Gründung des Landes Baden-Württemberg am 25. April 1952

Hochnebel bei der Hornisgrinde/Schwarzwald Foto: LMZ Baden-Württemberg
Foto: LMZ Baden-Württemberg
"Meine sehr verehrten Abgeordneten. Gemäß § 14, Absatz 4, Satz 2 wird hiermit der Zeitpunkt der Bildung der vorläufigen Regierung auf den gegenwärtigen Augenblick, nämlich auf Freitag, den 25. April 1952 12 Uhr 30 Minuten festgestellt. Mit dieser Erklärung sinngemäß § 11 des zweiten Neugliederungsgesetzes werden die Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zu einem Bundesland vereinigt. Meine Frauen und Männer: Gott schütze das neue Bundesland. Gott schütze die deutsche Bundesrepublik...."

Mit dieser denkwürdigen Erklärung rief Ministerpräsident Reinhold Maier (FDP/DVP) am 25. April 1952, am Rednerpult der Verfassungsgebenden Versammlung in der Stuttgarter Heusteigstraße, den Südweststaat aus.

Audio: Reinhold Maier verkündet die Gründung des Landes Baden-Württemberg
(Hauptstaatsarchiv Stuttgart R 10/900 L100002/104, mp3, 2,8 MB, Dauer: 00:01:14)

Die Entstehung des Südweststaats

Am 25. April 2016 feiert das Land Baden-Württemberg seinen 64. Geburtstag. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass dieses lebenskräftige Land – des öfteren als "Glücksfall der Geschichte" (Theodor Heuss) bezeichnet – eigentlich vor allem ein Resultat der nüchternen Vernunft ist.

Die Entstehung Baden- Württembergs war in vielerlei Hinsicht einmalig: Bis heute ist das "Bindestrich-Land" das einzige Beispiel, bei dem die Bevölkerung erfolgreich über die Neugliederung abstimmte. Mehr als vier Jahre lang hatten die Altbadener leidenschaftlich gegen den Zusammenschluss gekämpft. Sie fürchteten den "schwäbischen Imperialismus". Die badische Eigenständigkeit sollte gewahrt bleiben.

Die Neubildung des Bundeslandes wird deshalb oft mit einer politischen Tragikomödie verglichen – in den Hauptrollen der (süd-)badische Staatspräsident Leo Wohleb (CDU), der württemberg-badische Ministerpräsident Reinhold Maier (FDP/DVP) und der württemberg-hohenzollerische Regierungschef Gebhard Müller (CDU). Auch war es kein "Bilderbuch"-Gründungstag, denn der 25. April 1952 endete im Tumult: Reinhold Maier hatte Punkt 12.30 Uhr handstreichartig die neue Landesregierung aus FDP/DVP, SPD und dem Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) gebildet, zum Entsetzen der Union.

Nach ‘45

Südwestdeutschland nach dem zweiten Weltkrieg (1945-1952)
Südwestdeutschland nach dem zweiten Weltkrieg (1945-1952) Landesvermessungsamt Baden-Württemberg

Der wirksame Anstoß zum Südweststaat ging von der alliierten Trennung aus: Das Gebiet im Südwesten war nach der bedingungslosen Kapitulation 1945 willkürlich, ohne Rücksicht auf geografische, soziale oder wirtschaftliche Verhältnisse, dreigeteilt worden. Die Grenze zwischen amerikanischer und französischer Besatzungszone verlief mitten durch Baden und Württemberg entlang der Autobahn Karlsruhe – Stuttgart – Ulm.

Die beiden traditionsreichen Länder sowie das preußische Hohenzollern hatten immerhin fast 150 Jahre Bestand gehabt. Die Amerikaner bastelten aus den von ihnen besetzten Gebieten Nordbaden und Nordwürttemberg das Gebilde Württemberg-Baden mit der Hauptstadt Stuttgart. Allerdings behielt der Landesbezirk Baden innerhalb dieses Gebiets eine weitgehende Verwaltungsautonomie. Die Franzosen machten aus dem Süden Württembergs und Hohenzollern das Land Württemberg-Hohenzollern mit der Hauptstadt Tübingen, und aus dem südbadischen Landesteil wurde Baden mit der Landesmetropole Freiburg. Franzosen und Amerikaner konnten sich nicht über eine gemeinsame Besatzungspolitik verständigen: Den Amerikanern genügte es, dass sich ein wieder handlungsfähig werdendes Deutschland entwickelte, dass seine Schwerindustrie demontiert wurde und föderale Strukturen entstanden. Die Demokratisierung des öffentlichen Lebens machte in Württemberg-Baden rasche Fortschritte.

Der "Signalstoß"

Neu war die Idee nicht, Baden und Württemberg zu vereinen. Bereits im 19. Jahrhundert und in der Weimarer Republik hatten einige Politiker laut darüber nachgedacht. Auch Theodor Heuss, waschechter Württemberger und erster Bundespräsident Deutschlands, hatte 1919 in einer Rede in Stuttgart bereits den Zusammenschluss von Baden und Württemberg vorgeschlagen. 1963 schrieb er zum Südweststaat: "Denn es hat mir nach dem Abschluss der so wohltätigen Entwicklung einige Freude gemacht, dass ich als junger Kerl den ersten Signalstoß in die Trompete blies, mit den Staatsgründungen aus Napoleons Vorzimmern auf die legitimste Weise Schluss zu machen."

Der erste "Signalstoß" nach 1945 kam wieder aus Stuttgart. Dort hatte im Herbst 1946 die württemberg- badische Verfassunggebende Landesversammlung einen entscheidenden Schritt in Richtung Südweststaat getan: Nach Art. 107 sollten Verfassungsänderungen bei einer Vereinigung mit Südwürttemberg und Südbaden mit einfacher Mehrheit beschlossen werden können. Die Regelung stieß in Freiburg auf heftigen Protest. Der (süd-)badische Präsident Leo Wohleb behauptete, nur die Regierung in Freiburg besitze die Legitimation, im Namen des badischen Landes und Volkes zu sprechen.

Der nächste Anstoß zur Lösung des Problems kam von außen: Am 1. Juli 1948 erteilten die drei Militärgouverneure im westlichen Teil Deutschlands den elf Regierungschefs mit dem Frankfurter Dokument Nr. 2 den Auftrag, Vorschläge für eine Neugliederung der Länder zu erarbeiten. Nach Fläche und Einwohnerzahl sollten dabei möglichst ausgewogene Länder entstehen. Im Südwesten gab es jedoch ein fast unlösbares Problem: Die Regierungen von Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern wollten zusammen mit Baden ein Gesamtland bilden. Das aber lehnte Baden kategorisch ab.

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Treffen auf dem Hohenneuffen

Reinhold Maier (Württ.-Baden), Dr. Gebhard Müller (Südwürtt. Hohenzollern), Leo Wohleb (Südbaden) Foto: LMZ Baden-Württemberg
Reinhold Maier
Dr. Gebhard Müller
Leo Wohleb

In dieser Situation lud Ministerpräsident Reinhold Maier am 2. August 1948 die Regierungschefs, Landtagspräsidenten und die Fraktionsvorsitzenden der drei Länder zu einer ersten klärenden Besprechung auf den Hohenneuffen bei Nürtingen ein. Die gegensätzlichen Positionen traten dabei klar in Erscheinung. Zahllose Beratungen folgten, jedoch ohne Ergebnis – nicht einmal wesentliche Fortschritte konnten erzielt werden. Hauptgegenstand der Gespräche war neben der Südweststaatsbildung der Volksentscheid, der nicht nur von den Alliierten vorgesehen, sondern auch von den Landesverfassungen vorgeschrieben war. Umstritten war die Frage der Abstimmungsbezirke bzw. des Auszählungsmodus sowie die Formulierung der Frage, die der Bevölkerung vorgelegt werden sollte. Während die Freiburger dafür eintraten, dass die Stimmen nach den beiden alten Ländern zu zählen seien, verlangten die Stuttgarter die Zählung der Stimmen gesondert nach den vier Landesteilen Nord- und Südbaden sowie Nord- und Südwürttemberg. Zu einem Kompromiss war keiner bereit. Jeder glaubte, mit seinem Abstimmungsmodus gewinnen zu können: die Freiburger die Wiederherstellung des alten Badens und die Stuttgarter den Südweststaat.

Sonderregelung für den Südwesten: Artikel 118 im Grundgesetz

Inzwischen beschäftigte sich nach dem Willen der drei westlichen Besatzungsmächte ein Vorparlament, der "Parlamentarische Rat", mit der Ausarbeitung einer Verfassung für den deutschen Staat. Bevor dieser das Verfassungswerk im Mai 1949 vollendete, gelang es Gebhard Müller im Einvernehmen mit Reinhold Maier in letzter Sekunde, zusätzlich zu dem bereits in Art. 29 festgelegten sehr komplizierten Verfahren zur Länderneugliederung eine Sonderregelung für die Neugliederung im deutschen Südwesten als Art. 118 unterzubringen. Darin heißt es:

Grundgesetz Artikel 118

"Die Neugliederung in dem die Länder Baden, Württemberg- Baden und Württemberg- Hohenzollern umfassenden Gebiete kann abweichend von den Vorschriften des Artikels 29 durch Vereinbarung der beteiligten Länder erfolgen. Kommt eine Vereinbarung nicht zustande, so wird die Neugliederung durch Bundesgesetz geregelt, das eine Volksbefragung vorsehen muss."

Das war die dritte Weichenstellung.

Allerdings bedurfte nun noch das Grundgesetz der Zustimmung der Alliierten – und diese enthielt Vorbehalte. Erst im April 1950 gaben sie eine Erklärung ab, dass der Artikel 118 nun geltendes Recht sei. Damit war der Weg für die Neuregelung der südwestdeutschen Ländergrenzen frei.

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Wieder in der Sackgasse

Südwest - Staat - Konferenz in Wildbad 1950. Zu sehen: Reinhold Maier (Württ.-Baden), Dr. Kaufmann (Nordbaden), Dr. Gebhard Müller (Südwürtt. Hohenzollern), Leo Wohleb (Südbaden) Foto: LMZ Baden-Württemberg
Foto: LMZ Baden-Württemberg

Am 22. Oktober 1949 einigten sich die CDU-Vorstände der südwestdeutschen Länder in der Abstimmungsfrage. Die Bevölkerung sollte über die Alternativfrage abstimmen: Vereinigung der bestehenden drei Länder oder Wiederherstellung der alten Länder. Das Ergebnis sollte durch getrennte Auszählung in den alten Ländern ermittelt werden. Dieser Lösung widersetzte sich die Regierung Württemberg-Badens. Sie bestand auf einer Auszählung in den vier Bezirken Nord- und Südbaden sowie Nord- und Südwürttemberg mit Hohenzollern. Bei einem Treffen der drei Regierungschefs am 15. April 1950 in Freudenstadt machte Gebhard Müller den überraschenden Vorschlag, das Volk doch zunächst einmal nur in einer Informationsabstimmung zum Südweststaat zu befragen. Die Volksbefragung am 24. September 1950 war für die Anhänger des Südweststaates eine Enttäuschung: Zwar ergab sich in den württembergischen Abstimmungsgebieten eine überwältigende Mehrheit für den Südweststaat, in den beiden badischen Bezirken zusammen aber ein Mehr von 16.614 Stimmen (1,14 Prozent) für die Wiederherstellung der alten Länder. Damit war die Südweststaatsfrage zunächst wieder in einer Sackgasse gelandet.

Das Neugliederungsgesetz

Der Bundestag verabschiedete im April 1951 das "Zweite Neugliederungsgesetz": Der Südweststaat sollte danach dann gebildet werden, wenn in drei von den vier Abstimmungsbezirken eine Mehrheit für den Zusammenschluss der Länder stimmte. Leo Wohleb protestierte heftig und versuchte zunächst über den Bundesrat und dann über das eben erst konstituierte Bundesverfassungsgericht eine Aufhebung des Neugliederungsgesetzes zu erreichen. Er gewann Zeit, scheiterte jedoch letztendlich. Am 23. Oktober 1951 bestätigte das Gericht das Zweite Neugliederungsgesetz in allen wesentlichen Teilen.

Für und wider den Südweststaat

Abbildungen: LMZ Baden-Württemberg

Und die Stimmung der Bevölkerung in Südwestdeutschland? In Südwürttemberg wollte man den Südweststaat, weil man darin die Wiedervereinigung mit Nordwürttemberg sah sowie den Zusammenschluss mit den benachbarten hohenzollerischen und badischen Gebieten, mit denen man sich verbunden fühlte. Die Nordwürttemberger wollten die Vereinigung mit dem südlichen Landesteil und waren geneigt, die Verbindung mit Baden aufrechtzuerhalten. Sie begehrten den Südweststaat jedoch nicht als dringendes inneres Anliegen. In Baden sah es anders aus: Die badische Bevölkerung lehnte zur guten Hälfte den Südweststaat leidenschaftlich ab. Es gab aber auch eine ganze Reihe von Gebieten, die den Anschluss an ihre Nachbarn suchten. Zwischen den Altbadenern und den Südweststaatanhängern entbrannte ein Kampf um jede einzelne Stimme.

Die wichtigsten Argumente für den Südweststaat waren:

  • die moderne Wirtschaft brauche große Räume, mit einer Vereinigung des Südwestraums könne die Wirtschaftskraft wesentlich gestärkt werden; 
  • der Südweststaat würde eine wesentliche Verwaltungsvereinfachung bedeuten, weil dann nicht mehr wie bisher drei Landtage, drei Regierungen und ein dreifacher Verwaltungsapparat nötig seien. 

Reinhold Maier brachte noch ein weiteres Argument in die Diskussion: den mangelnden Einfluss dreier kleiner Länder auf Bundesebene. In einer Wahlkampfrede sagte er: "Im Verband der deutschen Bundesrepublik haben wir so, wie die Dinge heute geregelt sind, also mit den drei Ländern, nichts zu sagen. Auch mit den wiederhergestellten zwei alten Ländern Württemberg und Baden hätten wir kaum etwas zu sagen (...). Nordrhein-Westfalen und Bayern haben die Bundesrepublik in der Hand. Alle übrigen Länder teilen sich die Brocken, welche von dieser beiden Herren Tische fallen."

Aufruf der Landesregierung unter Leo Wohleb
Aufruf der Landesregierung unter Leo Wohleb 1951 "Jeder zur Wahlurne! Jede Stimme für Baden"
Bilder: LMZ Baden-Württemberg

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Die Volksabstimmung am 9. Dezember 1951

Ergebnisse der Volksabstimmung am 9. Dezember 1951. Karte: Dr. Josef Kerkhoff, Landesvermessungsamt Baden-Württemberg
Ergebnisse der Volksabstimmung am 9. Dezember 1951. Karte: Dr. Josef Kerkhoff, Landesvermessungsamt Baden-Württemberg

Nach einem heftigen Abstimmungskampf, in dem es nicht an kräftigen Worten fehlte, fiel dann endlich am 9. Dezember 1951 die Entscheidung. Über das Ergebnis konnte aber kein Zweifel bestehen. Zwar erreichten die Altbadener in Südbaden 62,2 Prozent, doch in den drei anderen Bezirken Nordwürttemberg (93,5 %), Südwürttemberg-Hohenzollern (91,4 %) und Nordbaden (57,1 %) sprachen sich deutliche Mehrheiten für den Zusammenschluss aus. Auf das ganze Gebiet gesehen gab es eine Mehrheit von 69,7 Prozent für das Land Baden-Württemberg.

Die regionalen Unterschiede bei den Abstimmungsergebnissen spiegeln dabei letztlich die historischen Traditionen des deutschen Südwestens wider. Überall dort, wo zu Beginn des 19. Jahrhunderts die „napoleonische Flurbereinigung“ alte Verflechtungen zerschnitten hatte, erlebten die Südweststaatanhänger Erfolge (z. B. Kreise Mosbach, Sinsheim, Überlingen). Auch in der ehemaligen Kurpfalz, wo durchaus noch antibadische Ressentiments wirksam waren, war die Mehrheit für das neue Land deutlich. In den protestantischen Kreisen Südbadens wie Lörrach oder Kehl, wo die Südweststaatanhänger relativ hohe Anteile erreichten, schlugen sich dagegen Traditionen des Kulturkampfes nieder. Auch im protestantischen Pforzheim, wo man wirtschaftlich traditionell eher nach Württemberg orientiert war, gab es eine deutliche Mehrheit für das neue Land. Die Werte in den württembergischen Kreisen sprechen in ihrer Deutlichkeit für sich. Die altbadischen Hochburgen lagen demgegenüber im Gebiet der alten katholischen Markgrafschaft Baden-Baden und im Bereich der früheren Hochstifte Speyer und Straßburg (Kreise Bruchsal und Offenburg).
Auch in Karlsruhe, wo man den Statusverlust der alten Hauptstadt fürchtete, waren die Gegner der Neugründung stark vertreten.

"Morbus Badensis"

Mit der Abstimmungsniederlage wollte sich Wohleb nicht abfinden: Er sprach von einer Vergewaltigung des badischen Volkes und von einem gekünstelten Abstimmungsmodus, der nichts anderes als ein Wahltrick sei. Drei Jahre später, 1954, glaubte er einen "Morbus Badensis" zu erkennen – er hatte die Sorge, diese schwelende Krankheit könne dem staatlichen Gemeinwesen Abbruch tun. Schon am 14. Dezember 1951 hatte Wohleb dem Bundestag einen Initiativgesetzentwurf des Inhalts vorlegen lassen, den Vollzug des Zweiten Neugliederungsgesetzes bis zur Durchführung der Neugliederung des gesamten Bundesgebiets nach Art. 29 des Grundgesetzes auszusetzen. Der Bundestag lehnte den Antrag am 16. Januar 1952 mit 190 :120 Stimmen bei 15 Enthaltungen ab.

Das neue Land Baden-Württemberg

Die Verfassunggebende Versammlung des neuen Landes wurde am 9. März 1952 gewählt. Die CDU war stärkste Partei mit 50 Mandaten, die SPD hatte 38, die FDP 23, der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) sechs und die Kommunisten vier Mandate. Nachdem die "Fronten" damit geklärt waren, entbrannten in der Verfassunggebenden Landesversammlung die Debatten um die Gestaltung des neuen Staatswesens.

Der "schwarze Freitag"

Foto: LMZ Baden-Württemberg
Foto: LMZ Baden-Württemberg
Seit Ende März 1952 rückte die Frage "Wer wird Ministerpräsident?" in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die Bemühungen der CDU, eine Große Koalition zustande zu bringen, scheiterten an der SPD, und auch die FDP/DVP war nicht für eine Koalition zu gewinnen.

Was dann geschah, setzte der turbulenten Südweststaat- Bildung die Krone auf: Am 25. April 1952, dem Tag, der in die Geschichte der CDU als "schwarzer Freitag" einging, bildete Reinhold Maier Punkt 12.30 Uhr handstreichartig die neue Landesregierung aus FDP/DVP, SPD und BHE und schickte seinen Mitstreiter von früher, Gebhard Müller, mit der stärksten Partei im Landtag in die Opposition. Müller war schwer enttäuscht.

Franz Gurk, damaliger Vorsitzender der CDU-Fraktion, kündigte in einer mehrfach von Zwischenrufen unterbrochenen Rede dem neuen Ministerpräsidenten und der von diesem – "man dürfe wohl sagen widerrechtlich" – gebildeten Regierung schärfste Opposition an. Ein Großteil der Wähler sei vom Aufbau des neuen Bundeslandes ausgeschlossen. Das erste Beispiel der Neubildung eines Bundeslandes nach dem Grundgesetz sei jetzt schon zum Misserfolg geworden.

Unmittelbar nach der Sitzung schickte die CDU-Fraktion ein Telegramm an den Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Bonn, in dem sie gegen die staatsrechtlich unzulässige Regierungsbildung protestierte und gemäß Art. 28 des Grundgesetzes um Einschreitung der Bundesregierung zur Herbeiführung der verfassungsmäßigen demokratischen Ordnung im neuen Bundesland bat. Aber ohne Erfolg. Reinhold Maiers "Taschenspielertrick" war jedoch nur von kurzer Dauer. 1953, nach der Bundestagswahl, räumte er seinen Sessel in der Villa Reitzenstein für seinen CDU-Kontrahenten. Gebhard Müller bildete – ganz nach seinem Politikverständnis – eine Allparteienkoalition zur Schöpfung der Verfassung und zum Aufbau des Landes. Am 11. November 1953 verabschiedete die Landesversammlung die Verfassung.

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Ein Doppelname für das neue Bundesland

Mit dem Inkrafttreten der Landesverfassung bekam der Südweststaat am 19. November 1953 auch einen offiziellen Namen. Die Frage, wie das neue Land denn nun heißen solle, hatte die Bevölkerung und die Politiker mehrere
Monate lang beschäftigt. Zahlreiche Vorschläge wurden gemacht, Zeitungen veranstalteten Umfragen, honorige Professoren wurden zurate gezogen und Bürger diskutierten in Leserbriefen.

Skurrile und humorvolle Vorschläge machten die Runde, mit am höchsten wurden jedoch die historisch begründeten Namensformen „Schwaben“, „Staufen“, „Rheinschwaben“ und „Alemannien“ gehandelt.

Gegen jeden dieser Vorschläge gab es allerdings Argumente. Keiner konnte letztlich die historische Vielfalt des Landes und seiner Bevölkerung treffend in sich vereinen. Den Vorschlag „Baden-Württemberg“ fanden viele hingegen
phantasielos. Am Ende standen sich bei der Namengebung zwei Gruppen gegenüber: Die einen lehnten einen Doppelnamen prinzipiell ab, weil das Land so nicht zur Einheit finden könne. Die anderen argumentierten für den
Doppelnamen und mit der historischen Bedeutung der beiden Länder Baden und Württemberg.

Man wählte schließlich mit „Baden-Württemberg“ den kleinsten gemeinsamen Nenner, wohl auch, weil man nicht erneut Öl auf die Wunden der Südweststaatgegner gießen wollte. Bei der Namengebung wurde
Baden der Vortritt gelassen – zum einen, weil man das neue Land vom ehemaligen Württemberg-Baden unterscheiden wollte, und zum anderen
wohl, um die Badener, die sich mit dem Zusammenschluss so schwer getan hatten, versöhnlich zu stimmen.

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Eindrucksvolles Bekenntnis für Baden-Württemberg

Die Altbadener, die sich zum Heimatbund Badenerland zusammenschlossen, führten auch nach der Bildung des Landes Baden-Württemberg den Kampf um die Wiederherstellung des früheren Landes Baden fort – bis vor das Bundesverfassungsgericht. Dieses gestand dem Heimatbund 1956 zu, dass die badische Bevölkerung in einer nochmaligen Volksabstimmung über den Verbleib ihrer Heimat im Bundesland Baden-Württemberg entscheiden dürfe, weil ihr Wille durch "die Besonderheit der politisch-geschichtlichen Entwicklung", also durch die Trennung des Landes Baden nach 1945, "überspielt" worden sei.

Doch erst am 7. Juni 1970 kam es zu einer erneuten Volksabstimmung. Das Ergebnis war ein eindrucksvolles Bekenntnis der badischen Bevölkerung für Baden-Württemberg: Bei einer Wahlbeteiligung von 62,5 Prozent votierten 81,9 Prozent für den Verbleib beim Land Baden-Württemberg. Damit war die letzte rechtliche Möglichkeit, den Zusammenschluss rückgängig zu machen, erschöpft.

Die Ergebnisse der Volksabstimmungen bis 1970.

Grafik der LMZ Baden-Württemberg
Eine Grafik der LMZ Baden-Württemberg

Die misstrauisch-trotzige Reserve, die die Südbadener zunächst der neuen staatlichen Gemeinsamkeit entgegengebracht hatten, ist längst verschwunden. Gemeinsam haben die Badener und Württemberger einen Spitzenplatz unter den Bundesländern eingenommen, und heute sehen sie ihr Land nicht nur als "Modell deutscher Möglichkeiten" (Theodor Heuss) mit landschaftlicher Vielfalt, kultureller Eigenart, sozialer Stabilität und wirtschaftlichem Erfolg, sondern darüber hinaus als "Modell europäischer Möglichkeiten" (Lothar Späth). Der Trennungsstrich zwischen den beiden Landesteilen im Namen Baden-Württemberg ist zum echten Bindestrich geworden, ohne dass die regionale Vielfalt des Landes eingeebnet worden wäre. Eines findet man allerdings immer noch nicht: das spontane Bekenntnis eines Bürgers aus dem Bindestrich- Land "ich bin ein Baden-Württemberger". Einen Schwaben, einen Badener, einen Pfälzer oder einen Franken trifft man immer – aber eben selten einen, der sich "Baden-Württemberger" nennt.

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ZEITTAFEL

1945Teilung von Baden und von Württemberg in Folge der Besatzung
1946Landtag und Regierung des Landes Württemberg-Boden mit
der Hauptstadt Stuttgart
1947Landtage und Regierungen der Länder Baden mit der
Hauptstadt Freiburg und Württemberg-Hohenzollern mit der
Hauptstadt Tübingen
1948Frankfurter Dokumente und Parlamentarischer Rat in Bonn
Treffen der Präsidenten der Südweststaaten auf dem Hohenneuffen
Keine Einigung beim Auszählungsmodus der Volksabstimmung
1949Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai mit der Sonderregelung für einen Südweststaat (Art.118 GG)
1950Probeabstimmung über den Zusammenschluss der drei Länder Scheitern der Einigung über einen Südweststaat
1951Entscheidung zum Südweststaat durch den Bundestag (Neugliederungsgesetze)
Verfassungsklage der badischen Regierung beim Bundesverfassungsgericht (BVG), Bestätigung der Gesetze durch das BVG.
Dezember: Volksabstimmung mit einer Mehrheit für den Südweststaat
1952März: Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung
25. April: Konstituierende Sitzung, Wahl des Ministerpräsidenten
Reinhold Maier, Gründung des neuen Südweststaates
1953Der Namen des neuen Bundeslandes: Baden-Württemberg.
Inkrafttreten der Landesverfassung am 19. November
1970Erneute Abstimmung in den Regierungsbezirken Nordbaden
und Südbaden mit überwältigender Mehrheit von 81,9 Prozent
für den Zusammenschluss

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Schwerpunktthema 2012

 
 
 
 
 
 

Entstehung des Landes Baden-Württemberg

 

60 Jahre Baden-Württemberg – Die schwierigen Bedingungen der Entstehung des Landes Baden-Württemberg vor rund 60 Jahren zeichnet ein Faltblatt nach, das bei der Landeszentrale für politische Bildung jetzt erschienen ist.

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