August 2011

Porträt Emilie Lehmus ©Berliner Stadtzeitung scheinschlag, Ausgabe 5 - 2004
Porträt Emilie Lehmus ©Berliner Stadtzeitung scheinschlag, Ausgabe 5 - 2004
Emilie Lehmus – erste deutsche Medizinstudentin eröffnet Klinik in Berlin

Summa cum laude – auch dieser Abschluss ihres Medizinstudiums reichte Emilie Lehmus nicht, um eine Approbation als Ärztin in Deutschland zu erhalten.

Sie wurde vor 170 Jahren als Pfarrerstochter in Fürth geboren in einer Zeit, als das Medizinstudium in Deutschland den Männern vorbehalten war. Zuerst besuchte sie das Lehrerseminar und studierte in Paris Sprachen, doch dann nutze sie die einzige Chance, um ihren Traum doch noch zu verwirklichen: In Zürich gab es die einzige Universität Europas, in der Frauen Medizin studieren konnten.
Doch auch hier waren Studentinnen noch unerwünschte Exotinnen.

„Als wir eintraten, war der Saal dicht gefüllt … und es erhob sich ein wüster Lärm, Schreien, Johlen, Pfeifen.“
berichtete ihre Kommilitonin und Freundin Franziska Tiburtius, die ebenfalls von Deutschland nach Zürich gezogen war.

(zitiert nach Markus Langenstraß)

Lehmus, die 1870 das Studium begann und damit ein Jahr früher als Tiburtius eintraf, war die erste deutsche Frau, die in Zürich Medizin studierte. Nach 4 Jahren war es dann soweit: Ihr ausgezeichneter Abschluss wurde sogar in der Kölner Zeitung 1874 gewürdigt:

„Fräulein Emilie Lehmus aus Fürth, die erste deutsche Dame, die in Zürich Medizin studiert, machte daselbst in voriger Woche ihr Examen und erhielt das Prädikat ausgezeichnet. Es ist dieser Grad in den letzten zehn Jahren nur sechs männlichen Examinanden zuteil geworden.“

Ein Jahr später erhielt sie die Promotion; sie machte in Zürich kein Staatsexamen, weil sie mit dem Doktortitel in Deutschland auf Anerkennung hoffte.

Doch die Vorstellung eines weiblichen Arztes löste im Reichstag noch „ungeheure Heiterkeit“ (Tiburtius) aus. In der Wissenschaft wurden weibliche Gehirne mit männlichen verglichen, und der Gewichtsunterschied begründete die geistige Beschränktheit der Frauen. Eine Approbation setzte ausdrücklich ein Studium in Deutschland voraus, und da dieses Frauen verwehrt war, so blieb es auch die Berufsbezeichnung der Ärztin.

von links: 4. Frau Emilie Kempin-Spyri, 5. Frau Dr. med. Pauline Ploetz, 6. Frl. Dr. med. Gräfin v. Geldern-Egmond, 7. Frl. Dr. med. Anna Kuhnow, 8. Frl. Dr. med. Emilie Lehmus (Bild aus: Deutsche Lyzeum-Club 1929 aus Brinkschulte, Eva: Weibliche Ärzte. Die Durchsetzung des Berufsbildes in Deutschland. Hrsg. von Edition Hentrich, Berlin 1993)

Emilie Lehmus wurde daher als „Heilpraktiker“ und „Bader“ eingestuft; es sollte noch ganze 39 Jahre dauern, bis in Deutschland die erste Approbation erteilt wurde.
Lehmus ließ sich nicht entmutigen - die durch die Reichsgewerbeordnung ermöglichte „Kurierfreiheit“ gewährte ihr den Schlupfwinkel, dennoch zu praktizieren. Nach kurzen Stationen in Prag und Dresden eröffnete sie eine Privatpraxis, auf deren Türschild „Dr. med. der Universität Zürich“ stand.

Was die Politik nicht anerkannte, würdigten die Patientinnen um so mehr; ihr Zulauf war so groß, dass Lehmus 1877 gemeinsam mit ihrer Freundin Franziska Tiburtius die erste „Poliklinik weiblicher Ärzte für Frauen und Kinder" im Berliner Scheunenviertel betrieb. Die Räume waren ihnen von einem Brauereibesitzer kostenlos überlassen worden und die Behandlungen führten die beiden Frauen größtenteils zum Selbstkostenpreis durch.

1881 folgte die „Pflegeanstalt für Frauen“, bei der ebenfalls Tiburtius mit im Boot war. Diese Einrichtung zog magnetisch weitere nicht anerkannte Ärztinnen an,

... und so wurde die Klinik weiblicher Ärzte wirklich zu einem Mittelpunkt dieser ersten und zweiten Generation weiblicher Ärzte. Wir haben alle gut zueinander gestanden, haben voneinander gelernt, sind aneinander gewachsen und lebten in einer Art von geistigem Kommunismus. Es war ein schönes Zusammenarbeiten, eine glückliche Zeit des Aufstrebens."

(Tiburtius, zit. nach Holdenried, S. 242)

Zusätzlich engagierte sich Lehmus im Sanitätsverein für Lehrerinnen und Erzieherinnen und im Kaufmännischen und gewerblichen Hilfsverein für weibliche Angestellte.

Eine wiederkehrende „Grippepneumonie“ zwang Lehmus 1900 zur Aufgabe ihres Berufslebens. Sie zog zu ihren Schwestern nach München und später mit einer von ihnen nach Gräfenberg bei Erlangen. Auch dort engagierte sie sich; sie beteiligte sich 1908 an der Gründung der „Vereinigung weiblicher Ärzte", der sie 16.000 RM stiftete.

Sie starb erst 1932 in Gräfenberg, so dass sie noch erleben konnte, wie sich Ärztinnen durchsetzten. Als Pionierin hatte sie daran maßgeblichen Anteil.

Gedenkstein am Fürther Ehrenweg (http://www.fuerthwiki.de/wiki/index.php/Emilie_Lehmus-FürthWiki / Fotografie: F. Geismann & S. Muzenhardt, 6. August 2009)

August 2011 (Sabine Keitel)


Lektüretipps und Links:
  • Agnes Bluhm: Dr. med. Emilie Lehmus
    Zur Vollendung des 90. Lebensjahres am 30. August 1931
    In: Die Ärztin. 7. Jg. 1931, Nr. 8;
  • Dies. Ein Gedenktag der deutschen Medizinerinnen
    In: Die Ärztin, 17. Jg. 1941, Nr. 8
  • Michaela Holdenried: Geschriebenes Leben. Autobiographik von Frauen, Berlin 1995
  • Ute Gerhard: Frauen in der Geschichte des Rechts: von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München 1999

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