Baustein

Die Erinnerung darf nicht enden

Texte und Unterrichtsvorschläge zum Gedenktag 27. Januar

als Bausteine ausgearbeitet von einer Gruppe des Erzieherausschusses der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Stuttgart

Hrsg: LpB, GCJZ, 1997



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Inhaltsverzeichnis



 

Baustein 4

Soldatenbriefe


Klassenstufe: ab 9 (D); ab 10 (G)

Beschreibungsebene: Erläuterungen und Impulse für die eigene Unterrichtsgestaltung

Zeitaufwand: je nach Themenstellung 1-3 Unterrichtsstunden

Themen: Rußlandfeldzug, Lebensverhältnisse von Polen und Juden, Legitimierung von Brutalität, Abhängigkeit von äußeren Umständen und eigener Meinung, Judenvernichtung, Überlegungen über das Kriegsende, Einstellungen zu Krieg und Mitmenschen

Kombination: allgemein sehr geeignet für fächerübergreifenden Unterricht; Bobrowski: Malige [6]; Sierakowiak: Ghettotagebuch [9]; Dawidowicz: Krieg [5]; Deutsch-Unterrichtsreihe zu "Beobachtung, Wahrnehmung, Stil"


Die Feldpostbriefe (stark gekürzt) umfassen den Zeitraum von 1941 bis ins Jahr 1944 hinein. Sie stammen von unterschiedlichen Schreibern aus dem Krieg im Osten und spiegeln Ansichten und Überzeugungen wider, wie sie bei der kämpfenden Truppe vorkamen. Sie wandeln sich mit dem Verlauf der Kriegshandlungen. Die Hoffnungen auf den Endsieg und der Umgang mit den unterworfenen Völkern, vor allem den Juden, sind die Hauptthemen der Auswahl. Sie ist nicht geeignet, ein differenziertes Bild der Einstellungen in der deutschen Wehrmacht zu geben. Aber sie kann zeigen, was viele Landser erlebten, wie sie es im Kopf verarbeiteten, was sie wußten und woran sie beteiligt waren. Es sind schreckliche, aber für die Zeit typische Stereotypen, die hier wiedergegeben werden.

Zu Beginn des Rußlandfeldzuges herrscht eine für uns heute kaum noch nachvollziehbare Siegesgewißheit, verbunden mit großer Selbstgerechtigkeit, ja Überheblichkeit.

"Europas Frieden sichern für alle Zeiten."

Dazu kommt die Erfahrung der Armut der Menschen im Osten, die aber im Sinne der NS-Propaganda als Folge der Rasse oder der "kommunistisch-jüdischen" Herrschaft gedeutet werden, also als Legitimation der eigenen Überheblichkeit.

"Von der Kultur ist die Gegend auch nicht berührt worden."

Von Anfang an beschäftigt die Frage nach der Behandlung der Juden die Soldaten. Hier mischen sich Staunen und Abwehr, nicht selten ist unverhohlener Abscheu zu spüren. Man spürt sehr deutlich, wie gut es den Soldaten tut, Herren über diese "Untermenschen" zu sein, und sie genießen ihre Position unreflektiert. Sie sind in der Tat "Hitlers willige Vollstrecker" und wissen sehr genau, was da vor sich geht, ohne Skrupel zu haben.

"Und werden haufenweise erschossen, da man sie los sein will."

Im Verlauf des Krieges verändert sich der Blickwinkel. Die Härte des Krieges rückt immer mehr in den Vordergrund. Das verstärkt die Bereitschaft zu Brutalität und Vernichtung; denn die Deutschen sehen sich als Opfer, die etwas Positives verteidigen.

"Entweder wir oder die Juden."

Neue Töne kommen auf, als sich die Niederlage abzuzeichnen beginnt, ab Mai 1943. Freilich spiegelt sich diese Erkenntnis nur indirekt. Sie beginnen zu befürchten, daß die eignen Taten auf die Täter zurückschlagen könnten und daß das furchtbar werden müßte. Fast ein Eingeständnis der eigenen Untaten. Und sie können sich nicht vorstellen, daß die Sieger menschlicher mit den Besiegten umgehen könnten, als sie selber es getan haben.

"Wir müssen den Krieg gewinnen, um nicht der Rache der Juden ausgeliefert zu werden."

Gegen Ende des Krieges, der Rückzug ist nicht mehr wegzudiskutieren, kommen neue Töne auf; vorsichtige, verharmlosende Kritik am Vorgehen der NS-Führung. Es zeichnet sich die Argumentationslinie ab, die dann in der Nachkriegszeit bis weit in die 80iger Jahre hinein erfolgreich sein sollte: die Führung hat "in der Judenfrage" etwas übertrieben, wir waren immer anständig. Von all der Grausamkeit und von der freudigen Härte, wie sie aus den Briefen der früheren Jahre spricht, wissen die ehrenwerten Männer nun nichts mehr, von Schuld oder Reue auch nichts.

"Das sind alles so Sachen, die ich heute ganz anders sehe" "Man hat es zu doll getrieben"

Die Texte setzen die Bereitschaft und die Fähigkeit voraus, zwischen der Realität und der Sicht der Soldaten zu unterscheiden. Sie zeigen Meinungen, die Wirklichkeit spiegelt sich nur indirekt in ihnen. Das muß herausgearbeitet werden: Was nehmen sie wahr - wie deuten sie es? Das Infragestellen von festen Überzeugungen kann ein Unterrichtsziel sein.

Die einfache Sprache, in der die Briefe verfaßt sind, müßten es den Schülern leichtmachen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Ansichten sind allerdings oft von verführerischer Einfachheit.

Ich könnte mir denken, daß der Lehrer einen Brief aus den frühen Kriegsjahren (z.B. Nr. 1) den Schülern unkommentiert vorlegt und ihre Reaktion abwartet. Zustimmung zu der Scheinlogik der Biertischstrategen ist ebenso möglich wie Staunen über die schier unglaubliche Verblendung, je nach kognitiver oder emotionaler Vorbildung. Die realen Ereignisse des Krieges können dann vom Lehrer nachgereicht werden. Ein Großteil des Krieges im Osten kann anhand dieser Briefe behandelt werden.

Die letzten Briefe können überleiten zur Behandlung der Nachkriegszeit, die ja anders verlief, als es die Soldaten befürchteten.

Selten wird man den Schülern die Gesamtheit der Briefe vorlegen; besser ist es, einzelne Briefe nach Themen auszuwählen und dann mit Arbeitsaufgaben zu versehen.


Mögliche Themen:
 

  • Welches Bild von den Juden wird in den Briefen entworfen? Briefe 1, 3, 8, 11
  • Was sehen die Soldaten an Armut? Wie interpretieren sie sie? Briefe 4, 5, 10, 12, 16
  • Welches Selbstbildnis von sich als Deutschen entwerfen die Soldaten? Briefe 2, 5, 7, 15, 26
  • Wie sehen die Soldaten Deutschlands Aufgabe und Stellung in der Welt? Briefe 1, 18, 21
  • Welches Bild Hitlers zeichnen sie? (dazu der Baustein: "Der junge Hitler") Briefe 1, 2, 3, 20.
  • Was bekommen die Soldaten vom Völkermord an den Juden mit? Wie reagieren sie? Briefe 14, 17, 19, 22
  • Was schildern die Soldaten vom Leben in den Ghettos? Briefe 6, 9, 10, 12, 14
  • Wie begründen die Soldaten die Härte ihres Handelns? Wie stellen sie sich dazu? Briefe 4, 11, 13, 18, 25
  • Wie ändert sich die Einstellung der Soldaten im Verlauf der fünf Kriegsjahre? Briefe 2, 7, 15, 20, 21, 22, 23, 24, 26
  • Was erwarten die Soldaten von der Nachkriegszeit? Briefe 20, 21, 26

Querverweise Soldatenbriefe

zu Nr. 3

  • Johannes Bobrowski: "Der Tänzer Malige" [6]: auch dort dient in ideologischer Verblendung "Arbeit" zur "Belustigung" der Zuschauer; in einem polnischen Dorf werden alte orthodoxe Juden schikaniert; das NS-Programm "Vernichtung durch Arbeit" wird in ersten, noch harmlos erscheinenden Anfängen gezeigt
  • Die Linie läßt sich zu Wiecherts Darlegungen über die Zwangsarbeit in Buchenwald fortsetzen; auch in diesem Kontext erscheint Arbeit und körperliche Züchtigung als zynischer Spaß der Machthaber. [11]

zu Nr. 5

  • Die spezifische Situation der orthodoxen polnischen Juden und die Reaktionen der ideologisch geprägten Soldaten darauf erläutert Andrzey Szczypiorski in seinem 1996 erschienen Essay "Mein Warschau von vor über fünzig Jahren"; mit diesem Zusatztext ließe sich das Urteil des Soldaten relativieren und die Quelle durch Hintergrundinformationen ergänzen (bes. S. 167ff).
  • "Litzmannstadt" (= Lodz); s. Ghettotagebuch Sierakowiak [9]
  • zu Nr. 9, 10, 12
  • · Parallelen im Ghettotagebuch Dawid Sierakowiaks [9]

zu Nr. 15

  • Plakat "Grußpflicht" aus dem Ghetto Lodz/Litzmannstadt.

Soldatenbriefe 1 - 26


1.   Europas Frieden zu sichern für alle Zeiten

1.8.1940, Donnerstag Gefr. A. M.

Ein Jude ist seit Menschengedenken immer Unglück auf Europas Boden gewesen. Es ist geschichtlich dokumentarisch festgestellt, daß sich seit dem ersten Eindringen der Juden und seiner Religion in Europa Europas Völker bekriegen. Es ist ihnen gelungen, den Weltfrieden zu zerstören, und - heute, erst 2000 Jahre danach, entsteht die wirkliche Gegenaktion, die Europa wieder zu Europa und Deutschland wieder zum Reiche aller Deutschen germanischen Ursprungs macht.

Mögen sie, nämlich die Juden, die diese als ihre Vorfahren priesen, einen anderen Erdteil mit ihrem Besuch beehren. In Europa ist es aus, Asien steht ihnen offen, denn da ist ja ihre eigentliche Heimat, da gibt's nichts mehr zu ergaunern, bleibt also noch Afrika, Australien und Amerika: Afrika wird ihnen zu »barbarisch«, Australien zu klein sein, wäre also nur noch Amerika übrig.

Wenn sie tatsächlich den Weg dahin wählen, können wir uns, und mit uns alle Europäer glücklich preisen, sie so weit vom Halse zu haben. In Amerika dagegen wird man auch bald erkannt haben, was für ein Segen ihnen mit diesem Volk ins Land kommt. Vielleicht dauert's abermals 2000 Jahre, vielleicht weniger, wahrscheinlich aber mehr. Auf jeden Fall können sie da drüben in Amerika Politik betreiben so viel sie wollen, den Frieden Europas werden sie nie mehr stören.

Dafür wird die Idee, von einem Führer in die Welt gerufen, schon weitgehend Sorge tragen; sein Volk hat diese Idee erkannt, geht mit dieser Idee, andere schlossen - und schließen sich ihr noch an. Es ist diese Idee, die Verwirklichung des Gedankens Europas Frieden zu sichern für alle Zeiten.

Dieser Gedanke kann nicht eher zur Tat werden, ehe ein England aus Europas Karte als Macht gestrichen ist, seine Kulissenmänner (die Juden) aber unschädlich gemacht sind.


2. Voll Stolz, auch unsere Pflicht getan zu haben

25.8.40 Gefr. W. W.

Überall, wo wir für unser Großdeutsches Vaterland stehen, sind wir stolz, dem Führer helfen zu können. Die Größe der Zeit werden erst Generationen nach uns begreifen können. Aber wir alle wollen vor der Geschichte bestehen, voll Stolz, auch unsere Pflicht getan zu haben.


3. Ein widerwärtiger Anblick

11.9.1940, Mittwoch Gefr. H. N.

Als unsere Fahrt beendet war, befanden wir uns in einer Stadt, deren Bevölkerung zu 8o Prozent Juden waren. Was das heißt, kann nur der ermessen, der Polen und seine Juden kennt. Schon der einzelne von ihnen, mit Bart und Kaftan, ist ein widerwärtiger Anblick, aber gleich Tausende von dieser Sorte, das ist beinahe zu viel. Was helfen alle sonstigen Verbesserungen, diesen Menschen will und kann man wohl nicht ändern.

Da die Juden aber gezwungen wurden, sich und ihre Geschäfte zu kennzeichnen, was mit dem Davidstern am rechten Arm bzw. an der Schaufensterscheibe geschieht, ist das vorherrschende Element nur allzu deutlich sichtbar geworden. Trotzdem scheinen sich die Juden noch recht wohl zu fühlen, handelten unter der Hand lustig weiter, da sich ihnen durch das eingeführte Bezugscheinsystem ungeahnte Möglichkeiten boten. Dem wurde nun vor kurzer Zeit ein Riegel vorgeschoben, der die Juden sehr empfindlich traf. Sie sollten arbeiten! Groß an allen Anschlagtafeln stand es in deutscher und polnischer Sprache.

Daraufhin faßte man sie in Kolonnen zusammen und stellte sie zum Bauen an, ließ sie Straßen sprengen und fegen. Mit betrübten Gesichtern oder schmerzverzogener Miene, wenn es sich um eine etwas schwerere Arbeit handelte, standen sie da, zum Gaudium der Zuschauer.


4. Das muß man mit eigenen Augen gesehen haben

17.11.1940, Sonntag E.

Es ist ganz furchtbar, wie es da aussieht. Überall wo man hinschaut Dreck, und die Juden selbst strotzen voll lauter Dreck. Es ist ganz komisch, die Juden grüßen uns alle, obwohl wir nicht danken und auch nicht dürfen. Die schwingen die Mütze bis zum Erdboden. Das ist noch von der SS her, die haben die Juden so abgerichtet. Wenn man diese Menschen so betrachtet, bekommt man so den Eindruck, daß die wirklich keine Berechtigung haben, überhaupt auf Gottes Erdboden zu leben. Das muß man mit eigenen Augen gesehen haben, sonst glaubt man das nicht.


5. Von der Kultur ist die Gegend auch nicht berührt worden

4.1.1941, Samstag O'Gefr. C. K.

Hier gibt es fast nur Polen und Juden, wenig Deutsche, und Heimatlaute hört man fast ausschließlich von Soldaten. Von der Kultur ist die Gegend auch nicht berührt worden, und es gibt hier Hütten mit Menschen, daß man nur staunen kann, wie es möglich ist, daß Menschen so hausen können. Da wohnt man bei uns wie im Paradies, und man kommt sich reich vor gegen diese rückständigen, verdreckten Menschen. Die Judenheit hier läuft noch frei herum und hat nur Armbinden als Zeichen, in Litzmannstadt sind Ghettos eingerichtet, das ist besser, aber hier ist ja Polen, und da kennt man sie nicht.


6. Ich möchte kein Jude sein

27.4.1941, Sonntag Gefr. G. R.

Hier sind auch alle Juden zusammengepfercht. In den Städten hat man ihnen sogar ein Viertel zugewiesen. Da dürfen sie überhaupt nicht heraus. Die Ausgangsstraßen sind gesperrt für sie durch Drahtverhau, und ein Posten steht davor. Ich möchte kein Jude sein. Zu diesem Kapitel könnte ich Euch noch mehr schreiben.


7. Unsere Landser leben wie die Herren

24.5.41, Samstag Lt. P. G.

Ganze Paläste, Villen mit vollem Prunk stehen leer. Unsere Landser, Unteroffiziere usw. fühlen sich darin sehr wohl. Sie leben wie die Herren darin.


8. Wir werden die Bande schon zur Zucht erziehen

18.6. 1941, Mittwoch Lt. P. G

Manchmal können die Juden ja einem leid tun. Hier laufen sie noch in rauhen Mengen umher. Auf den Dörfern wird dieses Pack zu Schipparbeiten usw. herangezogen. Morgens muß die Bagage antreten und einstimmig im Chor den Morgenspruch aufsagen: »Wir haben keine Ahnung von Deutschlands Macht und Stärke!« Ganz ordentlich, nicht wahr? Wir werden die Bande schon zur Zucht erziehen.


9. Die Wahrheit ist schlimmer, grausamer, viehischer als alle Phantasie.

24.6.1941, Dienstag Uffz.(O..) G. E.

Emil schrieb von den verhungerten Kindern des Warschauer Ghettos, daß er es kurz gesehen hat. Die Wahrheit ist schlimmer, grausamer, viehischer als alle Phantasie.


10. Kinder und Frauen laufen uns nach und schreien "Brot, Brot"

30.6.1941, Montag Uffz. H. Z

Unter Warschau habe ich mir früher was ganz anderes vorgestellt. Es ist eine Stadt mit einem für östliche Begriffe schönen Regierungsviertel, alte, mächtige Bauten mit dicken Säulen, aber alles übrige dreckig, grau und verkommen. Wir durchfahren mit Stacheldraht abgegrenzte Seuchen- und Judenviertel, deren Zustand und Bewohner man nicht beschreiben kann. Alle Juden sind zwar gekennzeichnet durch eine Armbinde mit einem Zionstern, aber man würde sie auch so erkennen. Wir sahen im Vorbeifahren einen Mann ohne sichtbaren Grund umfallen, es war wohl der Hunger, der ihn umwarf, denn täglich verhungert eine Anzahl dieses Gesindels. Wenige sind noch mit Vorkriegskleidern gut gekleidet, die meisten in Säcken und Lumpen gehüllt, ein furchtbares Bild von Hunger und Elend. Kinder und Frauen laufen uns nach und schreien "Brot, Brot".


11. Ja, ich erlebe allerhand und viel Neues

26.7.1941, Samstag Ing. -H. J.

In Jassy haben die Juden auf die damals durchziehenden deutschen und rumänischen Truppen aus Fenstern und von den Dächern geschossen. Na, die Kameraden haben nicht viel Federlesens mit ihnen gemacht.

Ab und zu, wenn wir etwas verladen müssen, holen wir uns Juden, und dann bringen wir ihnen das Arbeiten bei. Ich kann Dir sagen, sie arbeiten wie doll, solange wir dabeistehen, denn vor uns Deutschen haben sie mächtig Angst. Aber sowie wir uns umgedreht haben und Rumänen die Aufsicht führen, geht es im alten Stil weiter, denn die Rumänen müssen es auch noch lernen, wie man mit diesen Geißeln der Menschheit umgehen muß. Ja, ich erlebe allerhand und viel Neues.


12. Im Ghetto sind die Zustände kaum zu beschreiben

21.8. 1941, Donnerstag Mj. C. H. B.

Warschau. Im Ghetto sind die Zustände kaum zu beschreiben. Das kann man nur gesehen haben, um es auch wirklich glauben zu können. Auf der Straße herrscht ein Verkehr wie zur Leipziger Messe. Hier handelt der Jude untereinander mit lautem Geschrei auch alles auf der Straße. An dem Morgen, als ich mit dem Wagen durchfuhr, sah ich mehrere Leichen, darunter Kinderleichen, etwas mit Papier zugedeckt und dieses mit Steinen beschwert. Die anderen Juden gehen achtlos daran vorüber, bis der primitive Leichenkarren kommt und die "Überreste" abholt. Das Ghetto ist mit Mauern, Zäunen usw. abgeschlossen. An den vielen Schlagbäumen stehen SS-, polnische und jüdische Schutzleute und führen eine strenge Kontrolle aus. Schmutz, Gestank und Lärm sind die Hauptzeichen des Ghettos.


13. ...notwendig, wenn endlich Ruhe und Frieden einkehren sollen

August 1941 Gefr. H. 5.

Ein Kapitel für sich ist die Tatsache, wie die Judenfrage augenblicklich mit einer imponierenden Gründlichkeit gelöst wird. Wie sagte doch der Führer in einer seiner Reden kurz vor Ausbruch des Krieges: "Wenn es dem Judentum noch einmal gelingen sollte, die Völker Europas in einen sinnlosen Krieg zu hetzen, so wird dies das Ende dieser Rasse in Europa bedeuten!" Der Jude mußte wissen, daß der Führer mit seinen Worten Ernst zu machen pflegt und hat nun die entsprechenden Konsequenzen zu tragen. Sie sind unerbittlich hart, aber notwendig, wenn endlich Ruhe und Frieden unter den Völkern einkehren sollen ...«


14. Und werden haufenweise erschossen, da man sie los sein will

18.4.1942, Samstag K.V.-Insp. H. K.

Zu tun gibt es viel, da auch zahlreiche Zivilangestellte und Arbeiter (Russen und Juden) zu betreuen sind. Die Juden, auch Frauen und Mädchen, dürfen nur in Kolonnen, von litauischer Polizei begleitet, aus dem Ghetto auf die Straße zur Arbeit gehen und werden haufenweise erschossen, da man sie los sein will und ihnen vorwirft, mit den Partisanen der Umgebung gemeinsame Sache zu machen.


15. Hier fühlst Du Dich als Soldat

17.5.1942, Donnerstag Am. D. 5. Das Schönste hier ist, daß alle Juden vor uns den Hut ausziehen. Wenn er es nicht tut, dann bringen wir es ihm bei. Hier fühlst Du Dich als Soldat, denn hier haben wir das Wort.


16. Hunger, dagegen hilft auch kein Prügeln oder Erschießen

28.5.1942, Donnerstag K.V-Insp. H. K. Sorge macht mir die Ernährung unserer polnischen Zivilisten, deren Arbeitsleistung stark absinkt. Wir erhalten für sie nur soviel Lebensmittel, daß wir fünfmal in der Woche bei 6o-stündiger Arbeitszeit eine klägliche Suppe reichen können, und was die Leute außerdem durch die städtische Zivilverwaltung bekommen, ist völlig ungenügend. Noch schlimmer steht's bei den Juden, von denen manche bei dringenden Straßenarbeiten vor Hunger einfach umfallen. Dagegen hilft auch kein Prügeln oder Erschießen.


17. Männer, Frauen und Kinder wurden durch Genickschuß erledigt

18.7.1942, Samstag Zahlm. d.R. H. K.

In Bereza-Kartuska, wo ich Mittagsstation machte, hatte man gerade am Tage vorher etwa 1300 Juden erschossen. Sie wurden zu einer Kuhle außerhalb des Ortes gebracht. Männer, Frauen und Kinder mußten sich dort völlig ausziehen und wurden durch Genickschuß erledigt. Die Kleider wurden desinfiziert und wieder verwendet.


18. Dann wird die Welt den ewigen Frieden finden

ohne Datum San.Uffz. K. G.

Allerdings treibt sich im rückwärtigen Gebiet noch allerhand lichtscheues Gesindel umher, das unter Umständen gefährlicher ist als vorne im Kampf. Es ist kein Gegner im offenen Kampf, sondern sucht seine Beute bei Nacht. Kürzlich wurde ein Kamerad von uns bei Nacht ermordet im Walde aufgefunden. Er wurde von hinten abgestochen. Das kann nur der Jude sein, der hinter diesen Verbrechen steckt. Die darauf vorgenommene Razzia ergab auch einen ganz schönen Erfolg. Dieser Kampf muß bis zum Äußersten geführt und durchgekämpft werden, dann wird die Welt den ewigen Frieden finden.


19. Auschwitz - Es ist doch gut, wenn man einmal in der Welt umher kommt

7.12.1942, Montag Sold. 5. M.

Hier oben sieht man so viele Strafgefangenenlager, die Bauarbeiten und noch so verschiedenes machen. Juden kommen hier, das heißt in Auschwitz, wöchentlich 7-8000 an, die nach kurzem den "Heldentod" sterben. Es ist doch gut, wenn man einmal in der Welt umher kommt ...


20. Dieser Krieg darf unter keinen Umständen verlorengehen!

29.5.1943, Samstag Uffz. A. N.

Dieser Krieg darf unter keinen Umständen verlorengehen! Was wäre wohl dann? Deutschland existierte jedenfalls nach einem verlorenen Krieg nicht mehr. Und das weiß der Führer bestimmt. Wir können eben immer nur wieder den Herrgott bitten, daß er den Führer und unsere Waffen segnen möchte. Es kann doch nicht sein, daß der Jude siegt und herrscht. Die Engländer und Amerikaner sind sowieso die größten Verräter an der weißen Rasse und an der germanischen Kultur.


21. Um nicht der Rache der Juden ausgeliefert zu werden

12.6.1943, Samstag O'Gefr. H. H.

Unter uns Kameraden darf man auch alles reden. Die Zeit des Fanatismus und der Nichtduldung anderer Ansichten ist vorbei, und allmählich beginnt man klarer und nüchterner zu denken. Wollen wir den Krieg gewinnen, dann müssen wir auch vernünftiger werden und dürfen nicht mehr so großprahlerisch alle Welt abstoßen. Es ist richtig, wir müssen den Krieg gewinnen, um nicht der Rache der Juden ausgeliefert zu werden, aber die Träume von einer Weltherrschaft sind dahin ...«


22. Es sind zusammen 30.000 Juden

erschossen worden

27.6.1943, Sonntag Sold. H. R.

Ich habe schon lange den Glauben an ein gutes Ende verloren. Sollte noch ein wenig Hoffnung sein, dann nur noch drei Monate. Dann glaubt kein Soldat mehr an ein gutes Ende. Die Bevölkerung ist uns Deutschen nicht gut gesinnt. Die Stadt Dünaburg ist zur Hälfte auch nur noch ein Trümmerfeld. Hier lebten bis zu 75% Juden. Es sind zusammen 30000 Juden nicht weit von der Stadt erschossen worden. Außerdem sind an anderen Leuten auch durch uns viele Erschießungen vollstreckt worden über Kleinigkeiten. Der Deutsche ist einmal dadurch nirgends gern gesehen.


23. Das sind alles solche Sachen, die ich heute ganz anders ansehe

27.8.1944, Sonntag Gefr. K.B.

Mami ich möchte Dir etwas schreiben, aber nicht lachen. Du weißt doch die ganze Sache steht jetzt auf der Messerspitze. Es geht jetzt doch um die Entscheidung und ich habe das Gefühl, als wenn das Messer abbricht. Der Krieg geht seinem Ende entgegen, aber ich glaube nicht für uns. Du weißt doch der Jude wird eine Blutrache nehmen, hauptsächlich an den Parteileuten. Ich war ja leider auch einer der die Parteiuniform getragen hat. Ich habe es ja schon bereut. Ich bitte Dich bringe die Uniform beiseite, ganz gleich wohin und wenn Du die ganzen Sachen verbrennst. Ich kann schon des nachts nicht mehr schlafen darum. Das macht mir solche Sorgen, das glaubst Du gar nicht. Ich komme schließlich gut hier durch, das heißt, wenn ich noch nicht direkt an die Front komme. Auch Du in der Frauenschaft und der Junge in der Hitlerjugend, das sind alles solche Sachen, die ich heute ganz anders ansehe.


24. Solche Verbrecher sind wir Deutschen denn nun doch nicht

4.9.1944, Montag Wm. L. D.

Sollte der Krieg wohl doch verloren gehen? Das wäre ja furchtbar, und man müßte an der Vorsehung zweifeln, solche Verbrecher sind wir Deutschen denn nun doch nicht gewesen, wenn auch die Nazis es mal ein bißchen toll mit den Juden getrieben haben.


25. Grenzenloser Haß und letzte Hingabe

17.9.1944, Sonntag Hptm. H. G. E.

Gestern erhielt ich ein russisches Flugblatt, das an die russischen Soldaten gerichtet war. Ich muß sagen, beim Lesen lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Man darf über diese Worte gar nicht weiter nachdenken, sie sind furchtbar. Grenzenloser Haß und letzte Hingabe ist die einzige Antwort, die wir darauf geben können. Wir müssen den Sieg an unsere Fahnen heften.


26. Man hat es zu doll getrieben

Das deutsche Volk ist immer ein moralisch empfindendes Volk geblieben

15.10.1944, Sonntag Uffz.H.V

Die Behandlung von Juden und Polen - jener schon vor, beider während des Krieges - war nicht nur ein verhängnisvoller politischer Fehler, sondern ein menschliches Unrecht, das in immer steigendem Maße das deutsche Volksgewissen belastete.

Aus dieser Quelle stammt das tief verborgene Mißtrauen, das auch der einfache Mann mit einem Rest gesunder Vernunft unserer These vom "gerechten Krieg" und der "heiligen Sache" entgegenbringt. "Wenn die losgelassen werden, die haben eine Rechnung zu begleichen." "Man hat es zu doll getrieben, das war ja nicht mehr menschlich." So etwa lassen sich heute Parteigenossen hören, die vor einem oder zwei Jahren jede derartige Anwandlung weit von sich gewiesen hätten.

Das deutsche Volk ist in dieser Hinsicht trotz einer zehnjährigen Erziehung und aller gegenteiligen Beweise in seiner überwiegenden Mehrzahl noch immer ein moralisch empfindendes Volk geblieben! Es hat einer satanischen Verführungskunst und eines raffinierten Systems der Massenräusche und der nationalen Überhitzung bedurft, um es zu dem fortzureißen, was es getan oder geduldet hat und worin es sich im Augenblick des Unglücks jetzt schaudernd erkennt. Das Gefühl für menschliches Recht und Unrecht ist in seinen besten Gliedern noch immer tief verankert.

Der Deutsche ist von jeher in besonderem Maße ein Mensch des Gewissens gewesen, vor dessen Spruch er seine Schranken fand und das ihm zum ordnenden Maß der Wirklichkeit wurde. Wir können uns auf Luther und manchen anderen berufen. Auch Bismarcks Politik hatte sich vor dem Richterstuhl des eigenen und des nationalen, des religiösen und politischen Gewissens dauernd zu verantworten. An diesem Punkt hat eine spätere Erziehung des deutschen Volkes in der Tiefe einzusetzen .

 


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