Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.3 Reaktionen auf die "Euthanasie"

Die Kirchen und die "Euthanasie"




Inhaltsverzeichnis     


Ähnlich wie die beiden Kirchen innenpolitisch ihren Frieden mit dem Nazi-Regime machten, verhielten sie sich auch in der "Euthanasie"-Frage lange Zeit still. Zu den Vorgängen in Grafeneck schwiegen sie lange, obwohl sich die Meldungen von Pfarrämtern über den unerwarteten Tod von Geisteskranken und Behinderten und die sofortige Einäscherung ihrer Leichen häuften. Letztendlich kam es nur zu wenigen Schritten einiger Einzelpersonen, kaum zu solchen der Amtskirchen, die lieber verhandeln wollten und die Tötungen mit Einsprüchen und Eingaben zu stoppen versuchten..

Am 1.Juni 1940 wollte der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber, der als hitlerfreundlich galt und seinem Klerus jegliche Kritik am Dritten Reich verboten hatte, vom badischen Innenministerium eine amtliche Bestätigung, daß die Kranken nicht durch Euthanasie, sondern eines natürlichen Todes starben. Am 7. Juni 1940 wurde auch das Bischöfliche Ordinariat Rottenburg erstmals aktiv. Der für Grafeneck zuständige Pfarrer von Eglingen-Ehestetten, Anton Schäfer, sollte den katholischen Patienten seelsorgerischen Beistand leisten und die Sterbesakramente spenden dürfen. Die Anstaltsleitung in Grafeneck antwortete darauf ausweichend, der Pfarrer erhielt aber keinen Zutritt.

Am 18. Juni 1940 beschloß die badische Kirchenleitung, beim badischen Innenministerium vorstellig zu werden, einen Tag später protestierte der badische Landesbischof Dr. Kühlewein und sandte eine Abschrift seines Protestschreibens an den württembergischen Landesbischof Dr. Theophil Wurm. Allerdings richtete sich der Protest in diesem Schreiben nicht gegen die "Euthanasie"-Maßnahmen als solche, sondern nur gegen die dabei angewandte Verlegungspraxis.

Am 19. Juli 1940 schließlich schickte der württembergische Landesbischof Wurm jenen berühmt gewordenen Brief an den Reichsminister des Innern Wilhelm Frick, der durch undichte Stellen im NS-System an die Öffentlichkeit und in Abschriften in Umlauf kam. Darin schilderte Wurm die Vorgänge in Grafeneck und fügte an, daß die Angelegenheit im Lande großes Aufsehen errege. Nachdem dieser erste Brief Wurms ohne Antwort blieb, schrieb Wurm am 5. September 1940 ein zweites Mal an Frick, diesmal drängender und mit der Frage, ob der Führer davon wisse und die Euthanasie gebilligt habe (M 39, 40). Auch auf diesen Brief erhielt der Landesbischof keine Antwort. Auch ein früherer Brief von ihm an den Justizminister Dr. Gürtner am 23.8.1940 blieb erfolglos. Gürtner nahm sich zwar der Sache an, aber dann zeigte ihm Kanzleichef Bouhler Hitlers Ermächtigungsschreiben, worauf der Justizminister resignierte. Gürtner hat den Empfang des Ermächtigungsschreibens am 27. August 1940 auf dem Blatt handschriftlich festgehalten (M 10).

Mit Bedauern muß gesagt werden, daß, wenn Wurm oder andere evangelische Kirchenführer protestierten, es immer nur intern, auf dem Dienstweg geschah, daß sie also Briefe schrieben, die im Volk nie bekannt wurden. Es erfolgte auch kein einziges klärendes Kanzelwort.

Auch die Bekennende Kirche konnte sich nicht entschließen: Auf der 9. Bekenntnissynode am 12. Oktober 1940 in Leipzig wurde lediglich beschlossen, ein theologisches Gutachten über die Euthanasie ausarbeiten zu lassen.

Auf katholischer Seite schrieben am 1. August 1940 der Freiburger Erzbischof Gröber und der Rottenburger Generalvikar Dr. Kottmann (Bischof Sproll hatte seinen Platz bekanntlich räumen müssen) einen gemeinsamen Brief an Hans Heinrich Lammers, den Chef der offiziellen Reichskanzlei (M 41). Es war der erste offizielle Protest katholischer Kirchenführer, zu einem Zeitpunkt freilich, als Grafeneck bereits ins letzte Drittel seiner Tätigkeit trat.

Hartnäckigster Gegner in Sachen Euthanasie war auf katholischer Seite der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen (M 42), während der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, der Breslauer Kardinal Adolf Bertram, zögerte, Protest zu erheben, obwohl er von Galen dazu gedrängt wurde.

Galen, der später den Ehrennamen "Löwe von Münster" erhielt, war nach 1933 zunächst sogar verdächtig, ein Sympathisant des Hitler-Regimes zu sein. Immerhin war er mit Franz von Papen, dem Vizekanzler Hitlers, befreundet, war ein scharfer Kritiker der Weimarer Verfassung und galt als streng antiliberal und antisozialistisch. Dann aber hielt er am 3.August 1941seine berühmt gewordene Predigt in der Lambertikirche in Münster, in der er seiner Gemeinde mitteilte, er habe bei der Staatsanwaltschaft Münster Anzeige gegen Unbekannt wegen des Abtransports von Kranken erstattet. Diese Predigt hatte eine ungeheuere Wirkung, denn endlich hatte einer der Kirchenführer öffentlich Partei ergriffen. Die Predigt ging vervielfältigt in Tausenden von Exemplaren von Hand zu Hand und wurde sogar von britischen Flugzeugen als Flugblatt abgeworfen. Im Lager der Nationalsozialisten war man ziemlich ratlos, selbst Goebbels fiel keine wirksame Maßnahme gegen den Bischof ein. Würde man etwas gegen ihn unternehmen, so hieß es, dann hätte man ganz Münster, ja ganz Westfalen gegen sich. Göring versuchte lediglich, Galen einzuschüchtern, dieser habe einen Treueid auf den Staat abgelegt, sabotiere jetzt aber mit Hetzreden die Widerstandskraft des deutschen Volkes.

So sehr die mutige Haltung den Bischof ehrt, so darf dabei nicht übersehen werden, daß die Predigt Galens zu einem Zeitpunkt stattfand, an dem schon mehr als 60 000 Menschen ermordet worden waren. Bis dahin, also vom Januar 1940 bis August 1941, hatten die Angehörigen in ihrer großen Not nichts von ihrer Kirche gehört. Am 27. November 1940 äußerte sich endlich auch das Heilige Offizium in Rom zur Euthanasie in Deutschland und bezeichnete die Ermordung Geisteskranker als nicht erlaubt.

Vom mutigen Handeln einzelner Personen abgesehen blieben die Kirchen aber weitgehend stumm und nahmen die Euthanasie als unabwendbar hin. Ihre Haltung in dieser Frage darf als ein besonders dunkles Kapitel deutscher Kirchengeschichte betrachtet werden.


 


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