Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.2 Euthanasie in Grafeneck

Das "Euthanasie"-Personal in Grafeneck




Inhaltsverzeichnis     


Das Schloß Grafeneck entsprach in nahezu idealer Weise den Organisations- und Geheimhaltungskriterien der "Euthanasie"-Planer, lag es doch weit ab und leicht abzuschirmen auf einer langgestreckten Anhöhe der Schwäbischen Alb, sechs Kilometer von der Stadt Münsingen entfernt (M 15).

Im Schloß war das Tötungspersonal untergebracht, das man ab Ende 1939 von Berlin und Stuttgart aus rekrutierte. Es setzte sich aus etwa 80 Personen zusammen.

Der erste ärztliche Leiter, Dr. Horst Schumann, bei dem die Gesamtverantwortung für die Durchführung des Massenmordes vor Ort lag, leitete auch persönlich den ersten Transport von 25 männlichen Patienten nach Grafeneck. Dieser Transport verließ die Anstalt Eglfing-Haar bei München am 18. Januar 1940. Die erste württembergische Anstalt, aus der Patienten nach Grafeneck "verlegt" wurden, war die staatliche Heil- und Pflegeanstalt Weinsberg.

Horst Schumann war 1906 geboren. Er war Sohn eines praktischen Arztes aus Halle an der Saale. Der deutschnationale und konservative Vater beeinflußte den Sohn, der ihm zunächst in eine rechtsextreme Studentenverbindung und dann in die NSDAP folgte. Seine Approbation erhielt er 1931. Schumann war von 1931 bis 1934 Assistenzarzt für Innere Medizin und trat anschließend in den öffentlichen Gesundheitsdienst als Amtsarzt beim Gesundheitsamt in Halle ein. Schumann trat der NSDAP Anfang 1930 und der SA 1932 bei. Kurz vor dem Krieg wurde er als Unterarzt zur Luftwaffe einberufen. bald darauf, Anfang Oktober 1939, wurde Schumann in die KdF bestellt, wo Brack ihn über die "Euthanasie"-Mordaktion informierte und zur Mitarbeit aufforderte. Schumann willigte ein und wurde zum Leitenden Arzt in Grafeneck ernannt. Im April 1940 unterbrach er seinen Dienst für vier Wochen, um an einem "psychiatrischen Fortbildungslehrgang" bei Werner Heyde in Würzburg teilzunehmen. Von Grafeneck wechselte Schumann nach Sonnenstein.

Christian Wirth (1885-1944), Abteilungsleiter des württembergischen Polizeipräsidiums, war für die ersten Vergasungen in Grafeneck zuständig. Im Unterschied zu den ärztlichen Leitern von Grafeneck, den Doktoren Schumann, Baumhardt und Hennecke, stammten die leitenden Sicherheitabeamten in Grafeneck aus Württemberg. Christian Wirth war zweifellos der wichtigste unter den nichtmedizinischen T4-Funktionären. Geboren im südwürttembergischen Oberbalzheim, Kr. Laupheim, war er bereits 1910 in den Dienst des Stadtpolizeiamtes Heilbronn, dann des städtischen Polizeiamtes Stuttgart gelangt. Hier wurde er 1932 zum Kriminalinspektor befördert und stieg 1938 zum Leiter des Kriminalkommissariats 5 auf. In der Folgezeit wurde Wirth, der ein überzeugter Nationalsozialist war – seit 1923/31 NSDAP-Mitglied, 1933 Eintritt in die SA, Mitglied des SD –, zu politisch-polizeilichen Sonderaufgaben herangezogen. 1939 wurde er als Polizist von der SS in den Rang eines Sturm- bzw. Obersturmführers übernommen, gleichzeitig zum Kriminaloberkommissar befördert.

In die Führung von T4 gelangte Wirth erst im Alter von 55 Jahren durch seine Versetzung Ende 1939 vom Polizeipräsidium Stuttgart nach Grafeneck. Anfang 1940 leitete er, nachdem er zuvor an einer "Probevergasung" in Brandenburg teilgenommen hatte, die ersten Vergasungen in Grafeneck.

Da die behinderten Patienten aus Württemberg zu den ersten Opfern zählten, lag es nahe, einen Beamten aus Stuttgart auszuwählen. Wir wissen allerdings nicht, warum Wirth dazu bestimmt wurde, und können nur vermuten, daß seine Stuttgarter Vorgesetzten ihn als einen Mann mit den richtigen Qualifikationen empfahlen. Auch beim Aufbau der Büroabteilungen in Grafeneck und Brandenburg war Wirth federführend. Später stieg er zum Inspekteur aller sechs Vernichtungsanstalten der T4, zum Polizeimajor und SS-Sturmbannführer auf (zu seinem Einsatz in den Vernichtungslagern s. 2.2.11). Bei einem Sondereinsatz in Triest 1944 kam Christian Wirth ums Leben. Die Umstände seines Todes sind ungeklärt. Wirth war keineswegs der einzige württembergische Polizeibeamte, der zur T4-Organisation ging. Unter diesen war er aber eindeutig der wichtigste.

In ihrer Zuständigkeit für die Aktenführung, die Korrespondenz, das Standesamt, das Personalwesen und die Sicherheit waren die oben beschriebenen Personen im wesentlichen für den gesamten Mordprozeß zuständig. und dabei entweder Stellvertreter des jeweils Leitenden Arztes oder diesem sogar gleichgestellt.


 


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