Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

3 "Grafeneck" im Unterricht

Hinweise zu den Materialien




Inhaltsverzeichnis     


Die Materialien lassen sich, ausgehend von der Sachstruktur, in sechs Themenbereiche gliedern, die als Grundlage für Unterrichtsphasen dienen können. Möglich wäre auch eine Bearbeitung in arbeitsteiliger Gruppenarbeit bzw. durch ein Gruppenpuzzle mit folgenden Expertengruppen:

1. Ideologie und Propaganda

2. "Euthanasie" innerhalb des NS-Apparates

3. Grafeneck: Topographie, Tötungsablauf, bürokratische Abwicklung

4. Proteste und Normkonflikte

5. Täter vor Gericht

6. Erinnerung und Gedenken in Grafeneck heute

Die Grundlagen der "Euthanasie"-Ideologie lassen sich durch M 1, 2 erarbeiten. Die Umsetzung dieser Ideologie im nationalsozialistischen Deutschland als Gesetz oder Gerichtsentscheid, als pseudowissenschaftliche "Volksaufklärung" oder als unverhüllte Manipulation, zeigen
M 3-9. Die Schülerinnen und Schüler können die Manipulationsversuche durch Schulbücher und Schautafeln (M 8, 9) problemlos auf die eigene Situation übertragen. Ein tatsächlicher "Erfolg" derartiger Propaganda, eine Art "Menschenjagd" wird durch M 38 nachvollziehbar.

Die Propagandadokumente zur Veranschaulichung des angeblich "Entarteten" (M 5) können als "Scharnier" zum benachbarten Thema "Kunst" (s. Projektvorschlag, 3.4) genutzt werden, denn nahezu identische Darstellungen Behinderter wurden zur Abqualifizierung moderner Gemälde als "entartete Kunst" benutzt.

Inhaltlich läßt sich dieser Textblock mit den im vierten Abschnitt aufgeführten christlichen Positionen und Protesten konfrontieren (M 42, 39-41). Die kontrastierende Gegenüberstellung und kritische Prüfung der "neuen Normen" der NS-Diktatur, besonders ihrer Konsequenzen für den Einzelnen, bietet sich an - vor allem in Kooperation mit den Fächern Religionslehre oder Ethik. Wichtige ergänzende Informationen und Erfahrungen könnten durch den Besuch einer Behinderteneinrichtung gewonnen werden.

Der folgende Bereich (M 10,11) verdeutlicht die Stellung Grafenecks im NS-Apparat. In der Auswahl stärker gewichtet werden im driten Themenbereich nun Quellen zu Grafeneck selbst: Erläuterungen zur geographischen Lage (M 12) , zu parallelen Organisationen im Reichsgebiet bzw. in Osteuropa (vgl. 2.11), zur vorbereitenden Meldebogen-Aktion (M 16, 17), zu den Bustransporten (M 19, 20) sowie zur Topographie (M 15, 21, 22). Die Kartenskizzen, Fotos und Dokumente lassen sich zu einer Wandcollage zusammenstellen. Aus den "Ideologietexten" könnten ergänzend wichtige Zitate auf dem PC getippt und dann vergrößert ausgedruckt werden. Herauszuarbeiten ist im Unterrichtsgespräch vor allem, daß das entscheidende Kriterium der Vernichtung die Arbeitsunfähigkeit war (vgl. M 16-18).Unverzichtbar wird in dieser Phase die genaue Begriffsklärung von instrumentalisierten biologischen Begriffen oder der für Schüler unverständlichen Krankheitsbezeichnungen sein. Hier ist fachliche Unterstützung von Seiten der Biologie gefragt. Eine fächerverbindende Gesprächsgrundlage dazu bietet M 18. Weiterführend könnte sich der Biologieunterricht mit den Krankheitssymptomen, den Diagnoseverfahren und ihren Implikationen, ihrer Therapierbarkeit damals und heute sowie mit der Rechtslage befassen.

Die Rekonstruktion des Wegs der Patienten nach Grafeneck bzw. innerhalb der Tötungseinrichtung ermöglichen M 19, 20, 32 (Abtransport), M 15, 21, 22 (Topographie) und M 23, 24 (Vergasung). Gezielte Arbeitsaufträge ermöglichen eine weitgehend selbständige Auswertung des Materials in Einzel- oder Gruppenarbeit..

Unter Einbezug zusätzlicher (hier nicht abgedruckter) Materialien lassen sich von M 23, 24 aus Verbindungslinien und Parallelen zu den späteren Vernichtungslagern aufzeigen (vgl. zum Aspekt "Tötungsvorgang": Gideon Greif: Wir weinten tränenlos, Frankfurt a.M. 1998; zum allgemeineren Kontext M 12 und 2.2.11).

Die weiteren "offiziellen" Schritte (wie Angehörigenbenachrichtigung, standesamtliche Beurkundung und Kennzeichnung der Urnen) können durch M 25-28 erarbeitet werden.

Anschließend, im vierten Themenschwerpunkt, folgen Dokumente zu Beobachtungen und Protesten der Angehörigen bzw. der Bevölkerung, ebenso auch zu "Tarn-" und "Vertuschungsversuchen" der NS-Behörden (M 30-37). Es zeigt sich, daß trotz der eingangs erwähnten Propagandamaßnahmen durchaus kein Konsens hinsichtlich der "Euthanasie" bestand. Die Briefausschnitte lassen sich im Hinblick auf eine Gegenposition auswerten. Dazu gehören auch die kirchlichen Proteste, die auf offizieller Ebene grundlegende Normen und Werte einklagen und Konsequenzen aufzeigen (M 39-42). Hier müßten der späte Zeitpunkt der Proteste und ihre begrenzte Wirkung kritisch reflektiert sowie die biblischen Grundlagen des christlich-jüdischen Menschen- und Weltbildes ergänzt werden. Aktualisierend ließen sich Zusammenhänge zur Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen aufzeigen.

Ein kurzen Einblick in den Umgang der Justiz mit den Tätern nach 1945 erlaubt M 43. Abschließend folgt in der Materialsammlung eine kurze Darstellung, wie in Grafeneck heute der getöteten Kranken gedacht wird (M 44, 45). Empfehlenswerter als diese Information wäre sicherlich eine Exkursion (Informationen: s. 5. 4). Der im Anhang abgedruckte zeitliche Abriß (5.1) kann als Grundlage für die Erstellung einer Zeitleiste (s. Wandcollage) verwendet werden. Eine schnelle Orientierung über die in der NS-Zeit betroffenen Anstalten bzw. die Möglichkeiten einer lokalen Anbindung des Unterrichts ermöglicht 5.2 (s. auch M 14).


 


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