Baustein

Die Erinnerung darf nicht enden

Texte und Unterrichtsvorschläge zum Gedenktag 27. Januar

als Bausteine ausgearbeitet von einer Gruppe des Erzieherausschusses der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Stuttgart

Hrsg: LpB, GCJZ, 1997



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Inhaltsverzeichnis



 

Baustein 8

Jurek Becker: "Jakob der Lügner"

(Aspekt "Befreiung")


Klassenstufe: ab 10

Beschreibungsebene: Phase innerhalb einer Unterrichts- (Roman-)reihe

Zeitaufwand: 2 Unterrichsstunden (D), erweiterbar

Themen: Befreiung und Nicht-Befreiung durch Rote Armee, Widerstand, "Heldentum", angemessenes Erinnern/ Gedenken/ Gestalten der Ghetto-Geschehnisse

Kombination: Ghettotagebuch Sierakowiak [9]; Bausteine zum Aspekt "Befreiung" [12], [13], [14]; Romanverfilmung, DDR-Mahnmal Buchenwald, Aufstand Warschauer Ghetto; als Referat oder Begleitlektüre zu Becker ÆBronsteins Kinder"


Jurek Becker "Jakob der Lügner" @


Im Blick auf den "27. Januar" könnte auch innerhalb einer Unterrichtsreihe zu Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner" eine besondere Schwerpunktsetzung erfolgen. Die Behandlung des Romans bietet sich in der 10. Klasse, möglichst innerhalb des fächerübergreifenden Projekts "Juden in Deutschland" an. Die vollständige Reihe kann hier nicht vorgelegt werden, sondern nur das betreffende Element aus der Schlußphase, das einen bestimmten Lernstand innerhalb der Reihe voraussetzt.

Der Erzähler des Romans bietet dem Leser zwei gleich Schlüsse an. Der `hoffnungslose Schluß' (vgl. S. 272ff), der sich innerhalb der erzählten Welt dem tatsächlichen Geschehen entspricht, endet mit dem Abtransport aller Ghettobewohner: "...wir fahren, wohin wir fahren." (Schlußsatz, S. 283). Genauere Hinweise über das, was folgt, erübrigen sich, denn "... was man mit dem Wort `Transport' im Ghetto bezeichnete, wissen die Leser dieses Romans genau."1

Dem Erzähler erscheint aber dieses Romanende als "unwürdig, sinnlos, häßlich" (vgl. S. 272ff). Er bietet deshalb zusätzlich einen `hoffnungsvollen Schluß' aus eigener Phantasie an (S. 257ff), der zwar Jakobs gescheiterten Fluchtversuch, aber damit verknüpft, die Befreiung des Ghettos durch die Rote Armee erzählt.

Die beiden Romanschlüsse lassen sich miteinander vergleichen, und es kann über Jurek Beckers Entscheidung reflektiert werden, warum er die "Befreiung" (als "Befreiung durch die Rote Armee") nur als Gedankenspiel, als Wunschtraum des Erzählers stattfinden läßt.

Der Ausgangspunkt für die Textbesprechung könnte etwa S. 267, Z. 21 - S. 271, Z. 8 sein. Die übergreifende Arbeitsaufgabe könnte vom Typ her die einer "literarischen Erörterung sein". Da diese Art der Aufgabenstellung in der 10. Klasse für den einzelnen Schüler verfrüht sein dürfte, bietet sich eine Behand-lung im Unterrichtsgespräch bzw. eine Zerlegung in Teilaufgaben und die abschließende Zusammenfügung im Plenum an. Hier können Querverbindungen zu bereits bekannten Stellen gezogen, außerdem (textextern) Selbstkommentare Beckers herangezogen werden.

Folgende Aspekte könnten (in variabler Abfolge) zur Sprache kommen:

  • Jurek Becker hat die Geschichte "doch ganz anders aufgeschrieben", als sein Vater sie ihm mitgeteilt hat; die Erwartung des Vaters, eine "Heldengeschichte" zu schreiben, erfüllt er nicht: "Ich fand auch, daß dieser Mann ein Held war, aber ich hatte keine Lust, über ihn zu schreiben; denn fast immer, wenn ich über diese Zeit gelesen habe, war von diesem Mann die Rede, über solche Menschen und über solche bewundernswerten Helden. Es schien mir unergiebig, noch einmal darüber zu schreiben."2
  • Innerhalb des Romans werden Abgrenzungen gegen die großen Widerstands- und Selbstbefreiungsgeschichten unternommen (Warschau, Buchenwald), S. 98f.
  • Widerstand und Heldentaten werden als "Kinderträume", als "Dummejungenstreiche" entlarvt (S. 96ff)
  • Desillusionierend wird der "anderen", realistischeren Seite der historischen Wirklichkeit, die nicht als glorioses Vorbild dienen kann, der Vorzug gegeben (stetiges Hoffen auf Änderung, Erdulden des Abtransports ins KZ).
  • Jakob wird als "Anti-Held" gezeichnet (z.B. S. 9, Z. 23ff).
  • "Befreiung" wird innerhalb des Romans nicht auf einer militärischen, sondern anthropologischen, existentiellen Ebene gezeigt, als `Befreiung zur Hoffnung', zu einem menschengemäßeren Leben durch die Verheißungen des Radios (s. Märchen von der kranken Prinzessin, S. 171ff). Nicht die Änderung der Welt, aber das bessere Zurechtkommen in ihr wird gezeigt — ein Symbol auch für die Aufgabe der Literatur3. Der Roman ist also an der konkreten Befreiung, dem historischen "Aufhänger" weniger interessiert, sondern wird zielt auf eine allgemein-menschliche Ebene; die Situation im Ghetto ist nicht der letzte Schritt der Überlegungen, sie verweist noch einmal auf das Angewiesensein des Menschen auf eine Hoffnungsperspektive.
  • Indirekt wendet sich der Roman gegen die Funktionalisierung der Ghetto-Tatsachen als Vorbildgeschichten für junge "Antifaschisten", s. Buchenwald-Denkmal und -Legende der DDR.
  • Aus Sicht des Romans läßt sich nach der angemessenen Form des Erinnerns, des Gedenkens am 27. Januar fragen.4
  • Mögliche Arbeitsaufgaben/ Unterrichtsschritte
  • (müssen modifiziert werden, wenn an bereits Besprochenes angeknüpft wird):
  • Stelle für die beiden Romanschlüsse die einzelnen Handlungsschritte zusammen!
  • Wie bewertet der Erzähler jeweils den Schluß? Wie "paßt" der Schluß zur vorherigen Geschichte von Jakob und seinem Radio?
  • Stelle Dir vor, Du sollst "Jakob" für einen kommerziellen Unterhaltungssender verfilmen. Welchen Schluß würdest Du für passend halten? Begründe Deine Meinung.
  • Wie werden schon vorher, durch die Szene mit Siegfried und Rafael, die Möglichkeiten des Widerstands und der Befreiung durch die Rote Armee für den Leser dargestellt und bewertet? Überlege, inwiefern zwischen S. 96 (Szene Siegfried/Rafael) und S. 270 (Befreiung) ein Zusammenhang besteht! Welche Botschaft ist hier für den Leser versteckt?
  • Arbeite ergänzend heraus, welche ergänzenden Anmerkungen der Erzähler S. 98ff zum Problem ÆWiderstand" macht!
  • Informiere Dich, auf was die Stichwörter "Warschau" und "Buchenwald" anspielen (S .99)!
  • Welche Erwartungen hatte Jurek Beckers Vater, als er seinem Sohn von einem Mann erzählte, der tatsächlich im Ghetto ein Radio besessen hat?
  • Was macht Jurek Becker aus dieser Geschichte?
  • Was spricht dafür, was dagegen, daß Jakob ein Held ist?
  • Inwiefern "befreit" Jakob seine Mitmenschen?
  • Welche Anregungen könnte der Roman einem für die Vorbereitung des "27. Januars" geben? Was sollte man aus der Sicht des Romans beachten?

1) Marcel Reich-Ranicki: Jurek Beckers Romane, Jakob der Lügner. In: Über Ruhestörer in der deutschen Literatur, München 1993, S. 180-184

2) Arnold, Heinz Ludwig: Gespräch mit Jurek Becker. In: Text+Kritik (Heft 116: Jurek Becker), 1992, S.4ff.

3) vgl. Reich-Ranicki, S. 183.

4) Hier könnte die Rezension von Reich-Ranicki (Schlußteil) einbezogen werden (S. 183f, s. Medienverzeichnis). Marcel Reich-Ranicki: Jurek Beckers Romane, Jakob der Lügner. In: Über Ruhestörer in der deutschen Literatur, S. 180-184, München 1993.

 


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