Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.2 Euthanasie in Grafeneck

Die Rolle Zwiefaltens als Zwischenanstalt




Inhaltsverzeichnis     


Im Herbst 1939 begann in der Anstalt Zwiefalten die zweite Stufe des nationalsozialistischen Programms zur Ausmerzung kranker Teile des "Volkskörpers", die "Aktion T4". Der damalige Zwiefalter Direktor und Nazi-Gegner Prof. H.-W. Gruhle legte die ersten Meldebogen, mit denen die Patienten erfaßt werden sollten, unausgefüllt beiseite. Im September 1939 ließ er sich, vielleicht in Vorahnung der geplanten "Euthanasie"-Maßnahmen, zum Militär versetzen und wurde Leiter eines Lazaretts. Dort erreichten ihn dann im Frühjahr 1940 die ersten Gerüchte über die Tötung von behinderten Menschen.

Während Anfang des Jahres 1940 in der Bevölkerung Gerüchte und Vermutungen über Grafeneck kursierten, mußten die Verantwortlichen der württembergischen Heilanstalten nicht lange raten: Sie wurden am 16. Februar 1940 ins Stuttgarter Innenministerium bestellt und dort durch Ministerialrat Dr. Eugen Stähle informiert und zum Schweigen verpflichtet. Unter diesen Anstaltsleitern befand sich auch der Zwiefaltener Direktor, Dr. Alfons Stegmann. Stähle erklärte den Anwesenden, daß in der nächsten Zeit Verlegungen von Kranken stattfinden würden. Diese Kranken würden anschließend einige Wochen beobachtet, dann würde eine Kommission einzelne lebensunwerte Kranke der Euthanasie zuführen. Es kämen aber nur solche lebensunwerten Kranken in Frage, die gleichzeitig erbkrank seien. Den Anstalten würden zu diesem Vorgang Transportlisten zugehen und die darin verzeichneten Kranken gelegentlich abgeholt. Von der "Euthanasie"-Anstalt war dabei mit keinem Wort die Rede.

In Zwiefalten wußte man also schon sehr früh, was auf die Anstalt und ihre Kranken zukam. Hier hatte bei Kriegsbeginn Dr. Alfons Stegmann die Leitung für die Dauer eines Jahres übernommen. Auf diesen Posten war er "wegen moralischer Unzulänglichkeit" (Schwäbische Zeitung v. 15.6.1949) strafversetzt worden, im August 1940 schied er in Zwiefalten aus und wurde schließlich ganz aus dem Beamtenverhältnis entlassen. Offenbar mußte der alte Parteigenosse Stegmann wegen einer Liebschaft gehen, mit der er u.a. auch öfters in der Gestütswirtschaft Marbach verkehrt war und die den Parteigenossen nicht paßte.

Die Vorgänge in Grafeneck berührten Dr. Stegmann nicht sonderlich, nachdem er in Stuttgart gehört hatte, die Aktion sei gesetzlich. Sein Interesse beschränkte sich offenbar auf solche Kranke, die in seiner Anstalt als bewährte Arbeitskräfte unentbehrlich waren.

Nachfolgerin von Dr. Stegmann wurde im August 1940 die Medizinalrätin Dr. Martha Fauser, die erst mit 40 Jahren ihre Tätigkeit in der "Irrenpflege" aufgenommen hatte. Nebenbei war sie Kreissachbearbeiterin für das Rassenpolitische Amt in der NS-Frauenschaft und Vortragsrednerin im Kreis Münsingen. Niemand wird so widersprüchlich geschildert wie diese Zwiefaltener Direktorin. Die Presse, die den Tübinger Schwurgerichtsprozeß 1949 verfolgte, nannte sie ein einfaches Gemüt, andere bezeichneten sie als rücksichtslos, aber kinderlieb. Naiv und unbekümmert argumentierte die Angeklagte Fauser vor den Tübinger Richtern, der Bombenkrieg mit seinen viel größeren Schrecken habe ihr Gewissen in Sachen Euthanasie beruhigt. Übrigens habe der Staatsanwalt im nahen Münsingen den Kamin von Grafeneck auch rauchen sehen, ohne Einspruch zu erheben.

Zwiefalten erfüllte praktisch von Anfang an die Funktion einer Zwischen- und Durchgangsanstalt. Zur besseren Tarnung kamen die Patienten nicht immer direkt zum Vergasungsort, sondern wurden erst in die Zwischenanstalt "verlegt", wo sie einige Zeit blieben, bis man sie schließlich nach Grafeneck brachte. So wurde bereits im September 1939 die gesamte Anstalt Rastatt mit 577 Patienten nach Zwiefalten "verlegt". 500 dieser Patienten wurden später in Grafeneck getötet.

Im Laufe des Jahres 1940 wurden mindestens 1673 Patienten über die Heilanstalt Zwiefalten in andere staatliche Anstalten oder nach Grafeneck "verlegt". Erstmals kamen am 2. April 1940 50 Frauen mit den grauen Bussen nach Grafeneck, bis zum 9. Dezember waren es insgesamt 22 Transporte mit über 1000 Patienten.

Die Busse brachten jeweils die Kleider der am Vortag Ermordeten zurück, so daß es nicht schwer war, die Wahrheit zu erraten. Die darüber wachsende Unruhe in der Bevölkerung und einige tragische Zwischenfälle machten es schließlich notwendig, die Verladung der Zwiefaltener Patienten von der Hauptstraße hinter die Klostermauern zu verlegen, immerhin mußte diese Verladung ja reibungslos vor sich gehen. Jeder Kranke bekam mit Tintenstift auf den Unterarm eine Nummer geschrieben, und diese Nummer wurde dann vom Transportleiter nach dem Einladen des Kranken aus seiner Liste gestrichen. Auf diese Weise konnte kein Patient verloren gehen.

Trotz aller Geheimhaltung häuften sich aber auch in Zwiefalten die Anfragen von Angehörigen. Viele ahnten wohl schon, was mit ihren Angehörigen geschehen war .

Obwohl Grafeneck im Dezember 1940 seine Tätigkeit einstellte, ging das Sterben in Zwiefalten weiter. Die Patienten erlagen in der völlig überfüllten Anstalt nicht nur den Folgen von Unterernährung und minimaler Pflege, manche wurden direkt zu Tode gespritzt. "Kriegst a Spritzn, bist hin", kommentierte zynisch die Zwiefalter Direktorin Fauser solche Vorgehensweise.

Einem Patienten, der bei einem Arbeitseinsatz entwichen und wieder eingefangen worden war, sagte die Direktorin, er dürfe nun nicht mehr ins Außenkommando. Der Patient klagte darauf und meinte, er wolle dann lieber getötet werden. Fauser beauftragte daraufhin einen Pfleger, dem Patienten Morphium oder Trional zu spritzen. Nach kurzer Zeit war der Patient tot.

 

Zurück noch einmal zur Funktion Zwiefaltens als Zwischenanstalt. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß auch die anderen staatlichen Anstalten Württembergs neben Zwiefalten, nämlich Schussenried, Weinsberg, Winnental und Weißenau ebenfalls als Durchgangsanstalten benutzt wurden. Im Folgenden werden die Zwischenanstalten Württembergs sowie die jeweiligen Herkunftsanstalten der zwischenverlegten Patienten und Heimbewohner aufgelistet:

1) Zwiefalten

Bedburg-Hau, Ellwangen, Fußbach, Heggbach, Kaufbeuren, Konstanz, Kork, Krautheim, Liebenau, Mariaberg, Rastatt, Sinsheim, Stetten i.R.

2) Schussenried

Freiburg, Fußbach, Liebenau, Zwiefalten

3) Weißenau

Göppingen, Rottenmünster, Winnental

4) Winnental

Bürgerhospital Stuttgart, Göppingen, Paulinenpflege Winnenden, Rottenmünster, Stetten i.R.

5) Weinsberg

Göppingen, Lohr a.M., Schwäbisch Gmünd

Tab. 3: Die württembergischen Zwischenanstalten


 


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