Juli 2011

Porträt Hannah Senesh ©The Jewish Magazine
Porträt Hannah Senesh ©The Jewish Magazine
Hannah Senesh – Ungarisch-jüdische Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus

Am 17. Juli 2011 hätte Hannah Senesh ihren 90sten Geburtstag feiern können. Nur wenige Wochen vor ihr wurde Sophie Scholl geboren, die weltweit bekannteste Widerständlerin gegen den Nationalsozialismus.

Beide jungen Frauen setzten ihr Leben im Kampf gegen die Hitler-Diktatur ein und beide starben, von den Nationalsozialisten ermordet, im Alter von 23 bzw. 21 Jahren.
Aber anders als Sophie Scholl, an die in der Bundesrepublik viel erinnert wird – und die oft dazu gebraucht wird, das deutsche Gewissen zu entlasten –, ist die ungarische Jüdin Hannah Senesh noch immer viel zu unbekannt.

„Hannah ist dem Gedächtnis ihres Volkes heilig. Für eine ganze Generation wurde sie zum Symbol unendlichen Martyriums. Das persönliche Symbol war notwendig, denn der Verlust, den das jüdische Volk erlitten hat, ist in der Dimension von sechs Millionen ganz unfassbar. Er kann eher ermessen werden, wenn er in einem einzigen Leben und Sterben zusammengefasst erscheint.

Abba Ebban (ursprünglich: Aubrey Solomon Eban, * 2. Februar 1915 in Kapstadt, Südafrika; † 17. November 2002 in Tel Aviv) war ein israelischer Diplomat, Minister und Abgeordneter der Knesset.

Katharina Szénes in Budapest geboren, wo sie mit Eltern und Bruder György aufwächst. Ihr Vater stirbt, als sie sechs Jahre alt ist. Als brillante Schülerin kommt Hannah auf eine protestantische private Mädchenschule, in der Jüdinnen das doppelte Schulgeld zahlen müssen.

Kinderbild Hannah Senesh und ihr Bruder: © /commons.wikimedia.org, PikiWiki - Israel free image collection project

Kinderbild Hannah Senesh und ihr Bruder

Mit 13 Jahren beginnt Hanna Senesh damit, Tagebuch zu schreiben. Das heute noch  komplett erhaltene Werk ist ein Zeugnis ihres Lebens, ihrer Gedanken und Träume, Entscheidungen und Kämpfe. Hannahs großer Berufswunsch ist Schriftstellerin: “Ich bin so glücklich. Ich habe Mutter eins von meinen Gedichten vorgelesen ... und es hat ihr sehr gefallen. Vielleicht kann ich ja doch Schriftstellerin werden. Aber es schreiben so viele!”

Die Erfahrung der zunehmenden Diskriminierung der jüdischen Minderheit in Ungarn bringt Hanna dazu, sich einer zionistischen Jugendorganisation anzuschließen und die Auswanderung nach Palästina zu planen.

''Heute ist mein Geburtstag und ich bin achtzehn. Eine Idee, die mich ohne Unterlass beschäftigt, ist Eretz Israel. Es gibt einfach nur einen Ort auf der Welt, wo wir keine Flüchtlinge, keine Emigranten sind, sondern wo wir in die Heimat zurückkehren: Israel.'' (17. Juli 1939)

Auszug aus dem Tagebuch von Hannah Senesh

Im Alter von 18 Jahren übersiedelt Hannah Senesh nach ihrem Schulabschluss und kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 in das damals britisch verwaltete Palästina. Dort besucht sie die Landwirtschaftliche Schule für Mädchen in Nahalal und arbeitet ab 1941 im Kibbuz Sdot Yam.

Wenig später schließt Hannah sich der Haganah an, einer 1920 in Palästina gegründeten jüdischen Militärorganisation, die der Selbstverteidigung von Siedlungen und Kibbuzim in Palästina diente. Nachdem aus Europa immer mehr Informationen über die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung nach Palästina durchsickern, meldet Hannah sich 1943 bei der Britschen Armee zum freiwilligen Kriegsinsatz. Sie wird Mitglied der „Woman’s Auxiliary Air Force“ und beginnt mit dem Fallschirm-Training.

Hannah Senesh in Uniform: © http://en.wikipedia.org/wiki/Hannah_Szenes

Hannah Senesh in Uniform

Am 13. März 1944 springen über zwanzig aus Palästina kommende jüdische Angehörige der britischen Armee mit dem Fallschirm über dem besetzten Jugoslawien ab. Hannah Senesh ist die einzige Frau in der Gruppe. Von Brindisi (Italien) aus gestartet, hatten sie den Auftrag, alliierte Piloten zu befreien, die hinter den feindlichen Linien abgeschossen worden waren. Nach Erledigung dieser Mission sollten sie ihr eigentliches Ziel umsetzen: vom Untergrund aus verfolgte jüdische Menschen vor dem Transport in deutsche Vernichtungslager zu retten. Mehr als eine Million jüdische Männer, Frauen und Kinder, so vermutete man damals, lebten noch in Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei.

Kurz nach dem Überqueren der Grenze ihrer ersten Heimat wird Hannah Senesh am 13. Mai 1944 von der ungarischen Polizei verhaftet. Nach ihrer Überstellung an die Gestapo wird sie zu Verhören nach Budapest gebracht. Hannahe wird gefoltert, verrät aber auch dann nichts über ihre Widerstandsgruppe, als man ihre Mutter verhaftet und ihr droht, sie vor ihren Augen zu foltern und zu töten.

Hannahs Festigkeit rettet vermutlich ihrer Mutter das Leben – hätte sie nachgegeben, wäre sie vermutlich sofort exekutiert und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert worden.

Im Gefängnis versucht Hannah Kontakt mit anderen jüdischen Gefangenen aufzunehmen und sie zum Durchhalten zu ermutigen. Ende Oktober 1944 wird sie nach mehrmonatiger Haft in Budapest vor ein Militärgericht gestellt. Ohne dass ein Todesurteil ausgesprochen worden war, wird Hannah Senesh am 7. November 1944, sechs Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Barbarei, hingerichtet. Sie wird nur 23 Jahre alt.

Das Tagebuch mit Liedern und Gedichten, das Hannah Senesh im Gefängnis bis zum letzten Tag ihres Lebens geführt hat, wird 1946 auf Hebräisch veröffentlicht.

Im Jahr 2004 erscheint es in englischer Sprache. So wurde aus Hannah Senesh doch noch eine Schriftstellerin.

Tagebuch Hannah Senesh: © www.buch.ch

Tagebuch Hannah Senesh

1950 werden die sterblichen Überreste Hannah Seneshs nach Israel gebracht und am Mount Herzl in Jerusalem bestattet. In ihrer zweiten Heimat wird sie als “Jeanne d’Arc Israels” verehrt, mehrere Straßen, ein Kibbuz und eine Stiftung tragen ihren Namen. In Brooklyn/New York wurde eine Schule nach Hannah Senesh benannt.

Juli 2011 (Beate Dörr und Luise F. Pusch)


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