Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

4 Materialien

M18 - M21




Inhaltsverzeichnis     


M 18

Hintergrundinformationen und Erläuterungen zu M 3, 16, 17
als Grundlage für fächerübergreifende Diskussionen und Gespräche

1. Glossar mit biologischer Begriffsabklärung

Bioethik. Die Bioethik beschäftigt sich mit den humanistischen, sozialen und ökonomischen Dimensionen von medizinischen, gentechnischen, gendiagnostischen und gentherapeutischen Fortschritten. "Gegenstand" bioethischer Diskussionen ist beispielsweise das Auseinanderklaffen zwischen dem, was medizinisch und technisch möglich ist, und dem, was menschlich und gesellschaftlich "vertretbar" ist und umgekehrt: dem was menschlich wünschenswert wäre (bestimmte Therapieformen) und medizinisch, technisch zur Zeit noch nicht möglich ist. Einige Fragestellungen der Bioethik-Kommissionen befassen sich z.B. mit der modernen Reproduktionsbiologie, mit Pränataldiagnostik und Gentherapie. Das wissenschaftlich-technische Know-How können im Prinzip nur "Praktiker" vermitteln, also z.B. Mediziner und Biologen. Die ethische Dimension ist jedoch ein gemeinsames Problemfeld aller Beteiligten der Kommissionen: Juristen, Psychologen, Ethiker, Theologen, Soziologen, Mediziner, Biologen, Zukunftsforscher. Gemeinsam gilt es Antworten zu finden auf die Fragen, ob wir tun dürfen, was wir zu tun imstande sind, ob wir wollen dürfen, was wir noch nicht zu tun imstande sind, und ob wir unterlassen dürfen, was wir zu tun imstande wären.

Darwinismus. Charles Darwin (1809 - 1882) gilt als einer der Begründer des Evolutionsgedanken, der besagt, dass alle existierenden und ausgestorbenen Lebensformen, auch der Mensch, in einer langen und fortdauernden Entwicklung aus einer Urlebensform hervorgegangen sind. Als Motor dieser Entwicklung sah Darwin die sogenannte "Natürliche Auslese" ("natural selection") bestimmter, in ihren Merkmalen leicht variierender Individuen einer Art. Die Auslese fand statt durch die Unbillen der Natur, bei der Partnerwahl, in Konkurrenz- und Räuber-Beute-Beziehungen. Darwins Ausdruck vom "survival of the fittest in the struggle for life" wurde häufig mißbräuchlich oder mißverständich als das "Überleben des Stärkeren im Kampf ums Dasein" übersetzt. Im darwinschen Evolutionsgedanken ist "the fittest" nicht automatisch der Stärkste, der Gesündeste, der Gefräßigste oder der Aggressivste, sondern es sind Individuen einer Art, manchmal auch ganz unscheinbare, die aus irgendeinem Grund in ihrer aktuellen Umwelt eine höhere Überlebens -und Fortpflanzungsrate erreichen, als andere Individuen. Im Darwinismus selektiert also die jeweilige belebte und unbelebte Umwelt. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde ein pseudowissenschaftliches Selektionssystem etabliert und der Darwinismus dazu missbraucht, nach willkürlichen ideologischen und rassistischen Kriterien bestimmte Menschen ihrer elementarsten Lebensrechte zu berauben oder sie umzubringen.

Eugenik. Lehre von der Erbgesundheit der Menschen. Positive Eugenik: Förderung erwünschter und gesunder Genotypen; im Extremfall durch Zucht. Negative Eugenik: Träger von Erbkrankheiten werden an der Fortpflanzung und damit an der Weitergabe ihrer Gene gehindert; im Extremfall durch Zwangssterilisation oder Mord. Hierfür wurden oft auch weitere Euphemismen wie "Sozialhygiene", "Rassenhygiene", "Förderung der Volksgesundheit" gebraucht.

Euthanasie. (griech. euthanasia) Ursprünglich "Guter Tod", leichter, glücklicher, ehrenhafter Tod. Die Bedeutung: Hilfe beim Sterben im Sinne von Erlösung von Qualen, Unterstützung des/der Sterbenden beim Hinübergleiten in den Tod ist eine humanistische Neu-Interpretation des Begriffes und hat keinen Bezug zur Tötungsideologie der Nationalsozialisten.

Rasse. Bis heute ist die Diskussion darüber nicht abgeflaut, ob man innerhalb der menschlichen Population überhaupt von verschiedenen Rassen sprechen kann, da die äußerlich sichtbare Variabilität innerhalb einer vermeintlichen Rasse einerseits so groß, die genetischen Unterschiede innerhalb der gesamten Erdbevölkerung mit unter einem halben Prozent so gering sind, dass dieser Begriff zur Bedeutungslosigkeit verschwimmt. Biologisch sind Rassen allenfalls so beschreibbar, dass ihnen zugeordnete Individuen bestimmte, in jeder Generation auftretende, typische Merkmale aufweisen, die sie von den zugehörigen anderer Rassen unterscheidbar machen. Ein völliger Mißbrauch des Rassebegriffs gilt im Fall der Juden. Zu entscheiden, wer Jude ist und was ihn dazu macht, ist nicht die Aufgabe und der Kompetenzbereich eines "Rassebiologen", sondern obliegt jüdischen Institutionen, seien es Rabbiner in der ganzen Welt oder Behörden des Staates Israel.

Sozialdarwinismus. Dies ist die unreflektierte und daher ebenso mißbräuchliche Übertragung des "darwinistischen Prinzips" auf Ökonomie und Gesellschaft, also die Etablierung eines sozialen und ökonomischen Ausgrenzungssystems für bestimmte Minderheiten oder Individuen. Dies sind heute v.a. Menschen, die in hohem Maße vom sozialen Netz abhängen: also z.B. Pflegebedürftige, chronisch Kranke, Behinderte, Alte, Arbeitslose, Alkoholiker, Drogenabhängige etc., zur Zeit des Nationalsozialismus‘ auch Angehörige bestimmter "Rassen" oder "Lebensformen" wie die der "Zigeuner" oder erbkranker Minderheiten. Der hier betriebene Missbrauch mit der Begrifflichkeit wurde für die sich darauf stützenden "Sozialhygieniker" und Mediziner zur Schlüssellegitimation für ihr grausames Tun.

Aktuelle politische Diskussionen im Zuge der Gesundheitsreform und des medizinischen Fortschritts machen deutlich, daß "sozialdarwinistische Argumentationen" immer wieder Gehör finden.

 

2. Liste der Krankheiten und Behinderungen, die nach dem Euthanasie-Erlaß in Grafeneck verfolgt wurden.

Erbliche körperliche Missbildungen. Dazu zählten die Nazis z.B. angeborene Taubheit und Stummheit, Nachtblindheit, Kleinwuchs, spastische Lähmungen, Klumpfüße, Fehlen von Fingern oder Zehen, angeborene Hüftleiden.

Erblicher Veitstanz = Chorea Huntington, Huntington Desease (HD)

Choreia = griech. der Tanz. Der Name rührt daher, dass die Patienten unter extremem Bewegungsdrang, zuckenden Extremitäten und Muskelverkrampfungen leiden, zum Tode führt jedoch die fortschreitende Zerstörung bestimmter Hirnregionen (Nucleus caudatus und Corpus striatum). Die Krankheit wird autosomal-dominant vererbt, d.h. für die Träger des mutierten Gens, dass bei ihnen die Krankheit in jedem Fall zum Ausbruch kommt. Sie manifestiert sich meistens zw. dem 30. und 50. Lebensjahr. Häufigkeit: 1 : 18.000 in England, 1:300.000 in Japan. Seit 1993 ist das HD-Allel direkt diagnostizierbar, es gibt bisher jedoch keine Therapie!

Erbliche Fallsucht = Epilepsie. Bei erblichen Formen der Epilepsie liegen polygene Erbgänge vor, d.h., dass mehrere mutierte Gene die Krankheit bedingen und eine eindeutige Prognose für die Vererblichkeit innerhalb einer Familie erschweren. Epilepsie kann allein durch äußere Faktoren (Unterzuckerung, Stress, extremer Schlafmangel, Schädelhirntrauma) ausgelöst werden. 5% aller Menschen erleiden einmal im Leben einen epileptischen Anfall. Kennzeichen: schlagartige Aktivitätssteigerung des ZNS, Zuckungen, Wahrnehmungsausfälle, manchmal Bewusstlosigkeit. Durch langzeitige Medikamenteneinnahme werden 60 - 70 % der Patienten auf Dauer anfallsfrei. Eine früher postulierte "epileptische Wesensänderung" gibt es nicht.

Erblicher Schwachsinn jeder Art. Bereits eine Definition von Schwachsinn/Debilität fällt schwer, heute wird der IQ dazu verwendet: liegt dieser unter 70 Punkten, gilt die Person bereits als geistig behindert, ist der IQ unter 50, liegt schwere geistige Behinderung vor. Man kennt heute über 70 Formen vererblicher Debilität. Besonders häufig werden polygene (s. Epilepsie) Erbgänge angenommen. Bekannter sind die an das X-Geschlechtschromosom gekoppelten Ursachen (Poly-X-Syndrom, Klinefelter, fragiles X-Chromosom) aber auch die Trisomien von Körperchromosomen, wie beim Down-Syndrom ("Mongoloismus"). Auch vererbte Stoffwechselkrankheiten, z.B. der Kretinismus, führen zu Schwachsinn.

Eine Therapie der stoffwechselbedingten Debiltät ist heute meistens durch Medikamenteneinnahme gegeben. Die auf chromosomalen Erbfehlern beruhenden Formen wären möglicherweise über die bisher heftig umstrittene und nicht zugelassene Keimbahntherapie heilbar.

Encephalitis. Entzündung des Gehirns. Die häufigste Form wird durch Viren übertragen, weitere Typen auch durch Bakterien, Pilze, Einzeller und bestimmte Wurmparasiten. Akuter Verlauf: hohes Fieber, Bewusstseinsstörungen, epileptische Anfälle. Als Langzeitfolge tritt das postencephalitische Syndrom mit Gedächtnisstörungen, Epilepsie, und Parkinson-ähnlichen (s. Parkinson) Symptomen auf.

ZNS-Paralyse infolge einer nicht auskurierten Syphilis (Lues). Eine nicht kurierte Syphilis (S. ist eine meldepflichtige Geschlechtskrankheit) kann im Spätstadium zu einer Erkrankung des ZNS führen (Neurosyphilis). Symptome sind z.B. Lähmungen, Ausfälle bestimmter Hirnnerven, Lähmung der Augenmuskeln. Eine Heilung ist im Spätstadium nicht mehr möglich. Eine Neuinfektion ist mit Antibiotika heilbar. Vererblich ist S. nicht, kann jedoch über die Plazenta auf das ungeborene Kind übertragen werden. Häufig sind Frühtotgeburten die Folge.

Schizophrenie. "Spaltungsirresein". Sie gehört zu den endogenen Psychosen. Symptome sind das Nebeneinander gesunder und veränderter Verhaltensweisen und Empfindungen, z.B. Wahnvorstellungen, Leibhalluzinationen, hören von dialogischen und kommentierenden Stimmen. Es liegt vermutlich eine genetische Disposition vor, - bei eineiigen Zwillingen fand man, dass in 60% der Fälle der andere Zwilling ebenfalls schizophren ist/wird. Auslöser der Krankheit kann die Umwelt sein, sie manifestiert sich meist zw. dem 15. und 45. Lebensjahr. Für eine Therapie gilt: je früher, desto erfolgreicher. Psychotherapie, Arbeits - und Beschäftigungstherapie, und eine langanhaltende Einnahme von Psychopharmaka sind geboten.

Manische-Depression. Manie = Tobsucht, Depression = Schwermut, Melancholie; Symptome sind Schlaflosigkeit, Stimmungstiefs am Morgen, manchmal plötzliche Aufhellung, Autoaggression. Familiäre Häufung kommt vor, was eine Vererblichkeit nahelegt, die Entstehung ist jedoch bis heute unbekannt. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde pauschal jede Diagnose auf manische Depression als Erbkrankheit eingestuft. Therapie: Neuroleptika, Antidepressiva, Psychotherapie.

 

Senile Erkrankungen:

1. Alzheimer

Fortschreitender Gedächtnisverlust, zunächst nur des Kurzzeitgedächtnisses, motorische Unruhe und Orientierungslosigkeit. Im Hirn Verstorbener findet man "senile Plaques" als Zeichen einer Zerstörung von Hirngewebe, einerseits durch Ablagerungen, andererseits durch Auflösung. Evtl. gibt es hier eine genetische Disposition (s. Schizophrenie). Seelisch belastende Situationen können den Beginn der Krankheit auslösen. Eine Theorie besagt, dass im Grunde jede/r Alte Alzheimer entwickeln würde, wenn er/sie ausreichend alt würde.

2. Parkinson´sche Krankheit. Symptome: schlurfender, sehr wackeliger Gang, nach vorne gebeugte Körperhaltung, verlangsamte Bewegungen und Sprache, Zittern der Gliedmaßen, Melancholie. Vermutlich wir die Krankheit durch ein Wechselspiel zwischen erblicher Veranlagung und Umwelt ausgelöst. Therapie: Krankengymnastik und Medikamente (Betablocker und Dopamin-Substitute). Eine Heilung gibt es nicht, der Alterungsprozess kann nur verlangsamt werden.

M 19 "grauer Bus"

In grau lackierten Bussen mit abgedunkelten Scheiben wurden die Patienten aus den Anstalten abgeholt. Die Aufnahme wurde 1940 heimlich vor der Anstalt Stetten im Remstal gemacht.

M 20

Die Omnibusse wurden äußerlich zunächst nicht mit einem Tarnanstrich versehen. Sie wurden vielmehr mit dem roten Außenanstrich und der RP-Nummer benutzt; erst etwa nach der Hälfte der Aktion wurden sie - ebenso wie die Reichspostomnibusse - mit dem grauen Tarnanstrich (Luftschutz) versehen. Es hätte ja gar nicht in unserem Sinne gelegen, diese Omnibusse für ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit besonders kenntlich zu machen und herauszustellen.

Aussage von Hegener am 23.6.1961 im Verfahren der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt gegen Professor Werner Heyde (Ks 2/63), zit. nach: Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat, Frankfurt 1983, S. 124, Anm.50

M 21 Skizze Grafeneck


 


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