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"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

4 Materialien

M30 - M36




Inhaltsverzeichnis     


M 30

[...] Mein Vertrauen auf eine siegreiche Überwindung aller Schwierigkeiten und Gefahren, die sich dem 'größeren Deutschland' auf seinem Weg entgegengestellt haben, ist bis jetzt durch nichts erschüttert worden, und ich habe mich im Glauben an den Führer unbeirrt durch alle Dickichte gekämpft; aber bei dem, was jetzt an uns herantritt, wird einem, wie mir gestern eine junge, 100%ige Parteigenossin sagte, die im rassenpolitischen Amt mitarbeitet, einfach der Boden unter den Füßen weggezogen.

Sie wissen sicher von den Maßnahmen, durch die wir uns zur Zeit der unheilbar Geisteskranken entledigen, aber vielleicht haben Sie doch keine rechte Vorstellung davon, in welcher Weise und in welch ungeheuerlichem Umfang es geschieht, und wie entsetzlich der Eindruck im Volk ist! Hier in Württemberg spielt sich die Tragödie in Grafeneck auf der Alb ab, wodurch dieser Ort einen ganz schauerlichen Klang bekommen hat [...]

Man kann darüber verschiedener Meinung sein, inwieweit Menschen sich das Recht anmaßen dürfen, über Leben und Tod ihrer Mitmenschen zu entscheiden; eins steht jedoch wohl fest: Dieses Recht muß gesetzlich streng festgelegt und mit höchster Gewissenhaftigkeit ausgeübt werden, wenn nicht den gefährlichsten Leidenschaften und dem Verbrechen Tür und Tor geöffnet werden soll. Es war doch von jeher eine beliebte Methode, sich z.B. unbequemer Verwandter dadurch zu entledigen, daß man sie für verrückt erklärte und im Irrenhaus unterbrachte [...]

Es sind ja durchaus nicht nur die hoffnungslos Verblödeten und Umnachteten, die es trifft, sondern wie es scheint, werden allmählich alle unheilbar Geisteskranken - daneben auch Epileptiker, die geistig gar nicht gestört sind - erfaßt. Darunter befinden sich vielfach Menschen, die am Leben noch Anteil nehmen, ihr bescheidenes Teil Arbeit leisten, die mit ihren Angehörigen in brieflichem Verkehr stehen; Menschen, die, wenn das graue Auto der SS kommt, wissen, wohin es geht und was ihnen bevorsteht. Und die Bauern auf der Alb, die auf dem Feld arbeiten und diese Autos vorbeifahren sehen, wissen auch, wohin sie fahren, und sehen Tag und Nacht den Schornstein des Krematoriums rauchen [...] Jetzt klammern die Menschen sich noch an die Hoffnung, daß der Führer um diese Dinge nicht weiß, nicht wissen könne, sonst würde er dagegen einschreiten, auf keinen Fall wisse er, in welcher Weise und in welchem Umfang sie geschehen. Ich habe aber das Gefühl, als dürfe es nicht mehr lange so weitergehen, sonst ist auch dieses Vertrauen erschüttert. Es ist ja immer ergreifend, gerade bei einfachen Menschen diesem Vertrauen, diesem selbstverständlichen 'Der Führer weiß davon nichts' zu begegnen, und diese Waffe müssen wir blank erhalten wie keine andere! [...]

Man darf die Welle der Empörung aber nicht so stark werden lassen, daß sie sich gewaltsam Bahn bricht oder, was noch schlimmer wäre, uns von innen heraus anfrißt. Die Sache muß vor das Ohr des Führers gebracht werden, ehe es zu spät ist, und es muß doch einen Weg geben, auf dem die Stimme des deutschen Volkes das Ohr seines Führers erreicht! [...]

Schreiben der Frauenschaftsführerin Else von Löwis am 25.November 1940. Dokumenten-Sammlung zum Prozeß gegen Prof. Werner Heyde (Ks 2/63 GStA Ffm), zit. nach: Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat, Frankfurt/M. 1983, S. 289-290, Anm. 245

M 31

Lieber Brack!

Wie ich höre, ist auf der Alb wegen der Anstalt Grafeneck eine große Erregung. Die Bevölkerung kennt das graue Auto der SS und glaubt zu wissen, was sich in dem dauernd rauchenden Krematorium abspielt. Was dort geschieht, ist ein Geheimnis und ist es doch nicht mehr. Somit ist dort die schlimmste Stimmung ausgebrochen, und es bleibt meines Erachtens nur übrig, an dieser Stelle die Verwendung der Anstalt einzustellen und allenfalls in einer klugen und vernünftigen Weise aufklärend zu wirken, indem man gerade in der dortigen Gegend Filme über Erb- und Geisteskranke laufen läßt.

Ich darf Sie um eine Mitteilung bitten, wie dieses schwierige Problem gelöst wurde.

Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler an Oberdienstleiter Viktor Brack von der Kanzlei des Führers (KdF) am 19. Dezember 1940, zit. nach: Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat, Frankfurt/M. 1983, S. 291, Anm. 245

M 32

Es waren immer drei dunkelblau angestrichene große Omnibusse mit undurchsichtigen Fensterscheiben mit je 26 Plätzen. Jeder Transport umfaßte demnach 75 bis 78 Patienten. Die Kleider der abgelieferten Patienten kamen meist schon am nächsten oder übernächsten Tag anläßlich einer weiteren Abholung mit denselben Autos zurück und wurden teilweise vor der Anstalt im Freien, teilweise auch innerhalb der Anstalt abgeladen und in wirrem Durcheinander in Haufen aufgeschichtet. Für jeden Einsichtigen war damit klar, was mit den abgeholten Kranken geschehen war. Später wurden die Kleider der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) in Münsingen zur Verfügung gestellt. Das Begleitpersonal, und namentlich das weibliche, machte durchweg einen auffallend abstoßenden Eindruck von schlechten, verrohten Menschen. In Grafeneck sollen von diesen Menschen bei Trink-, Zech- und Tanzgelagen wüste Orgien gefeiert worden sein.

Die Kranken selbst wurden von dem Zwiefalter Direktor Dr. Stegmann belehrt, daß sie in eine andere Anstalt kommen, wo es schöner sei und sie ein besseres Essen bekommen. Sie gingen deshalb gerne und teilweise freudig in die Autos. Später, als die Wahrheit durchsickerte, gab es böse Szenen und mußte öfters Zwang angewendet werden.

Bericht von Heinrich Metzger; Ökonomieverwalter der Anstalt Zwiefalten, an die französische Militärregierung, Altregistratur des ZfP Zwiefalten, zit. nach: Johannes May u.a., Euthanasie in den Staatlichen Heilanstalten Zwiefalten und Schussenried, Zwiefalten 1991, S. 27f.

M 33

Ich bin die Witwe des im Jahr 1930 verstorbenen Staatssekretärs im Reichsverkehrsministerium in Berlin, Dr. Paul K. Mein ältester Sohn Hans ist als Fliegerleutnant und Träger des Ordens pour le mérite im Weltkrieg 1918 gefallen. Jetzt habe ich einen zweiten Sohn Helmut K., geb. am 19.Januar 1899, der auch am Weltkrieg teilgenommen und das E.K. II erworben hatte, auf eine mich tief empörende und kränkende Weise am 7.August 1940 verloren.

[...] Da mir nicht mehr zweifelhaft sein konnte, daß mein Sohn als angeblich unheilbarer Geisteskranker vorsätzlich getötet worden war, mußte mich der weitere Satz des Schreibens: 'Alle unsere ärztlichen Bemühungen blieben leider ohne Erfolg' wegen seiner Unwahrheit tief empören.

Schreiben einer Mutter vom 5.November 1940 an das württembergische Innenministerium, Dokumenten-Sammlung zum Prozeß gegen Prof. Heyde ((Ks 2/63 GStA Frankfurt), zit. nach: Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat, Frankfurt/M. 1983, S. 316, Anm. 59

M 34

Ihr Bruder hatte ihr aus einer Anstalt geschrieben, daß er wegkomme mit unbekanntem Ziel. Diesen Brief habe ich gelesen, er war sehr klar gehalten. Dieses Fräulein hatte dann erfahren, daß ihr Bruder in Grafeneck sei und war gekommen, um ihn zu besuchen. Trotz mehrmaliger Versuche nach Grafeneck zu gelangen, wurde sie abgewiesen. Ich telefonierte dann für sie nach Grafeneck und dann wurde ihr am Polizeihäuschen am selben Tag ein Schreiben ausgehändigt, daß ihr Bruder an Blinddarmentzündung gestorben sei. Sie erlitt bei mir einen Nervenzusammenbruch. Denn der Blinddarm ihres Bruders war schon entfernt worden, als er 12 Jahre alt war.

Aussage der Pächterin Eisenhardt der Gestütswirtschaft Marbach am 29.9.1947 im Tübinger Grafeneck-Prozeß in: Klee, Euthanasie im NS-Staat, S. 158, Anm. 64

M 35

Umso entsetzter waren wir, als wir kurz darauf von der Anstalt Winnental die Nachricht erhielten, daß unsere Schwester verlagert worden sei. Daraufhin unternahmen wir energische Schritte bei der Anstaltsdirektion, die uns nichts anderes sagen konnte, als daß die Kranken angeblich nach Hartheim-Niederdonau [...] laut Erlaß des Reichsverteidigungskommissars verlegt worden seien, und müßten wir warten, bis wir Nachricht erhielten.

Nun depeschierten wir sogleich nach Hartheim, daß wir sofort dorthin abreisen würden. Inzwischen kam aber schon eine Depesche aus Hartheim, daß die Kranke an Lungenentzündung verschieden sei, die Urne sei unterwegs. Wie uns aber eine Anstaltsschwester von Winnental erklärte, wurden die Kranken gar nicht verlegt, sondern wurden haufenweise in Omnibussen vollgepfropft betäubt und in Grafeneck a.d. Schwäbischen Alb in großen Öfen verbrannt.

Ich selbst habe mich von dem Schloß Grafeneck persönlich überzeugt und habe versucht, den dortigen Arzt zu sprechen, welcher sich jedoch nicht sehen ließ. Dafür aber wurde ich von der Gendarmerie, mit Hunden bewacht, empfangen, die mir rieten, sogleich vom Tor wegzugehen, andernfalls laufe ich Gefahr, dort bleiben zu müssen.

Bericht vom 16.7.1945 in Mappe "Chef der deutschen Polizei Stuttgart, Akten 1945/1946" aus: Tübinger Grafeneck-Prozeß (Ks/49 StA Tübingen), zit. nach: Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat, Frankfurt/M. 1983, S. 158, Anm. 65

M 36

Landespflegeanstalt Grafeneck/Württbg. 

Grafeneck, 25.Juli 1940

Sehr geehrte Frau W.!

Auf Ihr Schreiben vom 10.Juli teilen wir Ihnen mit, daß Ihre Schwester, wie wir Ihnen schon mitteilten, an einer Lungenentzündung mit nachfolgender Kreislaufschwäche verstorben ist und nicht, wie Sie annehmen, an einer Seuche.

Daß der Leichnam Ihrer Schwester trotzdem eingeäschert werden mußte, geschah auf seuchenpolizeiliche Anordnung hin, um einer evtl. Verschleppung der Seuche vorzubeugen. Wenn die schwer infektiösen Kranken, die aus dem Operationsgebiet zu uns kamen, auch streng isoliert von den anderen Kranken untergebracht sind, so mußte aus seuchenpolizeilichen Erwägungen heraus dennoch diese strenge Maßnahme ergriffen werden.

Wenn tatsächlich in letzter Zeit in unserer Anstalt mehr Todesfälle als in normalen Zeiten sich ereignet haben, so liegt das daran, daß wir zur Zeit aus allen Anstalten sehr viel Schwerkranke hierher bekommen haben, die wahrscheinlich in anderen Anstalten ebenfalls gestorben wären. Zu einem Besuch haben wir Sie während der letzten Zeit der Krankheit Ihrer Schwester nicht bitten dürfen, da aus denselben Gründen von der Seuchenpolizei jeder Besuch ausnahmslos verboten ist.

Weiteren Fragen Ihrerseits stehen wir gern zur Verfügung.

Heil Hitler!

(gez.) Dr. Keller


 


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