Inklusion in der politischen Bildung

"Inklusion bedeutet mehr als nur die technische Ausstattung für Rollstuhlfahrende bereitzustellen. Auch Konzept, Kommunikation und Umgang, Sprache, Schrift und Medien stehen auf dem Prüfstand, wenn es darum geht, Vielfalt zu ermöglichen - auch beim Demokratielernen in inklusiven Gruppen."

In Kooperation mit: Evangelische Akademie Bad Boll, Evangelische Akademie Baden, Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Bildung, Landeszentrale für politische Bildung, Landesjugendring Baden-Württemberg, Lebenshilfe Baden-Württemberg, Katholische Akademie der Diozöse Rottenburg-Stuttgart, Evangelisches Bildungszentrum Hospitalhof.

Download des Flyers


Rückblick auf die Veranstaltung

Bild: Philipp Neudert

Demokratie lebt durch die Vielfalt der Meinungen. Ein Barcamp auch. Das Barcamp „Inklusion in der politischen Bildung“ am 03.12.2015 im Hospitalhof Stuttgart thematisiert den Zugang von Benachteiligten zur politischen Bildung und damit zur Demokratie.

Barcamp - spontane Themenfindung vor Ort

Das Thema Inklusion in der politischen Bildung ist vielfältig wie auch die Fragen und Herausforderungen, die sich daraus ergeben – und die Antworten und Lösungen. Umso vielfältigere Stimmen zu dem Thema müssen her. Perfekt geeignet: ein Barcamp, eine Art der Großgruppenmoderation: Worum es im Detail geht, wird spontan vor Ort festgelegt. Alle Teilnehmenden dürfen sogenannte Sessions anbieten, deren letztendlichen Inhalt bestimmen die Teilnehmer durch ihren Beitrag zum Gespräch. Auf eine lockere Stimmung wird besonderer Wert gelegt, das Du ist üblich. In ihrem Grußwort zu Beginn sagt die Tagungsleiterin Sigrid Schöttle, Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Bad Boll, jetzt müsse der Begriff Barcamp überwunden und der Begriff Inklusion in der politischen Bildung gefüllt werden. Jan Theofel moderiert das Barcamp. Was ist politische Bildung? Wie bekommen alle Zugang dazu? Wie weit muss und wie weit kann die Inklusion gehen, wenn sie den komplexen Themen der politischen Bildung weiterhin gerecht werden will? Welche Strategien sind zielführend? Viele Sessions gehen  diesen und anderen Fragen nach.

Bild: Philipp Neudert

Das Alphabet der Braille-Schrift, die Blinden das Lesen und Schreiben ermöglicht. Bild: Philipp Neudert.

Hyperinklusion?

Hyperinklusion – was soll das überhaupt heißen? Das fragen sich die Teilnehmer der Session „Hyperinklusion – eine Einladung zum Querdenken.“ Hyper heißt oberhalb oder übermäßig – aber geht das überhaupt, zu viel Inklusion?  Ist der Begriff ein Verweis, dass Inklusion als Übergriff empfunden wird? Das Etikett einer zum Selbstzweck gewordenen, maßlosen Inklusion? Oder der Kampfbegriff der Kritiker, die sich einem vermeintlichen Inklusionsterror ausgeliefert fühlen? Intuitiv vermuten die Teilnehmer der von Dr. Thomas König initiierten Session das und Ähnliches – und diskutieren und argumentieren in diese Richtung gegen die Inklusionskritik: Ja, viele Leute seien genervt vom Inklusionbegriff, gerade Lehrer. Ja, man könne sich leicht darüber lustig machen – brauchen nicht auch Kanzeln in Kirchen bald Aufzüge, um als barrierefrei zu gelten? Und ja, Inklusion stelle gerade Institutionen vor Aufgaben, die sie oft schwer erfüllen könnten oder gar nicht wahrhaben wollten. Aber – einerseits gebe es die humanitäre Verpflichtung, die UN-Behindertenrechtskonvention und das Benachteiligungsverbot im Grundgesetz. Andererseits biete Inklusion große Vorteile, gerade in Hinblick auf Redemokratisierung. Inklusion sei viel mehr als rollstuhlgerechte Gebäude. Inklusion ziele auf alle ab, die am öffentlichen Leben nicht teilnehmen – bis hin zu Senioren, die einsam vor dem Fernseher sitzen. Vor allem soziale Inklusion stärke die Demokratie, letztendlich  den gesamt-gesellschaftlichen Zusammenhalt und trage zu mehr Offenheit und Partizipation bei.

Die Titelfolie ,,Hyperinklusion'' von Dr. Thomas König in der Session über Hyperinklusion. Bild: Philipp Neudert

Dass Hyperinklusion, ein Begriff aus der Soziologie, einen ganz anderen Zusammenhang beschreibt – nämlich die Einbindung einer Person in nur eine Einrichtung, bei der die ganze Lebensführung auf diese Institution ausgerichtet ist – verrät König erst gegen Ende der Diskussion. Eine interessante Strategie, um eine  Diskussion in Gang zu setzen: den Teilnehmenden einen missverständlichen Begriff vorsetzen, um Reaktionen zu provozieren. Sie legt ein vorhandenes Problembewusstsein offen und treibt die Diskussion in eine lösungsorientierte Richtung: Vielleicht müsse ein gesellschaftlicher Perspektivenwechsel vollzogen werde. Nicht wer Barrieren abbaue, müsse sich dafür rechtfertigen – sondern wer sie aufbaue, heißt es am Ende des Workhops.

Für Inklusion begeistern

Wie kann man für Inklusion begeistern? Viele Teilnehmende haben bereits Erfahrungen gemacht, die sie miteinander teilen: Unermüdliches Ansprechen der Öffentlichkeit sei unverzichtbar. Aufmerksamkeit müsse erregt werde, etwa indem man Prominente als Zugpferde gewinnt. Es sei eine Win-Win-Situation, die Initiative bekomme mehr Aufmerksamkeit, die Prominenten gute Presse. Vielleicht sollte man das Reizwort Inklusion vermeiden, so lautet ein anderer Vorschlag, und den Fokus auf die konkrete Aktion legen. Inklusives Tanzen ist zunächst einmal Tanzen – und dann inklusiv, so werden Abwehrreflexe unterlaufen. In jedem Fall sei es wichtig, dass man die Erwartung an inklusive Veranstaltungen mit zeitlicher Begrenzung nicht zu groß werden lässt: Man dürfe sich nicht ärgern, wenn hinterher keine jahrelangen Freundschaften oder zehn neue Projekte entstanden seien. Auf keinen Fall funktioniere Zwangsinklusion, vielmehr sollten entsprechende Angebote eine starke Anziehungskraft entwickeln, die für eine gute Annahme sorgt. Besonders beklagt werden die nicht honorierten Organisationstätigkeiten, die alle Aktionen mit sich bringen. Zu einer engen Kooperation mit Institutionen, die mit der Organisation größerer Projekte Erfahrung haben, wird dringend geraten.

Das Blindsein erfahrbar machen

Einmal mit verbundenen Augen einen Blindenstock ausprobieren - das ist Teil des Sensibilisierungsprogramms von aus:sicht mobil e.V. Bild: Philipp Neudert

Blind oder sehbehindert sein – wie fühlt sich das an? Wie ist das, sich mit einem Blindenstock eine Treppe hinauftasten zu müssen? Die Angebote des Vereins aus:sicht mobil e.V. versuchen, für normal Sehende das Blindsein erfahrbar zu machen – für einige Augenblicke. Spezialbrillen oder eine Augenbinde simulieren verschiedene Formen der schweren Sehbehinderung oder die Vollblindheit. Auch die Grundzüge der Braille-Schrift werden erläutert. Ziel des Angebots ist es, Sehende für die Bedürfnisse und Situation der Blinden und Sehbehinderten zu sensibilisieren, was den Kontakt und sie Inklusion erleichtert.

Die Schule, die Schule

Wenn man von Inklusion spricht, spricht man meist automatisch auch von Schulen. Dort können junge Menschen unabhängig von ihrer Herkunft erreicht werden. Ob es nun darum geht, ob Behinderte normale Schulen besuchen dürfen – oder wie es gelingen kann, benachteiligte Jugendliche sozial zu inkludieren, indem man ihnen beispielsweise demokratische Teilhabe vermittelt und ermöglicht - immer spielt die Schule eine wichtige Rolle. In einer Session wird das Konzept eines Moduls präsentiert, das als Ergänzung zum konventionellen Politikunterricht fungieren soll. Sich zu einer klaren Frage – Bist du für oder gegen die Todesstrafe in Deutschland? – positionieren, in einem Rollenspiel Argumente kennenlernen, die eigene Meinung äußern, verteidigen und überdenken. Darum geht es in dem Modul. Der Politikbegriff im normalen Unterricht steht in der Kritik: Wie der Bundespräsident gewählt wird oder was das Majorz- vom Proporzwahlrecht unterscheidet, ist für den politischen Alltag der Jugendlichen belanglos. Weitaus wichtiger ist es für sie, sich eine Meinung bilden, sie äußern und auch demokratisch artikulieren zu können. Wer die eigene politische Wirksamkeit nie erfahren hat, ist mit einem höheren Risiko verloren für die demokratische Teilhabe. Und wer sich machtlos fühlt, ist anfälliger für antidemokratische oder populistische Parolen. Auch hier ist Inklusion gefordert.

Nach oben

 

TEILNAHMEBEDINGUNGEN

 

Für die Durchführungen der hier aufgeführten Veranstaltungen sind die folgenden

Teilnahmebedingungen

verbindlich.
Für Bildungsreisen gelten ergänzend die

Teilnahmebedingungen für Bildungsreisen.

 
 
 
 
 

E-Learning

 

Internetprojekte und E-Learningkurse für Schulklassen
www.elearning-politik.de

 
 
 
 
 

Rückblick Veranstaltungen:

 

Demokratie braucht Demokratinnen und Demokraten – und was noch?
Landesnetzwerks politische Bildung mit Prof. Dr. Norbert Lammert (19.11.2014)
Rückblick mit Videomitschnitten