Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.1 Grafeneck - Die Aktion T4

Der Beginn der "Euthanasie" in Württemberg




Inhaltsverzeichnis     


Ab September 1939 erfolgte, in einem vom Leiter der Gesundheitsabteilung des RMdI, Dr. med. Leonardo Conti, unterzeichneten Erlaß an alle Landesregierungen, damit auch an die württembergische, die Erfassung sämtlicher Heil- und Pflegeanstalten, gleich welchen Trägers (staatlich/privat/konfessionell), "in denen Geisteskranke, Epileptiker und Schwachsinnige nicht nur vorübergehend verwahrt werden".

Nach der Erfassung der Anstalten, wurde durch einen Runderlaß des Reichsministeriums des Inneren vom 9. Oktober 1939 die Erfassung der Anstaltsinsassen eingeleitet. Dieser Erlaß umfaßte zwei Meldebogen und ein Merkblatt. Der erste Meldebogen erfaßte neben dem Grad der Arbeitsfähigkeit und der Art der Erkrankung auch die "Rassezugehörigkeit" und die Dauer des Anstaltsaufenthalts. Das Merkblatt legte die Kriterien für die zu meldenden Patienten exakt fest (M 17).

Meldebogen 2 bezog sich auf die jeweilige Anstalt selbst. Dabei wurden Größe, Zustand, Zahl der Betten, Bauart usw. erfaßt, um eine langfristige Planung der Anstaltspsychiatrie in Württemberg zu ermöglichen oder die Umwidmung der Anstalt zu militärischen oder anderen Zwecken zu erleichtern.

Auf regionaler Ebene waren die Innenministerien der Länder Württemberg und Baden, Stuttgart und Karlsruhe mit der administrativen Vorbereitung und Durchführung der Tötungsaktion betraut. Leiter des württembergischen Gesundheitsdienstes, Geschäftsteil X des Innenministeriums, war zu dieser Zeit Ministerialrat Dr. Eugen Stähle, der bereits seit 1934 als Leiter des Amtes für Volksgesundheit in der Gauleitung fungierte. Sein ranghöchster Mitarbeiter war Obermedizinalrat Dr. Otto Mauthe, Sachbearbeiter und Berichterstatter für das Irrenwesen im Württembergischen Innenministerium. Auf Stähle, einen überzeugten Verfechter der "Euthanasie", geht die Wahl des Tötungsstandortes Grafeneck zurück. Er kündigte auch in Erlassen des Württembergischen Innenministers und im Auftrag des Reichsverteidigungskommissars Reichstatthalter Murr die Verlegungen der Anstaltspatienten an. Wurden Patientenmeldebogen von den Anstalten nicht fristgerecht eingesandt, kam es vor, daß der Stellvertreter Stähles, Dr. Mauthe, die Einrichtungen bereiste und diese Aufgabe selbst vornahm oder überwachte.

Ebenfalls noch im Jahr 1939 ging den württembergischen Heilanstalten ein weiterer Runderlaß (M 13) der Gesundheitsabteilung des Württembergischen Innenministeriums (M 14) zu. Wie aus dem Erlaß hervorgeht, wies das Anstaltswesen in Württemberg zu Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre eine komplexe Struktur auf. Es existierte eine Vielzahl verschiedener Anstaltstypen, Anstaltsträger, Aufsichts- und Oberaufsichtsbehörden. Der wichtigste Anstaltstyp war die staatliche Heil- und Pflegeanstalt. Hierzu zählten die Anstalten in Weinsberg, Winnenden (Winnental), Weissenau, Schussenried und Zwiefalten. Diese unterstanden zusammen mit den Privatheilanstalten in Göppingen, Rottenmünster und Kennenburg bei Esslingen a.N. direkt dem Württembergischen Innenministerium in Stuttgart.

Daneben gab es solche, die dem Württembergischen Landesfürsorgeverband und der "Zentralleitung für das Stiftungs- und Anstaltswesen" in Stuttgart unterstanden. Beide Organisationen, sowohl der Landesfürsorgeverband als eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, dessen Mitglieder die Stadt- und Landkreise waren, als auch die "Zentralleitung für das Stiftungs- und Anstaltswesen" unterstanden ein- und derselben Person: Regierungsdirektor Dr. Karl Mailänder. Als Leiter des Württembergischen Landesfürsorgeverbandes war Mailänder 1938 in die Position eines ehrenamtlichen Vorstandes der "Zentralleitung" aufgerückt. Diese war bereits im 19. Jahrhundert zum Zwecke der Zusammenfassung der freien Wohlfahrtspflege entstanden und übte im Auftrag des Stuttgarter Innenministeriums auch die Aufsicht über die Heil- und Pflegeanstalten gemeinnützigen Charakters aus. Diese Pflegeanstalten hatten zumeist kirchliche Träger, so entweder die evangelische Innere Mission Württembergs oder den katholischen Caritasverband.

Im Juni 1940 wurde die Zentralleitung für das Stiftungs- und Anstaltswesen vom Württembergischen Innenministerium aufgefordert, "in den von Ihnen betreuten Anstalten, diejenigen geisteskranken, epileptischen und schwachsinnigen Pfleglinge namentlich festzustellen, die dort auf öffentlichen Kosten untergebracht sind". Dieser ministerialen Aufforderung kam die Zentralleitung nach, indem sie den Erlaß an die ihr unterstehenden Heil- und Pflegeanstalten weiterleitete. Bereits Ende August 1940 meldete sie dem Württembergischen Innenministerium Vollzug und übergab die angeforderten Patientendaten.

Diese bevorzugte Erfassung von Patienten, die auf öffentlichen Kosten untergebracht waren, sogenannten "Staatspfleglinge", findet sich auch in den direkt dem Württembergischen Innenministerium unterstehenden Heilanstalten. Beispielhaft läßt sich dies an den Abtransporten aus dem Christophsbad Göppingen, einer Privatheilanstalt, zeigen. Von dort wurden zwischen April und Oktober 1940 265 Patienten – Staatspfleglinge – abtransportiert und in staatliche Heilanstalten verlegt. Von diesen starben in Grafeneck nachweislich 144 Menschen.

Durch den sogenannten "Sperrerlaß" des Württembergischen Innenministeriums vom 9. September 1940 wurde weiterhin verfügt, daß Patienten nicht ohne ausdrückliche Genehmigung des Innenministeriums entlassen werden durften. Dies sollte verhindern, daß Angehörige auf das drohende Schicksal der Patienten auch und gerade durch die Anstaltsleitung aufmerksam gemacht und auf Wunsch dann in die Familie entlassen wurden. Ab November 1940 war es den Anstalten ausdrücklich verboten, die Angehörigen der "verlegten" Patienten zu benachrichtigen.


 


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