Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

4 Materialien

M22 - M25




Inhaltsverzeichnis     


M 22 Schuppen

In diesem Schuppen (im Lageplan Ziffer 2) wurden die eingelieferten Patienten durch Kohlenmonoxyd-Gas getötet.

M 23

Die gesamte Dauer des Tötungsvorganges nach Schließung der Türen des Vergasungsraumes und Öffnung des CO-Ventils betrug etwa 20 Minuten, wie ich mich heute zu erinnern glaube. Dann wurde zunächst der Ventilator angelassen und das Gas abgesaugt unter gleichzeitiger Zufuhr von Außenluft. Bis zum Öffnen der Türen verging etwa noch eine halbe bis dreiviertel Stunde. Die Dauer der Gaszufuhr war allein abhängig von der beobachteten Wirkung. Der Zufluß des Gases wurde abgestellt, sobald der beobachtende Arzt keine Bewegung mehr in dem Vergasungsraum feststellte. Ich habe nach Öffnen der Türen des Vergasungsraumes routinemäßig keine Kontrolluntersuchungen zur genauen Feststellung des Todes vorgenommen. Das war weder üblich noch notwendig, da die Einwirkung des Gases bei einer Gesamtdauer von 20 Minuten unbedingt tödlich sein mußte.

Aussage eines Euthanasie-Arztes am 4.9.1961 (Js15/61 GStA Frankfurt), zit. nach: Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat, Frankfurt/M. 1983, S. 148, Anm. 43

M 24

War die Entlüftung durchgeführt, mußten wir Heizer, wir hatten immer zwei und zwei Dienst, die Leichen von der Gaskammer wegschaffen und in den Totenraum bringen [...]
Das Wegbringen der Toten vom Gasraum in den Totenraum war eine sehr schwierige und nervenzermürbende Arbeit. Es war nicht leicht, die ineinanderverkrampften Leichen auseinanderzubringen und in den Totenraum zu schleifen....

Neben dem Totenraum befand sich die Heizanlage. Die Heizanlage war mit einer sogenannten Pfanne, die aus dem Ofen herausgenommen werden konnte, ausgestattet. Auf diese Pfanne wurden die Toten gelegt und so wie bei einem Backofen in die Heizanlage eingeschoben und dort abgelegt [...] Der Ofen wurde mit Koks beheizt. Die Arbeit wurde, je nach Bedarf, Tag und Nacht fortgeführt.

Bevor die Toten verbrannt wurden, sind von den Heizern den mit einem Kreuz bezeichneten Verstorbenen die Goldzähne gezogen worden. Diese wurden der Verwaltung abgeliefert [...]

Nachdem die Leichen verbrannt waren, wurden die Knochenreste, die durch den Rost des Ofens gefallen waren, in eine Knochenmühle gegeben und das so gewonnene Knochenmehl wurde an die

trauernden Hinterbliebenen als sterbliche Überreste versandt. Für jeden Toten waren etwa drei Kilogramm solchen Mehles berechnet. Da die Arbeit sehr anstrengend und wie schon gesagt nervenzermürbend war, bekamen wir pro Tag einen viertel Liter Schnaps.

Aussage Vinzenz Nohel am 4.9.1945 bei der Kriminalpolizei Linz (Vg 10 Vr 2407/46 LG Linz), zit. nach: Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat, Frankfurt/m. 1983, S. 150, Anm. 50

M 25

Landespflegeanstalt Grafeneck/Württbg. 

414-50-147 A 

Grafeneck, den 1.März 1940 bei Münsingen

Frau
Christine Strohm

Schwenningen a.N.

Sängerstraße 53

Sehr geehrte Frau Strohm!

Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, daß Ihr Sohn, Herr Karl Strohm, der inzwischen in unsere Anstalt verlegt werden mußte, am 28. Februar 1940 hier infolge einer Miliartuberkulose der Lunge unerwartet verstorben ist. Alle unsere ärztlichen Bemühungen waren leider vergebens. Er ist sanft und schmerzlos entschlafen. Bei seiner schweren, unheilbaren Erkrankung bedeutet sein Tod Erlösung für ihn.

Infolge der hier bestehenden Seuchengefahr mußten wir auf polizeiliche Anweisung hin die Leiche des Entschlafenen sofort einäschern lassen. Wir bitten Sie um baldige Mitteilung, ob Sie die Urne mit den sterblichen Überresten des Verblichenen auf einem bestimmten Friedhof beisetzen lassen wollen. In diesem Falle bitten wir Sie um Benennung des Friedhofs mit genauer Postanschrift, damit wir die Übermittlung der Urne an die Friedhofsverwaltung veranlassen können.

Wenn Sie hinsichtlich der Beisetzung keine besonderen Wünsche haben oder uns innerhalb eines Monats keine Nachricht zugehen lassen, so werden wir die Beisetzung der Urne gebührenfrei vornehmen lassen.

Die Habseligkeiten des Verstorbenen mußten wir aus seuchenpolizeilichen Gründen vernichten lassen.

Zwei Sterbeurkunden, die Sie bitte für eine etwaige Vorlegung bei Behörden sorgfältig aufbewahren wollen, fügen wir bei.

Heil Hitler!

Dr. Jäger


 


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