Jorge Semprún:

"Der Rauch aus den Öfen hat die Vögel vertrieben"


Sie stehen vor mir mit aufgerissenen Augen, und ich sehe mich plötzlich in diesem schreckensstarren Blick: ihrem Entsetzen.

Seit zwei Jahren lebte ich ohne Gesicht. Kein Spiegel in Buchenwald. Ich sah meinen Körper, seine zunehmende Magerkeit, einmal in der Woche beim Duschen. Kein Gesicht auf diesem lachhaften Körper. Manchmal strich ich mit der Hand über eine Augenbraue, über hervortretende Backenknochen, eine hohle Wange. Ich hätte mir einen Spiegel besorgen können, zweifellos. Man fand alles mögliche auf dem schwarzen Markt des Lagers, im Tausch gegen Brot, Tabak, Margarine. Bei Gelegenheit sogar Zärtlichkeit.

Aber ich interessierte mich nicht für diese Details. Ich sah meinen Körper, immer verschwommener, unter der wöchentlichen Dusche. Abgemagert, aber lebendig: das Blut kreiste noch, es war nichts zu befürchten. Das würde genügen, dieser geschrumpfte, aber verfügbare Körper, tauglich für ein erträumtes, wenn auch wenig wahrscheinliches Überleben. Der Beweis dafür: ich bin da. Sie sehen mich an, mit verstörten Augen voller Grauen.

An meinem geschorenen Haar kann es nicht liegen. Junge Rekruten, Kleinbauern, auch andere Leute tragen in aller Unschuld geschorenes Haar. So was ist banal. Ein Glatzenschnitt verwirrt keinen. So was ist nicht furchterregend. Dann vielleicht mein Aufzug? Gewiß, er ist sonderbar: disparate Klamotten. Aber ich trage russische Stiefel aus weichem Leder. Ich habe eine deutsche Maschinenpistole quer über der Brust hängen, sichtbares Zeichen von Autorität in dieser Zeit. Aber Autorität erschreckt nicht, sie beruhigt eher. Meine Magerkeit? Bestimmt haben sie schon Schlimmeres gesehen. Wenn sie den alliierten Armeen folgen, die in diesem Frühjahr in Deutschland vordringen, haben sie schon Schlimmeres gesehen. Andere Lager, lebende Leichname.

Diese Details mögen zwar überraschen, beunruhigen: mein geschorenes Haar, meine disparaten Klamotten. Aber sie sind nicht überrascht, nicht beunruhigt. In ihren Augen lese ich blankes Entsetzen.

Es bleibt also nur mein Blick, schließe ich daraus, der sie derart beunruhigen kann. Es ist das Grauen meines Blicks, das der ihre offenbart, von Grauen erfüllt. Wenn ihre Blicke ein Spiegel sind, dann muß ich einen irren, verwüsteten Blick haben. Sie sind soeben, vor einem Augenblick, aus dem Wagen gestiegen. Haben ein paar Schritte in der Sonne gemacht, sich die Beine vertreten. Haben mich dann bemerkt, sind auf mich zugegangen.

Drei Offiziere in britischer Uniform. Ein vierter Soldat, der Chauffeur, ist bei dem Automobil stehengeblieben, einem dicken grauen Mercedes, der noch deutsche Nummernschilder trägt. Sie sind auf mich zugegangen. Zwei etwa Dreißigjährige, blond, eher rosig. Der dritte, jüngere, dunkelhaarig, trägt ein Abzeichen in Form eines Lothringer Kreuzes mit der Inschrift "France". [...]

Er muß in meinem Alter sein, ein paar Jahre älter. Ich könnte mich mit ihm anfreunden.

Er sieht mich an, verstört vor Entsetzen.

- Was ist? sage ich ärgerlich, zweifellos schroff. Setzt Sie das Schweigen des Waldes so in Erstaunen?

Er dreht den Kopf zu den Bäumen ringsum. Die anderen ebenso. Spitzen die Ohren. Nein, es ist nicht das Schweigen. Sie hatten nichts bemerkt, das Schweigen nicht gehört. Offensichtlich bin ich es, der sie entsetzt, nichts anderes.

- Keine Vögel mehr, sage ich, meinen Gedankengang fortsetzend. Der Rauch des Krematoriums hat sie vertrieben, sagt man. Niemals Vögel in diesem Wald.

Sie hören zu, beflissen, versuchen zu verstehen.

- Der Geruch nach verbranntem Fleisch, das ist es!

Sie zucken zusammen, sehen einander an. Mit nahezu greifbarem Unbehagen. Einer Art Schluckauf, Brechreiz. [...]

Am Vortag, gegen Mittag, war eine Sirene ertönt. Feindalarm, Feindalarm! schrie eine rauhe Stimme voller Panik in der Lautsprecheranlage. Seit einigen Tagen warteten wir auf dieses Signal, seit das Lagerleben beim Nahen der gepanzerten Vorhut von General Patton zum Erliegen gekommen war.

Kein Ausrücken zu den Außenkommandos mehr im Morgengrauen. Letzter Appell der Deportierten am 3. April. Keine Arbeit mehr, außer in der inneren Lagerverwaltung. In Buchenwald herrschte dumpfe Erwartung. Die SS-Kommandantur hatte die Überwachung verstärkt, die Posten auf den Wachtürmen verdoppelt. Immer mehr Patrouillen befanden sich auf dem Postenweg jenseits des elektrisch geladenen Stacheldrahtzauns. So verging eine Woche, mit Warten. Der Schlachtenlärm rückte näher.

In Berlin wurde beschlossen, das Lager zu evakuieren, aber der Befehl wurde nur zum Teil ausgeführt. Das illegale internationale Komitee organisierte sofort den passiven Widerstand. Die Deportierten erschienen nicht zu den Appellen zum Abtransport. Daher wurden SS-Einheiten tief ins Lager geschickt, bis an die Zähne bewaffnet, aber eingeschüchtert von der ungeheuren Ausdehnung Buchenwalds. Von der entschlossenen und ungreifbaren Masse Zehntausender noch kräftiger Männer. Manchmal schoß die SS blindlings um sich, um die Deportierten zu zwingen, sich auf dem Appellplatz zu versammeln.

Aber wie einer Menschenmenge Schrecken einjagen, die von der Verzweiflung getrieben wird und sich jenseits der Schwelle des Todes befindet? Von den fünfzigtausend Häftlingen in Buchenwald gelang es der SS, nur knapp die Hälfte zu evakuieren: die schwächsten, die ältesten, die am wenigsten organisierten. Oder aber jene, die, wie die Polen, das gemeinsame Abenteuer der Evakuierung auf den Straßen dem Warten auf eine unentschiedene Schlacht vorgezogen hatten. Auf ein wahrscheinliches Massaker in letzter Minute. Man wußte, daß mit Flammenwerfern ausgerüstete SS-Mannschaften in Buchenwald eingetroffen waren.

Ich werde nicht unser Leben erzählen, dazu habe ich keine Zeit. Jedenfalls nicht die Zeit, in Einzelheiten zu gehen, die das Salz der Erzählung sind. Denn die drei Offiziere in britischer Uniform sind da, vor mir aufgepflanzt, die Augen weit aufgerissen. Sie warteten, ich weiß nicht, worauf, aber sie tun es entschlossen.

Am 11. April, also am Vortag, um mit wenigen Worten zum Ende zu kommen, war kurz vor Mittag die Alarmsirene ertönt, in kurzen, durchdringenden, wiederholten Stößen aufheulend. Feindalarm, Feindalarm! Der Feind stand vor den Toren: die Freiheit.

Dann hatten sich die Kampfgruppen an den vorher festgelegten Punkten versammelt. Um fünfzehn Uhr hat das illegale Militärkomitee den Befehl gegeben, zur Tat zu schreiten. Mit einem Mal sind Kumpel aufgetaucht, die Arme mit Waffen beladen. Mit automatischen Gewehren; Maschinenpistolen, ein paar Stielhandgranaten, Parabellums, Panzerfäusten.

Waffen die aus den SS-Kasernen gestohlen worden waren, besonders während des Durcheinanders, das der Luftangriff im August 1944 verursacht hatte. Oder Waffen, die Wachposten in den Zügen zurückgelassen hatten, die mitten im Winter die jüdischen Überlebenden von Auschwitz hierherbrachten. Oder in Einzelteilen aus den Gustloff Werken geschmuggelte Waffen, die in den illegalen Werkstätten des Lagers wieder zusammengesetzt worden waren. Waffen, die im Laufe langer Jahre geduldig für diesen unwahrscheinlichen Tag gesammelt worden waren: für heute.

Der Stoßtrupp der Spanier befand sich in einem Flügel des Erdgeschosses von Block 40, dem meinen. Auf der Straße zwischen diesem Block und dem Block 34 der Franzosen ist Palazón aufgetaucht, hinter ihm jene, die die Waffen trugen, im Laufschritt.

- Grupos, a formar! brüllte Palazón, der militärische Verantwortliche der Spanier.

Wir waren aus den offenen Fenster gesprungen, ebenfalls brüllend. Jeder wußte, welche Waffe für ihn bestimmt war, welchen Weg er zu nehmen, welches Ziel er zu treffen hatte. Ohne Waffen hatten wir an Sonntagnachmittagen inmitten der verstörten, hungrigen, desorientierten Menge diese Bewegungen bereits geübt, diesen Weg zurückgelegt: Der Sprung war zu einem Reflex geworden.

Um dreizehn Uhr dreißig waren der Kontrollturm sowie die Wachtürme besetzt worden. Der deutsche Kommunist Hans Eiden, einer der Lagerältesten, konnte sich über die Lautsprecher des Lagers an die Häftlinge wenden. Später marschierten wir, bewaffnet, nach Weimar. Nach Einbruch der Dunkelheit holten uns Pattons Panzer auf der Straße ein. Ihre Besatzungen entdeckten; zuerst verblüfft, dann, nach unseren Erklärungen, jubelnd diese bewaffneten Banden, diese sonderbaren Soldaten in Lumpen. In allen Sprachen des alten Europas wurden auf dem Ettersberg Worte des Dankes ausgetauscht.

Keiner von uns hätte diesen Traum je zu träumen gewagt. Keiner, der noch lebendig genug zum Träumen war, hätte gewagt, sich eine Zukunft auszumalen. im Schnee der Appelle, zu Tausenden schnurgerade aufgereiht, um der Erhängung eines Kameraden beizuwohnen, hätte niemand von uns gewagt, diesen Traum bis zu Ende zu träumen: eines Nachts bewaffnet nach Weimar zu marschieren.


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