Baustein

Die Erinnerung darf nicht enden

Texte und Unterrichtsvorschläge zum Gedenktag 27. Januar

als Bausteine ausgearbeitet von einer Gruppe des Erzieherausschusses der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Stuttgart

Hrsg: LpB, GCJZ, 1997



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Inhaltsverzeichnis



 

Baustein 1

Inge Auerbacher, Edith Baer: Kindheitserinnerungen


Klassenstufe: 5-8

Beschreibungsbene: Impuls für eigene Unterrichtsplanung, Leseprobe

Zeitaufwand: 1 Unterrichtsstunde (D, R), erweiterbar

Themen: lebendige jüdische Kultur, Beginn und Durchführung der Ausgrenzung in der NS-Zeit (bei Auerbacher: Leben im Ghetto, Befreiung); jüdische Glaubens- und Lebenspraxis; regionaler Bezug, u.a. authentische Fotos

Kombination: Film: "Inge und der gelbe Stern", Tagebuch Anne Frank, Zeitzeugin Frau Dror [18], (ab Kl. 7); Jüdisches Museum Göppingen


Inge Auerbachers und Edith Baers Kindheitserinnerungen erschienen zuerst in Amerika., sind aber seit 1990 bzw. 1995 in deutscher Übersetzung als Jugendbuch greifbar (s. Anhang). Durch ihr Erzählen vergegenwärtigen die beiden jüdischen Autorinnen den prägenden, alles entscheidenden Teil ihrer Biographien — die "pädagogische" Zielrichtung ihrer Bücher ist dabei unverkennbar. Inge Auerbacher (* 1934) erläutert beispielsweise jüdische Sitten und Gebräuche und ergänzt Hintergrundinformationen, um ihren jungen Lesern das Verstehen zu erleichtern; im Anhang gibt es zudem Karten und Übersichten, auf die auch im Unterricht zurückgegriffen werden kann. Allein die zahlreichen Fotos könnten schon als Unterrichtseinstiege genutzt werden. Die Bilder glücklichen Familienlebens und jüdischer "Normalität" sprechen angesichts des bald folgenden Holocausts für sich. In ihrer Alltäglichkeit ermöglichen sie den Schülern die Übertragung auf die eigene Situation. Eine Alternativebzw. Ergänzung zum Buch wäre der kurze Film (s.Medienverzeichnis).

Inge Auerbacher beschreibt ihren Weg von Kippenheim bzw. Göppingen-Jebenhausen nach Theresienstadt und schließlich nach New York. Die regionalen Aspekte ließen sich durch einen Besuch im Jebenhausener Museum vertiefen.

Edith Baer (* 1924) verfremdet leicht ihre biographischen Erfahrungen aus dem Stuttgart der Weimarer Republik, indem sie über ein Mädchen aus "Thalstadt" berichtet. Ein Schüler schreibt über das Buch:

"In der schwäbischen Landeshauptstadt `Thalstadt', dem heutigen Stuttgart, wächst die elfjährige Eva Bentheim in einer liberalen und wohlhabenden jüdischen Familie auf. Ihre Kindheit wird von den ersten Erfahrungen mit dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland belastet. Während einer Erdkundestunde weist sie beispielsweise ein Schüler aus ihrer Klasse darauf hin, daß auf die Insel Rügen nur `echte' Deutsche dürfen, ohne daß die Klassenlehrerin einschreitet. Das Buch schildert ausführlich die Geschehnisse vom Kindesalter Evas bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein, wobei Abschnitte, die für das spätere Verständnis sehr wichtig sind, z.B. Großvaters Geburtstag oder der Buchladen der Familie, den Evas Vater übernommen hat, sehr detailliert erzählt werden. Man sollte wissen, daß die Autorin ihr Schicksal vor und in der NS-Zeit durch ihre Romanfigur Eva an den Leser weitergibt. Die Autorin mußte selbst mit 16 Jahren Deutschland verlassen und entkam als einzige ihrer Familie den Vernichtungslagern. Im Juli dieses Jahres [1995] hat Edith Baer ihre Geburtsstadt Stuttgart noch einmal besucht und in ihrer alten Schule eine Lesung aus dem gerade erschienen Buch gehalten.

Ich erinnere mich an die besonderen Vorbereitungen für Schabbat und unsere Feiertage. [...] Großmutter und ihr Dienstmädchen Therese bemühten sich immer sehr, daß das Haus am Schabbat gründlich sauber war. Sie bereiteten mindestens zwei Kuchen vor und aus dem gleichen Teig außerdem zwei "Barches". Das ist ein besonderes Weißbrot, ein mohnbestreuter Zopf, der am Schabbat und an anderen Feiertagen gegessen wird. [...]

Der Tisch war prächtig gedeckt mit einer weißen Damastdecke und dem besten Geschirr und dem Silberbesteck meiner Großmutter. Am oberen Tischende standen zwei Kerzenständer, und bevor es dunkel wurde, zündete Großmutter die Kerzen an und sprach ein Gebet. Ihr Gesicht schien in dem warmen Licht der Flammen noch schöner zu werden. Papa und Mama legten nacheinander die Hände auf meinen Kopf und segneten mich. Ich küßte meine Eltern und Großeltern, und wir alle sagten "Gut Schabbes" zueinander. Großvater hob das bestickte Deckchen hoch, das die Barches bedeckte, bestreute es mit Salz und sagte den Segen für Brot. Dann bekamen wir auch ein kleines Stück und wiederholten seine Worte. Er hob einen silbernen Kelch, sprach den Segen für Wein und trank. Auch wir bekamen einen Schluck und sprachen seine Worte nach. Dann wurde Hühnersuppe mit Nudeln hereingebracht, und Großmutter sagte "Mahlzeit". Das Hauptgericht bestand üblicherweise aus Rindfleisch mit frisch geriebenem Meerrettich, Kartoffelsalat und grünem Salat.

Da die Religion den Juden verbietet, an Schabbat zu fahren, gingen wir zu Fuß nach Göppingen, um dort am Gottesdienst in einem jüdischen Haus teilzunehmen, das nun als Synagoge diente. Die große Synagoge in Göppingen war in der Kristallnacht zerstört worden.

Obwohl in Jebenhausen nur wenig vom Antisemitismus zu spüren war, hatten meine Großeltern die religiösen Bräuche immer nur vorsichtig ausgeübt. In der jüdischen Religion wird an Sukkot, dem Laubhüttenfest, an die vierzig Jahre dauernde Wanderung von Moses mit den Juden durch die Wüste erinnert. An diesem Fest wird eine symbolische Hütte, eine Sukka, aus Schilfrohr, Zweigen und Gras errichtet. Das Innere der Hütte wird mit bunten Ornamenten, Früchten, Gemüse und Herbstblumen geschmückt. Im Haus meines Großvaters wurde das Dach einer Mansarde abgetragen und das Zimmer in eine Sukka verwandelt. Obwohl von außen nichts zu sehen war, wagten wir nach dem Tod meines Großvaters nicht mehr, dieses Fest in der Sukka zu feiern, auch nich auf diese heimliche Art.

Jeden Tag wurden neue einschränkende Bestimmungen erlassen. Juden mußten alles Gold und Silber abliefern. Sie mußten ihrem Namen den Vornamen Israel oder Sara hinzufügen. Ich hieß danach Inge Sara Auerbacher. Einige Bewohner von Jebenhausen ließen sich von diesen antisemitischen Gesetzen nicht abschrecken und hielten an ihrer Freundschaft mit uns fest, obwohl den Christen der Umgang mit Juden verboten war. Einige Bauern versorgten uns auch weiterhin mit Lebensmitteln.

Unsere geliebte christliche Freundin Therese, die über zwanzig Jahre lang als Dienstmädchen im Haus meiner Großeltern gearbeitet hatte, stellte nachts Essen hinter den Grabstein meines Großvaters, damit wir es uns morgens holen konnten. Es gelang ihr auch, einige unserer Besitztümer bis nach dem Krieg aufzuheben, unter anderem zwei Alben mit Familienfotos und einige Gebetbücher. Die Bilder in diesem Buch gehören zu dem, was sie für uns aufbewahrt hat. Die Leute, die uns halfen, riskierten dadurch ihr Leben. Sie bewiesen sehr viel Mut.

 


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