbewegung: Frauen und Mädchen des Bürgertums soll eine sinnvolle und eigene Betätigung im Bereich der sozialen Arbeit geboten werden.

Neu ist, dass es sich um eine systematische Ausbildung zur Helferin handelt, die theoretische Fragestellungen und Lerninhalte mit praktischer (ehrenamtlicher) Sozialarbeit in Waisenhäusern, Kinderkrippen, Krankenanstalten, Volksküchen und in der Armenpflege verbindet.

Mit dieser Idee leistet die Frauenbewegung einen entscheidenden Beitrag für eine professionalisierte soziale Arbeit, wie sie angesichts der vielfältigen gesellschaftlichen Probleme, die erst im Zuge der Industrialisierung entstehen, dringend geboten ist. "Soziale Arbeit" avanciert zu einem Begriff, der das beschreibt, was sich zuvor in "Almosen" und "Wohltätigkeit" ausdrückte.

Alice Salomon, angezogen von dem Projekt der Frauenbewegung und engagierte Mitarbeiterin,  wird durch ihre Hausbesuche bei Fabrik- und Heimarbeiterinnen aufmerksam auf die beengten Wohnverhältnisse, die langen Arbeitszeiten und die extrem niedrigen Löhne der Frauen – ein Thema, mit dem sie sich auch in  ihrer späteren Promotion auseinandersetzen wird.

Initiatorin einer professionellen Ausbildung zur Sozialarbeiterin

Alice Salomon begeistert sich in den Folgejahren immer mehr für die Idee, Frauen für soziale Arbeit so zu qualifizieren, dass diese – fachlich gut ausgebildet – für ihre Tätigkeit einen geregelten Lohn erhalten.
Gemeinsam mit ihrer Freundin, Unterstützerin und Mentorin Jeanette Schwerin entwickelt sie einjährige Ausbildungsgänge für Frauen zu Sozialarbeiterinnen, die volkswirtschaftliche, pädagogische, staatskundliche und sozialethische Themen beinhalten.

Dieser deutschland- und europaweit einmalige Ausbildungsgang erfährt überragend positive Resonanz und bildet das Fundament für spätere Ausbildungsstätten und Schulen.

Nach dem Tod der Freundin im Jahr 1899 entwickelt Alice Salomon umfassende sozialpädagogische Konzepte und gründet weitere Ausbildungsstätten für angehende Sozialarbeiterinnen.

Emanzipation braucht Bildung

„Auch die soziale Arbeit kann zu einem Mittel werden, durch das wir das Ziel der Frauenbewegung verwirklichen: die Entwicklung jeder einzelnen Frau zu einer selbständigen, verantwortlichen, wertvollen Persönlichkeit. Wenn wir dahin bei der sozialen Arbeit streben, dann werden wir nicht nur bessere soziale Zustände herbeiführen helfen, sondern auch die Gegenwart  für uns und unsere Geschlechtsgenossinnen erhellen und verklären.“

Aus: Salomon, Alice: Was wir uns und anderen schuldig sind. Berlin Leipzig 1912

Für Alice Salomon sind ihr berufliches und wissenschaftliches Engagement sowie ihre Partizipation in der Frauenbewegung untrennbar miteinander verbunden.

Im Jahr 1900 wird die junge Alice Salomon in den Vorstand des Bundes deutscher Frauenvereine (BDF) gewählt – eine kleine Sensation, denn gewöhnlich sind die Vorstandsfrauen weit über 60 Jahre alt. In dieser Funktion unternimmt Alice Salomon zahlreiche Auslandsreisen und knüpft Kontakte zu führenden Akteurinnen der internationalen Frauenbewegung wie zum Beispiel zu Jane Addams.

1909 nimmt sie außerdem einen Vorstandsposten als Schriftführerin im International Council of Women (ICW) an, dem sie wiederum etliche Jahre später als Vizepräsidentin vorsteht. Außerdem übernimmt sie den Vorsitz der Konferenz Sozialer Frauenschulen Deutschlands sowie des Internationalen Komitees sozialer Schulen.

Während Alice Salomons Leben und Werk für die Geschichte der Sozialarbeit gut aufgearbeitet ist, verdient ihre Rolle in der internationalen Frauenbewegung vertiefende Analysen und Recherchen – dafür böten die zumeist noch in den Archiven schlummernden Briefe gewiss eine Fülle an Material.

Studium und Promotion

Getrieben von dem starken Wunsch nach persönlicher Weiterbildung beginnt Alice Salomon im Jahr 1902 ein Studium der Nationalökonomie (Volkswirtschaftslehre) und Philosophie an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin.

Erst seit 1896 sind Frauen an den preußischen Universitäten als Gasthörerinnen zugelassen, sie dürfen aber keine akademischen Prüfungen ablegen. Alice Salomon fällt auf: Ihre Professoren Max Sering und  Alfred Weber sind beeindruckt von ihrem Sachverstand und ihrer praktischen Logik.

Unbürokratisch und gegen den Widerstand des Dekans ermöglichen sie ihr eine Promotion in Volkswirtschaftslehre mit dem Titel: „Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit“ – ein Thema, das heute so aktuell ist wie vor mehr als hundert Jahren!

1906 ist Alice Salomon eine der ersten Frauen, die ihr Studium mit einem akademischen Grad abschließt. Erst 2 Jahre später öffnet sich die Friedrich-Wilhelm-Universität für Frauen.

Auf der Karriereleiter

Nach ihrer Promotion mit nun 34 Jahren verfolgt Alice Salomon ihre Anliegen – langfristige Perspektiven für Frauen durch Bildung, die Professionalisierung der Sozialen Arbeit sowie die internationale Vernetzung der Frauenbewegung - leidenschaftlich weiter: Sie leitet die neu gegründete Soziale Frauenschule in Berlin-Schöneberg, die bald als eine progressive sozialpädagogische Modellschule im In- und Ausland gilt.

Da Alice Salomon die Ausbildung der Sozialarbeiterinnen noch stärker theoretisch-wissenschaftlich fundieren und das emanzipatorische und politische Potential der Ausbildung ganz ausschöpfen möchte, gründet sie im Jahr 1925 die „Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit“. In dieser Zeit publiziert sie zudem zahlreiche wissenschaftliche Schriften und Forschungsergebnisse, unter anderem zu einem gemeinsam mit Gertrud Bäumer durchgeführten Forschungsprojekt „Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart“.

Das Jahr 1932 markiert den Höhepunkt ihrer Karriere: Anlässlich ihres 60. Geburtstags wird ihr der Titel Dr. h.c. der medizinischen Fakultät der Universität Berlin verliehen und ein Haus der Sozialen Frauenschule in Berlin-Schöneberg wird nach ihr benannt, die heutige „Alice Salomon Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin (ASH)“.

Biografische und gesellschaftliche Brüche

Im selben Jahr ergreifen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Sie entheben Alice Salomon all ihrer Ämter und entziehen ihr und ihrem Lebenswerk jegliche Anerkennung.

Aus Sorge, die „Akademie für Frauenarbeit“ könnte der "Gleichschaltung" durch die Nationalsozialisten zum Opfer fallen, beruft Alice Salomon eine sofortige Vorstandssitzung ein, die die Auflösung der Schule und die Vernichtung aller Dokumente und Papiere beschließt.

Alice Salomon ist nun arbeitslos, gründet jedoch mit Freunden in Berlin ein kleines Hilfskomitee für jüdische und christliche Auswander/innen, die Beratung und Unterstützung benötigen. Diese Arbeit zieht die misstrauischen Blicke der Nationalsozialisten genauso auf sich wie ihr Engagement in der „Bekennenden Kirche“ und dem Kreis um den Pastor Martin Niemöller, einer zentralen Figur des christlichen Widerstands gegen das nationalsozialistische Regime.

Alice Salomon war zwar bereits 1914 vom Judentum zur christlich-evangelischen Kirche übergetreten, trotzdem war sie unter dem nationalsozialistischen Regime aufgrund ihrer jüdischen Herkunft in besonderem Maße gefährdet und von Diskriminierung betroffen.
Ein Verhör durch die Gestapo im Jahr 1937, in dem Alice Salomon ihre Kontakte zum Widerstand sowie ihre pazifistischen, progressiven und internationalen Einstellungen zum Vorwurf gemacht werden, führt dazu, dass sie Deutschland im Juni 1937 in Richtung New York verlässt – ein Abschied ohne Wiederkehr.

Einsamkeit im Exil

1939 werden ihr die deutsche Staatsbürgerschaft und ihre Doktorwürde aberkannt, im Jahr 1944 erhält Alice Salomon die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Im Exil bleibt die Kosmopolitin Salomon zeitlebens eine Fremde. Sie fühlt sich von ihrer Vergangenheit abgeschnitten – ihre Versuche an die sozialpädagogische Arbeit und an frauenpolitische Erfahrungen und Ideen anzuknüpfen sowie neue berufliche und soziale Netzwerke aufzubauen, scheitern. Selbst für ihre Autobiografie, die sie in diesen Jahren in englischer Sprache verfasst, findet sie in den USA keinen Verleger. Erst im Jahr 1983 erscheinen ihre Lebenserinnerungen in Deutschland.

Als Alice Salomon im Alter von 76 Jahren am 30.08.1948 in New York stirbt, kommt nur eine  Handvoll Menschen zu ihrem Begräbnis auf dem Evergreens-Friedhof.

Es lässt sich erahnen, welcher Schmerz mit dieser tiefen Einsamkeit für eine Frau wie Alice Salomon verbunden war, die in ihren persönlichen Aufzeichnungen aus Goethes „Wilhelm Meister“ zitierte:

„Nicht wo ich ein bequemes Leben habe sondern wo ich nützlich sein kann, dort ist mein Vaterland.“

April 2012 ( Kerstin Maria Grimm )



Weiterführende Literatur:

  • Salomon, Alice: Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit. Dissertation.
    Leipzig 1906
  • Salomon, Alice: Lebenserinnerungen: Jugendjahre, Sozialarbeit, Frauenbewegung, Exil.
    Frankfurt/Main. 2008
  • Salomon, Alice: Charakter ist Schicksal. Lebenserinnerungen.
    Weinheim und Basel 1983
  • Hildebrandt, Irma: Mutige Frauen. 30 Portraits aus fünf Jahrhunderten. Kreuzlingen
    München 2005
  • Gerhard, Ute/Pommerenke, Petra/Wischermann, Ulla (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte.
    Band I (1789-1919)
    Königstein/Taunus 2008
  • Alice Salomon. Frauenemanzipation und soziale Verantwortung. Ausgewählte Schriften in 3 Bänden, hrsg. v. Adriane Feustel;
    Bd. 1: 1896-1908; Bd. 2: 1908-1018, Neuwied, Kriftel, Berlin: Luchterhand Verlag, 1997, 2000;
    Bd. 3: 1919-1948, München/Unterschleißheim: Luchterhand Fachverlag 2004
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