Baustein

Die Erinnerung darf nicht enden

Texte und Unterrichtsvorschläge zum Gedenktag 27. Januar

als Bausteine ausgearbeitet von einer Gruppe des Erzieherausschusses der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Stuttgart

Hrsg: LpB, GCJZ, 1997



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Inhaltsverzeichnis



 

Vorwort


Leute, ihr redet: Vergessen -
Es kommen die jungen Menschen,
ihr Lachen wie Büsche Holunders.
Leute, es möcht der Holunder
sterben
an eurer Vergeßlichkeit.

J. Bobrowski


27. Januar 1945 - Befreiung von Auschwitz

Wir begrüßen den Aufruf des Bundespräsidenten, den 27. Januar zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus zu machen, und möchten ihn unterstützen. Um es den Lehrern zu erleichtern, im Sinne dieses Gedenktages an den Schulen tätig zu werden, haben wir aus eigener Unterrichtserfahrung Materialien, Texte, Ideen und Adressen zusammengetragen, die wir weitergeben möchten.

Wir sind eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern verschiedener Schularten, die im Erzieherausschuß der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Stuttgart tätig sind.

Die Tatsache, daß vor gar nicht so langer Zeit in der Mitte Europas eine große Zahl von Menschen sich zu nahezu unglaublich barbarischem Handeln bewegen ließen, muß im Bewußtsein der jungen Generation verhaftet bleiben. Es ist verständlich, daß junge Menschen dem grauenvoll Unbegreiflichen ausweichen möchten, weil es unbequem und aus unserem Alltagsleben heraus nicht vorstellbar ist. Und doch geschieht bis heute immer wieder Ähnliches in der Welt. Denn die Menschen haben sich im Wesen nicht geändert, nur die Umstände sind immer wieder anders und - hoffentlich - das Bewußtsein der Menschen, und an dem müssen und können wir arbeiten.

Der Umschwung von einer "normalen", friedlichen Welt in eine Welt des Grauens geschah damals und geschieht heute nie mit dem vollen Wissen und Wollen der Beteiligten. Offensichtlich lassen sich ganze Völker leicht verführen. Und plötzlich ist es zu spät, man hat es nicht gewollt, und dann kann man nichts mehr ändern - und schon gibt es die "willigen Vollstrecker" für jedes, auch das größte Unrecht. Das Bewußtsein für diese Gefahren muß rechtzeitig geschärft und der Wert eines jeden Lebens verdeutlicht werden.

Die Beschäftigung auch mit diesem Teil der deutschen Vergangenheit kann auch dazu beitragen, Jugendlichen ihren eigenen Standort bewußter zu machen: unsere Gegenwart ist zu weiten Teilen aus der Erfahrung mit dem NS-Regime gestaltet worden.

Was können wir als Lehrer dazu beitragen, daß die Erfahrungen von Verblendung, Verführung, Verfolgung, Krieg und Massenmord der kommenden Generation erspart bleiben? Den Schülern können wir nichts aufzwingen. Aber wir können uns der Anstrengung unterwerfen, den jungen Menschen, auch wenn sie es nicht gerne hören, die Erinnerung zu vermitteln von dem, was möglich war und - ziemlich sicher - weiterhin möglich bleiben wird.

Wir wissen, daß sehr viele Lehrer und Lehrerinnen das schon lange Zeit mit großem Einsatz versucht haben und immer noch versuchen. Wir kennen auch den Frust, der gerade die Willigen immer mal wieder überfällt. Wir sehen, wie viele Bemühungen, die vor allem auf Betroffenheit zielten, oft nicht zum gewünschten Erfolg führten. Wir kennen auch kein Patentrezept, wahrscheinlich gibt es keines.

Wir haben uns zusammengetan und Texte gesucht, die anschaulich sind. Ob konkrete Erlebnisberichte oder dichterische Verarbeitungen - was wir zusammengetragen haben, scheint uns geeignet, junge Menschen auf ihrer Bewußtseinsebene anzusprechen. Überall geht es um Menschen, die sich als Opfer oder Täter in dieser Zeit bewegten und aus ihr heraus unterschiedlich handelten. Sie zeigen sehr verschiedene Möglichkeiten auf, sich in ihr zu verhalten. Zum Teil reflektieren sie das Geschehene auch von später her. Wir hoffen, daß sich Schülerinnen und Schüler durch sie dafür gewinnen lassen, über die NS-Zeit und den Umgang mit ihr nachzudenken.

Es gibt eine sehr umfangreiche Literatur, auch mit vielen anschaulichen Beispielen. Aber der einzelne Lehrer kann nicht alle Neuerscheinungen lesen; deshalb haben wir Beispiele zusammengetragen, die uns geeignet und unverbraucht erschienen. Wir haben sie zusammengestellt, gekürzt und mit Hinweisen und Fragen für die Arbeit in der Schule versehen.

In den Texten kommen sehr verschiedene Menschen zu Wort : Kriegsteilnehmer, Täter und Opfer, Versteckte, Juden und Nichtjuden. Sie alle haben die Gewaltherrschaft, den 2. Weltkrieg, die Greueltaten und die Befreiung 1945 sehr unterschiedlich erlebt und in unterschiedlicher Weise sprachlich verarbeitet. Das gibt ein buntes Kaleidoskop von möglichen menschlichen Verhaltensweisen, die alle ein Stück der damaligen Realität widerspiegeln, und in die sich, so meinen wir, Schüler hineindenken können. Und wenn sie sich mit einzelnen Personen innerlich zu beschäftigen beginnen, wenn sie zu fragen beginnen, warum dieser oder jener so und nicht anders gehandelt hat, dann kann das Gespräch darüber anfangen, wie es denn damals war, wie es dazu kam, und was wir daraus - vielleicht - lernen könnten. Denn die Hoffnung wollen wir nicht aufgeben, daß die jungen Menschen von heute nie, weder als Täter noch als Opfer, in vergleichbare Situationen kommen werden.

Wir verstehen die einzelnen Teile der Sammlung als Bausteine, die in unterschiedlicher Weise kombiniert werden können. Da sie zum Teil aufeinander verweisen, bietet sich eine fächerübergreifende Nutzung an. Uns ist bewußt, daß wir nicht auf alle Opfergruppen und Aspekte eingehen konnten. Die Bausteine sind systematisch aufgebaut, decken die einzelnen Gebiete jedoch ungleich ab.

Die Texte sind an verschiedenen Schularten, auch an einer Förderschule, erprobt worden.

Wir haben uns bemüht, allen Schularten und Klassenstufen gerecht zu werden.

Viel Positives hat sich aus dem erklärten Willen sehr vieler Deutscher entwickelt, die nach dem Kriege gesagt haben: "Nie wieder!" Dieser Impuls darf nicht verlorengehen.

Peter Reinhardt

 


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