Oktober 2011

Foto von Hannah Arendt / Offizielles Hannah-Arendt-Foto der Stadt Hannover, ©Frau Käte Fuerst, Ramat Ha-Sharon, Israel
Hannah Arendt - Politikwissenschaftlerin, Publizistin, Philosophin 

Am 14. Oktober wäre sie 105 Jahre alt geworden – die Werke der vielseitigen Gelehrten, Publizistin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt inspirieren bis heute.
Berühmt wurde sie in Deutschland 1955 durch ihr Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (Arendt, H.: The Origins of Totalitarianism/ The Burden of Our Time. New York, 1951), in dem sie totalitäre Diktaturen analysiert und verglichen hat.

„Der Sinn der Politik ist Freiheit.“

(Leitsatz von Hannah Arendt)

Nach dem Zerfall des Kommunismus in Osteuropa erlebten ihre Thesen eine Renaissance: Die systematische Untersuchung der totalen Machtansprüche wurde möglich, nachdem wirkliche und ideologische Schranken fielen und Quellen für die Totalitarismusforschung zugänglich wurden.
Die Entwicklung der ehemals kommunistischen Ostblockstaaten zu jungen Demokratien sollte auch ein Prüfstein für Arendts Theorien werden. Die von ihr prognostizierte idealtypische Ausprägung eines gerechten politischen Gebildes trat durch den Ballast der früheren Diktaturen nicht in allen Punkten ein. Arendt stellte in ihrem politischen Konzept die „Pluralität“ in den Mittelpunkt, nach der die unterschiedlichen Perspektiven und Anliegen der Menschen gleichberechtigt in politische Entscheidungen einfließen sollten. Diese seien durch geeignete Personen zu treffen, deren Auswahl sie in einer repräsentativen Demokratie nicht gewährleistet sah.

Die Bedeutung von Wahrheit und Wirklichkeit im politischen Alltag beschäftigten sie sehr, da sie erkannte, dass auch die politische Elite einer Demokratie nicht frei von korrumpierenden Einflüssen ist. Hier plädierte Arendt für eine informierte Öffentlichkeit, in der die Bürgerinnen und Bürger ihr Recht auf Kritik unbedingt wahrzunehmen haben

Begabte Schülerin und Studentin

Johanna Arendt wurde in Hannover-Linden als einzige Tochter des Ingenieurs Paul Arendt und der Bildhauerin Martha Cohn geboren.

1909 ging die jüdisch-deutsche Familie in ihren Heimatort Königsberg zurück. Durch den von ihr bewunderten Großvater Max Arendt lernte Hannah Arendt das liberale Judentum kennen. Offiziell gehörte sie keiner Religionsgemeinschaft an, verteidigte jedoch immer ihre jüdische Identität.
Arendt zeigte früh ihre intellektuelle Reife.

Im Jahr ihrer Einschulung 1913 starben zunächst der Großvater und kurz darauf ihr Vater. Als die russische Armee Königsberg 1914 erreichte, ging sie mit ihrer Mutter nach Berlin, wo sie als junges Mädchen an Demonstrationen teilnahm. Da sie die politischen Umstände zu verstehen versuchte, war sie sich bereits als 14-jährige ihrer Studiengangwahl sicher. Sie las Kant, Jaspers und Kirkegaard und besuchte Vorlesungen an der Universität. Anschließend legte Hannah Arendt ihre Abiturprüfung in Königsberg ab.

Danach nahm sie ein Philosophiestudium im Hauptfach bei Martin Heidegger in Marburg auf; ihre Nebenfächer waren evangelische Theologie und griechische Philologie. Nach dem Studienortswechsel nach Heidelberg waren u.a. Jaspers, Husserl und Hartmann ihre Lehrer.
Hannah promovierte 1928 zum Dr. phil. - ihr Doktorvater war Karl Jaspers und das Thema der Dissertation lautete „Der Liebesbegriff bei Augustin.“

Erste Ehe und politisches Engagement

(Frauen der deutschen Geschichte - Briefmarke von Hannah Arendt (1906-1975), Deutschen Bundespost bzw. Deutschen Bundespost Berlin, 1988)

1929 heiratete Arendt den jüdischen Philosophen Günter Stern (bekannt als Publizist unter dem Pseudonym Anders); sie lebten in Frankfurt und Berlin.

Arendt war als Journalistin tätig und befasste sich wissenschaftlich mit ihrer Habilitation über Rahel Varnhagen, einer assimilierten Jüdin der Romantik, die sich für die Ideen der Aufklärung begeisterte. Arendt versuchte die Wurzeln des Antisemitismus und die jüdische Assimilationsmentalität zu verstehen. Sie setzte sich auch mit der rechtlichen und politischen Situation der Frauen auseinander und rezensierte 1932 das Buch "Das Frauenproblem in der Gegenwart" von Alice Rühle-Gerstel. Darin stellte sie die „faktische Geringschätzung“ der Frau in der Gesellschaft fest und kreidete fehlende Freiheiten an.

Gleichzeitig begann sie, sich politisch als säkulare Zionistin zu engagieren, während ihr Mann sich eher in Kreisen der marxistischen Denker der "Frankfurter Schule“ bewegte. Die Gemeinsamkeiten endeten endgültig 1937 als die Ehe geschieden wurde.

Nach einer kurzen Verhaftung 1933 durch die Gestapo gelang Arendt die Flucht aus Deutschland; sie hielt sich bis 1940 in Frankreich auf.

1937 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und Hannah Arendt litt bis 1951 unter der Bezeichnung als „staatenloser Flüchtling“. Erst als amerikanische Staatsbürgerin, mit dem Gefühl wieder ein „citizen“ zu sein, konnte Arendt beflügelt ihrem „Beruf“ einer politischen Philosophin uneingeschränkt nachgehen.

Im Exil

Im französischen Exil engagierte sich die mutige Frau bei zionistischen Organisationen vor allem für junge jüdische Menschen, die ihre einzige Rettung vor der Shoah in Palästina sahen.

Sie selbst distanzierte sich von den Überzeugungen der Zionisten und vertrat später eine Position zugunsten eines föderativen arabisch-jüdischen Staates. Arendt wurde 1940 als deutschstämmige „feindliche Bürgerin“ bezeichnet und interniert. Nach ihrer Flucht aus dem Lager Gurs kam sie mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher und ihrer Mutter nach Portugal und reiste 1941 in die USA aus.

Arendt lernte sehr schnell Englisch und wurde bald als Journalistin und Lektorin berufstätig. Sie engagierte sich weiterhin bei unterschiedlichen jüdischen Organisationen unermüdlich für ein selbstbewusstes jüdisches Verständnis. Sie wurde Geschäftsführerin der Jewish Cultural Reconstruction und plädierte für Frieden und Gleichberechtigung der Partner bei der Gründung Israels.

Totalitarismus- und Imperialismusforschung

Mit der Unterstützung des Autodidakten und Intellektuellen Heinrich Blüchers begann Hannah Arendt, sich mit der marxistischen Theorie und der Imperialismusstudie Rosa Luxemburgs zu beschäftigen. Das aus diesen Überlegungen entstandene Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" widmete sie Heinrich Blücher und nannte es "Unser Buch". Die Blüchers schätzen ihre Ebenbürtigkeit und eine völlig gleichberechtigte Beziehung. Die Ehe blieb kinderlos.

Im Auftrag der Zeitschrift "The New Yorker" verfolgte Arendt 1961 den Prozess gegen Adolf Eichmann. Im Buch "Eichmann in Jerusalem" mit dem Untertitel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ konstatierte sie:

„In diesen letzten Minuten war es, als zöge Eichmann selbst das Fazit der langen Lektion in Sachen menschlicher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten – das Fazit von der furchtbaren »Banalität des Bösen«, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert.

(Arendt, H.: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 1986, S.371)

Arendts ironischer Ton angesichts des beispiellosen Verbrechens löste starke Kontroversen aus.

Vita Activa

Von 1963 bis zu ihrem Tode war sie als Professorin an den Universitäten in Chicago und New York tätig.

Arendts Bücher und Essays erschienen teilweise in unterschiedlichen Fassungen auf Englisch und Deutsch. Ihr philosophisches Hauptwerk „The Human Condition“ übersetzte sie selber ins Deutsche.

In „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“ - ihrer politischen Theorie - plädierte sie für die Schaffung von Bedingungen, die ein freies Handeln der Individuen ermöglichen, statt die Tätigkeiten der Menschen auf das Arbeiten und Konsumieren zu reduzieren. Sie kritisierte darin die Massengesellschaft und die Normierung der Menschen. Arendt beschrieb ausführlich den Bedeutungswandel der philosophischen Begriffe wie Freiheit, Gleichheit, Öffentlichkeit, Privatheit, Gesellschaft und Politik.

Foto von der Hannah-Arendt-Gedenktafel, © Detlef Horster

Ihre Vision war eine Gesellschaft, in der sich denkende und frei handelnde Individuen entfalten und gegenseitig bereichern können. In einem posthum veröffentlichten Sammelband „Vom Leben des Geistes“ vermutete sie, dass „das Denken, d.h. die Gewohnheit, alles zu untersuchen (...) zu den Bedingungen gehört, die die Menschen davor schützen, Böses zu tun.“ (Arendt, H.: Vom Leben des Geistes. München, Zürich 1998, S. 14 )

Hannah Arendt erhielt mehrere Auszeichnungen, u.a. 1959 den "Lessing-Preis" der Freien und Hansestadt Hamburg, 1967 den "Sigmund-Freud-Preis" für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und 1975 den "Sonning-Preis" der dänischen Regierung für wichtigste kulturelle Leistungen.

Sie starb im Alter von 69 Jahren am 4. Dezember 1975 in New York.

Oktober 2011 (Agnieszka Garves)


Deutsche Buchveröffentlichungen (unvollständig)

  • H. Arendt: Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation, Berlin 1929.
  • H. Arendt: Sechs Essays, Heidelberg 1948.
  • H. Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt/Main 1955.
  • H. Arendt: Fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart: Vier Essays, Frankfurt/Main 1957.
  • H. Arendt: Elemente totaler Herrschaft, Frankfurt/Main 1958. (Kapitel 9-13 von Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1955.)
  • H. Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, München und Frankfurt/Main 1959
  • H. Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, Stuttgart 1960 und München 1960.
  • H. Arendt: Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. Gedanken zu Lessing, München 1960.
  • H. Arendt:  Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1964.
  • H. Arendt: Über die Revolution, München 1965.
  • H. Arendt: Macht und Gewalt, München 1970.
  • H. Arendt: Wahrheit und Lüge in der Politik: Zwei Essays, München 1972.
  • H. Arendt: Vom Leben des Geistes, 2 Bde., München 1979.
  • H. Arendt/ K. Jaspers: Briefwechsel 1926-1969, München 1985.
  • H. Arendt: Vom Leben des Geistes: Das Denken. Das Wollen, München 1998.
  • H. Arendt: Denktagebuch 1950-1973, 2 Bde., München 2002.
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