Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.1 Grafeneck - Die Aktion T4

Aufbau und Organisation der "Aktion T4"




Inhaltsverzeichnis     


Ausgangspunkt und Schaltstelle aller Euthanasiemaßnahmen war die KdF, die Kanzlei des Führers in Berlin, die neben der Parteikanzlei (Leiter Martin Bormann) und der Reichskanzlei (Leiter Hans Heinrich Lammers) existierte, und sich als parteiamtliche Stelle mit an Hitler persönlich bzw. an ihn als Parteichef gerichteten Eingaben befaßte. Nicht zu verwechseln ist die KdF mit einer anderen NS-Organisation gleichen Namens, einer Einrichtung der Deutschen Arbeitsfront (DAF), die sich "Kraft durch Freude", abgekürzt KdF, nannte. Die gleichzeitige Existenz der beiden namensgleichen Einrichtungen gab damals Anlaß zu einer Serie von Mediziner-Witzen, in denen die Tötung Geisteskranker mit "Kraft durch Freude" in Verbindung gebracht wurde und die Hitler, wie sein Leibarzt Dr. Brandt nach dem Krieg aussagte, "herzlich belachte".

An der Spitze der KdF stand Reichsleiter Philipp Bouhler, SS-Standartenführer und alter Kämpfer der Partei, der manchen alten Parteigenossen noch aus der gemeinsamen Zeit im "Braunen Haus", dem Münchner NS-Hauptquartier, kannte. Er nahm zusammen mit Hitlers Begleitarzt Dr. Brandt die Euthanasie-Maßnahmen in die Hand, auf ihre beiden Namen lautete auch Hitlers "Ermächtigungsschreiben".

Zunächst galt es für Bouhler, die Person des Staatssekretärs Dr. Leonardo Conti, Leiter der Abteilung IV des Reichsinnenministeriums, der einzigen staatlichen Stelle, die an der Euthanasie beteiligt wurde, auszuschalten. Dies gelang in einem verwirrenden Intrigenspiel und endete damit, daß Bouhler und Brandt den Euthanasie-Auftrag allein übernahmen. Conti, ein gebürtiger Schweizer, vereinigte 1939 mehrere Funktionen in seiner Person: Er war Leiter des Hauptamts für Volksgesundheit in der Reichsleitung der NSDAP, Staatssekretär für das Gesundheitswesen im Reichsinnenministerium und ab Herbst 1939 auch Reichsärzteführer.

Und so sah die Organisation in Berlin aus, die Bouhler aufbaute (M 11): Zuständig für die Euthanasie wurde das Hauptamt II der KdF unter Leitung von Oberdienstleiter Viktor Brack, der bisweilen mit "Jennerwein" unterschrieb, schon 1923 der SA beigetreten war und seinen Chef Bouhler noch aus der Münchner Zeit kannte. Wie eng die Verzahnung innerhalb des NS-Systems war, mag man u.a. auch daraus ersehen, daß Bracks Vater bei Himmlers Frau Margarete als Geburtshelfer fungiert hatte. Brack ließ im Nürnberger Ärzteprozeß keinen Zweifel an den Zielen des Vernichtungsprogramms: "Letzten Endes bezweckte Hitler ....jene Leute auszumerzen, die in Irrenhäusern und ähnlichen Anstalten verwahrt und für das Reich von keinem irgendwelchen Nutzen mehr waren. Diese Leute wurden als nutzlose Esser angesehen, und Hitler war der Ansicht, daß durch die Vernichtung dieser sog. nutzlosen Esser die Möglichkeit gegeben wäre, weitere Ärzte, Pfleger und anderes Personal, Krankenbetten und andere Einrichtungen für den Gebrauch der Wehrmacht freizumachen." Der größte Teil der Verwaltung wurde im April 1940, als die Vergasungen längst begonnen hatten, in einer ehemals jüdischen, später zwangsarisierten Villa in Berlin-Charlottenburg in der Tiergartenstraße 4 untergebracht und firmierte ab jetzt inoffiziell unter dem Decknamen "T4". Die Euthanasie-Maßnahmen wurden nun "Aktion T4" genannt.

Vertreter Bracks im Amt war Werner Blankenburg, der sich gern mit dem zynischen Namen "Brenner" tarnte. Verantwortlich im Reichsinnenministerium war für die planmäßige Umsetzung, letztendlich überhaupt für ihre Realisierung, Dr. Herbert Linden, Ministerialrat in der Abteilung Gesundheitswesen und später Reichsbeauftragter für die Heil- und Pflegeanstalten.

Zum Geschäftsführer der Zentraldienststelle T4 wurde Friedrich Allers bestellt. Die Zentraldienststelle T4 in Berlin untergliederte sich in mehrere Abteilungen: Die medizinische Abteilung unterstand Professor Dr. Werner Heyde, die Büroabteilung dem Juristen Dr. Gerhard Bohne, der gleichzeitig Leiter der neugegründeten "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" (RAG) wurde. Diese nahm als Berechnungsgrundlage der Tötungen 20% aller Heiminsassen an, was einer "Tötungskapazität" von etwa 70 000 Menschen entsprach. Es ist erstaunlich, wie exakt man später bei den Massentötungen exakt diese Zahl erreichte. Fast gleichzeitig wurde ein weiteres Tarnunternehmen gegründet, die "Gemeinnützige Kranken-Transport-GmbH" (Gekrat), die der ehemalige Kaufmann Reinhold Vorberg leitete, der sich gerne zynisch "Hintertal" nannte. Ein Eintrag ins Handelsregister des Amtsgerichts Charlottenburg wurde deshalb notwendig, weil der Fahrzeughalter ja irgendwann einmal im Rechtsverkehr bekannt geworden wäre und dann schlecht die Kanzlei des Führers hätte in Erscheinung treten können. In seltenen Fällen und bei weiten Entfernungen wurde als Transportmittel auch die Reichsbahn benutzt, in der Regel aber Busse der Reichspost (M 21, 22).

Insgesamt wurden sechs Tötungsanstalten, zeitlich gestaffelt, in Betrieb genommen und auf Karten zur Tarnung mit Buchstaben gekennzeichnet: Grafeneck (A), Brandenburg (B), Bernburg (Be), Hartheim (C), Sonnenstein (D) und Hadamar (E) (vgl. M 12).


 


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