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"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

 

Geistige Wurzeln der NS-"Euthansie"




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Wenn man nach Vordenkern der nationalsozialistischen Auslese-Ideologie sucht, muß man im Grunde bis zu einer Veröffentlichung des englischen Naturforschers Charles Darwin zurückgehen, die 1859 unter dem Titel "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein" erschien. Darin ging Darwin davon aus, daß der Kampf ums Dasein in der Natur zu einer natürlichen Auslese führe, der besser angepaßte sich gegenüber dem weniger angepaßten oder vulgär interpretiert der Stärkere sich also gegenüber dem Schwächeren durchsetze.

Hitler griff später diese Gedanken auf und definierte das Leben der Menschen und Völker als einen unablässigen Kampf auf Leben und Tod, bei dem der Stärkere, laut Hitler der arische Herrenmensch, siegt und der Schwächere zum Untergang verurteilt ist. In seinem Buch "Mein Kampf" schrieb Hitler: "Der Kampf um das tägliche Brot läßt alles Schwache und Kränkelnde, weniger Entschlossene unterliegen" (Mein Kampf, S. 312f). Wissenschaftler und Sektierer, die Darwins Gedanken aufgriffen und auf Menschen und Völker übertrugen, folglich Sozialdarwinisten genannt werden, forderten schon früh die Ausmerzung aller Erbkranken und anderer "Volksschädlinge".

So ließ der Schweizer Psychiater Auguste Forel schon im Jahre 1892 sterilisieren oder forderte Alexander Tille 1893 in einer Schrift, häßliche Menschen sollten keine Ehe eingehen dürfen. Noch weiter ging der Gründer der "Gesellschaft für Rassenhygiene "Alfred Ploetz 1895, als er Ärzte aufforderte, einem schwächlichen und mißratenenen Neugeborenen einen sanften Tod zu bereiten, "sagen wir durch eine kleine Dosis Morphium".

Aus der metaphorisch als "Kampf ums Dasein" umschriebenen Evolution der Organismen zogen die Sozialdarwinisten den Schluß, daß mit der Begünstigung der von ihnen sogenannten Untüchtigen durch die Errungenschaften der modernen Zivilisation - hier Wohlfahrtspflege und moderne Medizin - die Verschlechterung der Art gefördert werde. Als vermeintlich wirksame Gegenmaßnahme forderten sie eine gesetzlich geregelte Fortpflanzungshygiene, als deren unumgänglicher Bestandteil die Sterilisierung erblich "Minderwertiger" genannt wurde.

Bis zum Ersten Weltkrieg kam diese Gruppe der Rassehygieniker über sektiererische Einzelpositionen nicht hinaus. Das änderte sich allerdings schlagartig im Jahre 1920, als die nur 62 Seiten umfassende Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form" erschien. In ihr befürworteten der Freiburger Psychiater Alfred Erich Hoche und der in Freiburg im Ruhestand lebende Jurist Karl Binding die Tötung für minderwertig befundener Kranker und Behinderter (M 1, 2). Dabei gaben die beiden Autoren die lebhafte wissenschaftliche Diskussion zu Anfang der Weimarer Republik wieder, ob und gegebenenfalls in welchen Grenzen im künftigen Recht eine "Tötung lebensunwerten Lebens" gestattet werden könnte. Beide sprachen in diesem Zusammenhang von "leeren Menschenhülsen" und dem "Fremdkörpercharakter der geistig Toten im Gefüge der menschlichen Gesellschaft" und befürworteten die Euthanasie bei sogenannten "Ballastexistenzen", sprachen aber ein Recht zur Tötung dort ab, wo das Opfer einen positiven Lebenswillen zeige. Weiter heißt es in der Schrift: " 'Mitleid' ist den geistig Toten gegenüber im Leben und im Sterbensfall die an letzter Stelle angebrachte Gefühlsregung; wo kein Leiden ist, ist auch kein mitleiden."

Hoche wurde übrigens später noch zu einem entschiedenen Gegner der Krankenmorde, als eine engere Verwandte von ihm selbst ein Opfer der Tötungen wurde. Unter den jungen Studenten des Freiburger Psychiaters saß damals auch Werner Heyde, jener Mann also, der ab dem Jahre 1939 als Leiter der Medizinischen Abteilung der Zentraldienststelle T4 in Berlin die Massentötung der Kranken organisierte.

Es wird damit deutlich: Erb- und Rassentheorien waren ebensowenig eine Erfindung des Nationalsozialismus wie die Diskussion, in der zunehmend Nützlichkeitsgesichtspunkte wirtschaftlicher und eugenischer Art den "Lebenswert" eines Individuums bemaßen. Die Nazipropaganda verstand es dann allerdings, auf diesem vorbereiteten Boden die "Vernichtung der Minderwertigen" zum Programm der gesamten Gesundheitsfürsorge zu machen.


 


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