OECD-Jahresbericht "Bildung auf einen Blick" 2004

© OECD, 2004.
© OECD, 2004.

Deutschland fällt mit seinem Bildungssystem trotz eingeleiteter Reformen immer weiter hinter andere Industriestaaten zurück. Das geht aus der Studie "Bildung auf einen Blick" hervor, die am 14. September 2004 von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung vorgestellt worden ist.

Die Bildungsstudie der OECD zeichnet ein Bild von den Bildungssystemen der Mitgliedsstaaten vor oder zum Zeitpunkt der Pisa-Studie Ende 2001.Sie bestätige damit seit längerem bekannte Fakten, kann aber noch keine nach Pisa eingeleiteten Veränderungen erfassen. Unter anderem die Einrichtung der Ganztagsgrundschule zeige, dass das Land aus den OECD-Erkenntnissen lerne und auf dem richtigen Weg sei.

Auch wenn nach dem Schock der Pisa-Studie in Deutschland viel passiert sei, drohe das Land den Anschluss zu verlieren, weil insgesamt in den OECD-Staaten ein rasanter, dynamischer Aus- und Umbau der Bildungssysteme stattfinde.

Weil das Land unterdurchschnittlich wenig für die Bildung ausgebe und die Schüler unzureichend fördere, sei der Wirtschaftsstandort Deutschland bedroht. Dies zeigen zwei Vergleiche:

  • Zwischen 1995 und 2001 haben die OECD-Staaten im Schnitt 21 Prozent mehr Geld für ihre Schulen und 30 Prozent mehr für ihre Hochschulen aufgewendet.
  • In Deutschland wuchsen die entsprechenden Etats für Schulen um sechs Prozent und um sieben für die Hochschulen.

Während die OECD-Länder im Durchschnitt 12,7 Prozent ihrer öffentlichen Ausgaben für Bildungseinrichtungen aufwenden, liegt Deutschland bei 9,7 Prozent. Auch beim Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt liegt Deutschland mit 5,3 Prozent unter dem OECD-Schnitt von 5,6 Prozent.

Die Studie bemängelt, schon in Kindergarten und Grundschule bedürfe das "Betreuer-Kinder-Verhältnis" der Verbesserung. Besonders gravierend sei die Situation im Elementarbereich, in dem rund 24 Kinder auf eine Betreuungsperson kommen, Der Durchschnittswert unter den 30 Ländern der OECD liegt im Kindergartenbereich bei etwa 15 Kindern pro Betreuungsperson. Auch haben die Grundschüler hier deutlich weniger Unterrichtsstunden (626) als in vielen anderen Industriestaaten (OECD-Schnitt (788 Stunden) pro Schuljahr.

Eigentlich unvorstellbar bei der heutigen Massenuniversität: Bei Studium und Berufsqualifikation investiere der Staat zu viel. Dies widerspreche allen Erkenntnissen der OECD zu effektiver Investition in Bildung. Andererseits seien Studiengebühren und andere private Aufwendungen für das Studium weniger als halb so hoch wie im OECD-Durchschnitt. Das bewirke, dass Deutschland als Studienort für Ausländer vergleichsweise attraktiv ist, was der Bericht allerdings positiv bewertet. Inzwischen komme jeder zehnte Studierende in Deutschland aus dem Ausland. Erheblich steigen müsste in den nächsten Jahren der Anteil der Studierenden, wollte Deutschland auch nur den im OECD-Vergleich zu niedrigen Wert halten.

Das Bildungssystem in Deutschland liegt im wesentlichen in der Hoheit der Bundesländer. Deshalb hat auch die baden-württembergische Kultusministerin Anette Schavan (CDU) die Kritik am gesamtdeutschen Bildungswesen zurückgewiesen. Die Durchschnittswerte für ganz Deutschland verstelle den Blick auf das, was sich in den einzelnen Ländern schon verändert hat. Inzwischen umfasse der Stundenumfang für Grundschüler 735 Stunden anstelle von 626 im Bundesschnitt. Wichtiger als die Strukturdebatte sei die Weiterentwicklung der Qualität für Schule und Unterricht. Sie verwies auf das gute Abschneiden von Baden-Württemberg und Bayern bei der PISA- und IGLU-Studie im Gegensatz zu den Bundesländern, an denen es Gesamtschulen gebe.

Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Doris Ahnen (SPD), verlangte einen besseren Übergang zwischen den verschiedenen Schulformen. "Wir brauchen sicherlich im Bildungssystem ein höheres Maß an Durchlässigkeit", sagte die rheinland-pfälzische Kultusministerin. Ähnlich äußerte sich Bildungsministerin Bulmahn. Die OECD-Studie habe gezeigt, dass Länder, in denen Schüler länger zusammen in einem Verbund lernten, bessere Ergebnisse hervorbrächten. "Die alte ideologische Festlegung, die es in Deutschland gibt, auf keinen Fall länger zusammen zu lernen, muss durchbrochen werden." Damit gerät wieder die uralte Diskussion um das dreigliedrige Schulsystem (Haupt-, Realschule und Gymnasium) und die Gesamtschule in den Mittelpunkt der politischen Debatte.

Politiker der SPD und der Grünen zogen aus der Studie überwiegend den Schluss, das dreigliedrige Schulsystem für überholt zu erklären. „Wir wollen zu einem Schulsystem kommen, wo die Kinder neun bis zehn Jahre zusammenbleiben, aber in diesem Rahmen stärker individuell gefördert werden", sagte Grünen-Fraktionschefin Krista Sager.

CDU-Vorsitzende Angela Merkel stellte fest, dass in dem Bericht vor allem stehe, dass Deutschland zu wenig in Kindergärten und Grundschulen tue. Daher gehe es nicht um das dreigliedrige Schulsystem, sondern um die Anfangsphase der Bildung.

Der SPD-Bildungsfachmann Peter Glotz bezeichnete es im Deutschlandradio Berlin als Hauptproblem der Bundesrepublik, dass die beschlossenen Bildungsstandards zu langsam umgesetzt würden. Hauptgründe seien Rivalitäten zwischen Bund und Ländern sowie zwischen den Ländern. Zudem seien bei der Finanzierung die falschen Prioritäten gesetzt worden. Er mahnte indes, die negativen Ergebnisse der Bildungsstudie ernst zu  nehmen.

OECD: Education at a Glance 2004
BMBF: Bildung auf einen Blick - Wesentliche Aussagen (PDF)
       
Netzeitung: Bildungsstudie stellt Mängel fest
sueddeutsche.de: Sorgenkind Bildungspolitik
tagesschau: Bildungspolitik - Lernen fürs Leben - aber wie?

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