Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.2 Euthanasie in Grafeneck

"Euthanasie" und "Endlösung": Verbindungslinien




Inhaltsverzeichnis     


Der Zusammenhang zwischen den "Euthanasie"-Verbrechen wie sie konkret am Beispiel der Vernichtungsanstalt Grafeneck im Nationalsozialismus und der sog. "Endlösung", der Ermordung der europäischen Juden, kann aus drei Blickwinkeln und Fragestellungen heraus verdeutlicht werden: Der Tat, der Täter und der Opfer.

Beide Tat- und Verbrechenskomplexe ähneln sich, bzw. sind identisch durch die Tatsache, daß spezielle Tötungseinrichtungen geschaffen wurden, in denen Menschen systematisch, man könnte auch sagen industriell ermordet wurden. Die Tötungstechnologie der Gaskammern wurde hierbei von den "Euthanasie"-Verbrechen für den späteren Judenmord übernommen.

Die Verbrechen, hochgradig arbeitsteilig organisiert, vollzogen sich nach einem durchaus vergleichbaren Muster: der Definition der Opfer, ihrer Konzentration und schließlich der Ermordung

Einen direkten Zusammenhang ergibt sich auch aus der partiellen Übernahme des "Euthanasie"-Personals, auch aus Grafeneck, in die Vernichtungslager des Ostens. Der erste ärztlich Leiter Grafenecks, Dr. Horst Schumann, fungierte ab 1942 als Lagerarzt in Auschwitz-Birkenau, der Stuttgarter Polizeikommissar Christian Wirth wurde zum ersten Kommandanten des Vernichtungslagers Belzec und stieg später sogar zum Generalinspekteur aller Vernichtungslager der sogenannten "Aktion Reinhard"- Belzec, Sobibor und Treblinka – auf.

Ein dritter Zusammenhang zwischen "Euthanasie" und "Endlösung" ergibt sich aus der Täterperspektive auf die Opfer, bzw. die verschiedenen Opfergruppen. Es zeigen sich hierbei Übereinstimmungen aber auch deutliche Unterschiede.

Beiden Opfergruppen wurde aus der Sicht der Täter eine (erb)biologische Minderwertigkeit zugeschrieben und letztendlich deren "Lebensunwert" postuliert. Eine Legitimation bezog man aus zwei verschiedenen Spielarten und Formen des Rassismus, die sich einen wissenschaftlichen Anstrich gaben und diesen auch teilweise genossen. Es waren dies der Rassenantisemitismus und die sog. Rassenhygiene. Während jedoch das "Ausschlußkriterium" bei der Ermordung der Juden allein ihre angebliche Zugehörigkeit zu einer "jüdischen Rasse" war, wurde das "Ausschlußkriterium" aus der deutschen "Volksgemeinschaft" bei den "Euthanasie"-Morden durch rein utilitaristische Motive und Nützlichkeitserwägungen überlagert. Letztendlich waren es in erster Linie die Kriterien der Produktivität, der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit, die den "Lebenswert" bestimmten und über Leben und Tod entschieden.

Die tiefste Ursache beider Verbrechen war jedoch die Anmaßung der Täter beiden Opfergruppen ihre Menschlichkeit abzusprechen, deren "Lebenswert" zu negieren um sie schließlich zu ermorden. Für die Opfer spielte eine solch differenzierte Betrachtung keine Rolle, für sie machte es keinen Unterschied, welche Überlegung sie in die Gaskammern von Grafeneck und Hadamar oder die von Auschwitz-Birkenau führte. Jedoch kann diese einen neuen, wenn auch wenig schmeichelhaften Blick auf die Mentalitäten der national-sozialistischen "Täter"- aber auch "Zuschauereliten" ermöglichen.


 


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