Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.5 Grafeneck heute

Die Gedenkstätte Grafeneck




Inhaltsverzeichnis     


Zum ersten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird 1979 aus Anlaß der 40. Wiederkehr des Jahrestages, an dem das Samariterstift Grafeneck beschlagnahmt und für "Zwecke des Reiches" in Anspruch genommen wurde, im Rahmen eines Gedenkgottesdienstes der 10.654 Menschen mit Behinderungen gedacht, die 1940 an diesem Ort als "lebensunwertes Leben" ermordet worden waren. Damit haben Einrichtungsleitung und Mitarbeiter des Samariterstifts, Mitglieder des Evangelischen Jugendwerks Münsingen und eintausend Menschen der Region, die sich an einem Sternmarsch beteiligen, der öffentlichen Sprachlosigkeit und der Hilflosigkeit im Umgang mit den "Euthanasie"-Verbrechen in Grafeneck 1940 ein Ende gesetzt.

Der Gedenkgottesdienst wird in den darauffolgenden Jahren eine feste Einrichtung und ist bis heute ein wesentlicher Bestandteil des Gedenkens an diesem Ort. Im Evangelischen Jugendwerk Münsingen findet sich ein Arbeitskreis zusammen, der den Gedenkgottesdienst gestaltet und in Zusammenarbeit mit dem Samariterstift Grafeneck erste Schritte unternimmt, Besucher über die Vergangenheit des Ortes zu informieren und die Erinnerung wachzuhalten.

Das zunehmende Interesse und das steigende Bedürfnis nach Information sowie nach einem konkreten Ort des Gedenkens, münden in die Planungen zur Errichtung der Gedenkstätte Grafeneck unter dem Leitgedanken: "Das Gedenken braucht einen Ort". Baubeginn der als einer offenen Kapelle konzipierten Gedenkstätte ist der Sommer 1989 mit einem vom Arbeitskreis gemeinsam mit dem Evangelischen Jugendwerk Württemberg initiierten internationalen Aufbaulager. Beim Gedenkgottesdienst am Buß- und Bettag 1990 wurde die Gedenkstätte Grafeneck ihrer Bestimmung übergeben (M 44).

Die Errichtung der Gedenkstätte sowie einer Dokumentation im Schloßgebäude markieren einen deutlichen Einschnitt für den Umgang mit den Ereignissen von 1940. Ab diesem Zeitpunkt steigt die Zahl der Besucher, die in Gruppen nach Grafeneck kommen, um sich mit der Geschichte des Ortes auseinanderzusetzen, beständig an: Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Schularten, Konfirmandengruppen, Studierende, Gruppen aus Kirchengemeinden. Daneben kommen in zunehmender Zahl auch Gruppen im Rahmen beruflicher Aus- und Fortbildung zur Gedenkstätte Grafeneck. Im Jahr 1997 lag die Zahl der Seminare, Führungen und Fortbildungen bei über 40, 1998 bei über 50.

Die Aufgaben, die Mitarbeiter des Samariterstifts Grafeneck und Mitglieder des Arbeitskreises ehrenamtlich übernehmen, wachsen, was ihre Zahl und ihren Umfang betreffen: Anfragen und Besuche von Angehörigen von Opfern, Kontakte zu Archiven, Gedenkstätten und den vielen mit Grafeneck verknüpften Einrichtungen, Vorbereitung und Betreuung der Besuchergruppen, Erarbeitung von Materialien und einer Dauerausstellung. Die zunehmende Belastung der mit diesen Aufgaben betreuten Personen führte 1994 zur Konstituierung des Arbeitskreises Gedenkstätte Grafeneck als eingetragenem Verein.


 


Copyright ©   2000  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de