Juli 2012

Marie de Gournay © Wikimedia Commons, Gemeinfrei

Marie le Jars de Gournay – Frühfeministin der Renaissance

Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes geht uns heute ganz selbstverständlich über die Lippen.Um welche Errungenschaft es sich wirklich handelt, zeigt sich besonders deutlich am Leben der Frühfeministin Marie le Jars de Gorunay. Am 13. Juli jährt sich der Todestag dieser bedeutenden Vorkämpferin der Idee der Gleichheit zwischen Männern und Frauen bereits zum 367. Mal.

De Gournay wird am 6. Oktober 1565 in Paris in eine Zeit geboren, in der die Begriffe Gleichstellung oder Gleichberechtigung völlig befremdlich klingen und in der das Wort „Feminismus“ noch gar nicht existiert: Die Renaissance ist nicht nur das Zeitalter der großen Entdeckungen und Erfindungen.


Hexenhinrichtung: Jacob Truchsess von der Scheer zu Waldsee (?) liess am 10. Juni 1587 21 Hexen, am 11. Juni 9 und tags darauf nochmals 8 Hexen in "einem Brand" hinrichten. Abbildung aus der Wickiana (Sammlung des Johann Jakob Wick, Zentralbibliothek Zürich) © Wikimedia Commons, Gemeinfrei

Es ist genauso eine Epoche der Inquisition und der vor allem gegen den weiblichen Teil der Gesellschaft gerichteten Hexenverbrennung. Selbst zu Beginn der Moderne bedarf die Rechtsungleichheit zwischen Männern und Frauen keiner weiteren Begründung und oft wird die „Unvollkommenheit“ des weiblichen Geschlechts betont. So schreibt der französische Humanist François Rabelais:

„Sag ich Weib so meine ich ein so gebrechlich, unbeständig, wandelbar und unvollkommenes Geschlecht, dass die Natur mir (…) von jedem richtigen Verstand, womit alles formiert und erschaffen, sich verirrt zu haben scheint, als sie das Weib erfand. Und wenn ichs hundert und hundert Mal bedenk, komm ich auf keinen andern Schluss, als dass sie mit der Erschaffung des Weibes mehr auf des Mannes gesellige Lust und Mehrung des Geschlechts bedacht war, denn auf die Vollkommenheit des Weibs in sich selbst.“

François Rabelais 1524, entnommen aus: Rauschenbach S.33

Derartige Hasstiraden gegen Frauen sind in der anbrechenden Neuzeit keineswegs eine Seltenheit. Die Frau wird von einem großen Teil der Männerwelt, gerade auch Seitens der Gelehrten und der Wissenschaft als ein vom Verstand völlig losgelöstes Wesen betrachtet. Umso bemerkenswerter ist, dass es zur selben Zeit bereits Frauen und Männer gibt, die die Gleichheit der Geschlechter verteidigen und proklamieren. – unter ihnen Marie de Gournay.

Plutarch und die Stoiker als Lesestoff

Das Mädchen wächst in einer einfachen aristokratischen Familie Frankreichs auf. Die Mutter entstammt einer Juristenfamilie, der Vater dem Adel und die Eltern besitzen eine kleine hauseigene Bibliothek. Hier vertreibt sich die junge Marie de Gournay gerne die Zeit und entdeckt bald ihr liebstes Hobby: das Lesen.

Mit Begeisterung verschlingt de Gournay bereits als Heranwachsende alle Klassiker, die sich in den heimischen Regalen finden lassen und entwickelt dabei eine besondere Vorliebe für Plutarch und andere stoische Autoren. Ihre Bildung bekommt Marie le Jars de Gournay von Hause aus nicht etwa auf dem Silbertablett serviert. Daran ist in dieser Zeit auch gar nicht zu denken. Denn schließlich ist Marie Le Jars de Gournay - eine Frau!

Auf eigene Faust eignet sie sich all ihr Wissen selber an. Indem sie die klassischen Originaltexte mit den französischen Übersetzungen vergleicht, bringt sich die Autodidaktin sogar selbst Latein bei.

Michel de Montaigne: Eine Freundschaft der besonderen Art

Eines Tages geraten Marie le Jars de Gournay die Schriften des berühmten französischen Philosophen Michel de Montaigne in die Hände. Insbesondere von den Essais, de Montaignes bekanntesten Schriften, in denen er den Wert konkreter Erfahrung und unabhängigen Urteilens als Ziele der Bildung junger Menschen betont, ist de Gournay fasziniert.


Michel Eyquem de Montaigne-Delecroix (1533–1592),
© Wikimedia Commons, Gemeinfrei

Die Essais beinhalten auch eine selbstkritisch neue Bewertung des Geschlechterverhältnisses. Im Verhalten der Frauen sieht de Montaigne die Folgen einer von Doppelmoral geprägten weiblichen Erziehung in einer von Männern beherrschten Gesellschaft.

Lesen allein genügt der jungen Frau bald nicht mehr: Sie verspürt den dringlichen Wunsch diesen Mann kennenzulernen, schreibt Montaigne, und 1588 kommt es tatsächlich zu einem ersten persönlichen Treffen in Paris. Zwischen den beiden entwickelt sich eine lebenslange, tiefe Freundschaft und bald veröffentlicht de Gournay ein Buch, in dem sie sich mit Montaignes Schriften auseinandersetzt. Nach seinem Tod 1594 wird sie zur Verwalterin des literarischen Nachlasses des Philosophen.

Übersetzerin klassischer Texte

De Gournay eifert nicht nur Montaigne und seinen Ideen hinterher, sie beginnt auch damit, Klassiker zu übersetzen und entwickelt eine eigene Moralphilosophie. De Gournay sticht besonders hervor als einzige Frau ihrer Zeit, die ihr Geld durch Schreiben, Übersetzen und das Herausgeben von Publikationen verdienen kann.

1591 zieht sie an den Hof Heinrich des IV. in Paris und erhält dort eine kleine Pension. Ihre Übersetzungen bringen der jungen Frau eine gewisse Reputation als Altphilologin ein.

Die Feministin Marie de Gournay: Publizistin für die Gleichberechtigung

Portrait Marie de Gournay © Wikimedia Commons, Gemeinfrei

Schon dass eine Frau im 16. Jahrhundert einer wissenschaftlichen Tätigkeit nachgeht, ist mehr als bemerkenswert. Zwei ihrer Schriften ist es jedoch zu verdanken, dass Marie de Gournay nach ihrem Tod als Frühfeministin in die Geschichte eingehen wird: den 1622 und 1626 veröffentlichten Werken Die Gleichheit zwischen Männern und Frauen und Die Beschwerden der Frauen. In letztgenanntem Werk beklagt sie:

„Gesegnet sind Sie Leser, wenn Sie nicht dem Geschlecht angehören, dem man alle Güter verbietet und ihnen damit jede Freiheit entzieht. Man verwehrt ihnen fast alles: Alle Vorzüge und öffentlichen Ämter, alle Titel und Verantwortlichkeiten. Kurz: Mit dieser verlorenen Freiheit nimmt man diesem Geschlecht alle Macht und die Möglichkeit, Macht durch den Gebrauch der Freiheit auszuüben, verschwindet. Was diesem Geschlecht bleibt, sind die unübertrefflichen und einzigartigen Werte der Ignoranz und der Fähigkeit, den Narren zu spielen, wenn dieses Spiel ein Vergnügen bereitet.“

Marie le Jars de Gournay: Die Beschwerden der Frauen, Entnommen aus: Interner Encyclopedia of Philosophy, Conley John J: Marie la Jars de Gournay.  www.iep.utm.edu/gournay/

Mit dieser und ähnlichen Aussagen bringt Marie de Gournay als eine der ersten Frauen ihrer Zeit die gesellschaftliche Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern besonders plastisch zum Ausdruck. In Die Beschwerden der Frauen kritisiert de Gournay insbesondere die frauenfeindliche Literatur. „Die Männer haben ein klareres Bild ihres Bartes als ihres Verstandes vor Augen“, schreibt sie an einer Stelle. Denn um von der Anerkennung der Massen und Selbstachtung zu gewinnen, sowie die eigene Reputation aufzubessern, gebe es nichts Leichteres, als eine arme, verrückte Frau zum Gespött zu machen.

Die Gleichheit zwischen Männern und Frauen

Wie sehr Marie le Jars de Gournay von der absoluten Ebenbürtigkeit der Geschlechter  überzeugt ist, kommt in "Die Gleichheit zwischen Männern und Frauen" besonders deutlich zum Ausdruck, ein Werk, das de Gournay im Alter von 57 Jahren veröffentlicht.

Sie setzt den Patriarchen in der Gesellschaft argumentativ einiges entgegen: Frauen haben im Laufe der Geschichte weniger kulturelle Errungenschaften geleistet als Männer? Stimmt, aber das ist, so de Gournay, allein ihrer weitaus schlechteren Bildung geschuldet. Würde man allen Mitgliedern der Gesellschaft den gleichen Zugang zu dem hohen Gut der Bildung verschaffen, dann könne auch diese Ungleichheit nicht mehr lange Bestand haben.

Das Studium der Klassiker hilft Marie le Jars de Gournay immens bei ihrer Argumentation:

„In seinem Idealstaat räumt Platon, dem niemand einen göttlichen Titel absprechen würde, ihnen [den Frauen] die exakt gleichen Rechte, Verpflichtungen und Funktionen ein wie den Männern. “

Marie le Jars de Gournay, Entnommen aus: Internet Encyclopedia of Philosophy, Conley John J: Marie la Jars de Gournay.
www.iep.utm.edu/gournay/

De Gournay hebt darüber hinaus zahlreiche andere philosophische und geistliche Autoritäten wie Cicero, Plutarch oder Erasmus hervor, die sich an verschiedenen Stellen ihrer Werke zum Thema Geschlechtergerechtigkeit geäußert haben und betont die Errungenschaften der Frauen selbst, die gezeigt haben, dass allein Vorurteile die irrationale Verunglimpfung von Frauen hervorgerufen haben, die dem allgemeinen Credo der damaligen Gesellschaft entspricht.

Die intellektuelle Fähigkeit des weiblichen Geschlechts untermauert de Gournay, indem sie die Errungenschaften von Frauen wie Sappho, Hypatia von Alexandrien oder Katharina von Siena hervorhebt. De Gournay betont ebenfalls, wie stark Frauen im biblischen Kontext mitgewirkt haben als Prophetinnen und Verfasserinnen von Bibeltexten, und denen doch viel zu wenig Beachtung geschenkt wurde.

Wahrnehmung in der Gesellschaft: Ihrer Zeit weit voraus

Wie wird die emanzipierte Frau, die sich zeitlebens weigert zu heiraten, in einem so unemanzipierten gesellschaftlichen Umfeld wie dem der Renaissance wahrgenommen? Zwar wird die für eine Frau höchst unübliche Rolle als Publizistin, Übersetzerin und Wissenschaftlerin oft belächelt. Da sie jedoch über eine große sachliche Kompetenz verfügt, bringen Marie le Jars de Gournay ihre Moralphilosophie, ihre Übersetzungen und gesellschaftlichen Schriften durchaus Anerkennung.

Als sie jedoch Die Gleichheit zwischen Männern und Frauen publiziert, reagiert ihr Umfeld mit verächtlichem Schweigen. Mittlerweile als „alte Jungfer“ bezeichnet, wird sie zur Zielscheibe von Hohn, Spott und Satire.

Marie le Jars de Gournay ist in ihrem Leben und Wirken ihrer Zeit weit voraus. Doch die ungeschriebenen Regeln dieser Epoche,. die Frauen den Zugang zum öffentlichen Leben verwehren, bleiben hartnäckig bestehen.

Am 13. Juli 1645, im Alter von 89 Jahren, stirbt Marie le Jars de Gournay. In den folgenden Jahrhunderten geraten ihre Werke weitgehend in Vergessenheit und finden erst wieder mit dem Aufkommen feministischer Bewegungen im 20. Jahrhundert Beachtung.

Juli 2012 (Miriam Schlasza)



Weiterführende Literatur:

  • Hellmann, Richard und Quensell, Carlotte (Hrsg):
    Marie le Jars de Gournay: Apoogy for the woman writing and other works
    Chicago und London: Chicago University Press, 2002
    Sammelband mit übersetzten Originaltexten, der auch Die Gleichheit zwischen Männern und Frauen und Die Beschwerden der Frauen enthält; auf Englisch
  • Rauschenbach, Brigitte: Der Traum und sein Schatten: Marie de Gournay und ihre Zeit – Frühfeministin und geistige Verbündete Montaignes
    Königsstein (Taunus), Ulrike Helmer Verlag: 2000
  Weiterführende Links:

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