November 2011

Porträt von Minna Cauer um 1912 © Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel
Minna Cauer (1841-1922) – Pionierin der politischen Beteiligung von Frauen

Am 1. November 2011 jährt sich der Geburtstag der Frauenrechtlerin, Pädagogin und Publizistin Minna Cauer zum 170. Mal.

Als Wilhelmine Theodore Marie Schelle wird sie am 1.11.1841 in Freyenstein (Brandenburg) in eine Pfarrersfamilie hineingeboren. Wie andere bürgerliche Mädchen, besucht Minna die Höhere Töchterschule, darf jedoch keinen Beruf erlernen. Nach dem Schulabschluss arbeitet sie als Haustochter und heiratet im Alter von 21 Jahren den Arzt August Latze.

Vom Kriegseinsatz in Dänemark kehrt dieser körperlich und seelisch krank zurück und stirbt bereits nach 4jähriger Ehe. Kurz darauf stirbt auch der gemeinsame Sohn.

Die junge Witwe absolviert nun das einjährige Lehrerinnen-Seminar in Berlin und  unterrichtet 1868 ein Jahr lang die Töchter wohlhabender Familien in Paris. Zurück in Deutschland übernimmt sie eine Lehrerinnenstelle an einer westfälischen Mädchenschule und lernt dort Eduard Cauer kennen.

1869 heiratet das Paar und zieht gemeinsam nach Berlin, wo Eduard Cauer Stadtschulrat wird. Der engagierte liberale Politiker und Pädagoge betrachtet seine Gattin als gleichberechtigte Partnerin und ermutigt sie, sich mit historischen Frauenfragen zu befassen.

Im Alter von 40 Jahren verwitwet Minna Cauer erneut. Nun wendet sie sich mit großem Einsatz der Frauenfrage zu. In der „Vossischen Zeitung“ erscheinen Frauenbiografien aus ihrer Feder – freilich ohne Nennung der Autorin.

1898 veröffentlicht Minna Cauer, die weder Gymnasium noch Universität besuchen konnte, ihr auf eigenen Forschungen beruhendes Werk „Die Frau im 19. Jahrhundert“. Minna Cauer wird aber nicht nur theoretisch und publizistisch aktiv, sondern engagiert sich auch ganz praktisch in Frauenbewegung und –politik.

Mehr Bildung für Frauen und Mädchen

Wie stark Mädchen und Frauen im 19. Jahrhundert in Sachen Bildung benachteiligt werden, hat Minna Cauer am eigenen Leib erfahren. Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen sind Mangelware, Aufstiegsmöglichkeiten fehlen. Gleichzeitig wird das Familienmodell „Vater-Ernährer und Mutter-Hausfrau“ immer brüchiger und die Notwendigkeit neuer Berufswege für Frauen steigt.


Minna Cauer mit Buch © Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel

Vor diesem Hintergrund richtet Minna Cauer ab 1889 zusammen mit Helene Lange, der Protagonistin der gemäßigten bürgerlichen Frauenbewegung, Realkurse für Frauen ein, die die höhere Mädchenschule absolviert haben. Sie haben hier die Möglichkeit, in 2 Jahren eine allgemeine Bildungsgrundlage für praktische Berufe oder für die Immatrikulation an einer Schweizer Universität zu erlangen – im Deutschen Reich ist Frauen damals das Studium noch verboten. Im Zentrum der Kurse stehen Naturwissenschaften und Mathematik, daneben Latein, moderne Sprachen, Geschichte und Wirtschaftslehre. Die Nachfrage seitens wissensdurstiger Frauen wächst stetig an, so dass die Realkurse 1893 in Gymnasialkurse umgewandelt und aufgewertet werden. Von gleichberechtigten Bildungsmöglichkeiten für Mädchen ist jedoch noch immer nicht die Rede.

Erwerbsarbeit für Frauen

Zur Verbesserung der Lebenssituation von Frauen gründet Minna Cauer zahlreiche Vereine und Initiativen oder ist in deren Vorstand aktiv. Bereits 1889 ruft sie den „Kaufmännischen Hilfsverein“ für weibliche Angestellte ins Leben, dessen Vorsitz sie bis 1903 innehat. Einer Gewerkschaft ähnlich bietet der Verein Frauen unentgeltlich Rechtsschutz und Beratung bei Problemen mit Arbeitgebern – und zählt bald 10.000 Mitglieder.

Der 1890 gegründete „Allgemeine Deutsche Lehrerinnenverein“ entwickelt sich von einer Selbsthilfeorganisation mit Berufsberatung, Stellenvermittlung und Krankenkasse zur Dachorganisation der Lehrerinnenvereine im Deutschen Reich. Auch seine Mitgliedszahlen sind beeindruckend: um 1905 gehören ihm rund 20.000 Lehrerinnen an.

Frauenstimmrechtsbewegung

Wenn die Frauenbewegung um die Jahrhundertwende in Deutschland toleriert bzw. akzeptiert wird, dann vor allem deren gemäßigt-soziale ‚Seite’. Zu tief verwurzelt scheint die Unvereinbarkeit von ‚Weiblichkeit’ und Politik, zu unüberwindbar scheinen die Widerstände seitens fast aller Parteien und konfessionellen Organisationen.

Für Minna Cauer sind politische Beteiligung und das Wahlrecht für Frauen jedoch Bedingungen für die gesetzliche Gleichstellung der Geschlechter und dafür engagiert sie sich mit aller Kraft.

1888 gründet Cauer in Berlin den „Verein Frauenwohl“, den sie bis 1919 leitet. Er will „die Ideen der Frauenbewegung propagieren“, „umwälzend wirken“ und „den Kampf ums Recht der Frauen auf allen Gebieten und mit allem Nachdruck führen.“ Als erste Organisation fordert der „Verein Frauenwohl“ uneingeschränkte politische Rechte für Frauen und lehnt die (von der gemäßigten bürgerlichen Frauenbewegung propagierte) „natürliche Bestimmung“ der Geschlechter ab.

Damit ist Minna Cauers Position in der Frauenbewegung klar: sie gehört zu den „Radikalen“, die  für die Gleichberechtigung von Frauen auf allen Ebenen streiten.
1896 organisiert sie mit Hedwig Dohm und weiteren Gleichgesinnten den „Internationalen Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen“ in Berlin.


Frauen der radikalen Frauenbewegung um 1894: Anita Augspurg, Marie Stritt, Lily von Gizycki, Minna Cauer, Sophia Goudstikker (v.l.n.r.) Aufnahme Atelier Elvira

Ganz zentral ist Cauers Engagement für das Frauenstimmrecht: Im Jahr 1902 gründet sie gemeinsam mit Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann und anderen radikalen Frauenbewegten den „Deutschen Verein für Frauenstimmrecht“ und wird dessen Vorsitzende.

Ermutigt durch Ideen des „Internationalen Frauenstimmrechtskongresses“ in Washington 1902 machen sich die deutschen Aktivistinnen mit verschiedenen Kampagnen für das Frauenstimmrecht stark – in einer Zeit, in der die staatliche Obrigkeit das politische Engagement von Frauen erst langsam überhaupt erlaubt.

„Die Frauenbewegung“ und andere Publikationen

Im gesamten Deutschen Reich hält Minna Cauer Vorträge und veröffentlicht Artikel und Aufsätze, um mehr Menschen für ihre politischen Ziele zu gewinnen.

Für den Verein „Frauenwohl“ gibt sie zunächst die gleichnamige Zeitschrift heraus. 1895 gründet sie die Zeitschrift „Die Frauenbewegung“, bald wichtigstes Organ im Kampf um das Frauenstimmrecht. Die vielgelesene Zeitschrift, die alle wichtigen feministischen Themen behandelt, wird zum Sprachrohr der radikalen Frauenbewegung. Über 25 Jahre lang publiziert und gestaltet Minna Cauer „Die Frauenbewegung“ unter persönlichen und finanziellen Opfern.

Nachdem ein großes Etappenziel erreicht ist und Frauen im November 1918 das allgemeine Wahlrecht zugestanden wird, stellt sie 1919 die Zeitschrift ein: 

„Meine Aufgabe innerhalb der Frauenbewegung halte ich für erfüllt, da das Bürgerrecht der Frau den Frauen gegeben worden ist.

(Minna Cauer in „Die Frauenbewegung“ (1919), zit. n. www.haraldfischerverlag.de/hfv/HQ/hq10.php)


Sittlichkeitsfrage und „Neue Ethik“

Auch in ganz anderen Politikfeldern wird Minna Cauer aktiv. Das Thema ‚Weibliche Sexualität’ wird an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vor allem im Kontext der Prostitution betrachtet.

Fortschrittliche Frauenkreise bringen nun neue Überlegungen auf: das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper und ihre Sexualität. Mutige Frauen und Männer sehen im gleichberechtigten Umgang der Geschlechter und der gegenseitigen Achtung ein neues Partnerschaftsideal.

Minna Cauer engagiert sich auch im 1905 gegründeten “Bund für Mutterschutz und Sexualreform“ und in der „Neue Ethik“-Bewegung.
Der Mutterschutz-Bund, zu dessen Mitgliedern ein Drittel Männer zählen, fordert den Abbau der Vorurteile gegen ledige Mütter und nichteheliche Kinder sowie die Verbesserung ihrer rechtlichen und sozialen Lage.

Minna Cauer geht es zudem um eine Reform des Ehe- und Familienrechts und um gleiche Rechte für Frauen im Scheidungsfall. Sie engagiert sich für Sexualaufklärung, das Recht auf Empfängnisverhütung und straffreien Schwangerschaftsabbruch. Genauso wichtig ist ihr und ihren Mitstreiterinnen die Existenzsicherung für alleinstehende Frauen, u.a. durch Hilfe bei der Stellenvermittlung.

Die Öffentlichkeit – und auch die bürgerlichen Frauenbewegung – reagiert empört auf diese Forderungen. Es kommt zur Spaltung innerhalb des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF): Gemeinsam mit Helene Stöcker und anderen radikalen Frauen ruft Minna Cauer den „Bund fortschrittlicher Frauenvereine“ ins Leben – als Gegenpol zu den konservativ-bürgerlichen Frauen.

Parteipolitisches Engagement

Minna Cauer bezeichnet sich selbst als „Sozialistin“ und erwägt mehrmals, der SPD beizutreten. Zur politischen Heimat wird ihr jedoch eine Gruppe entschiedener Links-liberaler, die 1908 die „Demokratische Vereinigung“ gründen. Neben der SPD fordert diese Partei damals als einzige ein demokratisches Wahlrecht sowie die „vollste staatsbürgerliche Rechtsgleichheit ohne Unterschied von Konfession und Geschlecht“ – eine Haltung, zu der sich konservative, aber auch liberale Parteien nicht durchringen können. Dies kritisiert Minna Cauer scharf:

„Ach, meine Herren von der zukünftigen „Deutschen Freisinnigen Volkspartei“ ... alles, was Sie zur ‚Lösung der Frauenfrage’ beisteuern wollen, ist längst, längst von uns in Angriff genommen, ist teilweise schon erfüllt. Bitte, meine Herren, wie steht es um das kommunale Wahlrecht der Frauen, wie um das politische Wahlrecht? ... Zum Volke gehören auch die Frauen!“

(Minna Cauer in: Die Frauenbewegung 1910, Nr. 1, S. 1f.)

In der frühen Weimarer Republik wird Minna Cauer 1919 Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP).

Pazifistin im Ersten Weltkrieg

Nach Beginn des ersten Weltkriegs herrscht in Deutschland große Kriegsbegeisterung. Nur wenige überzeugte Pazifistinnen und Pazifisten wagen es, sich ihr entgegen zu stellen.

Auch Minna Cauer gehört zu den Kriegsgegner/innen. So protestiert sie 1915 vehement dagegen, dass der Bund Deutscher Frauenvereine den „Interna-tionalen Frauenfriedenskongress“ in Den Haag boykottiert. Sie schickt ein Grußwort  an die Friedenskonferenz – und gründet mit anderen Aktivistinnen das "Internationale Frauenkomitee für dauernden Frieden“. Auch diese Geste stößt im nationalistisch orientierten BDF auf heftige Kritik und wird als „antipatriotisch“ abgelehnt. 1916 tritt Cauer dem verbotenen pazifistischen Bund „Neues Vaterland“ bei.

Das Kriegsende und die Ausrufung der Republik zeigen eine enthusiastische Minna Cauer. Am 9. November 1918 notiert sie 76jährig in ihr Tagebuch:

„Abdankung des Kaisers, Ausbruch der Revolution. Meine Wohnung fast erstürmt von Menschen – ich bleibe zu Hause. Ich bin freudig erschüttert, habe nur die Hände am Abend gefaltet, und die Tränen sind mir über die Wangen gelaufen. Traum meiner Jugend, Erfüllung im Alter! Ich sterbe als Republikanerin.“

(Zit. n. Ute Gerhard (1990) in: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Reinbek , S. 323)

Trotz Einführung des Frauenwahlrechts und der Demokratie ist Cauer zunehmend enttäuscht von den politischen Entwicklungen und dem „Tun der Parteien“ in der jungen Republik. Dennoch setzt sie ihre frauenpolitischen Aktivitäten bis kurz vor ihrem Tode fort – sie glaubt „felsenfest“ an den „Sieg des Geistes, des Rechtes und der Freiheit“.

Im Alter von 80 Jahren stirbt Minna Cauer am 3. August 1922 in Berlin und wird auf dem Alten St. Mätthäus-Kirchhof beigesetzt.


Grabstein von Minna Cauer © Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel

Als Inschrift auf ihrem Grabstein findet sich ein Appell an nachkommende Generationen: 90 Jahre nach ihrem Tod gilt ihr Appell an nachfolgende Generationen noch immer:

„Unseren Schwestern des 20. Jahrhunderts rufen wir zu: Vollendet, was wir begonnen!“

Seit 2006 erinnert die Minna-Cauer-Straße in Berlin an die immer noch viel zu unbekannte Vorkämpferin für Frauenrechte und große Demokratin..

November 2011 (Agnieszka Garves, Beate Dörr)


Links:

www.frauenmediaturm.de: Porträts feministische Pionierinnen: Minna Cauer

Lektüretipps:
  • Schaser, Angelika (2006): Frauenbewegung in Deutschland : 1848-1933. – Darmstadt
  • Gerhard, Ute (1990): Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Reinbek
  • Jank, Dagmar (2003): "Männer und Frauen sind gleichberechtigt". Die Frauenrechtlerinnen Minna Cauer (1841-1922) und Elisabeth Selbert (1896-1986). Artikel online über fh-potsdam
  • Schenk, Herrad (1988): Die feministische Herausforderung.
    150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland. München
  • Cauer, Minna: Die Radikalen, in: EMMA 1991, Nr. 7, S. 45
  • Cauer, Minna: Menschlich oder juristisch?, in: EMMA 1990, Nr. 6, S. 36:


Nach oben

 

FemBio - Frauen-Biographieforschung e.V.

 

FemBio - Frauen-Biographieforschung e.V.: Die Große FemBio-Datenbank (offline) verzeichnet über 30.000 bedeutende Frauen aller Epochen und Länder. In der Online-Fembio-Datenbank können Informationen zu 6400 der in der Offline-Datenbank repräsentierten 32.000 bedeutenden Frauen frei recherchiert werden.

... mehr

 
 
 
 
 

Internet Blog

 

Heimat ist - hier!
Beteiligte berichten über aktuelle Treffen, grundlegende Fragen und einzelne Eindrücke. Lesen Sie, schreiben Sie, abonnieren Sie...
zum Blog

 
 
 
 
 

Frauen in den Länderparlamenten

 

Beim Anteil weiblicher Abgeordneter nimmt der baden-württembergische Landtag eine Schlusslicht-Position ein: 35 von derzeit 143 Parlamentariern sind Frauen.
LpB-Dossier

 
 
 
 
 

Frauen und Männer

 

Reihe BAUSTEINE: "Frauen und Männer"
Frauen und Männer - so oder anders! Das Heft stellt eine Vielzahl von Methoden für die geschlechtersensible Jugendbildung vor.
bestellen

 
 
 
 
 

Checkheft Chancengleichheit

 

zur Landtagswahl 2016 in Baden-Württemberg. Kandidierende für den Landtag im Chancengleichheits-Check
bestellen
Download (PDF 1,1 MB)

 
 
 
 
 

Bürgerbeteiligung