Baltikum als Raum
„Mittelalterliche
Städte, gotisch Kirchen und unberührte Natur“
― damit werben Reiseveranstalter für
eine Region, die sich am nordöstlichen Rand Europas befindet und als Baltikum
bezeichnet wird. Der Begriff umfasst die Republiken Estland, Lettland und
Litauen und ist eine sehr junge Bezeichnung für eine Region, die
historisch, sprachlich, kulturell und sozial durchaus heterogen ist. In ihrer Geschichte hat sie niemals
eine staatliche Einheit gebildet. Auch kulturelle Unterschiede sind
vorhanden: Das Luthertum steht hier
neben dem Katholizismus und der Orthodoxie, die Sprachen der
baltischen Sprachgruppe — Lettisch und
Litauisch — werden ebenso gesprochen wie das
finno-ugrische Estnisch und die slawischen Russisch und Weißrussisch. Die
Frage nach einer eigenständigen ‚baltischen Identität’ ist selbst unter
den Bürgern dieser Länder höchst umstritten.
Dennoch scheint es berechtigt, die drei Staaten als einen Raum zu sehen.
Alle drei Staaten waren jahrhundertelang fremdbestimmt und erlangten erst nach
dem Ersten Weltkrieg 1918 ihre Unabhängigkeit. Die eingeführten
demokratischen politischen Systeme wurden in allen drei Ländern nach
wenigen Jahren durch autoritäre Regime abgelöst. Aber auch sie währten
nicht lange: 1939 wurden die baltischen Staaten im geheimen
Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt dem sowjetischen Machtbereich
zugeordnet und kurz darauf von der Sowjetunion besetzt. Erst über vierzig
Jahre später konnten sie ihre Selbständigkeit wiedererlangen. Zu Russland,
dem rechtlichen Nachfolger der Sowjetunion, wahren sie seither eine
Distanz und bemühen sich stattdessen um die Integration in die westlichen
Bündnisse. 2004 traten alle drei der Europäischen Union und der Nato bei.
Ihre heutigen politischen Systeme haben die baltischen Staaten nach dem
Vorbild europäischer Demokratien aufgebaut.
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