Mai 2011

Bertha Pappenheim in ihrer Wiener Jungmädchenzeit, 1880
Bertha Pappenheim in ihrer Wiener Jungmädchenzeit, 1880
Bertha Pappenheim – Zwischen traditionellem Judentum und Frauenemanzipation

Vor 75 Jahren, im Mai 1936, ist die bekannte Frauenrechtlerin, Pionierin der sozialen Arbeit und Gründerin des Jüdischen Frauenbunds Bertha Pappenheim gestorben. Ihr Leben war geprägt vom Einsatz gegen die gesellschaftliche Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen, im Besonderen kämpfte sie gegen Mädchen- und Frauenhandel.

„[F]ür die Majorität der jüdischen Frauen bringt die intensive Beschäftigung mit den Menschheitsaufgaben, die uns die Frauenbewegung als letztes und alle Konfessionen einigendes Ziel bringt, so viel Charakterstärke und wahren Persönlichkeitsmut, daß auch die Frau innerhalb ihrer religiösen und Stammesgenossenschaft ihre hohen Aufgaben neu erkennen lernt und sie den Mut finden läßt, sich zu ihr zu bekennen.“

Bertha Pappenheim in "Die Frau im kirchlichen und religiösen Leben", 1912 

Im Jahr 1859 in Wien geboren, entstammte Bertha Pappenheim einer jüdisch- orthodoxen Familie des Großbürgertums. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr besuchte sie eine private katholische Schule, da es in Wien keine jüdische Mädchenschule gab.
Bertha Pappenheim war äußerst sprachbegabt, genoss aber – ihrem sozialen Status entsprechend – keine weitere formale Bildung, sondern wurde auf ein Leben als Ehefrau vorbereitet.

Als Patientin des Arztes Dr. Josef Breuer war sie für die Entwicklung der Psychoanalyse bedeutend. Sigmund Freud veröffentlichte 1895 gemeinsam mit Breuer die "Studien über Hysterie", worin auch Pappenheims Krankheitsgeschichte vorgestellt wird.

Bertha Pappenheim während ihres Aufenthalts im Sanatorium Bellevue 1882Freud zufolge war Bertha Pappenheim durch ihre aktive Mitarbeit bei der Therapie die „eigentliche Entdeckerin der Psychoanalyse“. Erst in den 1950er Jahren wurde Bertha Pappenheim posthum als wahre Patientin hinter dem "Fall Anna O." identifiziert. In Behandlung genommen hatte Breuer die junge Bertha Pappenheim wegen "hysterischer" Symptome, unter denen sie mehrere Jahre litt. Sie selbst bezeichnete die Flucht aus dem monotonen Dasein einer ‚höheren Tochter’ als „Privattheater“.

Viel bedeutender als für die Psychoanalyse aber waren Pappenheims Errungenschaften in der sozialen Arbeit:
1888 begann ihr Engagement in der jüdischen Wohlfahrt in Frankfurt am Main, wohin sie gemeinsam mit ihrer verwitweten Mutter gezogen war.
Zunehmend beschäftigte sie sich mit Frauenfragen und der deutschen Frauenbewegung, zu deren gemäßigtem Flügel sie zeitlebens gehören würde.

1895 wurde Bertha Pappenheim Leiterin eines jüdischen Mädchen-Waisenhauses. Nach der Jahrhundertwende gründete sie den Verein „Weibliche Fürsorge“ und unterstützte dort vor allem aus Osteuropa geflüchtete junge Frauen. Durch Reisen nach Osteuropa und auf dem Balkan, aber auch durch ihre Unterstützung von Flüchtlingen in Frankfurt wusste Berta Pappenheim um die Gefährdung der Jüdinnen aus diesen Ländern. Aktiv setzte sie sich gegen Mädchenhändler ein.

„Wenn wir den Lebenslauf dieser Frauen kennen, ihre Jugend, ihre Psyche, dann werden wir verstehen, was sie so weit brachte, Prostituierte zu werden. Dann werden wir in vielen Fällen zugeben müssen, dass von einer Freiwilligkeit im Sinne eines freien Entschlusses nicht die Rede sein kann.“

Bertha Pappenheim zu Mädchenhandel und Prostitution

 

1904 rief Bertha Pappenheim den Jüdischen Frauenbund (JFB) als Dachverband aller bestehenden jüdischen Frauenvereine in Deutschland ins Leben und war in den folgenden Jahren dessen Vorsitzende und Delegierte bei vielen internationalen Frauenkongressen.

1907 gründete Pappenheim ein Heim für gefährdete Mädchen und nichtverheiratete Mütter in Neu-Isenburg bei Frankfurt und leitete es bis zu ihrem Tod.

Neben ihrer praktischen Arbeit in Vereinen und Wohlfahrtsorganisationen vor Ort verfasste Bertha Pappenheim zahllose Texte, vor allem gegen Prostitution und Mädchenhandel, die sie als "weiße Sklaverei" bezeichnete.

Bertha Pappenheim im Kostüm der Glikl bas Judah LeibIhr wichtiges Buch "Sisyphus – gegen den Mädchenhandel" wurde 1924 veröffentlicht. Daneben publizierte sie Kindergeschichten, Übersetzungen der Frauenbibel Zena und Rena und beliebte Hausbücher jüdischer Autorinnen aus dem Spätmittelalter.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 hoffte Bertha Pappenheim zunächst auf ein baldiges Ende des Dritten Reiches. Als sich die Lebenssituation von Jüdinnen und Juden in Deutschland jedoch zunehmend verschlechterte, gelang es ihr, einige Heimbewohnerinnen in England und Schottland unterzubringen. Sie selbst erkrankte Mitte der 1930er Jahre schwer. 1936 wurde sie von der Gestapo verhört, konnte deren Verdachtsmomente aber zerstreuen. Wenig später, am 28. Mai 1936, starb Bertha Pappenheim im Alter von 77 Jahren in Neu-Isenburg.

Die besondere Bedeutung Bertha Pappenheims ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass sie Ende des 19. Jahrhunderts zu den ersten Frauen gehörte, die nicht nur reine "Wohlfahrtsdamen" waren, sondern ihre Vorstellungen und Formen sozialer Arbeit systematisierten und damit die soziale Arbeit bis heute prägen.

Mai 2011 (Johanna Thumm)


Weiterführende Links:

Reisebericht von Bertha Pappenheim "Zur Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien. Reise-Eindrücke und Vorschläge zur Besserung der Verhältnisse"

Online-Gedenkbuch der Stadt Neu-Isenburg zu Ehren der Frauen und Kinder, die im Neu-Isenburger Heim des Jüdischen Frauenbundes lebten

Biographie von Bertha Pappenheim auf der Seite des Jewish Women’s Archive (englisch)

Artikel zu Bertha Pappenheim im Buch „Wegbereiterinnen der modernen Sozialarbeit“

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