Baustein

Die Erinnerung darf nicht enden

Texte und Unterrichtsvorschläge zum Gedenktag 27. Januar

als Bausteine ausgearbeitet von einer Gruppe des Erzieherausschusses der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Stuttgart

Hrsg: LpB, GCJZ, 1997



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Inhaltsverzeichnis



 

Baustein 18

Rachel Dror: Als Zeitzeugin in der Schule


Klassenstufe: in der Regel ab 7

Beschreibungsebene: Information, Impuls für eigene Unterrichtsgestaltung (R, G, D)

Themen: Augenzeugenbericht; Vorurteil, Antisemitismus; jüdische Tradition,

Sitten und Gebräuche; Palästina/Israel;

Zeitaufwand: 2 Unterrichtsstunden

Kombination: Kindheitserinnerungen [1]; Tagebuch Anne Frank (Vergleich der Lebensläufe Auerbacher/Frank/Dror) Synagogenführung Stuttgart; Vortrag "Sitten und Gebräuche des Judentums"


Biographische Notiz:

Rachel Dror, 1921 in Königsberg/Ostpreußen geboren, ab 1931 Besuch des Lyzeums, 1935 Abgang von der Schule, bis März 1936 Schneiderausbildung, von Mai 1936 bis November 1938 Vorbereitung für die Auswanderung nach Palästina in Hamburg, im April 1939 von Triest aus nach Palästina ausgewandert (die in Deutschland verbliebenen Eltern kommen in Auschwitz um), 1948 Eintritt in den Polizeidienst des neugegründeten Staates Israel - zuständig für Straßensicherheit und Verkehrsunterricht in 25 Schulen, 1951 Heirat, 1952 Geburt der Tochter, 1957 Rückkehr in die Bundesrepublik Deutschland, 1967 - nach vorheriger Banktätigkeit - Studium, Lehrerin für Bildende Kunst und Technik an einer Sprachheilschule bis 1986, Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung, Vorsitzende des Erzieherausschusses der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, rege Vortragstätigkeit und Synagogenführungen - besonders für Schulen, Initiierung und Begleitung von christlich-jüdischen und deutsch-israelischen Projekten, 1996 Verleihung der Otto-Hirsch-Medaille.

Durch meine Geburt in Königsberg/Ostpreußen waren schon im Kindergarten meine Begegnungen mit den Mitmenschen multikulturell geprägt. Mich interessierten fremde Sitten und Gebräuche, andere Sprachen und Kulturen. So waren meine jüdischen Freunde Kinder aus den baltischen Staaten und meine nichtjüdischen Freunde deutscher Herkunft. Meine Erziehung zu Hause war streng, den größten Wert legte man auf Offenheit. Die Würde des Menschen stand an erster Stelle. Für diese grundlegenden Erfahrungen aus der Kinderzeit und dem Elternhaus bin ich heute sehr dankbar - sie erleichtern mir meine Arbeit.

Man darf und kann das Geschehene der Jahre 1933-45 nicht vergessen. Wir Zeitzeugen sind geradezu verpflichtet, unsere Lebensgeschichte zu berichten, damit dies alles in Zukunft nicht noch einmal geschieht. Es geht mir nicht nur um das Gestern, sondern darauf aufbauend interessiert mich besonders das Heute und Morgen, unserer Umgang mit Minderheiten, mit Vorurteilen und mit der Sprache. Durch einfache Beispiele kann man zum Abbau von Vorurteilen gelangen. Ich sehe es für mich als wichtig an, einfach zu beginnen, mich auf den Weg zu machen. Das Ergebnis sollte nicht nur eine verschwommene Toleranz, sondern eine wirkliche Verständigung, die Akzeptanz des Fremden sein. Damit meine ich allerdings nicht den Philosemitismus, den Gegensatz zu Antisemitismus. Als Voraussetzung für eine Verständigung bemühe ich mich um größtmögliche Objektivität in der Schilderung der Zeitereignisse. Weder politischer, noch religiöser Fundamentalismus dürfen Platz greifen.

Ich sehe in der persönlichen Begegnung mit Jugendlichen den wichtigsten Punkt meiner Arbeit. Ich berichte ihnen als Zeitzeugin über meinen Lebensweg, informiere sie über Sitten und Gebräuche des Judentums oder führe sie durch die Stuttgarter Synagoge. Junge Menschen haben ein gutes Gespür für Offenheit und Klarheit. Ihre Reaktionen sind positiv, wenn sie das Gefühl haben, ihr Gegenüber meint es ehrlich mit ihnen. Offene Ohren für mich haben Jugendliche meiner Meinung nach auch, weil ich nicht versuche, mich als Opfer darzustellen. Ich möchte nicht Theorie und Wissenschaft weitergeben, sondern ihnen mit meinen Erfahrungen begegnen und positives Leben ausstrahlen. Der Gegenwartsbezug verdeutlicht dabei das damals Geschehene. Direkte Gespräche durch Erzählen voneinander sollten im Mittelpunkt stehen, schließlich ist die jüdische Religion eine erzählende Religion.

Die Schüler, denen ich begegne, haben meistens schon im Unterricht grundsätzliche Aspekte der NS-Zeit erarbeitet. Meine Aufgabe ist es dann, diese durch einen möglichst anschaulichen persönlichen Bericht zu ergänzen und sozusagen "Geschichte zum Anfassen" zu bieten. Allerdings bin ich mir darüber im klaren, daß die interessanteste Erzählung nicht länger als sechzig Minuten (unterbrochen durch eine kurze Pause) sein darf. Es sollte anschließend mindestens eine halbe Stunde für Fragen der Schüler zur Verfügung stehen. Sollte dies aus Zeitmangel nicht möglich sein, ist meiner Ansicht nach die ganze Berichterstattung sinnlos.

Das Hinterfragen trägt zum Verständnis und zur Aufklärung der Problematik unbedingt bei. Wenn es den Schülern noch schwerfällt, in einem freien Gespräch Fragen zu stellen, können sie schon vorher wichtige Punkte aufschreiben und sie mir vorlegen. Ich nutze gern die Tafel, um wichtige Daten und Namen anzuschreiben, ebenfalls zeige ich zur Veranschaulichung Dias von meiner Familie und mir.

Schon durch das Erscheinen vor den Schülern im Klassenraum habe ich als Zeitzeugin die Möglichkeit, den Schülern einen ersten Eindruck von mir zu vermitteln. Der Blickkontakt zu ihnen und auch meine Selbstsicherheit sind nach meiner Erfahrung wichtige Punkte, die zum Gelingen beitragen. Von Vorteil ist es, wenn man durch die Teilnahme von ausländischen Schülern die Möglichkeit hat, Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Selbstverständlich sind die Probleme der Ausländer heute nicht mit der Geschichte der deutschen Juden zu vergleichen. Es ist aber meiner Meinung nach wichtig , den verachteten, verfolgten und erniedrigten Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Für mich nehme ich in Anspruch, Schüler auf die heutige Situation hin anzusprechen, indem ich provozierende Fragen stelle.Gezielte Störungen seitens der Schüler greife ich aktiv auf.

Sehr positive Erfahrungen mache ich in den kurzen Pausen. Es gibt immer wieder Schüler, die diese Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit mir nutzen. Manche stellen ihre Fragen nicht gern vor der Klasse, andere erzählen von sich, etwa vom Besuch der Eltern in Israel oder von jüdischen Freunden. Durch solche Gespräche habe ich schon sehr intensive Kontakte geknüpft. Mit dem Appell, niemanden zu be- oder verurteilen, bevor man sich nicht genau mit der Situation des Menschen befaßt hat, schließe ich in der Schule meinen Bericht. Unmißverständlich bringe ich zum Ausdruck, daß ich die Hoffnung habe, die Schüler für ein bewußteres Verhalten gegenüber Minderheiten sensibilisiert zu haben, und erinnere sie an das Grundgesetz, Artikel 1 und 3, an den Schutz der Menschenwürde und die Gleichheit vor dem Gesetz.

Bei diesen Zeitzeugenberichten im Unterricht spielt die Motivation des einladenden Lehrers oder Schulleiters eine ganz entscheidende Rolle. Ich bin mir der Schwierigkeiten durchaus bewußt, die in der Vorbereitungsphase für den Lehrer entstehen, denn häufig sind sie selbst noch nie jüdischen Menschen begegnet. Ich halte es deshalb allgemein für wichtig, daß sich der Fachlehrer vorher mit dem Zeitzeugen unterhält. Durch meine Lebensgeschichte habe ich meine eigene Art, als Zeitzeugin zu berichten, die manchmal nicht mit den Erwartungen der Lehrer übereinstimmt.

Ich habe die NS-Zeit erlebt und durch den Holocaust meine Eltern verloren, konnte aber durch meine Auswanderung nach Palästina den Vernichtungslagern entgehen. Die Jahre im neugegründeten Staat Israel waren für mich wie eine "zweite Geburt", die mir ermöglichte, selbstbewußt und selbstbestimmt als Jüdin zu leben. Und in dieser Haltung begegne ich auch Schülern. Ich habe mit dieser offensiven Einstellung schon viele gute Erfahrungen gemacht und erlebe, daß sich dadurch viel bewegen läßt. Es ist mein Weg, mich für eine bessere Gegenwart und Zukunft einzusetzen. Theodor Herzls Ausspruch "Wenn Du willst, ist es kein Märchen!" spornt mich dabei an.

 


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