März 2013

Ilse Bing – „Königin der Leica“ und Überlebende des Holocaust

Am 10. März 2013 jährt sich der Todestag der deutsch-amerikanischen Fotografin Ilse Bing zum 15. Mal. Der „Königin der Leica“, wie sie einer ihrer Kritiker bezeichnet, gelingt die Flucht aus dem Internierungslager in Gurs nach Amerika.

Ilse Bing kommt am 23. März 1899 als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Frankfurt am Main zur Welt. Die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion hat sie jedoch „mehr als historisches Ereignis und nicht als persönliche Angelegenheit“ angesehen.

1920 beginnt sie ihr Studium der Mathematik und der Physik an der Universität Frankfurt, wechselt jedoch bald zur Kunstgeschichte und verbringt das Wintersemester 1923/1924 am Kunsthistorischen Institut Wien. Im Jahr 1924 beginnt sie ihre Dissertation über den deutschen Architekten Friedrich Gilly.

Um ihre Arbeit mit Fotografien zu unterlegen, kauft sich Bing 1928 eine Voigtländer-Kamera und bringt sich selbst das Fotografieren bei. Im darauffolgenden Jahr ersetzt sie diese durch eine Leica, eine neue revolutionäre Kleinbildkamera, die es ermöglicht, schnell vorbeiziehende Momente festzuhalten. Ilse Bing beendet ihr Studium 1929 und gibt ihre Dissertation auf, um sich ausschließlich der Fotografie zu widmen. Ihren Eltern gefällt diese Entscheidung überhaupt nicht, da sie sich nicht vorstellen können, dass Bing einmal mit der Fotografie Geld verdienen würde.

"Ich habe mir nie vorgenommen, einen künstlerischen Beruf zu wählen – ich habe mir gewünscht, aktiv zu sein, aus meinem Leben etwas zu machen. Ich wußte nicht, in welcher Form."

(Ilse Bing im Gespräch mit Herlinde Koelbl)

Ilse Bing arbeitet von nun an fotojournalistisch und publiziert ihre ersten Reportagen für „Das illustrierte Blatt“, eine monatliche Beilage der „Frankfurter Illustrierten“. Bis 1931 schreibt sie für das Magazin regelmäßige Bilderreportagen.

Zu dieser Zeit beginnt ihre Zusammenarbeit mit dem niederländischen Architekten Mart Stam zusammenzuarbeiten, einem prominenten Vertreter der Moderne und Hauptarchitekt des Wohnungsbauprogramms „Neues Frankfurt“. Dieses Projekt sollte dabei helfen, die akute Wohnungsnot in Frankfurt am Main zu beseitigen. Ilse Bing verfasst in diesem Rahmen eine Dokumentation über das von Stam entworfene Altersheim in Frankfurt. Durch Mart Stam kommt Bing in Kontakt mit Frankfurter Kreisen der Avantgarde-Architektur vor.

Hierbei lernt sie insbesondere das Fotografen- und Filmemacherpaar Ella Bergmann-Michel und Robert Michel kennen, zu dem sie eine enge Freundschaft pflegt.

Leben in Paris: „Die Königin der Leica“

Ende 1930 entschließt sich Ilse Bing dazu, nach Paris zu ziehen – Hauptstadt der Avantgarde und Mittelpunkt der Entwicklungen in der modernen Fotografie. Dort angekommen, erhält sie unter anderem Unterstützung durch den ungarischen Journalisten Heinrich Guttman. Er stellt ihr seine Garage, die sie als Dunkelkammer nutzen kann und sie versorgt ihn im Gegenzug mit Illustrationen. So liefert sie etwa die Abbildungen für ein Buch von Guttmann über die Geschichte der Fotografie, das 1930 veröffentlicht wird.
Zu Beginn ihrer Pariser Zeit arbeitet Bing für deutsche Zeitungen wie das Illustrierte Blatt. Bald kann sie sich auch in führenden französischen Zeitungen einen Namen machen, so bei L'Illustration, Le Monde Illustré und Regards. So kommt es, dass Bing sich im Laufe der Jahre eine große Fotosammlung aufbaut. Ihre erste Ausstellung im Jahr 1931 zeigt eine Fotostrecke zu den Tänzerinnen vom Moulin Rouge. Es folgen weitere Ausstellungen sowohl in Frankreich als auch in Deutschland. Der Fotograf und Kritiker Emmanuel Sougez nennt Ilse Bing aufgrund ihrer qualitativ hochwertigen Arbeit die „Königin der Leica“.
1931 lernt Bing den niederländisch-amerikanischen Schriftsteller Hendrik Willem van Loon kennen, der sie dadurch unterstützt, dass er ihre Fotografien amerikanischen Kunden vorstellt. Ihre Bilder werden nun auch in New York ausgestellt, sodass Bing an internationaler Bekanntheit gewinnt und in immer mehr französischen Galerien ausstellen kann. Im Jahr 1933 lernt Bing ihren zukünftigen Ehemann Konrad Wolff kennen, ein deutsch-jüdischer Pianist und Musikwissenschaftler.

Kurzer Aufenthalt in den USA und Rückkehr nach Paris
1936 hält sich Ilse Bing drei Monate in den USA auf, wo sie eine Einzelausstellung in der June Rhodes Galerie in New York hat. Zu dieser Zeit macht sie viele Fotografien in New York und Connecticut. Verwurzelt fühlt sich Bing allerdings immer nur in Paris.

„Wenn ich nach Paris komme, fühle ich physisch Wurzeln von mir im Pflaster. Das spüre ich vom ersten Tag an. Dieses physische Wurzelgefühl hab ich nur in Paris.“

(Ilse Bing im Gespräch mit Herlinde Koelbl)

Während ihres USA-Aufenthalts lernt Bing den berühmten amerikanischen Fotografen und Galeristen Alfred Stieglitz kennen. Stieglitz nimmt einen großen Einfluss auf Bings New Yorker Fotografien. Die Begegnung mit Stieglitz bezeichnet Ilse Bing später als ein wesentliches Ereignis ihres Lebens. Zurück in Deutschland heiratet Bing 1937 Konrad Wolff. Für ihre künstlerische Arbeit behält sie jedoch ihren Geburtsnamen bei. Im selben Jahr nimmt sie an einer wichtigen Ausstellung zum Thema „Fotografie 1839-1937“ im Museum of Modern Art in New York teil.

Zweiter Weltkrieg und Flucht nach Amerika

Als 1940 in Frankreich die deutschen Truppen einmarschieren, werden Bing und ihr Ehemann in unterschiedliche Internierungslager in Südfrankreich deportiert: Sie kommt zunächst nach Gurs, ihr Mann wird in Marseille interniert.

„Viele Leute nennen es nur Internierungslager, weil wir ja nicht mißhandelt wurden. Ich empfand es als KZ. Getrennt zu sein von meinem Mann, nicht zu wissen, wo er ist, nicht zu  wissen, was draußen in der Welt vorgeht."

(Ilse Bing im Gespräch mit Herlinde Koelbl)


Nach zehn Wochen Ungewissheit im Internierungslager in Gurs treffen sich Bing und ihr Ehemann in Marseille wieder. Aufgrund einer Amnestie im Zuge der Waffenstillstandserklärung waren sie beide wieder auf freien Fuß gekommen. Das Paar bleibt neun Monate in der unbesetzten französischen Südzone, bis ihm 1941 durch die Unterstützung der Art-Direktorin bei Harpers Bazaar, Carmel Snow, endlich die Emigration nach Amerika gelingt.  Snow hatte einen Brief an die amerikanische Regierung geschrieben, in dem sie betonte, dass Ilse Bing eine bedeutende Fotografin sei und mit Sicherheit Arbeit in den USA finden würde.
Ilse Bing schafft es, ihre Negative mit in die USA zu nehmen, allerdings befinden sich die Abzüge ihrer Bilder noch in Paris bei einer Freundin. Diese schickt die Abzüge erst nach Marseille als Bing und ihr Ehemann Frankreich bereits verlassen hatten. So bleiben die Bilder zunächst in dem Lager einer Reederei, das jedoch glücklicherweise nicht bombardiert wird. Nach Kriegsende werden die  Abzüge schließlich nach New York verschickt. Allerdings ist Ilse Bing nicht in der Lage, die Zollgebühren für alle Fotografien zu zahlen. So muss sie sich entscheiden, welche Ausdrucke sie behalten kann und welche vernichtet werden. Zu dieser Zeit gehen viele wichtige Abzüge, darunter die einzigen Fotografien, die Bing in England aufgenommen hatte, verloren.
Zu ihren Erfahrungen im französischen Internierungslager sagt Ilse Bing später:

„Es war schlimmer, als man es sich vorstellen konnte, und man konnte mehr ertragen, als man für möglich gehalten hat. Andererseits ist man reicher, wenn man so etwas durchgemacht hat und ohne körperlichen und geistigen Schaden davongekommen ist. Ich wünsche es niemandem, aber im Endergebnis hab ich gewonnen. Ich habe viel Materielles verloren, aber menschlich bin ich gewachsen."

(Ilse Bing im Gespräch mit Herlinde Koelbl)

Schwieriger Neubeginn in Amerika

Zu Beginn ihres Exils in den USA hat Ilse Bing große Schwierigkeiten, Aufträge für Reportagearbeiten zu erhalten. Wurde sie fünf Jahre zuvor als eine berühmte europäische Fotografin gefeiert, erlebt sie nun eine völlig neue Situation. Dies hängt zum einen mit Veränderungen in der Mode der Fotografie zusammen und zum anderen mit der großen Anzahl anderer aus Europa geflüchteter Fotografinnen und Fotografen.

So ist Ilse Bing immer weniger als Fotojournalistin tätig und konzentriert sich von nun an vor allem auf Portraits, die sie ausstellt. Ab 1950 fotografiert Bing mit einer größeren Rolleiflex-Kamera und experimentiert mit höherem Kontrast und Blitzlicht. Zusätzlich verdient sie durch den Unterricht von Privatstudentinnen und -studenten Geld.

Nach dem Krieg besucht Ilse Bing zweimal Paris und fotografiert wiederum sehr viel. Ende der 1950er Jahre gibt sie schließlich die Fotografie auf und widmet sich anderen künstlerischen Tätigkeiten wie der Strichzeichnung und später der Collage. Dazu sagt sie später:

„Mit diesem Medium konnte ich nichts Neues mehr sagen. Ich habe auf dem Höhepunkt meiner photographischen Entwicklung aufgehört, mit der Kamera zu arbeiten. Ich konnte damit nicht mehr ausdrücken, was ich erlebte."

(Ilse Bing im Gespräch mit Herlinde Koelbl)

Wiederentdeckung der Fotografin

Nach einer größeren Zeitspanne, in der Ilse Bing schon fast in Vergessenheit geraten war, erlebt sie 1976 durch eine Ausstellung in New York noch einmal einen Durchbruch. Das New Yorker Museum of Modern Art erwirbt im selben Jahr mehrere Werke von Bing und viele ihrer Fotografien werden in eine Wanderausstellung des Art Institute of Chicago aufgenommen. Von diesem Zeitpunkt an werden Bings Arbeiten wesentlich öfter in Museen und Galerien ausgestellt und von amerikanischen und französischen Museen erworben.

In den 1990er Jahren erhält Bing für ihre fotografische Arbeit mehrere Preise: 1990 den Women’s Caucus for Art Award in New York und 1993 den First Gold Medal Award for Photography vom New Yorker National Arts Club.

Ilse Bing verbringt ihr restliches Leben in New York, obwohl sie sich mehr in Paris verwurzelt fühlte.

„Paris ist die Stadt, wo ich am glücklichsten bin. Und trotzdem könnte ich nicht mehr in Paris leben, denn ich würde mich so entspannen, daß ich unaktiv würde. Hier in New York bin ich eingespannt in den Wirbel der Aktivität."

(Ilse Bing im Gespräch mit Herlinde Koelbl)

Am 10. März 1998 stirbt Ilse Bing im Alter von 98 Jahren in New York.

April 2013 (Susanne Kalka)


Lektüretipps und Links:

  • Dick, Jutta/ Sassenberg, Marina: Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert – Lexikon zu Leben und Werk,
    Rowohlt Taschenbuch Verlag: Reinbek 1993
  • Koelbl, Herlinde: Jüdische Portraits – Photographien und Interviews
    Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main ²1998
  • Hörner, Unda: Madame Man Ray – Fotografinnen der Avantgarde in Paris
    edition ebersbach: Berlin 2002

  • Victoria and Albert Museum, London: Ilse Bind (engl.)
  • Jewish Women's Archive
    Jewish Women: A Comprehensive Historical Encyclopedia: Ilse Bing, 1899 – 1998, Bibliography and Discuss by Jane Kamine

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