OECD-Jahresbericht "Bildung auf einen Blick" 2007

OECD 2007. © OECD, 2007.
© OECD, 2007.

Die jährlich erscheinende Studie „Bildung auf einen Blick“ vergleicht die Bildungssysteme der 30 wichtigsten Industrieländer. Im jüngsten OECD-Bildungsbericht schneidet das deutsche Bildungssystem schlechter ab als im Vorjahr. Es fehlt in Deutschland an Akademikern, Fachkräften und gerecht verteilten Bildungschancen. Vom 10. auf den 22. Rang ist das deutsche Bildungssystem nach dem neuen Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im internationalen Vergleich bei der Zahl der Hochschulabsolventen abgerutscht. Zwar ist die Zahl der Studenten in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um fünf Prozent gestiegen. Doch im Vergleich mit den 29 anderen wichtigen Industrienationen, die die Zahl ihrer Studenten im Schnitt um ganze 41 Prozent erhöhten, ist das zu wenig. Gerade einmal 20 Prozent eines Jahrgangs erlangen in Deutschland einen akademischen Abschluss – im OECD-Schnitt sind es schon 36 Prozent. Bei den Promotionen liegt Deutschland international in der Spitzengruppe. Aber: Nur etwa 21 Prozent der 15-jährigen Schüler streben überhaupt einen Hochschulabschluss an. Das ist der niedrigste Wert im OECD-Raum, fast überall ist die Quote zwei- oder dreimal so hoch.

Bei den Abschlüssen des Sekundarbereichs II (z. B. Abitur oder abgeschlossene Lehre), die die OECD als Basisqualifikation für den Erfolg am Arbeitsmarkt wertet, weist Deutschland traditionell gute Ergebnisse auf: 84% der 25- bis 34-Jährigen hatten 2005 einen Sekundarstufe-II-Abschluss, während das OECD-Mittel hier bei 77%
liegt. Allerdings haben viele Staaten hier deutlich aufgeholt: Bei den 25- bis 34-Jährigen liegt Deutschland nur noch an 13. Stelle.

Schon heute fehlen in der Bundesrepublik viele Ingenieure. Nach den Daten der OECD wird sich die Situation noch massiv verschärfen: Auf 100 ältere Ingenieure zwischen 55 und 64 Jahren kommen hier zu Lande nur 90 Berufsanfänger zwischen 25 und 34 Jahren. In den 19 OECD-Staaten hingegen, für die der Organisation Zahlen vorliegen, kommen auf 100 ältere Ingenieure 190 Berufsanfänger. Auch in den Naturwissenschaften hinkt Deutschland weit hinterher: Von 100 000 Beschäftigten von 25 bis 34 Jahren haben nur 1045 einen Abschluss in Naturwissenschaften - im OECD-Mittel sind es knapp 1300.

Auch bei der Bildungsfinanzierung geht die Schere weiter auseinander: Die meisten OECD-Staaten geben für Bildung immer mehr aus, in Deutschland sinken die Investitionen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Der Anteil der Bildungsausgaben von Staat und Wirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt in Deutschland mit 5,2 Prozent deutlich unter dem OECD-Mittel von 5,7 Prozent. In der Gruppe von 28 vergleichbaren Industrienationen kommt Deutschland damit auf Platz 21. Dafür bezahlen die Deutschen besonders viel aus privater Tasche für Bildung im Kindergarten und in der Schule. Nach wie vor wird zu viel Geld für Schüler in der Oberstufe am Gymnasium und zu wenig für Grundschüler ausgegeben.

OECD-Generalsekretär Angel Gurría kritisierte auch wieder die ungerecht verteilten Chancen beim Zugang zu den Hochschulen. Oberschichtkinder hätten in Deutschland eine mehr als doppelt so große Studienchance wie Schüler aus einfachen Familien, eine höhere Schule zu besuchen und Abitur zu machen. Zudem macht die OECD die nahezu nur noch in Deutschland übliche frühe Aufteilung von Zehnjährigen auf verschiedene Schulformen mitverantwortlich für die fehlende Chancengleichheit von Arbeiter- und Migrantenkindern.

Andreas Schleicher, Bildungskoordinator in der Pariser OECD-Zentrale, kritisierte die deutsche Bildungspolitik massiv. "Deutschland krankt an einer Lebenslüge, dass das gute System der dualen Ausbildung auch den zukünftigen Bedarf von Spitzenkräften befriedigen wird", sagte Schleicher. Deutschland habe traditionell ein sehr starkes System der beruflichen Ausbildung. Eine gute Basisqualifikation sichere auch einen reibungslosen Übergang in das Berufsleben,  reiche aber heute nicht mehr aus. Man müsse einfach sehen: die Wissensgesellschaft erfordere andere Qualifikationen als die Industriegesellschaft, auf die das deutsche Bildungssystem im Wesentlichen zugeschnitten ist.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte einen "Bildungs-Herbst" an. Bund und Länder müssten umgehend über Strategien nachdenken, um diese Schwierigkeiten zu meistern. In der Tat sei es notwendig, mehr junge Leute an die Hochschulen zu bringen und zugleich die Zahl der Abbrecher deutlich zu reduzieren.

Mit Kritik hat der Deutsche Lehrerverband auf die neue Bildungsstudie reagiert. Sie vergleiche internationale Abschlüsse, die "überhaupt nicht miteinander vergleichbar sind". Bayern und Baden-Württemberg hätten z.B. die höchste Wirtschaftskraft, aber die geringste Studierquote. Das gleiche gelte für Österreich und die Schweiz. Außerdem werde das "Duale System" der Berufsausbildung, das aus Lehre und Berufsschule besteht, schlechter gemacht, als es ist.

OECD-Jahresbericht "Bildung auf einen Blick" 2007

tagesschau: Deutschland fehlen junge Ingenieure
ZDFheute: Deutsches Bildungssystem floppt wieder

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