Dezember 2011

Portrait der deutschen Schriftstellerin Luise Aston /Quelle: Heinrich Groß: Deutsche Dichterinen und Schriftstellerinen in Wort und Bild. Fr. Thiel, Berlin 1885, S. 378. Lizenz: gemeinfrei
Louise Aston (1814-1871)
– kompromisslose Denkerin und scharfsinnige Kritikerin der Gesellschaft

Am 21. Dezember 2011 jährt sich der Todestag der deutschen Schrifstellerin Louise Aston, einer kompromisslose Denkerin und scharfsinnige Kritikerin der Gesellschaft zum 140. Mal.

Die doppelte Moral der Bourgeoisie
Louise Aston war eine der radikalsten Schriftstellerinnen und leidenschaftlichsten Publizistinnen des Vormärz und der bürgerlichen Revolution 1848.
Als eine der ersten öffentlichen Stimmen bewertete sie die Situation der Frauen und der Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft sehr kritisch. Ihrer Analyse nach wäre eine Emanzipation der Unterdrückten nur dann möglich, wenn man auf die patriarchalen Institutionen der Ehe, der Kirche und des Königs verzichten würde.

Durch ihre provokativen und kompromisslosen Aussagen, insbesondere durch ihre offensichtliche Abneigung gegen die in der Gesellschaft etablierten Geschlechterrollen, hat sie sich als eine radikale Kämpferin für Frauen- und Menschenrechte positioniert.

Louise Franziska Hoche wurde am 26. November 1814 in Gröningen als Tochter des evangelischen Pastors und Konsistorialrats (In manchen evangelischen Landeskirchen, vor allem in ehemals preußischen Gebieten, bezeichnet Konsistorium die kirchliche Verwaltungsbehörde)  Johann Hoche und der Gräfin Louise Berning geboren.

Informationen über ihre Kindheit und Jugend wurden häufig aus ihrem autobiographischen Roman "Aus dem Leben einer Frau" unhinterfragt übernommen. Bedauerlicherweise hinterließ Louise Aston nur wenige Briefe und keine Tagebücher. Zu den wichtigen erhaltenen Schriften zählt ihre autobiografische Verteidigungsschrift "Meine Emancipation, Verweisung und Rechtfertigung", genauso wie die zahlreichen polizeilichen Akten.

In dem Zeitraum von 1845-1855, als sie in der Öffentlichkeit Aufsehen erregte und durch die Polizei bespitzelt wurde, entstanden viele Dokumente über sie. Andere Perioden ihres Lebens lassen sich weniger gut belegen.

Die Freiheit der Persönlichkeit

Im Alter von 17 Jahren wurde Louise Aston mit einem 23 Jahre älteren, wohlhabenden Textilfabrikanten aus England, Samuel Aston, verheiratet. Es geschah gegen ihren Willen, doch der schlechte Gesundheitszustand ihres Vaters zwang die feinfühlige Louise, dem Familienoberhaupt zu gehorchen.


Portrait der jungen Luise Aston
(Quelle: http://de.wikipedia.org, Lizenz: gemeinfrei)

Der gewalttätige Mann betrachtete Louise als sein Eigentum und versuchte, sie gegen Geld weiter zu verheiraten. Das ließ sie sich nicht gefallen und setzte die Scheidung durch. Die aufrichtige Louise wollte damit nichts Anderes erreichen, als die „Heiligkeit der Ehe“ zu retten. Für sie bedeutete das Eheversprechen nämlich eine hohe ethische Verpflichtung. Sowohl durch die eigenen Erfahrungen, als auch durch die vielen Berichte ihrer Zeitgenossinnen radikalisierte sich ihre Stellung gegenüber dieser Institution:

„Ich verwerfe die Ehe, weil sie zum Eigentum macht, was nimmer Eigentum sein kann: die freie Persönlichkeit.

(Louise Aston zitiert in Gerhardt, Ute: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Reinbek 1990, S. 45)

Nach der Scheidung von Samuel Aston siedelte sie sich zunächst mit ihrer einzigen noch lebenden Tochter in Berlin an.

Weiblicher Widerstand
Aston gehörte zunächst der ersten Generation des weiblichen Protests des frühen 19. Jahrhunderts an.  Sie schrieb Gedichte und Romane, in denen die selbstbewussten und sensiblen Heldinnen für ihre Rechte einstanden. Zu den gewaltfreien Formen des Frauenwiderstands gehörten damals die Aufrufe zu Heirat-, Ehe-, Liebes- Streiks und das öffentliche Tragen roter Nelken sowie der neuen Nationalfarben: Schwarz-Rot-Gold.

Die wenigen mutigen Kämpferinnen, zu denen auch Aston gehörte, waren die ersten Zuschauerinnen in der Volksversammlung und 1848 kämpfende Amazonas auf den Barrikaden der Revolution. Sie ernteten Empörung und heftige Kritikstimmen, vor allem aus den Frauenreihen.

Femme Scandaleuse in Berlin

Über den im Revolutionsjahr veröffentlichten Gedichtband von Louise Aston gab es Pressestimmen, die ihr unterstellten, ihn nicht eigenständig verfasst zu haben. Am meisten störte die Kritiker wohl nicht Astons Forderung nach freier geistiger Entwicklung, sondern die nach weiblicher sexueller Selbstbestimmung.

Lebensmotto:

Liebe - von der Welt geächtet,
Von dem blinden Wahn verkannt,
Oft gemartert, oft geknechtet,
Ohne Recht und Vaterland;
Fester Bund von stolzen Seelen
Den des Lebens Glut gebar,
Freier Herzen freies Wählen
Vor der Schöpfung Hochaltar!
Freiem Leben, freiem Lieben,
Bin ich immer treu geblieben!“

(Gedicht Louise Aston: http://www.zgedichte.de/gedicht_1322.html)

Die damalige Gesellschaft sah die intellektuelle Entwicklung der Frau und ihre Teilnahme an der politischen Debatte nicht vor. Louise Aston erregte in Berlin öffentliches Aufsehen, indem sie mit linken Künstler- und Philosophenkreisen Kontakte unterhielt.

Ähnlich wie George Sande rauchte Aston Zigarren, trug manchmal Männerkleidung und bekannte sich öffentlich zum Atheismus. Aston lehnte das Glaubensbekenntnis ab, weil sie es als Heuchelei empfand. Durch ihre Anmut und Intelligenz übte sie eine große Anziehungskraft, doch ihre Thesen und ihr Auftreten spaltete die Gesellschaft.

Während die Junghegelianer ihre Religionskritik und gesellschaftskritischen Ansichten teilten, lehnten Verfechterinnen der Frauenbewegung Louise Aston als zu radikal ab. Aston wurde als öffentliche Gefahr betrachtet und aus Berlin - später auch aus anderen Städten - polizeilich ausgewiesen. Ihre einzige Verteidigerin Mathilde Franziska Anneke schrieb: „Unbeschreiblichen Nöten und Ängsten ist Louise Aston ausgesetzt gewesen.

„(…) Es drängt uns unwillkürlich, die staatsgefährlichen Träume einer Frau, denen man in der Hauptstadt des mächtigen Königreichs Preußen eine so große Wichtigkeit beigelegt hat, näher kennenzulernen. (…) Der hauptsächliche Anstoß (…) beruht darin, dass sie ihre religiösen Ansichten frei und laut geäußert hat.“ Daraufhin wurde auch Anneke als „frivol“ bezeichnet und ausgewiesen. Sie stellt rhetorisch fest: "Warum erscheinen die Ansichten, die den Männern seit Jahrhunderten bereits angehören durften, einem Staate gerade bei der Frauen so sehr gefährlich? (…) weil die Wahrheit, von den Frauen getragen, als Siegerin hervorgeht, (…) und uns frei und erlöst aus den Banden der Selbstverleugnung“

(Zit. n. Frauenmediaturm: Mathilde Franziska Anneke "Das Weib im Konflikt mit sozialen Verhältnissen", 1847)

Appell an die Öffentlichkeit

Astons politische Schrift "Meine Emancipation: Verweisung und Rechfertigung" wurde nach der Ausweisung aus Berlin in Brüssel veröffentlicht. Sie erklärte darin ihre Motive und wandte sich gleichzeitig an die deutsche Gesellschaft, um öffentliche Bestätigung gegen die Ungerechtigkeit zu erhalten.


Louise Aston (Lithographie, um 1848)
(Quelle: http://www.zeno.org , Lizenz:gemeinfrei)

Sie betonte, dass ihr dramatisches Schicksal kein Einzelfall sei und mit der ungerechten sozialen Ordnung zusammenhänge. Sie forderte die Aufhebung des sozialpolitischen Systems.

"Unser höchstes Recht, uns're höchste Weihe ist das Recht der freien Persönlichkeit, worin all uns're Macht und all unser Glauben ruht, das Recht, unser eigenstes Wesen ungestört zu entwickeln, von keinem äußern Einfluß gehemmt." (Zitat: http://www.zeno.org/Literatur/M/Aston,+Louise/Autobiographisches)

Inhumane Arbeitsbedingungen
Noch als Fabrikantengattin lernte sie Hintergrunde in der Textilindustrie kennen und erkannte die prekären Verhältnisse und die drastisch zunehmende soziale Verarmung. Die Situation der Arbeiterinnen empfand sie als besonders schlimm und fühlte mit:

Lied einer schlesischen Weberin:

So hab′ ich oft gesessen
Bis in die tiefe Nacht,
Geträumt mit offnen Augen,
Weiß nicht, was ich gedacht;
Doch immer heißer fielen
Die Thränen auf die Händ′ -
Gedacht mag ich wohl haben:
Hat′s Elend gar kein End? – (...)

Der Fabrikant ist kommen,
Sagt mir: "mein Herzenskind,
Wohl weiß ich, wie die Deinen
In Noth und Kummer sind;
Drum willst Du bei mir ruhen
Der Nächte drei und vier,
Sieh′ dieses blanke Goldstück!
Sogleich gehört es Dir!"

Ich wußt′ nicht, was ich hörte -
Sei Himmel du gerecht
Und lasse mir mein Elend,
Nur mache mich nicht schlecht! (...)

(Gedicht Louise Aston  http://www.zgedichte.de/gedicht_1323.html)

Auf den Barrikaden der Revolution

Nach den politischen Änderungen im Jahre 1848 kämpfte Aston auf den Barrikaden der Märzrevolution in Berlin und im Sommer ging sie nach Schleswig-Holstein, um verwundete Soldaten zu pflegen. Sie schloss sich als freiwillige Pflegerin den Freikorps von Ludwig von der Tann an und nahm am Schleswig-Holsteinischen Feldzug teil.

Im November und Dezember 1848 gab sie die Wochenzeitschrift "Der Freischärler" heraus. Fortschrittlich denkende Leser/innen verbreiteten den Titel in allen deutschen Ländern. Die Publikation gilt als erste deutsche Zeitschrift zu den Themen der Frauenemanzipation und Arbeiterbefreiung. In dieser Zeit lernte Louise ihren zweiten Ehemann Daniel Eduard Meier kennen.

20 Jahre auf Wanderschaft

Der Bremer Arzt war infolge des Kriegs beinamputiert. Als Senatbeauftragter für den Bau eines neuen Krankenhauses hielt er eine hochangesehene Stelle inne. Kurze Zeit vor seiner Heirat mit Louise Aston geriet er jedoch in berufliche Schwierigkeiten: ihm wurde der versprochene Aufstieg verweigert.

Seine Ehefrau lebte zurückgezogen und gab ihre literarische Arbeit auf. Politisch betätigte sie sich immer noch aktiv im Demokratischen Verein. Für die Polizei war das ein neuer Grund für ihre Bewachung. Das Ehepaar Meier engagierte sich zudem im Zentralkomitee für Europäische Demokratie. Ihre Lage in Bremen spitzte sich zu als Dr. Meier mehrere Vorwürfe und Anzeigen gegen seine Glaubwürdigkeit erhielt.Sie mussten die Stadt verlassen und nach neuen Möglichkeiten suchen. 1855 veröffentlichte Daniel Meier ebenfalls eine Verteidigungsschrift "Meine Entlassung und Rechfertigung", in der er seine Position schilderte.

Die Meiers nahmen am Krimkrieg teil; seit 1855 lebte das Ehepaar an mehreren Orten in Österreich, wo Daniel Meier als Arzt arbeitete. Ihre letzte Station war Wangen im Allgäu.

Louise Aston starb dort am 21. Dezember 1871 nach langer Krankheit. Auf dem Grabstein ist nur eine kleine Kupfertafel mit dem Symbol der wilden Rosen und dem Text: "Nach Kampf Frieden" befestigt.


Grabschrift Aston/Meier, Louise Aston, Wangen im Allgäu, Alter Friedhof,
(Photo: Andreas Praefcke, Lizenz CC-BY-SA 3.0, wikimedia)

 

Den Frauen:

Wenn mich der Liebe Flammen heiß umsprühn,
Will ich in sel′gem Feuertod verglühn;
Doch aus den Gluthen steig′ ich neugeboren,
Wie sich der Phönix aus der Asche schwingt,
Geläutert ward mein Wesen - nicht verloren,
Zu neuem, heil′gem Liebesglück verjüngt

(Gedicht Louise Aston: http://www.zgedichte.de/gedicht_4844.html)

Dezember 2011 (Agnieszka Garves)


Links:

FemBio: Louise Aston, deutsche Schriftstellerin, Revolutionärin, Frauenrechtlerin

Lektüretipps:
  • Goetzinger, Germaine: Für die Selbstverwirklichung der Frau: Louise Aston in Selbstzeugnissen und Dokumenten, Frankfurt 1983.
  • Gerhardt, Ute: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Reinbek 1990.
  • Wimmer, Barbara: Die Vormärzschriftstellerin Louise Aston. Selbst- und Zeiterfahrung, Frankfurt am Main, 1993.
  • Fingerhut, Karlheinz (Hrsg.): Louise Aston. Ein Lesebuch. Gedichte, Romane, Schriften in Auswahl (1846-1849), Stuttgart 1983.
  • Fingerhut, Karlheinz (Hrsg.): Louise Aston. Aus dem Leben einer Frau. Roman 1847, Stuttgart 1985.


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