Brasilien - Fußballzauber trifft Proteste

„Ordnung und Fortschritt“
Bild: Brasilien Flagge, Wikimedia Commons
Vom 12. Juni bis 13. Juli 2014 blickt die Welt auf die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. Ein Land der Superlative und der großen Kontraste, das für schöne Landschaften, Leichtigkeit, Musik, Lebenslust und Fußball bekannt ist. Im Gegensatz dazu stehen die seit 2013 anhaltenden massiven Proteste der Brasilianer gegen soziale Missstände in ihrem "Brasil".
Polizei in Niteroi. Foto: Fernando Frazão. Agencia Brasil. CC-BY-3.0-br.

Für die WM hat sich Brasilien schick gemacht. Die Regierung unter Präsidentin Dilma Roussef ließ neue Stadien bauen, Stadtkerne restaurieren und die Verkehrsinfrastruktur erweitern. Die Hoffnung: durch das sportliche Großereignis und seine Einnahmen in Wirtschaft und Tourismus soll der zuletzt stagnierende Aufschwung im Land wieder angekurbelt werden. Viele Brasilianer haben dagegen mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen. Sie demonstrieren gegen die enormen Kosten der Fußball-WM, die zu Lasten ihrer Steuergelder gehen. Daneben machen sie ihrem Ärger Luft gegen ausufernde Bürokratie, Korruption, ein mangelhaftes Bildungssystem und ein Gesundheitssystem, das den Anforderungen nicht gerecht wird. Das größte Land Südamerikas ist nicht mehr nur eine Projektionsfläche für Sehnsüchte, sondern auch ein Land, das sich in den vergangenen Jahren im Zuge der fortschreitenden Globalisierung massiv verändert hat. In Brasilien herrschen extreme regionale Unterschiede und eine zutiefst gespaltene Gesellschaft. Die Kluft zwischen Arm und Reich und die damit einhergehenden großen Ungerechtigkeiten innerhalb der Gesellschaft führten auch in jüngster Zeit zu schweren Unruhen.

Aktuelles

12. Juni: Vor dem Anpfiff zur Fußball-WM 2014 geht die Polizei in São Paulo hart gegen Demonstranten vor. Präsidentin Rousseff kündigt an, bei Krawallen keine Toleranz zeigen zu wollen. Im Süden Brasiliens steigt die Zahl der Toten durch Überschwemmungen. Teile des Austragungsortes Curitíba müssen evakuiert werden. An den Flughäfen Rio de Janeiros streikt am WM-Eröffnungstag das Bodenpersonal. An der Copacabana in Rio de Janeiro herrscht bereits seit Tagen WM-Feststimmung. Tausende Fans aus allen Teilnehmerländern zogen am Vorabend bis tief in die Nacht in Nationaltrikots und Landesfahnen über die Strandpromenade.

15. Juni: Auch nach der WM-Eröffnung gehen die Proteste der WM-Gegner weiter. Bei Tumulten in Rio de Janeiro greifen Einsatzkräfte hart durch. Hunderte Polizisten hindern die Demonstranten am Marsch zum WM-Stadion. In Porto Alegre und Brasilia verlaufen die Demonstrationszüge friedlich.

16. Juni: Im Austragungsort Curitiba im Südosten Brasiliens kommt es zu Ausschreitungen, nachdem eine kleine Gruppe Maskierter Bankfilialen angreift. Die Polizei geht mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Demonstranten vor. Medien berichten von etwa 200 WM-Gegnern, die sich im Stadtzentrum versammelt und Richtung Stadion in Bewegung gesetzt haben.

21. Juni: Die öffentlichen Demonstrationen gegen die WM in Brasilien laufen friedlich und mit weniger Teilnehmern ab. Im Schnitt protestieren 300 Menschen in São Paulo, 300 in Brasilia, 250 in Rio de Janeiro und 1.000 in Porto Alegre. Die meisten WM-Besucher bekommen von den Demonstrationen gar nichts mit. Die Mehrheit der Brasilianer ist im "Fußballfieber" und verfolgt die Spiele im TV.

3. Juli: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch beklagt, dass zahlreiche Demonstranten gegen die Fußball-WM in Brasilien ohne Beweise festgehalten werden. Die Polizei habe den Demonstranten in mehreren Fällen „Beweise für kriminelle Aktivitäten“ untergeschoben, um sie von Protesten abzuhalten.

4. Juli: Bei einem Einsturz einer Brücke im WM-Spielort Belo Horizonte sterben mindestens zwei Menschen. Die Brücke war Teil der milliardenteuren Ausbauarbeiten für den öffentlichen Nahverkehr und sollte das Netz der Schnellbusspuren der Millionenmetropole erweitern. Die Unglücksursache ist noch unklar.

8. Juli: Nach der 1:7 Niederlage der brasilianischen Fußball Nationalmannschaft gegen die deutsche Elf kommt es zu Ausschreitungen in mehreren Städten. In São Paulo stecken Randalierer mehrere Busse in Brand. In Curitiba werden in einigen Fahrzeugen Scheiben zerschlagen. Im Halbfinalort Belo Horizonte gibt es nach Krawallen acht Festnahmen und zwölf Verletzte.

13. Juli: Kurz vor dem Anpfiff zum Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft löst die brasilianische Polizei in der Nähe des Maracanã-Stadions in Rio de Janeiro eine Demonstration auf. Die Sicherheitskräfte setzen Tränengas und Blendgranaten gegen rund 300 Demonstranten ein, die zum Stadion marschieren wollen. Mindestens ein Teilnehmer wird festgenommen.

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Fußball-Weltmeisterschaft 2014

Fussball. Foto: LMZ BW, Martin Storz.
Foto: LMZ BW, Martin Storz.

Volkssport Nummer 1
Fußball nimmt in Brasilien einen hohen Stellenwert ein. Wie kaum anderswo in der Welt leben die Brasilianer den Fußball, identifizieren sich mit ihrer Nationalmannschaft und bringen außerdem technisch hochversierte Fußballer hervor, die in Europas Top-Ligen ihr Können beweisen. Mit fünf Weltmeistertiteln der Männer-Nationalmannschaft (1958, 1962, 1970, 1994 und 2002) ist Brasilien die erfolgreichste Fußballnation der Welt. Der brasilianische Fußball brachte einige der größten Stars des internationalen Fußballs wie Garrincha, Pelé, Zico, Sócrates, Romário, Rivaldo, Ronaldo, Ronaldinho und Kaká hervor. Die großen Clubs konzentrieren sich in Rio de Janeiro und São Paulo. Erfolgreiche Vereine sind Flamengo aus Rio, Corinthians São Paulo, Palmeiras, FC Santos und der FC São Paulo. Spieler und Vereine sind in der Confederação Brasileira de Futebol (CBF) organisiert.

Wettbewerb
2014 ist das Land zum zweiten Mal nach 1950 Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft. Es gibt zwölf WM-Städte (Belo Horizonte, Brasília, Cuiabá, Curitiba, Fortaleza, Manaus, Natal, Porto Alegre, Recife, Rio de Janeiro, Salvador, São Paulo) und zwölf Stadien, in denen die insgesamt 64 Partien zwischen den 32 Nationen ausgetragen werden. Das Eröffnungsspiel ist am 12. Juni 2014 in São Paulo, das Finale am 13. Juli 2014 in Rio de Janeiro, im Maracanã Stadion. Den Spielplan mit Mannschaften, Orten und Eregebnissen finden Sie hier.

Infrastruktur
Für die Fußball-Weltmeisterschaft wurden 7 Stadien saniert und ausgebaut. In 5 Städten gab es komplett neue Fußballstadien. Die Flughäfen und der öffentliche Nahverkehr wurden ausgebaut, historische Stadtzentren renoviert und viele öffentliche Plätze optisch aufgefrischt.

Kosten
Tausende Menschen feierten in Brasilien, als das Land im Oktober 2007 den Zuschlag für die WM 2014 erhielt. Inzwischen gibt es Massenproteste gegen die hohen Kosten, die die WM verursacht. Aktuelle Schätzungen gehen von etwa 11 Milliarden Euro aus. Davon muss der Staat den Löwenanteil tragen.

Proteste
Gegen die WM protestieren verschiedene Gruppen innerhalb Brasiliens. Unter ihnen sind "Schwarze Blöcke", die sich überwiegend aus jungen Menschen aus der Mittelschicht zusammensetzen. Sie fordern eine pazifistische und antikapitalistische Umwandlung der Gesellschaft. Sie kleiden sich schwarz, vermummen sich und widersetzen sich mit Steinen, Flaschen und Molotowcocktails der Polizei. Unter dem Dach des "WM-Volkskomitee" haben sich soziale Bewegungen der Zivilgesellschaft aus den zwölf Gastgeberstädten der Weltmeisterschaft zusammengefunden. Sie protestieren gegen WM-begründete Enteignungen und Zwangsumsiedelungen. Außerdem gibt es noch die "Arbeiter ohne Obdach", die Bewegung "passe livre" (Freifahrkarte) und "Não Vai ter Copa!" (Die WM wird es nicht geben!).

Sicherheit
Für die Sicherheit der Touristen und Einheimischen sollen insgesamt 150.000 Polizisten und Soldaten sorgen. Außerdem wurden 20.000 private Sicherheitsleute für die WM 2014 engagiert. Die brasilianische Regierung fürchtet vor allem, dass es Probleme in den sozialen Brennpunkten des Landes geben könnte. Manche Favelas, die Armensiedlungen, sind komplette "No-Go-Areas" für die Polizei.


Quellen:

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Land

Brasilien Karte. Wikimedia Commons, Sdrtirs, CC BY-SA 3.0.
Karte: Sdrtirs, CC BY-SA 3.0.

Brasilien ist das fünftgrößte Land der Erde. Seine Nord-Süd- bzw. West-Ost-Ausdehnung von jeweils rund 4.300 km entspricht der Entfernung von Sizilien bis zum Nordkap. Brasilien grenzt mit Ausnahme von Ecuador und Chile an alle südamerikanischen Länder. Das sind Uruguay, Argentinien, Paraguay, Bolivien, Peru, Kolumbien, Venezuela, Guyana, Suriname und Französisch Guyana. Mit über 201 Millionen Menschen lebt über die Hälfte der Bevölkerung Südamerikas in Brasilien (Stand 2012) – nicht wenige davon mit deutschen Wurzeln. Die Metropolen São Paulo und Rio de Janeiro zählen zu den größten „Megastädten“ der Erde. Die Hauptstadt ist Brasilia. Neben Russland, Indien, China und Südafrika zählt Brasilien zu den sogenannten BRICS-Staaten. Diese Länder könnten die führenden Industrieländer im Hinblick auf ihre Wirtschaftsleistung mittelfristig überrunden. Brasilien weist überdies eine hohe Kriminalitätsrate auf. Die Gefahr, Opfer eines Raubüberfalls oder eines anderen Gewaltverbrechens zu werden, ist erheblich höher als in Westeuropa. Besonders betroffen sind Armensiedlungen (Favelas). Diese Gebiete werden teilweise von Kriminellen kontrolliert.


Eckdaten

Eigenname:
Föderative Republik Brasilien
Offizieller Eigenname:
República Federativa do Brasil
Staats- und Regierungschefin:
Dilma Rousseff (seit Januar 2011)
Außenminister:
Luiz Alberto Figueiredo (seit August 2013)
Staatsform: Präsidiale föderative Republik
Mitgliedschaften: u.a. Vereinte Nationen (Gründungsmitglied), VN-Sonderorganisationen, Weltbank, IWF, IAEO, Organisation Amerikanischer Staaten, Mercosul, UNASUL
Hauptstadt: Brasília
Amtssprache: Portugiesisch in brasilianischer Variante
Religionen: mehrheitlich Katholiken
Fläche: 8,5 Mio. km²
Bevölkerung: 201 Mio. Einwohner
Bevölkerungswachstum:1,1%
Bruttoinlandsprodukt:
rund 2.243 Mrd. USD (2013)
Wechselkurs (Durchschnitt 2013): 1 EURO = 2,86 R$; 1 R$ (Real) = 0,35 EUR
Nationalfeiertag:
7. September (Unabhängigkeitstag: 7. September 1822)
Zeitzone:
MEZ -4 bis -6 Stunden
Kfz-Kennzeichen: BR
Kfz-Kennzeichen:
BR
Telefonvorwahl:
+55
Internet-TLD:
.br


Quellen:

  • Auswärtiges Amt. Brasilien.
  • Der Bürger im Staat. Brasilien. 1/2 2013.
  • Der Neue Fischer Weltalmanach 2012. Zahlen und Fakten. Fischer Taschenbuchverlag. Frankfurt am Main. September 2011.

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Politik

Dilma Rousseff, Presidência da República, Roberto Stuckert Filho, Agencia Brasil, CC-BY-3.0-br.
Foto: Roberto Stuckert Filho, CC-BY-3.0

Brasilien ist eine präsidiale Bundesrepublik. Sie besteht aus Bund, Bundesstaaten und Kommunen. Die gesetzgebende Gewalt im Bund wird vom Nationalkongress ausgeübt (Abgeordnetenkammer und Senat). Die 513 Abgeordneten werden für 4 Jahre, die 81 Senatoren für 8 Jahre gewählt. Der Präsident wird mit einer absoluten Mehrheit der Stimmen für die Dauer von vier Jahren direkt vom Volk gewählt. Er kann im Anschluss daran nur einmal wiedergewählt werden (oder erneut nach Unterbrechung). Die Bundesregierung besteht aus dem Staatsoberhaupt (zugleich Regierungschef), dem Vizepräsidenten sowie den derzeit 39 Bundesministern und 13 Direktoren staatlicher Agenturen im Kabinettsrang. Die nächsten Präsidentschaftswahlen finden im Oktober 2014 statt. Brasilien gliedert sich in 26 Bundesstaaten sowie den Bundesdistrikt mit der Hauptstadt Brasília. Die Bundesstaaten besitzen eigene Verfassungen und Gesetze, die den Grundsätzen der Bundesverfassung entsprechen müssen. Die Regierungschefs der Bundesstaaten, die Gouverneure, werden für 4 Jahre direkt gewählt. Die seit 2011 regierende Staatspräsidentin Dilma Rousseff, (Arbeiterpartei – PT) hat angekündigt, bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2014 erneut zu kandidieren. Hauptziel ihrer Regierung ist die Fortsetzung der Wirtschafts- und Sozialpolitik ihres Vorgängers Luiz Inacio Lula da Silva. Dabei setzt sie besondere Akzente beim Ausbau der Infrastruktur, bei sozialer Inklusion, Bildung und Gesundheit für alle, Umwelt- und Klimapolitik. In der brasilianischen Außenpolitik stehen die Stärkung der Beziehungen zu den südamerikanischen Nachbarländern und anderen lateinamerikanischen Partnern im Mittelpunkt. Brasilien strebt als Mitglied der Vereinten Nationen nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Außerdem will Brasilien die Reform des globalen Finanzsystems im Rahmen der G20 mit dem Ziel einer strengeren Regulierung vorantreiben.

Quellen:

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Wirtschaft

Rio de Janeiro. Foto: Bernhard Hausenblas.

Brasilien hat im vergangenen Jahrzehnt einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg hingelegt. Als regionale Führungsmacht könnte es den Sprung zur Weltmacht schaffen. Brasilien ist die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Es hat ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 2.243 Mrd. USD (2013). Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt ca. 11.310 USD.
Die wirtschaftliche Struktur Brasiliens ist gekennzeichnet durch die Kernsektoren Dienstleistungen mit über  65%, Industrie mit rund 21% und Agrarwirtschaft mit ca. 6% BIP-Anteil („Agrarbusiness“/ Produktion und Verarbeitung von Agrarrohstoffen insgesamt 23% des BIP). Daneben spielen auch der Immobilien-Markt und der Tourismus eine tragende wirtschaftliche Rolle. Nach wie vor die wichtigsten Exportgüter sind Kaffee, tropische Früchte, Kakao, Sojabohnen und natürlich Zucker, aber auch Eisenerz. Der wichtigste Wirtschafszweig ist die Zuckerindustrie. Jährlich werden mehr als 500 Millionen Tonnen Zuckerrohr produziert.
Durch die Erschließung der 2008 entdeckten umfangreichen Rohöl- und Erdgasvorkommen an der süd-östlichen Atlantikküste könnte Brasilien zu einem der wichtigsten Erdölproduzenten weltweit aufsteigen.
Zum Ausbau der Infrastruktur setzt die brasilianische Regierung vor allem auf das Programm zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums  (PAC – Programa de Aceleração do Crescimento). Das Gesamtvolumen des PAC-Programms 1 beträgt über 1,1 Bio. Reais (ca. 380 Mrd. €). Der wichtigste Handelspartner Brasiliens ist die EU, gefolgt von den USA. Die großen ökonomischen Stärken Brasiliens sind also ein großer Binnenmarkt, gewaltiges Rohstoffvorkommen und solide Unternehmen.
Allerdings führten die Erkundung der Rohstoffe, eine rasche Industrialisierung und das Wachsen der Städte zu negativen ökologischen Folgen. Das Wachstum der Wirtschaft ging zu Lasten der Tropenwaldfläche im Amazonasgebiet und erhöhte die CO2-Emmissionen im Land um ein Vielfaches.

Quellen:

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Gesellschaft

Brasilien Gesellschaft. Foto: Bernhard Hausenblas.

Die brasilianische Gesellschaft setzt sich aus extrem unterschiedlichen sozialen, ethnischen, kulturellen und religiösen Gruppen zusammen. Die Vielfalt reicht von der schon als international zu bezeichnenden Oberschicht, die sich insbesondere in und um Rio de Janeiro herum konzentriert, über die kleinbürgerlichen Einwandererkolonien im Süden von Brasilien, bis hin zu den im unberührten Urwald lebenden Indianerstämmen im Amazonasgebiet. In keinem anderen südamerikanischen Land ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß und deutlich wie in Brasilien. Auf der einen Seite gibt es die traditionell reichen Großgrundbesitzer, auf der anderen Seite die armen Landarbeiter. Die Ärmsten der Armen in der brasilianischen Gesellschaft aber sind die Slumbewohner in den Randgebieten der großen Städte, den Favelas. Brasilien steht als Schwellenland vor erheblichen sozialen Herausforderungen. Bei den jüngsten Protesten kritisieren die Menschen etwa die ungleiche Einkommensverteilung, bürokratische Exzesse und Korruption, Missstände in den Schulen und Krankenhäusern, mangelnde Investitionen und Übergriffe der Polizei.

Quellen:

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Typisch Brasilien

Iguaçu-Wasserfälle. Foto: Bernhard Hausenblas.

Natur
Der Norden Brasiliens ist geprägt von ausgedehnten Regenwäldern des Amazonas, im Süden finden sich Gebirge, Hochebenen und Hügel. Der höchste Berg ist mit knapp 3.000 Metern der Pico da Neblina, der im Norden des Landes nahe der Grenze zu Venezuela und Guayana liegt. Berühmter allerdings sind der 710 m hohe Corcovado mit der 30 m hohen Erlöser-Statue wegen seines Blickes über Rio de Janeiro, sowie der seiner konischen Form wegen berühmte 395 m hohe Zuckerhut. Der größte und gleichzeitig bekannteste Fluss des Landes ist der Amazonas. Eines der bekanntesten Naturschauspiele sind die Iguaçu-Wasserfälle an der argentinischen Grenze. Sie sind dreimal größer als die Niagarafälle. Die größte Lagune Brasiliens ist die Lagoa dos Patos mit über 10.000 km². Sie liegt ebenfalls im Süden des Landes in der Nähe der Stadt Porto Alegre. Auch die größte Flussinsel der Welt lässt sich in Brasilien finden. Es ist die Ilha do Bananal im Rio Araguaia, gelegen in einem Nationalpark des Bundesstaates Tocantins, mit einer Fläche von 20.000 km². Außerdem befindet sich mit dem Tropischen Regenwald des Amazonasgebiets die größte zusammenhängende Waldfläche der Welt. Brasilien ist mit über 55.000 Blütenpflanzen-, 3.000 Süßwasserfisch-, 920 Amphibien-, 740 Reptilien- und 50 Primatenarten das artenreichste Land der Welt.

Lebensfreude
Brasilianer strotzen nur so vor Lebensfreude. "Tudo bem" (Alles gut) ist einer ihrer liebsten Sätze, dabei zeigen sie auch gerne und oft mit dem Daumen hoch. Die Brasilianer gelten als hilfsbereit, fröhlich und temperamentvoll. Nicht ohne Grund hat der eigens für die WM 2014 gefertigte Fußball den Namen "Brazuca", was umgangssprachlich das brasilianische Lebensgefühl beschreibt und für Emotionen, Stolz und Herzlichkeit steht.

Musik, Tanz und Karneval
Der bekannteste Musikstil Brasiliens ist der Samba. Er wird vor allem in Rio de Janeiro und São Paulo gespielt. Durch die Bossa Nova, die Samba- und Jazzelemente verband, erlangte die brasilianische Musik in den 1950er und 1960er Jahren erstmals internationale Bedeutung. Beim Karneval in Rio de Janeiro hat der Samba auch als Tanzart Hochkonjunktur. Die Sambaparaden in Rios Straßen zählen als größte feierliche Zusammenkunft weltweit. Verkleidet wird sich als König oder Königin, Prinzessin oder Prinz. Die sogenannten Sambaschulen werden nach dem Karneval mit Punkten bewertet, die Schule, die in der ersten Liga durch Punkte gewinnt, wird in die "Grupo Especial" aufgenommen. Die "Grupo Especial" ist vergleichbar mit einer Hall of Fame für die Samba-Schulen Brasiliens, in der sich die Gewinner der vergangenen Feste befinden.


Essen und trinken
Brasilien bietet allerhand an kulinarischen Köstlichkeiten mit verschiedenen Gewürzen und Variationen. Die Küche im Norden Brasiliens ist stark indianisch geprägt, aber auch indische Einflüsse sind erkennbar. Hier zählt Fisch zu einem wesentlichen Bestandteil der Nahrung. Im Nordosten hingegen afrikanisch und kreolisch geprägt, basiert die Küche im inneren des Landes auf Reis, Bohnen und getrocknetem Fleisch. Die Brasilianer kochen gerne mit viel Knoblauch, extremer Schärfe, Korianderblättern sowie Minze und Piment. Es gibt viel und gutes Fleisch, aber auch Fisch, Gemüse, Reis und Bohnen. Mindestens einmal in der Woche kommt das ursprüngliche Schlachtessen, die "Feijoada" auf den Tisch. Es besteht aus schwarzen Bohnen, Suppenfleisch, geräucherter Schweinezunge, Schweinelende, geräuchertem Speck und weiteren Fleischsorten. Als Beilagen werden geschälte Orangenstückchen, Reis oder Salat serviert. Sehr beliebt ist außerdem das "Churrasco", verschiedene Fleischarten am Spieß vom Grill.
Zu trinken gibt es natürlich in einem der größten Anbaugebiete für Kaffee den "Cafézinho" und etwas hochprozentiger, die Caipirinha- einen Cocktail aus Zuckerrohrschnaps (hierfür wird Cachaca verwendet), Limonen, zerstoßenem Eis und Zucker.

Quellen:

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Geschichte

Christo Statue. Rio de Janeiro. Foto: Bernhard Hausenblas.

Vor 1492 Besiedlung durch indigene Kulturen unterschiedlichster Prägung.
1492 Kolumbus gelangt nach Amerika.
1494 Vertrag von Tordesillas, in dem Portugal und Spanien ihre Einflussbereiche festlegen. Das Territorium des späteren Brasiliens fällt an Portugal.
Ab 1500 Etablierung erster portugiesischer Stützpunkte. Langsamer Beginn der Erschließung und Missionierung des Landes durch den Jesuitenorden.
1549 Gründung der Stadt Bahía. Die Stadt wird Sitz der kolonialen Zentralregierung.
Ab etwa 1550 Fortschreitende Konsolidierung des Herrschaftsgebiets, zunehmende wirtschaftliche Expansion (vor allem Zucker, Holz und Tabak). Beginn der Einfuhr von Sklaven aus Westafrika.
1554 Gründung der Stadt São Paulo.
1565 Gründung der Stadt Rio de Janeiro.
Ab etwa 1590 Zunehmende Expansion ins Landesinnere. Suche nach Edelmetallen und Versklavung der Urbevölkerung. Infolgedessen erfolglose Versuche durch die portugiesische Krone, die Versklavung der indigenen Bevölkerung zu verbieten.
1698 Mehrere bedeutende Goldfunde. In der Folge rasche Zunahme der Einwanderung aus Europa und der Einfuhr schwarzer Sklaven.
1720 Die portugiesischen Generalgouverneure Brasiliens tragen als  Aufwertung gegenüber dem Mutterland Portugal den Titel eines Vizekönigs.
1759 Vertreibung der Jesuiten aus Brasilien.
1763 Rio de Janeiro löst Bahía als Hauptstadt ab.
1789 Zunehmende Spannungen mit Portugal. Erste Erhebung gegen die portugiesische Kolonialverwaltung in der Bergbauprovinz Minas Gerais.
1807 Die portugiesische Königsfamilie flüchtet vor den Truppen Napoleons I. nach Brasilien.
1815 Brasilien erlangt den Status eines Königreichs und damit die rechtliche Gleichstellung mit dem Mutterland.
1821 Der in Brasilien residierende König Portugals, Johann VI., kehrt in seine Heimat zurück und überlässt seinem Sohn Dom Pedro die Regierung in Brasilien.
1822 Nachdem Portugal versucht, die koloniale Herrschaft in Brasilien wieder zu errichten, proklamiert Dom Pedro die weitgehende Autonomie der Kolonie.
1822 Dom Pedro wird mit der Unabhängigkeit Brasiliens zum Kaiser ausgerufen.
1824 Brasilien erhält eine liberale Verfassung und wird konstitutionelle Monarchie.
1828 Auf englischen Druck wird die Einfuhr von Sklaven nach Brasilien verboten.
1831 Dom Pedro I. verzichtet auf die brasilianische Kaiserwürde und dankt zugunsten seines Sohnes Pedro II. ab.
1888 Aufhebung der Sklaverei. Die bis dahin der Krone treuen Großgrundbesitzer, Pflanzer und Militärs schließen sich den Republikanern an.
1889 Sturz der Monarchie und Ausrufung der Republik. Manuel Deodoro da Fonseca wird erster Präsident.
1891 Brasilien erhält eine neue Verfassung auf föderativer Grundlage, die den zwanzig bestehenden Bundesstaaten weitgehende Selbständigkeit zugesteht. Marschall Floriano Peixoto wird zum ersten verfassungsmäßigen Präsidenten gewählt.
1930 Wahl von Júlio Prestes zum Präsidenten. Die Wahl wird von diversen Parteien und Bundesstaaten angefochten, was zur Revolution führt. Getúlio Dornelles Vargas gelangt an die Macht und errichtet eine autoritäre Herrschaft.
1932 Einberufung einer Verfassungsgebenden Versammlung durch Getúlio Dornelles Vargas als Reaktion auf eine Revolte in São Paulo.
1934 Die neue Verfassung tritt in Kraft.
1937 Auflösung des Kongresses. Streikverbot und Verbot der politischen Parteien. Ende der Vorherrschaft der Großgrundbesitzer und Stärkung der Industriearbeiter und des städtischen Bürgertums. Die neue Verfassung tritt in Kraft. Sämtliche Parteien werden verboten.
1945 Erzwungener Rücktritt von Getúlio Vargas und Beginn einer Demokratisierung des Landes. Gründung mehrerer Parteien.
1945 Kongress und Präsidentschaftswahlen.
1946 Der gewählte Präsident Eurico Gaspar Dutra, ein Anhänger Vargas, tritt sein Amt an. Eine neue Verfassung garantiert die Freiheit der Organisation und der Meinungsäußerung und stellt die Gewaltenteilung wieder her.
1950 Die Fußball-Weltmeisterschaft findet zum ersten Mal in Brasilien statt.
1956 Juscelino Kubitschek de Oliveira übernimmt die Regierung.
1960 Unter seiner Präsidentschaft wird die Hauptstadt von Rio de Janeiro in das neu errichtete Brasília verlegt.
1961 Jânio da Silva Quadros wird Präsident. Er versucht, eine soziale Reformpolitik einzuleiten, scheitert jedoch nach nur wenigen Monaten und tritt zurück. Sein Nachfolger wird João Goulart, der mit seinem Reformprogramm noch weiter als seine Vorgänger gehen will.
1964 Militärputsch und Sturz Goularts. Neuer Machthaber ist Generalstabschef Humberto de Alencar Castelo Branco.
1964–1979 Militärdiktatur in Brasilien. Enge Anlehnung an die USA, Schaffung eines künstlichen Zweiparteiensystems, Stärkung der wirtschaftlichen Entwicklung, Auflösung des Parlaments, Einschränkung der Persönlichkeitsrechte und der freien Presse. Politische Repression, Folter und Massenmorde an Indios im Amazonasgebiet.
1979–1985 Unter der Präsidentschaft von João Baptista de Oliveira  Figueiredo werden die diktatorischen Maßnahmen aufgehoben. Öffnung zur Demokratie.
1985 In den ersten freien Wahlen seit 1964 wird Tancredo de Almeida Neves zum Präsidenten gewählt. Dieser stirbt aber noch vor seinem Amtsantritt.
Nachfolger wird José Sarney.
1988 Inkrafttreten einer neuen Verfassung.
1991 Brasilien begründet mit Argentinien, Paraguay und Uruguay den »Gemeinsamen Markt des Südens« (Mercosur).
1991 Staatsbankrott. Horrende Staatsverschuldung, anhaltende Wirtschaftskrise, Rezession und hohe Inflation.
1993 In einem Referendum wird über die künftige Staatsform (Monarchie oder Republik) abgestimmt. Die Mehrheit entscheidet sich für die Beibehaltung der Republik.
1995 Fernando Henrique Cardoso wird neuer Präsident. Währungsreform, Einleitung weitreichender Wirtschaftsreformen und Stärkung der wirtschaftlichen Entwicklung.
2003 Der Führer der Arbeiterpartei Luiz Inácio Lula da Silva übernimmt nach einem deutlichen Wahlsieg das Präsidentenamt. Weitere positive wirtschaftliche Entwicklung, Einleitung großer sozialer Reformen und Aufblühen der Mittelschicht.
2010 Dilma Rousseff wird als erste Frau zur brasilianischen Präsidentin gewählt.
2013 Im Umfeld des FIFA Konföderationen Pokals erschüttern die Proteste von Millionen von Menschen das Land, die gegen Korruption und soziale Missstände demonstrieren.
2014 Brasilien ist zum zweiten Mal Austräger der Fußball-Weltmeisterschaft.


Quelle: Stefan Rinke / Frederik Schulze: Kleine Geschichte Brasiliens. Verlag C. H. Beck, München 2013.

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Brasil 2014 - Welt-Quiz zur Fußball WM

 
 
 
 
 
 

Politik und Unterricht - Brasilien. Ein Land im Wandel.

 
 
 
 
 
 

Der Bürger im Staat. Brasilien.

 
 
 
 
 
 

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