Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.4 Grafeneck nach 1945

Der Grafeneckprozeß vor dem Tübinger Schwurgericht




Inhaltsverzeichnis     


Nach dem Krieg kaum in sein Amt zurückgekehrt, begann Landrat Richard Alber, die Ermittlungen gegen die an der Tötung in Grafeneck Beteiligten einzuleiten. Wenig später setzte die französische Militärregierung das Verfahren fort: Mit den Nachforschungen befaßt war Dr. Robert Poitrot, der auch mit umfassenden Befugnissen ausgestattet war. Beispielsweise zog er in der Heilanstalt Zwiefalten Medikamente ein, die dort bei der Tötung von Patienten verwendet wurden. Etwa ein Dutzend Personen, die für den Massenmord als verantwortlich galten, wurden von der französischen Militärregierung verhaftet, bis das Verfahren dann im September 1946 an die deutsche Justiz abgegeben wurde. Die Staatsanwaltschaft Tübingen führte die Ermittlungen fort, stieß aber auf zahlreiche Schwierigkeiten, da der organisierte Massenmord unter strengster Geheimhaltung stattgefunden hatte und die an ihm Beteiligten die Fakten zu verschleiern suchten. Deshalb dauerten die Ermittlungen auch bis ins Jahr 1949. Die umfangreichen Akten, die heute im Staatsarchiv Sigmaringen lagern, enthalten Ermittlungen gegen 27 Personen. Folgt man freilich dem späteren Urteil, so handelte es sich bei allen Angeklagten nur um die "dritte oder vierte Garnitur", während die wahren Planer und Organisatoren abgeurteilt, tot oder unauffindbar waren.

Vom 8. Juni bis 5. Juli 1949 verhandelte ein Schwurgericht gegen acht Angeklagte im Rittersaal des Tübinger Schlosses, den man gewählt hatte, um einem größeren Zulauf des Publikums Rechnung zu tragen. Tatsächlich verfolgten aber nur wenige Zuhörer den Prozeß, an einem Prozeßtag berichtete die Presse von 35 Zuhörern. Einer der Hauptangeklagten, Professor Eugen Stähle, Ministerialrat im württembergischen Innenministerium und als solcher der für die Euthanasie in Württemberg oberste zuständige Beamte, starb im November 1948 in der Untersuchungshaft und konnte nicht mehr belangt werden.

Damit blieb aus der Ministerialbürokratie nur Dr. Otto Mauthe übrig, der Sachbearbeiter für das Irrenwesen im württembergischen Innenministerium. Er flüchtete vor dem Richter in eine starke Belastung Stähles, um seine Mitverantwortung abzuschwächen. Einmal sprach er vor Gericht auch von dessen Drohung mit Konzentrationslager und Erschießen, wenn er seine Mitarbeit versagen würde. Dazu ist allerdings zu sagen, daß laut Ernst Klee (S.269ff.) keiner zum Mitmachen gezwungen wurde und auch niemand wegen seiner Weigerung, sich an den Tötungen zu beteiligen, ins Konzentrationslager kam. Wenn das doch geschah, dann z.B. wegen Bruchs der Schweigepflicht, wegen Unterschlagungen und Betrügereien.

Angeklagt war auch der 52-jährige Landesjugendarzt Dr. Max Eyrich, der schilderte, welchen Gefahren einem beamteten Arzt drohten, der eine abwegige Haltung einzunehmen versuchte. Er habe aber als Psychiater Gelegenheit gehabt, Diagnosen weitgehend zugunsten der gefährdeten Zöglinge zu stellen, dies habe er auch nach Möglichkeit getan. Vom umfangreichen Grafenecker Personal saßen nur 4 Personen auf der Anklagebank, die anderen waren für das Gericht unauffindbar. Immerhin mußten Bürobeamte, Pfleger, Wachen, Ärzte und sonstige Bedienungsmannschaften der Vernichtungsanstalt Grafeneck etwa 80 bis 100 Mann umfaßt haben. Der 38 Jahre alte Krankenpfleger Heinrich Unverhau wurde bei den Transporten eingesetzt. Man habe ihn und andere unter Druck und Drohungen gefügig gemacht, berichtete er; in jener Zeit, in der "ein Witz genügte, um ins Konzentrationslager zu kommen", sei an ein Weglaufen nicht zu denken gewesen. Erbittert äußerte sich der Angeklagte vor allem darüber, daß er als kleines Licht auf der Anklagebank sitze, während man die wahren Schuldigen nicht belange. Die ebenfalls angeklagte Pflegerin Maria Appinger machte als Entschuldigung für ihre Bereitschaft mitzumachen zwei Pfleger namhaft, die wegen ihrer Weigerung vier Monate ins Konzentrationslager Oranienburg geschickt worden waren, von wo sie körperlich und seelisch zermürbt wieder zu ihrer Tätigkeit in Grafeneck zurückgekehrt seien.

Im 52-jährigen Kriminalkommissar Jakob Wöger und seinem Kollegen Holzschuh hatte man die beiden Standesbeamten von Grafeneck vor sich, die mit "Hase" und "Lemm" unterzeichneten. Wöger erklärte, daß er während seiner Tätigkeit in Grafeneck niemals das Vernichtungsgelände betreten habe und durch Dr. Bohne von der Berliner T4-Zentraldienststelle unter Androhung der Todesstrafe zur Geheimhaltung über die Grafenecker Massentötungen angehalten worden sei. Dr. Bohne habe ihm versichert, daß ein Gesetz über den Gnadentod bestehe, aus Kriegsgründen aber noch nicht veröffentlicht werden könne. Verhandelt wurde schließlich auch gegen die beiden Zwiefaltener Anstaltsdirektoren Dr. Alfons Stegmann und Dr. Martha Fauser. Stegmann, der "wegen moralischer Unzulänglichkeit" auf diesen Posten strafversetzt war und später ganz aus dem Beamtendienst entlassen wurde, berührte es offensichtlich nicht sonderlich, was in Grafeneck vorging, nachdem man ihm in Stuttgart erklärt hatte, die Aktion sei gesetzlich. Er fand auch nichts dabei, auf eigene Faust eine Fahrt mit dem berüchtigten grauen Transportauto nach Winnenden mitzumachen, um dort bei dieser Gelegenheit Kirschen zu holen.

Seine Nachfolgerin in Zwiefalten, die 60-jährige Medizinalrätin Fauser erklärte, sie habe aus einem großen Übel ein kleines machen wollen. Naiv und unbekümmert argumentierte die Angeklagte, der Bombenkrieg mit seinen viel größeren Schrecken habe ihr Gewissen beruhigt. Die Opfer in Grafeneck, die sie als Opfer einer Kriegsmaßnahme betrachte, seien sanft und ohne Grauen hinübergeschlummert, davon habe sie sich mit eigenen Augen überzeugt. Im Verlauf des Prozesses entstand der Eindruck, daß die Zwiefaltener Anstaltsleiterin die Sterbespritze sehr großzügig gehandhabt hatte, worauf sie einwarf, sie habe nicht getötet, sondern nur erlöst. Daß ihre Einstellung zur Sterbehilfe nicht unbeeinflußt von den Massentötungen der Euthanasie war, bewies ihre Protokollaussage, wonach sie auch gespritzt habe, damit die Angehörigen einen Sarg und nicht eine Urne ausgeliefert bekamen.

Am 5. Juli 1949 ergingen die Urteile des Schwurgerichts Tübingen (M 43): Der frühere Landesjugendarzt Eyrich, die Pfleger Unverhau und Appinger sowie die Kriminalbeamten Wöger und Holzschuh wurden freigesprochen. Dr. Mauthe wurde wegen Beihilfe zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt, 1 Jahr Untersuchungshaft wurde angerechnet. "Aus gesundheitlichen Gründen" mußte Mauthe diese Strafe nicht antreten; am 28. August 1959 sah die Justiz in seinem Fall endgültig von einer Strafverfolgung ab. Dr. Stegmann und Dr. Fauser wurden wegen Verbrechens des Totschlags in der Form der Einzel-"Euthanasie" zu 24 bzw. 18 Monaten Gefängnis verurteilt, die aber durch die Untersuchungshaft als verbüßt galten. Den 31 Jahren Zuchthaus, die von der Staatsanwaltschaft Tübingen beantragt worden waren, standen damit gerade noch 8,5 Jahre Gefängnis gegenüber. Die Staatsanwaltschaft sowie die beiden Angeklagten, deren Strafen nicht zur Bewährung ausgesetzt wurden, gingen daraufhin in Revision, die aber vom Tübinger Oberlandesgericht am 7. März 1950 zurückgewiesen wurde. Der Vorsitzende des Schwurgerichts, Oberamtsrichter Dr. Dietrich, führte aus, die acht Angeklagten seien nicht der Täterschaft an einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern nur der Beihilfe und der Mithilfe hierzu beschuldigt worden. Das Gericht habe festgestellt, daß sämtliche Angeklagten gewußt hätten, an welcher Aktion sie mitwirkten, es billige ihnen aber zum überwiegenden Teil den übergesetzlichen Notstand zu. Die Grafenecker "Euthanasie"-Ärzte wurden nicht vor Gericht gestellt.


 


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