Didaktische Reihe
Band 22

Werte in der politischen Bildung

 


Herausgeber:

Gotthard Breit
Siegfried Schiele

LpB, 2000, 464 S.



  Inhaltsverzeichnis

Stephan Schlensog

Weltfrieden – Weltreligionen – Weltethos

Das Projekt Weltethos als religiöse und politische Herausforderung

Die Geschichte der Weltethos-Idee ist nunmehr über zehn Jahre alt. Begonnen hat alles 1990 mit Hans Küngs Programmschrift "Projekt Weltethos" (Küng 1990) – ein kleines Buch mit großer Wirkung. Es folgte – um nur die wichtigsten Publikationen zu nennen – die "Erklärung zum Weltethos" des Parlaments der Weltreligionen von Chicago (Küng/Kuschel 1993), dann ein Diskussionsband mit internationalen Vertreterinnen und Vertretern aus Religion, Politik und Gesellschaft (Küng 1995), das Buch "Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft" (Küng 1997) und schließlich, neben einigen kleineren Publikationen, der Diskussionsband "Weltethos und Wissenschaft" (Küng/Kuschel 1998). Neben all dem seit 1995 die breit gefächerten Aktivitäten der Stiftung Weltethos zur interreligiösen Verständigung, national wie international: vor allgemeinem Publikum, in Schulen, in Akademien und anderen Bildungsforen; Aktivitäten mit religösen Gruppierungen und staatlichen Behörden bis hin zu Kooperationen mit internationalen Organisationen. Vorläufiger Höhepunkt ist das Multimedia-Projekt "Spurensuche": eine siebenteilige Fernsehreihe über die Weltreligionen, dazu ein bebildertes Begleitbuch und auch eine CD-ROM (Küng 1999).

Soweit, knapp skizziert, der publizistische Horizont, vor dem sich die Weltethos-Idee in den letzten Jahren entwickelt hat. Doch worum geht es bei dieser Idee? Die Weltethos-Idee will nichts Neues erfinden. Ihr Anliegen ist vielmehr, das herauszuarbeiten, was den Religionen dieser Welt – bei allen noch so großen Unterschieden in Theologie, Philosophie und Dogma – gemeinsam ist, gemeinsam an Werten, Normen, Maßstäben. Und diese Gemeinsamkeiten gilt es bewusst zu machen:

  • dem Einzelnen zur persönlichen Orientierung;
  • der Gesellschaft als Voraussetzung für ihren Zusammenhalt;
  • den Nationen und Religionsgemeinschaften als Basis für Verständigung und Frieden.

Freilich mag es für viele etwas Verwegenes haben angesichts des Krieges im ehemaligen Jugoslawien, wo orthodoxe Serben, katholische Kroaten und muslimische Bosnier sich erbitterte Schlachten lieferten, angesichts der nach wie vor angespannten Lage im Nahen Osten, angesichts der Spannungen zwischen Hindus, Muslimen und Sikhs in Indien, angesichts auch des unbereinigten Konfliktes zwischen Christen in Nordirland, hier von Weltreligionen und Weltfrieden zu reden. Aber: Wann war dies dringender als heute? Nach all den Erfahrungen der Vergangenheit und der Gegenwart, wo Religionen oft eine fatale Rolle gespielt haben und spielen.

Krieg der Zivilisationen?

Mittlerweile ist sie beinahe zu einer Art Gretchenfrage geworden im interreligiösen Dialog: "Wie hast Du es mit dem drohenden Zusammenprall, dem ‚Clash of Civilizations‘?" Es geht um die vieldiskutierte These des amerikanischen Politologen und Pentagonberaters Samuel P. Huntington – erst in einem Artikel vorgelegt, dann in einer gleichnamigen Monografie vertieft (Huntington 1996), die, so ihr Untertitel, mit dem von ihr heraufbeschworenen Szenario einen Beitrag zur "Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert" bieten möchte. Nach den national- und weltpolitischen Konflikten zwischen Nationen und Ideologien im 19. und 20. Jahrhundert, werden, so Samuel Huntington, die militärischen Auseinandersetzungen im 21. Jahrhundert vornehmlich zwischen Kulturen und Zivilisationen stattfinden. Sieben Zivilisationen gilt es dabei zu unterscheiden, die Huntington allesamt um Religionen gruppiert:

  • die westlich-christliche Europas, Nordamerikas und Ozeaniens;
  • die orthodox-christliche der slawisch-griechischen Welt;
  • den Islam von Mittelafrika über den Nahen Osten bis nach Zentralasien und Indonesien;
  • die afrikanische Kultur;
  • die hinduistische Kultur Indiens;
  • die japanische Kultur und
  • die konfuzianische Kultur Chinas und seiner Peripherie; wo Lateinamerika zuzuordnen ist, darüber scheint sich Samuel Huntington unschlüssig.

Huntington sieht diese Kulturen nicht nur in Zukunft zunehmend aufeinanderprallen und immer mehr Kriege und Konflikte entlang sogenannter "kultureller Schuldlinien" aufbrechen. Er sieht auch, für die meisten Kritiker nur schwer nachvollziehbar, am Horizont die große islamisch-konfuzianische Koalition heraufziehen – gegen den Westen und alle westlichen Werte. Ein geradezu apokalyptischer Kulturkrieg, der am Ende in einen globalen thermonuklearen Crash münden könnte: ein Schreckensszenario, das nichts zu wünschen und wenig zu hoffen übriglässt. Um so überraschender Huntingtons letztes Kapitel mit seinem ganz und gar unvermittelten Plädoyer für – man höre und staune – eine interkulturelle Kooperation.

Samuel Huntingtons Thesen sind mittlerweile viel diskutiert und wurden zum Teil auch heftig kritisiert: Angefangen von seiner fragwürdigen Einteilung der Kulturen über positive Irrtümer und verzerrte Wahrnehmungen – etwa des Islam – bis hin zur bedauerlichen Tatsache, dass Huntington bei allen unübersehbaren Antagonismen und Spannungen zwischen den Religionen und Kulturen die vielen Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen schlichtweg ignoriert (vgl. Küng 1997, S. 159-175).

In einem ganz zentralen Punkt freilich hat Huntington gegenüber vielen seiner oberflächlicheren Zunftgenossen recht: Er nimmt die grundlegende Rolle der Religionen in der Weltpolitik ernst, welche nun einmal die bewusst-unbewusste Tiefendimension vieler weltpolitischer Konflikte bilden. Und so werden wir denn in Zukunft in der Tat mit religiös-kulturell bedingten Antagonismen und Konflikten rechnen müssen: nicht nur zwischen den Nationen, sondern noch mehr innerhalb der Nationen, regional, in Städten, Schulen, Betrieben, mitunter sogar innerhalb von Familien.

Und warum sind denn diese Spannungen und Konflikte, wenn sie ausbrechen, oft so heftig?

  • Weil erstens die Unterschiede zwischen den Zivilisationen grundlegend, oft uralt und allumfassend sind: von der Kindererziehung über die Staatsauffassung bis hin zum Natur- und Weltverständnis;
  • weil zweitens viele Menschen – besonders in muslimischen, aber zunehmend auch in asiatischen Ländern – wegen der kulturellen Entfremdung durch und Enttäuschung über den Westen sich zunehmend auf ihre eigenen religiösen Wurzeln besinnen;
  • weil drittens die kulturellen Charakteristika und Unterschiede der Menschen weniger veränderlich und aufgebbar sind als politische und ökonomische und weil noch viel mehr als die Volkszugehörigkeit die Religion die Menschen scharf und ausschließlich voneinander unterscheidet: Jemand kann halb-französisch und halb-arabisch und gleichzeitig Bürger zweier Länder sein; es ist aber schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, halb-katholisch und halb-muslimisch zu sein.

Im entscheidenden Punkt freilich muss man Huntington unbedingt widersprechen: Ein Kampf der Kulturen und Religionen ist keineswegs unvermeidbar. Der angeblich unausweichliche globale Zusammenprall der Kulturen ist bestenfalls ein neues Angstmodell, das von manchen Militärstrategen zur Begründung neuer Aufrüstung benutzt werden könnte, aber das ist kein konstruktives Zukunftsmodell.

Feindbild Islam

Für manche im Westen scheint nach dem Zusammenbruch des Kommunismus der Islam die Rolle des Feindbildes übernommen zu haben. Wer sich mit dem Islam beschäftigt und Erfahrungen im interreligiösen Gespräch mit Muslimen sammeln konnte, weiß zu gut um die großen Angriffsflächen, die der Islam bestimmter Regionen und Länder gerade dem westlichen Betrachter bietet: Mittelalterliches Weltbild, Hinwegsetzung über Menschenrechte, Frauenfeindlichkeit ... um nur einige vielzitierte Schlagworte zu nennen. Aber was heißt schon »der Islam«? Es ist schon merkwürdig, dass bei Berichterstattungen in den Medien über den Islam vornehmlich vollbärtige Mullahs mit Kalaschnikows, superreiche Ölscheichs, verschleierte Frauen oder verarmte Menschen gezeigt werden. Unzähligen Muslimen bin ich selber schon begegnet, die modern, selbstbewusst, weltoffen, kritisch und dialogfähig sind, die einen Islam zu leben versuchen, der sich den Herausforderungen unserer Zeit stellt und diese auch mit Erfolg zu bewältigen scheint. Menschen, die wohl bewusst andere gesellschaftliche Ideale verfolgen, die sich betont für Moral, Solidarität und religiöse Werte einsetzen, die deshalb aber weder vormodern-mittelalterlich denken, wie Muslimen oft pauschal unterstellt, und die erst recht nicht mit einer fundamentalistisch-islamischen Revolution den Westen überrollen möchten, wie manche Publizisten suggerieren wollen.

Ist es nicht merkwürdig, fragte mich vor geraumer Zeit eine Muslima: Da wird eine muslimische Lehrerin zum nationalen Gesprächsthema, weil sie im Schuldienst mit Verweis auf ihren Glauben und gegen westliche Frauenideale ihr Kopftuch tragen möchte. Mit Frauenfeindlichkeit bis zur Bedrohung des Christentums und christlicher Werte wird von ihren Gegnern lautstark argumentiert. Wenn aber in einem Supermarkt am Zeitschriftenstand ganz selbstverständlich reihenweise nackte Frauen auf den Titelblättern abgebildet sind, wenn Sex und Pornographie in den Medien völlig enttabuisiert scheinen, wo sind da all diese entschiedenen Verfechter christlicher Werte und Moral, wo sind da die Gegner der Frauenfeindlichkeit?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Nicht einem idealisierten Islam gilt es hier das Wort zu reden, genausowenig wie am Christentum etwas zu idealisieren wäre. Was auch immer am Islam kritisch zu hinterfragen ist, so scheinen doch manche Islam-Kritiker allzu gern ein Idealbild des Westen oder des Christentums mit einem Realbild, gar einem Feindbild des Islam zu vergleichen.

Freilich, ein Feindbild ist für vieles gut:

  • Ein Feindbild entlastet: Minderwertigkeitsgefühle, Aggressionen, Frustrationen lassen sich damit leicht nach außen ableiten, Feindbilder ermöglichen ein Sündenbock-Denken.
  • Ein Feindbild verbindet: Einmal ausgemacht, verstärkt ein gemeinsamer Feind den Zusammenhalt, Feindbilder fördern das Block-Denken.
  • Ein Feindbild polarisiert: Wissen wir auch nicht, wofür wir sind, so doch wogegen. Feindbilder pressen alles in ein Freund-Feind-Schema.
  • Ein Feindbild aktiviert: Nicht Information und Orientierung über das Fremde sind gefragt, sondern Widerstand. Feindbilder helfen sogar Tötungshemmungen zu überwinden, führen jedenfalls leicht zum kalten oder heißen Krieg, und ebnen damit auch Fundamentalisten den Weg.

Der Fundamentalismus – Weltproblem

Wenige Begriffe sind gegen Ende des 20. Jahrhunderts so populär und damit freilich auch so vage geworden wie "Fundamentalismus", gebraucht für bestimmte konservative Strömungen nicht nur im Christentum, vor allem dem Protestantismus, sondern auch in den anderen Religionen.

Zunächst geht es beim Fundamentalismus vom Ursprung und der Geschichte des Begriffs her um ein christliches Phänomen Anfang des 20. Jahrhunderts. Führende Männer der nordamerikanischen evangelischen Bewegung gaben eine Schriftenreihe heraus über die "Fundamente des wahren christlichen Glaubens". Die wichtigsten Merkmale:

  • Glaube an wörtliche Inspiration und deshalb unbedingte Irrtumslosigkeit der Bibel;
  • von daher zunächst Defensive und Offensive gegen moderne Naturwissenschaft, Philosophie und Bibelwissenschaft;
  • exklusiver Wahrheitsanspruch der eigenen Religion.

Heute ist der Fundamentalismus ein Weltproblem, es gibt ihn in allen Religionen, auch wenn die prophetischen Religionen Judentum, Christentum und Islam wohl besonders anfällig dafür zu sein scheinen.

Aber woher die Wirksamkeit und Stoßkraft fundamentalistischer Parolen?

  • Sie sind konsequent: Ein Grundwert oder eine Grundidee wird konsequent durchkonstruiert und aus Angst vor aufweichender Kompromissbildung perfektionistisch gehütet;
  • sie sind einfach: Denkweise, Einstellung und System sind einfach und transparent, differenzierende Gesichtspunkte bleiben weithin ausgeklammert;
  • sie sind eindeutig: Interpretation und Lehrgebäude sind unzweideutig festgelegt, jede nuancierte Interpretation wird als Abweichung von der reinen Lehre, ja, als Irrlehre abgelehnt.

Wie deshalb mit Fundamentalisten umgehen? Natürlich gibt es Regionen, Länder, Regierungen und Religionsvertreter auf diesem Globus, mit denen buchstäblich nichts zu wollen ist, wo kaum Aussicht auf Öffnung, Dialog und Verständigung besteht. Doch der Fundamentalismus hat, wo vorhanden, nicht nur religiöse, sondern auch ökonomische, politische und soziale Wurzeln, er benennt Defizite vor allem der westlichen Moderne, die man auch dann ernst nehmen sollte, wenn man die Lösungsvorschläge der Fundamentalisten ablehnt. Und man kann den Fundamentalismus am ehesten dadurch überwinden, dass man hilft, die vielfältigen Bedingungen zu beseitigen, die den Fundamentalismus haben entstehen lassen, dass man vermeintlichen Fundamentallisten offen und dialogbereit begegnet und ihnen zumindest signalisiert, dass man ihr Anliegen ernst nimmt, auch wenn man die Konsequenzen, die viele Fundamentalisten daraus ziehen, nicht teilt. Und allemal besser als die politische Polarisierung, wie etwa in Algerien, wo die islamistischen Wahlsieger gewaltsam unterdrückt wurden, ist die institutionelle Integration der Islamisten wie etwa in der Türkei, wo die islamistischen Wahlsieger die Chance zur Regierungsbildung erhielten (vgl. Küng 1997, S. 199-207).

Dialog, nicht Einheit der Religionen

Die Zeit der großen Diktaturen ist vorbei. Kein Land der Welt, keine Kultur lässt sich auf Dauer hermetisch vom Rest der Welt abriegeln. Weltpolitik, Weltwirtschaft und Weltfinanzsystem sind mittlerweile so miteinander verflochten, dass Ökonomen von einer Weltgesellschaft und Soziologen von einer Weltzivilisation sprechen: einem zusammenhängenden Interaktionsfeld, in das wir alle direkt oder indirekt involviert sind.

Doch besagt diese globale Verflechtung keinesfalls auch eine einheitliche Weltkultur, gar eine Weltreligion. Dies zu erhoffen oder auch zu befürchten ist blanker Unsinn. Zu vielfältig sind die Religionen, Konfessionen, Denominationen, die religiösen Sekten, Gruppen und Bewegungen, als dass sie auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden könnten oder sollten.

Doch so verschieden die Religionen auf den ersten Blick auch sind, so gibt es zwischen ihnen doch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten, deren wir uns allzu wenig bewusst sind – struktureller wie inhaltlicher Natur.

• Alle Religionen sind auf ihre je verschiedene Weise Heilsbotschaften, die alle auf ähnliche Grundfragen des Menschen antworten: Woher die Welt und ihre Ordnung? Warum sind wir geboren, und warum müssen wir sterben? Was bestimmt das Schicksal des Einzelnen und der Menschheit? Wie begründet sich moralisches Handeln?

• Sie alle bieten über alle Weltdeutung hinaus Heilswege an: Wegweisung für ein sinnvolles und verantwortungsbewusstes Handeln.

• Die meisten Religionen können dabei auf eine historische Figur, auf ein konkretes Lebensmodell verweisen – Konfuzius, Krishna, Buddha, Jesus oder Muhammad: Menschen, die diesen Weg beispielhaft vorgelebt haben und zu deren Nachfolge aufgerufen und eingeladen wird.

• Alle großen Religionen bringen auf ihre je eigene Weise grundlegende Maximen elementarer Menschlichkeit zur Geltung: ethische Grundnormen, die von einem Unbedingten, einem Absoluten her begründet werden und deshalb für Hunderte von Millionen Menschen auch unbedingt gelten sollen und gelten: Jene vier großen Gebote der Menschlichkeit:

– "Du sollst nicht töten" – oder positiv "Hab Ehrfurcht vor dem Leben": für eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben.

– "Du sollst nicht stehlen" – oder positiv "Handle ehrlich und fair": für eine Kultur der Solidarität und der Gerechtigkeit.

– "Du sollst nicht lügen" – oder positiv "Rede und handle wahrhaftig": für eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit.

"Du sollst nicht Unzucht treiben" – oder positiv "Respektiert und liebet einander": für eine Kultur der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Mann und Frau.

Natürlich werden Juden, Christen und Muslime dieses Ethos, diese Grundnormen mit der Berufung auf den einen Gott und seine Gesandten ganz anders begründen, als Buddhisten und Hindus mit Verweis auf den Dharma, die kosmische Ordnung, oder als Chinesen mit Verweis auf Konfuzius und das allem zugrundeliegende Dao. So ist es auch zweitrangig, ob sich diese Normen wörtlich oder sinngemäß in den verschiedenen Heiligen Schriften finden – sie tun es in der Tat zum Großteil wörtlich –, sondern dass diese Normen dem Geist der verschiedenen Religionen durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch entsprechen. Zugespitzt in der sogenannten "Goldene Regel", die sich schon bei Konfuzius (6. Jh. v. Chr.), im alten Judentum (Rabbi Hillel 1. Jh. v. Chr.), und in der jesuanischen Bergpredigt findet und die auch für viele Muslime, Buddhisten und Hindus selbstverständlich ist: "Was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut auch ihnen ebenso."

Für ein verbindendes und verbindliches Weltethos

Es war das zweite Parlament der Weltreligionen, das – angeregt durch das Buch "Projekt Weltethos" – in Chicago am 4. September 1993 die weitgehend in Tübingen mit Vertretern verschiedener Religionen und Federführung von Hans Küng ausgearbeitete "Erklärung zum Weltethos" verabschiedet hat. Ein Dokument, das zum erstenmal in der Geschichte der Religionen einen minimalen Grundkonsens bezüglich verbindlicher Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen formuliert und bekräftigt hat, der von allen Religionen trotz ihrer "dogmatischen" Differenzen bejaht und der auch von Nicht-Glaubenden und Nicht-Religiösen mitgetragen werden kann.

Rund 7000 Menschen hatten sich damals in Chicago versammelt, Vertreterinnen und Vertreter aus allen Schichten und Bereichen der Religionen: Aktivisten von der »Basis«, Gelehrte, spirituelle Lehrer, Vertreter des Establishments. Natürlich war es kein »Parlament« im Sinne demokratischer Repräsentation, wohl aber ein Parlament im Sinne eines Gesprächs- und Diskussionsforums von Menschen guten Willens – das sich übrigens erneut im Dezember 1999 in Kapstadt zusammengefunden hat.

Die Weltethos-Erklärung von Chicago greift die Menschenrechts-Erklärung der Vereinten Nationen auf und möchte im Grunde das, was dort auf der Ebene des Rechts ausgesagt ist, vom Ethos her vertiefen – anknüpfend an die Idee der Französischen Nationalversammlung von 1789, wo manche mit der Verkündigung der Menschen-Rechte zugleich auch einen Katalog von Menschen-Pflichten verabschiedet haben wollten. Mahatma Gandhi hat dies später im Vorfeld der Unterzeichnung der Menschenrechtserklärung von 1948 so formuliert: "Der Ganges der Menschen-Rechte entspringt im Himalaya der Menschen-Pflichten."

Zum Anliegen der Erklärung von Chicago zitiere ich aus diesem Dokument:

"Wir sind überzeugt von der fundamentalen Einheit der menschlichen Familie auf unserem Planeten Erde. Wir rufen deshalb die Allgemeine Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen von 1948 in Erinnerung. Was sie auf der Ebene des Rechts feierlich proklamierte, das wollen wir hier vom Ethos her bestätigen und vertiefen: die volle Realisierung der Unverfügbarkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Freiheit, der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen und der notwendigen Solidarität und gegenseitigen Abhängigkeit aller Menschen voneinander. Aufgrund von persönlichen Lebenserfahrungen und der notvollen Geschichte unseres Planeten haben wir gelernt,

– dass mit Gesetzen, Verordnungen und Konventionen allein eine bessere Weltordnung nicht geschaffen oder gar erzwungen werden kann;

– dass die Verwirklichung von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Erde abhängt von der Einsicht und Bereitschaft der Menschen, dem Recht Geltung zu verschaffen;

– dass der Einsatz für Recht und Freiheit ein Bewusstsein für Verantwortung und Pflichten voraussetzt und deshalb Kopf und Herz der Menschen angesprochen werden müssen;

– dass das Recht ohne Sittlichkeit auf Dauer keinen Bestand hat und dass es deshalb keine neue Weltordnung geben wird ohne ein Weltethos, (...) einen Grundkonsens bezüglich bestehender verbindender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen."(Küng/Kuschel 1993, S. 23f)

Der in dieser Erklärung entfaltete ethische Basiskonsens will und kann natürlich das spezifische Ethos der verschiedenen Religionen nicht überflüssig machen, sondern er geht ja gerade daraus hervor. Er ist kein Ersatz für die Bergpredigt oder auch die Thora, den Koran, die Bhagavadgita, die Reden des Buddha oder die Sprüche des Konfuzius. Im Gegenteil: Gerade diese uralten und für Milliarden von Menschen verbindlichen "Heiligen Texte" geben dem Weltethos seine solide Begründung und überzeugende Konkretisierung.

Die Arbeit der Stiftung Weltethos

Aber wie soll sich ein Weltethos überhaupt durchsetzen können? Wie auch in der Frage der Menschenrechte oder der Ökologie, des Friedens und der Abrüstung sowie der Partnerschaft von Mann und Frau in einem sehr komplexen und lang andauernden Prozeß der Veränderung des Bewusstseins, den noch vor 20 Jahren in eben diesen Fragen wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte! Die Vordenker haben hier ebenso ihre Funktion wie einzelne und besonders all jene – Kirchen, Schulen, Verbände, Bildungseinrichtungen bis hin zu den Familien –, die für eine Bildungs- und Erziehungsarbeit an der nächsten Generation die Verantwortung tragen. Auch wir von der Stiftung Weltethos versuchen hierzu einen Beitrag zu leisten:

• Wir kooperieren mit religiösen und politischen Organisationen, veranstalten nationale und internationale Kolloquien und Kongresse zum Austausch mit Vertretern aus den Religionen, aus Wissenschaft und Politik, bis hin zu den großen religiösen und politischen Organisationen.

• Wir kooperieren mit Schulbehörden und Schulen, führen Lehrerfortbildungen durch und sind behilflich bei der Ausarbeitung von interreligiösem Unterrichtsmaterial für Ethik-, Religions- und fachübergreifenden Unterricht. Dazu haben wir in Deutschland und der Schweiz mit großem Erfolg Wettbewerbe für Lehrerinnen und Lehrer veranstaltet zur Erarbeitung von Unterrichtsmodellen.

• Regelmäßig halten wir Lehrveranstaltungen und Vorträge in Akademien, anderen Bildungseinrichtungen und Gemeinden.

• Besonders für das allgemeine Publikum haben wir ein Multimedia-Projekt über die Weltreligionen realisiert: eine siebenteilige Fernsehserie mit Sachbuch und einer CD-ROM (vgl. Küng 1999).

Zum Schluss möchte ich aus eben diesem Begleitbuch Hans Küng zitieren mit der Frage, wer sich wohl im Islam und den anderen Religion in Zukunft durchsetzen wird:

"Werden es die Modernisten und Säkularisten sein, die meinen, auf Islam, Religion überhaupt verzichten zu können? Oder aber die Traditionalisten und Fundamentalisten, die mit einer genauen Befolgung der religiösen Schriften meinen, diesen Gesellschaften wieder ein neues geistig-moralisches Fundament geben zu können? Ich möchte hoffen, dass sich weder die einen noch die anderen voll durchsetzen. Sondern dass diejenigen wieder größeres Gewicht bekommen, die die Substanz des Islam bewahren wollen, aber zugleich die Botschaft des Koran in die heutige Zeit hinein zu übersetzen versuchen. Also weder ein gottloser Säkularismus noch ein weltfremder Fundamentalismus. Vielmehr eine Religion, die gerade dem Menschen von heute wieder einen Sinnhorizont, ethische Maßstäbe und eine geistige Heimat zu vermitteln vermag. Eine Religion jedenfalls, die nicht trennt und spaltet, sondern eine Religion, die verbindet und versöhnt. Denn was unsere Zeit vor allem braucht, sind Brückenbauer, Brückenbauer im großen und im kleinen. Brückenbauer, die bei allen Schwierigkeiten, Gegensätzen, Konfrontationen doch das Gemeinsame sehen: das Gemeinsame vor allem in den ethischen Werten und Haltungen. Die sich zu diesen gemeinsamen ethischen Werten und Maßstäben bekennen und sie auch zu leben versuchen" (Küng 1999, S. 305f).

Literaturverzeichnis

Huntington, Samuel P.: The Clash of Civilizations. New York 1996; dt.: Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München 1996

Küng, Hans: Projekt Weltethos. München 1990

Küng, Hans (Hrsg.): Ja zum Weltethos. Perspektiven für die Suche nach Orientierung. München 1995

Küng, Hans: Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft. München 1997

Küng, Hans: Spurensuche. Die Weltreligionen auf dem Weg. München-Hannover 1999 (Multimedia-Projekt bestehend aus 7-teiliger TV-Reihe, bebildertem Begleitbuch und CD-ROM)

Küng, Hans/Kuschel, Karl-Josef (Hrsg.): Erklärung zum Weltethos. Die Deklaration des Parlamentes der Weltreligionen. München 1993

Küng, Hans/Kuschel, Karl-Josef (Hrsg): Wissenschaft und Weltethos. München 1998; hier auch eine umfassende Bibliografie zur Weltethos-Thematik und zu der wissenschaftlichen und publizistischen Rezeption (S. 493-511).


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