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"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

 

Grundlagen der "Euthanasie" im NS-Staat




Inhaltsverzeichnis     


Die Zeit des Nationalsozialismus lastet auch heute noch als schwere Hypothek auf der deutschen Psychiatrie und der Behindertenfürsorge, die damals nur allzu gerne bereit waren, Rentabilitätsgedanken und Auslese-Ideologie der Nationalsozialisten mitzutragen und Jagd auf "Asoziale" und "Minderwertige" zu machen.

Am 14. Juli 1933 wurde das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (M 3) verabschiedet, das dann am 1.Januar 1934 in Kraft trat. Damit war der Ausgangspunkt für eine Entwicklung festgelegt, die einerseits zum zwangsweisen "Gnadentod" für die unheilbar Geisteskranken, andererseits später während des Zweiten Weltkriegs zu den Ausmerzungsplänen der für minderwertig erklärten Rassen der Polen, Russen, Juden und Zigeuner führte. Insofern war die Euthanasie nur die Vorstufe der später praktizierten Massenmorde in den Vernichtungslagern.

Über den Kopf der Betroffenen hinweg wurden durch das Gesetz erfasst: angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, zirkuläres manisch-depressives Irresein, erbliche Fallsucht, erblicher Veitstanz, erbliche Blindheit und Taubheit, schwere erbliche körperliche Mißbildung sowie schwerer Alkoholismus. An solchen Symptomen Leidende waren ab sofort von den Maßnahmen einer möglichen Zwangssterilisierung betroffen. Typische Zeichen von Schwachsinn, hieß es dazu in einem offiziellen Kommentar, seien Frühkriminalität, Konflikte mit Schule und Polizei sowie Kritiklosigkeit gegenüber Beeinflussungen. Bei Schizophrenen waren im Einzelfall weder ein Nachweis der Erblichkeit noch eine schwere Ausprägung des Krankheitsbildes erforderlich, bei Manisch-Depressiven galt jeder diagnostizierte Fall als erblich. Unter schwere erbliche körperliche Mißbildungen rechnte man z.B. Nachtblindheit, Kleinwuchs, spastische Lähmungen, das Fehlen von Fingern und Zehen, ausgeprägte Klumpfüße und angeborene Hüftleiden. Die deutschen Psychiater, aber auch Pädagogen und Theologen, reagierten auf diese Gesetzesvorgabe aus einem Geist, der die Verantwortung gegenüber den ihnen anvertrauten Kranken der Verantwortung gegenüber den neuen Machthabern opferte. Nur ganz vereinzelt wurde Widerstand laut, die meisten Psychiater, aber auch gerade Einrichtungsleiter der evangelischen Inneren Mission stellten ihre Autorität ganz in den Dienst des neuen Sterilisierungsgesetzes. So wurden bis zum Jahre 1945 340 000 Menschen unfruchtbar gemacht. Einigermaßen sicher unterrichtet über die Größenordnung der Auswirkung des Gesetzes eine Statistik des Reichsinnenministeriums aus dem Jahr 1935: Danach wurden allein im Jahre 1934 insgesamt 84 525 Anträge auf Unfruchtbarmachung gestellt, die dann in 56 244 Fällen von den Erbgesundheitsgerichten angeordnet wurde. Dabei entfielen auf insgesamt 31 002 im Jahre 1934 durchgeführte Unfruchtbarmachungen 89 Todesfälle. Bis zum Ende der NS-Zeit stieg diese Zahl auf ungefähr 5000 Menschen, darunter wesentlich mehr Frauen als Männer, an.

In den Anstalten Zwiefalten und Schussenried wurden beispielsweise nur knapp 400 Patienten sterilisiert. Diese relativ geringe Zahl erklärt sich dadurch, daß nur sterilisiert wurde, wer entlassen werden sollte. Innerhalb der Anstaltsmauern hielt man offenbar die Fortpflanzung der sog. Erbkranken für ausgeschlossen. In der evangelischen Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg, zwischen Reutlingen und Sigmaringen gelegen, wurden hingegen 60 von knapp 200 Heimbewohnern, also beinahe jeder Dritte, zwangsweise sterilisiert.

Auch in Flugblättern zur Volksaufklärung wurden großangelegte Kampagnen zur Unfruchtbarmachung gestartet.

Die Durchführung des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" belegt zumindest in einer Reihe von Fällen, daß nicht nur "schädliches Erbgut" ausgemerzt, sondern gleichzeitig auch die Sozialschädlichkeit Einzelner bekämpft werden sollte (M 4). Parallel zu der Sterilisierungskampagne lief eine großangelegte rassenhygienische Propaganda, um das Volk auf die geplanten Maßnahmen vorzubereiten. So erschienen in Tageszeitungen und parteiinternen Schriften Artikel, die die Ausmerzung unheilbar Kranker forderten oder die Euthanasie als Wohltat an den armen Kranken erscheinen ließen (M 5-7). Auch in Schulbüchern erschienen Aufgaben und einschlägige Illustrationen, mit deren Hilfe den Schülern suggeriert werden konnte, wie gut es dem Volk ginge, müsste man nicht auch noch die "Geisteskranken mit durchfüttern" (M 7-9).

Die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" war also propagandistisch gut vorbereitet, als der Zweite Weltkrieg näherrückte und damit die Möglichkeit, der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie Gestalt zu verleihen. Im Jahr 1938 trafen in Hitlers Privatkanzlei, KdF (Kanzlei des Führers) genannt, einige Gesuche Schwerstkranker bzw. ihrer Angehörigen ein, die um Sterbehilfe baten. Die KdF, ursprünglich nur zur Bearbeitung von Hitlers Privatangelegenheiten und an ihn persönlich gerichteter Eingaben geschaffen, war zu diesem Zeitpunkt bereits ein großer Verwaltungsapparat mit 5 Hauptämtern, an dessen Spitze Reichsleiter Philipp Bouhler stand.

Ein Gesuch im Falle eines Kindes namens Gerhard Herbert Kretschmar führte schließlich dazu, dass Hitler Kanzleileiter Bouhler und seinen Leibarzt Dr. Karl Brandt schriftlich beauftragte, geeignete Maßnahmen zur Euthanasie in die Wege zu leiten. Dieses sog. "Ermächtigungsschreiben" Hitlers (M 10) wurde vermutlich erst im Oktober 1939 verfasst, wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt im Verfahren gegen den Grafenecker Euthanasiearzt Dr. Schumann ermittelte, später aber dann auf den 1.September 1939 zurückdatiert. Das Datum markiert damit symbolisch jenen Zeitpunkt, an dem Hitler immer schon mit der "Vernichtung lebensunwerten Lebens" beginnen wollte. Es handelt sich dabei um wenige, auf Hitlers Privatpapier geschriebene Zeilen, die keinerlei gesetzliche Grundlage darstellen, im Gegenteil: Alle Verantwortlichen wussten damals (und auch später), dass Hitler eine gesetzliche Regelung aus politischen Gründen ablehnte. Trotzdem genügte das Dokument in der Folge angesehenen Professoren und Ärzten ebenso wie hohen Juristen als Grundlage ihres Handelns.


 


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