Januar 2012

Portrait Margarete Schütte-Lihotzky © APA, http://oe1.orf.at/programm/269146

Margarete Schütte-Lihotzky - Soziale Architektin – Zeitzeugin eines Jahrhunderts (23. Januar 1897 – 18. Januar 2000)

Architektur und Feminismus?
Für Margarete Schütte-Lihotzky gehörten diese Bereiche zusammen.
Am 23. Januar jährt sich der Geburtstag der unermüdlich engagierten Architektin zum 115. Mal.

Obwohl sie ihr Leben lang tätig war, zahlreiche Projekte und Konzepte von ganzen Stadtteilen und Siedlungen bis zur Innenausstattung unterschiedlicher Einrichtungen vorgelegt hat, erhielt sie in ihrer Heimat Österreich kaum Aufträge und erst spät eine gebührende Anerkennung. Ihr Lebenswerk baut durchgehend auf dem ethischen Fundament auf, den Alltag von Berufstätigen und insbesondere von Frauen zu erleichtern. Sie erstellte international Wohnbau- und Dienstleistungskonzepte, die den Alltagsstress arbeitender Frauen und Männer in industriellen Gesellschaften verringerten.

Margarete Lihotzky kam am 23. Januar 1897 in einer liberal-demokratisch gesinnten Familie in Wien zur Welt. Ihr musikalisch begabter Vater war bis zum Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie Beamter; die kunstinteressierte Mutter arbeitete nach 1918 beim Jugendgericht, ihre ältere Schwester wurde Lehrerin. 

Erste österreichische Architekturabsolventin

Nach dem Abschluss der Bürgerschule erhielt Lihotzky Privatunterricht in Malerei und besuchte die K.K. Graphische Lehr- und Versuchsanstalt; Gustav Klimt, ein naher Freund der Mutter, hatte einen Empfehlungsbrief geschrieben.

In Wien gab es damals drei Möglichkeiten, eine Architekturausbildung zu erhalten: an der traditionsreichen Akademie der bildenden Künste, an der Technischen Hochschule und an der K.K. Kunstgewerbeschule. Die letztere war offener für zeitgemäße und neue Anforderungen des Architektenberufes.

Berühmte Persönlichkeiten wie Josef Hoffmann, Heinrich Tessenow, Anton Hanak und Oskar Kokoschka prägten die einzigartige Atmosphäre an der Kunstgewerbeschule. Nach dem Besuch der Vorbereitungsklasse entschloss sich Lihotzky, Architektin zu werden:

„Nebenan war die Architekturklasse und da habe ich gesehen, wie die Leute arbeiten: dass jeder Millimeter einen Sinn hat, den man zeichnet, dass dann etwas umgesetzt wird, was die tägliche Umgebung des Menschen beeinflusst.“

Aus einem Gespräch zwischen Margarete Schütte-Lihotzky und Chup Friemert, in: Chup Friemert (Hrsg.): Schütte-Lihotzky M.: Erinnerungen aus dem Widerstand. Hamburg 1985

Ihr Wunsch stieß auf Skepsis seitens des Lehrers, Prof. Oskar Strnad und ihrer Familie.

„Nicht weil sie so reaktionär wären, sondern weil sie geglaubt haben, ich werde dabei verhungern, kein Mensch wird sich von einer Frau ein Haus bauen lassen.“(ebd.)

Zu diesem Zeitpunkt - im Jahr 1915 - war noch keine Frau zum Architekturstudium zugelassen, weder an der Akademie in Wien noch an der Technischen Hochschule. Eine absolute Ausnahme stellte die Kunstgewerbeschule dar.

Als die Frage der Frauenerwerbstätigkeit öffentlich diskutiert wurde, sah man die kunstgewerbliche Produktion als eine geeignete Beschäftigung für Frauen. Es ging zunächst um eine Ausbildung und Tätigkeit in der Innenraumgestaltung. Erst mit dem Beginn der Republik wurde eine gesetzliche Grundlage geschaffen, die Frauen eine uneingeschränkte Studienwahl ermöglichte.

Margarete Lihotzky schloss ihr Architekturstudium als erste Frau in Österreich 1919 ab und besuchte danach noch ein Jahr lang Prof. Oskar Strnads Klasse als Hospitantin.
Ihr Lehrer war nach seinen Reisen von der Schlichtheit der englischen und ostasiatischen Bauten beeindruckt und wurde zu einem bedeutenden Theoretiker der Wohnkultur. Aufgrund seiner Impulse besuchte Lihotzky die Arbeiterwohnbezirke in Wien. Dadurch gewann sie einen Blick für die Anforderungen des täglichen Lebens der einfachen Bürgerinnen und Bürger.

„Durch Strnad aber habe ich begriffen, dass Architektur nicht nur äußere Form ist, sondern Inhalt, dass sie gesellschaftliche und wirtschaftliche Grundlagen hat, dass Technik und Material bestimmend sind. Das alles war für mich wie eine Offenbarung.“

in: Noever, Peter (Hrsg.): Margarete Schütte-Lihotzky. Soziale Architektur. Zeitzeugin eines Jahrhunderts. Wien 1996

In Wien gab es damals eine strenge Trennung zwischen bürgerlichen Bezirken und Arbeiterbezirken. Soziales Bauen und Reformen in der Wohnbaupolitik wurden dringend notwendig. Die Analyse des Wohnens aus sozialer Verantwortung begleitete Lihotzkys Werk ihr Leben lang.

Soziales Bauen

Nach ihrem Studium arbeitete sie in verschiedenen Architekturbüros und nahm an zahlreichen Wettbewerben in der Stadtplanung teil. Anfang der zwanziger Jahre wurde Grete Lihotzky durch Adolf Loos in die genossenschaftliche Wiener Siedlerbewegung geworben. Sie hatte Studien für zerlegbare Holzhäuser und Pläne zur Rationalisierung der Haushaltsarbeit gefertigt. Ihr besonderes Anliegen war die Entlastung und Vereinfachung der Haushaltsführung für berufstätige Frauen. Systematisch erarbeitete sie gesamte Wohnkonzepte und standardisierte Kernhäuser, die zur sofortigen Errichtung auf einer Parzelle geeignet waren. Darüber hinaus war Lihotzky für die geeignete Möblierung in der Siedlerbewegung zuständig.


Woinovichgasse 4 in der Werkbundsiedlung Wien © Foto: heardjoin, commons.wikimedia.org, Lizenz: gemeinfrei

Die Atmosphäre rund um das soziale Bauen bewog sie dazu, der Sozialdemokratischen Partei Österreichs beizutreten.

1926 wurde sie durch ihren ehemaligen Kollegen Ernst May, den Leiter des städtischen Wohnbauamtes, nach Frankfurt am Main berufen. Anliegen des dortigen Wohnprogramms war die Trennung von Arbeiten und Wohnen und die Errichtung der ´Licht- Luft- Sonne´- Wohnsiedlungen mit eigenständiger Infrastruktur.

Lihotzky war für die Typisierungsabteilung tätig und für den Bereich der Wohnungsausstattung zuständig. Hier entwickelte sie ihre berühmte arbeitssparende ´Frankfurter Küche´, die originalgetreu nachgebaut im Museum für Angewandte Kunst in Wien ausgestellt ist. Tatsächlich entlastete sie damals die Haushaltsarbeit der berufstätigen Frauen in über 10.000 Wohnungen. Die Entwicklung, die Grete Lihotzky mit ihrem genialen Konzept einleitete, inspiriert Einbauküchen schwedischer und amerikanischer Innenarchitekten bis heute.


Frankfurter Küche von 1926 © Bild aus Zeitschrift 'Das neue Frankfurt' 5/1926-1927 (Bildrechte abgelaufen), www.wikipedia.org, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

In ihrer Tätigkeit entwarf Lihotzky unermüdlich Schul- und Lehrküchen, Kindergärten und -ambulanzen, Zentralwäschereien und Wohnungen für berufstätige Frauen. Sie schlug Generationenhäuser vor und empfahl, darin Wohnungen für Ledige und Familien einzurichten.
Seit 1927 war sie mit dem Architekten Wilhelm Schütte verheiratet. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre wurden die Sozialbauten in Frankfurt am Main gestoppt und Schütte-Lihotzky musste das Hochbauamt wegen Personalkürzungen verlassen.

Arbeiten im Exil

Der frühere Leiter des Hochbauamtes, Ernst May, und sechzehn weitere Architekten, darunter Schütte-Lihotzky sowie ihr Mann nahmen einen Auftrag in Moskau an. Das Team wurde mit der Planung und Erbauung von Siedlungen für 120.000 Menschen in neuen Schwerindustriegebieten um Magnitogorsk beauftragt. Schütte-Lihotzky war für Kindereinrichtungen wie Krippen, Kindergärten und medizinische Einrichtungen zuständig. Sie entwarf weiterhin Kindermöbel, hielt Vorträge und besichtigte Erziehungseinrichtungen in China und Japan.

Die Arbeitsbedingungen in der Sowjetunion unterschieden sich gänzlich von den westeuropäischen. Es gab zu wenig Arbeitskräfte und einen Mangel an Baumaterialien. Ab 1937 litten die ausländischen Experten unter Repressionen: Es wurde von ihnen marxistisches Wissen verlangt. Das Ehepaar Schütte wanderte daraufhin in die Türkei ein, wo bereits mehrere österreichische Widerstandskämpfer und andere westeuropäische Exilanten lebten. Schütte-Lihotzky erhielt Aufträge vom türkischen Unterrichtsministerium in Istanbul und entwarf Frauenschulen und weiterhin Erziehungseinrichtungen.
 
Zunehmend beschäftigte sie sich jedoch mit den bedrückenden politischen Ereignissen 1938 in Deutschland und Österreich. Der Wiener Architekt Herbert Eichholzer organisierte von der Türkei aus einen kommunistischen Widerstand zum Nationalsozialistischen Regime.

Schütte-Lihotzky reiste mit ihm 1940 nach Wien, um direkt vor Ort die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen zu unterstützen. Dort wurde sie von der Gestapo im Januar 1941 festgenommen. Die meisten Verhafteten - des Hochverrats beschuldigt - wurden hingerichtet.

Durch die Unterstützung seitens der türkischen Regierung gelang es Wilhelm Schütte, das Todesurteil für seine Frau in eine Haftstrafe umzuwandeln. Im Frühjahr 1945 wurde sie durch US-Truppen aus dem Zuchthaus in Aichach (Bayern) befreit. Die Heldinnen und Helden des Widerstands beschreibt Schütte-Lihotzky in ihren „Erinnerungen aus dem Widerstand“ (siehe Literatur und Links).

Bauen für eine bessere Welt

Nach dem Krieg erkrankte Schütte-Lihotzky mehrfach an Tuberkulose und verbrachte einige Zeit in Lungenheilstätten in Tirol. 1948, nach der Rückkehr in die Hauptstadt, begann ihre Mitarbeit an einem fachübergreifenden Projekt für Kinderbetreuung.

Die Stadt Wien erkannte die hervorragende und erfahrene Architektin nicht an – trotz der Kriegszerstörungen erhielt sie lediglich eine Ziviltechnikerbefugnis, was einem Berufsverbot gleichkommt.

Viele Jahre lang reiste sie und arbeitete für andere Länder, z.B. die Niederlande Bulgarien, DDR und Kuba. Sie publizierte viel über ihre Spezialgebiete: Erziehungseinrichtungen und soziale Wohnbauten, die eine arbeitssparende Haushaltsführung ermöglichten. Dazu hielt sie international zahlreiche Vorträge.

In Wien durfte sie lediglich zwei städtische Kindergärten, zwei weitere kommunale Wohnbauten und drei Denkmäler für Opfer des Faschismus errichten.

In den Jahren 1948 bis 1969 war sie Präsidentin, später Ehrenpräsidentin des Bundes Demokratischer Frauen Österreichs. Als Frauenrechtlerin war sie international anerkannt für ihre Wertvorstellungen und ästhetischen Lösungen für erschwingliche Inneneinrichtungen und ganze Siedlungen.

Erst mit Beginn der 80er Jahre erhielt sie zunehmend Ehrungen, u.a.1980 den Preis der Stadt Wien für Architektur, 1985 die Medaille der Technischen Universität Wien, 1989 und 1991 Ehrendoktorate der Universitäten Graz und Wien.

1987 wurde sie Ehrenmitglied der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien und der Hochschule der Bildenden Künste in Hamburg. 1989 erhielt sie in Amsterdam den Preis der „Stichting IKEA Foundation“ für ihr Lebenswerk und 1993 das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst der österreichischen Regierung. Gleichzeitig wurde ihre Werkausstellung unter dem Titel „Margarete Schütte-Lihotzky. Soziale Architektur. Zeitzeugin eines Jahrhunderts“ im Wiener Museum für Angewandte Kunst gezeigt.

In seiner Festansprache anlässlich der Würdigung  von Schütte-Lihotzky als der ersten Frau mit dem Titel ´Doktor honoris causa´ der Technischen Universität Wien stellte der zuständige Dekan die Frage, ob diese Ehrung nicht früher hätte stattfinden können. – In einem Text von Andre Heller heißt es: In Wien muaßt erst sterben, damit`st leben kannst, aber dann lebst lang.

„Margarete Schütte-Lihotzky hat einen anderen Weg gewählt, diese Wiener Eigenheit zu überlisten - sie wurde über 100 Jahre alt und war bei eigenem Nachruhm anwesend.“

Huemer, Peter, im Vorwort zu: Erinnerungen aus dem Widerstand. Wien 1994, S. 13.

Januar 2012 (Agnieszka Garves)


Weiterführende Literatur:
  • Noever, Peter (Hrsg.): Margarete Schütte-Lihotzky. Soziale Architektur. Zeitzeugin eines Jahrhunderts. Wien 1996.
  • Nierhaus, Irene (Hrsg.): Schütte-Lihotzky M. Erinnerungen aus dem Widerstand.
    Das kämpferische Leben einer Architektin von 1938-1945. Wien 1994.
Weiterführende Links:



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