Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.2 Euthanasie in Grafeneck

Der Aufbau der Tötungsbürokratie in Grafeneck




Inhaltsverzeichnis     


2.2.5.1 Trostbrief-Abteilung

Eine eigene Abteilung in Grafeneck war zuständig für die Erstellung sogenannter Trostbriefe, die die Angehörigen eines Toten zusammen mit seinem persönlichen Eigentum erhielten. Diese Briefe waren alle nach demselben Schema verfaßt, man mußte lediglich den Namen, die Todesursache und das Datum einsetzen. Laut Aussage im Grafeneck-Prozeß vor dem Tübinger Schwurgericht wurde aber jeder Trostbrief extra geschrieben, um bei den Benachrichtigten nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, es handle sich um einen Abzug oder Schemabrief (M 25).

Die Grafenecker Ärzte unterschrieben mit den falschen Namen Dr. Jäger und Dr. Keller. Um ihnen die Arbeit mit der einzusetzenden Todesursache zu erleichtern, bekamen sie eine Liste in die Hand, in der Kurzgutachten zusammengestellt waren.

Nicht immer glaubten die Angehörigen, was sie in den Trostbriefen lasen, vor allem dann nicht, wenn die Todesursache offensichtlich nicht stimmen konnte wie in einem Fall, dem man einen Tod durch Blinddarmdurchbruch bescheinigte, während die Angehörigen wußten, daß der Blinddarm längst entfernt worden war. In nicht wenigen Fällen wurde von den Angehörigen die wahre Sachlage erkannt und mehr oder weniger unverhohlen Protest geäußert (M 33-35).

2.2.5.2 Absteck-Abteilung

Als sich die Trostbriefe an Angehörige aus Grafeneck häuften, als der Tod zu vieler Kranker am gleichen Tag und am selben Ort Verdacht erregen mußte, wurde im Frühjahr 1940 auf Anordnung von Berlin die sogenannte Absteck-Abteilung eingerichtet. In Grafeneck befanden sich im Absteckzimmer mehrere Karten an der Wand, für größere Städte auch Städtekarten. Auf diesen Karten wurde mittels farbiger Nadeln der Geburts- oder der Wohnort des Kranken abgesteckt.

Nach Bildung dieser Absteck-Abteilung kamen die Sterbeakten vom Arzt zuerst in den Absteck-Raum, wo entsprechend der Häufung von Todesfällen von Kranken aus der gleichen Region ein falscher Todestag in den vom Arzt beigefügten Totenschein eingetragen wurde. Erst danach gingen die Akten wieder zum Arzt zurück, der nun die Todesursache eintrug.

Um die gleiche Zeit kam auch von Berlin die Weisung, daß aus denselben Verschleierungsgründen Aktentausch mit den "Euthanasie"-Anstalten Brandenburg und Hartheim bei Linz in Österreich stattzufinden habe, mit dem Ziel der Beurkundung eines anderen Todesortes. So wurden Akten von Grafeneck nach diesen Anstalten versandt und umgekehrt. (M 29).

2.2.5.3 Sonderstandesamt

Die "Euthanasie"-Anstalten konnten die massenhaften Tötungen schlecht im nächsten Standesamt beurkunden lassen, ohne daß Verdacht aufgekommen wäre. Deshalb erhielt jede Anstalt ein eigenes Sonderstandesamt.

In Grafeneck war ab Januar 1940 ein Kriminalobersekretär als Standesbeamter tätig, der im Juli zum Kriminalkommissar befördert, nach einer Denunziation aber im August entlassen und durch einen Kriminaloberassistenten ersetzt wurde. Beide Standesbeamten ahmten das Tarnungsverhalten der Ärzte nach und unterzeichneten mit den falschen Namen "Hase" und "Lemm". Sie stellten die Sterbeurkunde mit dem von der Absteck-Abteilung vorgegebenen Todesdatum und der anschließend vom Arzt bescheinigten Todesursache aus (M 26).

Anfänglich wurde das Sterbebuch mit fortlaufender Nummer geführt. Einem auswärtigen Standesbeamten fiel dann die hohe laufende Nummer des Sterbebuches von Grafeneck auf, zumal Grafeneck im Ortsbuch nur als Weiler eingetragen war. Daraufhin wurde auf Anordnung des Leiters der Büroabteilung von T4, Gerhard Bohne, der gerade anwesend war, das Sterbebuch nicht mehr fortlaufend numeriert, sondern von Zeit zu Zeit abgeschlossen und ein neues Sterbebuch begonnen, allerdings nicht mit der laufenden Nummer 1, sondern je nach dem Fortschreiten des Jahres mit 20 oder 50, da es aufgefallen wäre, wenn man bei Jahresende mit der Nummer 1 begonnen hätte. Erstaunlich ist die Mühe, die man sich einerseits mit der Tarnung von Todesart und -ursache machte, während andererseits die Kleidung der Getöteten dann, wenn es sich um Anstaltskleidung handelte, an die Abgabeanstalten zurückgeliefert wurde, was dort natürlich geradezu zu Spekulationen über den Verbleib der abtransportierten Patienten herausfordern mußte.

2.2.5.4 Urnenversand

In den meisten Trostbriefen wurde den Angehörigen die Möglichkeit gegeben, die sterblichen Überreste des vergasten Angehörigen in einer Urne auf einen Friedhof zugestellt zu erhalten, wenn ein solcher angegeben wurde. In diesem Fall entstanden den Angehörigen nur die Kosten der Beisetzung, die Übersendung der Urne wurde aus Reichsausgleichsmitteln bezahlt.

Die Metallurnen mit Deckel wurden von der Gekrat in einer Metallwarenfabrik in Lünen/Westfalen abgeholt. In die Deckel wurde dann zum Versand an die Angehörigen oben eine Nummer eingestanzt, darunter Name, Geburtstag und -ort, Sterbetag und -ort und schließlich der Tag der Einäscherung (M 27).

Die eingestanzte Nummer war die gleiche, die den Kranken bei der Abholung in der Anstalt als Personenkennziffer mit Tintenstift auf den Rücken, in den Nacken oder auf den Arm geschrieben worden war. Sie deckt sich auch mit der Nummer, die in die Transportliste und in die Krankenakte eingetragen war. Vom Einstieg in den grauen Bus an zählte nur noch diese Nummer, die Namen der Patienten spielten keine Rolle mehr.

Die Urnen wurdem vom Grafenecker "Euthanasie"-Personal nicht im nahen Münsingen auf die Post gegeben, da auf dem kleinen Postamt derlei Massensendungen aufgefallen wären, sondern in Stuttgart, Ulm und anderen Orten, wohin regelmäßig Kuriere fuhren.

In Grafeneck wurde von der Verwaltung auch ein Urnenbuch geführt, in dem alle versandten Urnen mit laufender Nummer eingetragen wurden sowie mit einem Vermerk, wo die Urne bestattet wurde.


 


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