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"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.2 Euthanasie in Grafeneck

Grafeneck wird "Euthanasie"-Anstalt




Inhaltsverzeichnis     


Das "Krüppelheim" Grafeneck (M 15), wie es zu jenem Zeitpunkt hieß, erhielt am 24. Mai 1939 Besuch: Der Stuttgarter Obermedizinalrat und Sachbearbeiter für das Irrenwesen im Württembergischen Innenministerium Dr. Otto Mauthe und zwei weitere Ministerialbeamte, darunter Oberregierungsrat Karl Mailänder, besichtigten die Einrichtung, die ihnen offenbar insgesamt sehr gut gefiel. Den wahren Grund ihres Besuches nannten sie nicht, doch wird man nicht fehlgehen in der Annahme, daß diese Inspektion im Zusammenhang mit den geplanten "Euthanasie"-Maßnahmen stand.

Ein weiterer, schwerwiegender Besuch erschien unangemeldet am 6. Oktober 1939 bei Heimleiter Frank. Mit Dr. Eugen Stähle, Ministerialrat im Württembergischen Innenministerium und höchster Medizinalbeamter in Württemberg, kamen Dr. Herbert Linden vom Reichsinnenministerium in Berlin, übrigens der einzigen staatlichen Stelle, die an der Euthanasie beteiligt wurde, und Viktor Brack, Oberdienstleiter in der Kanzlei des Führers (KdF). Dieses Mal blieb es nicht bei der Besichtigung, sondern die drei Herren beschlossen die Beschlagnahmung des Hauses.

Dieses läßt sich schon daraus schließen, daß schon einen Tag später Stähle beim Münsinger Landrat Richard Alber erschien und diesen über die bevorstehende Aktion in Kenntnis setzte. Alber erhielt den Auftrag, umgehend die Samariterstiftung über die geplante Beschlagnahmung des Heimes "für Zwecke des Reichs" zu informieren. Dies geschah dann auch mit eingeschriebenem Eilbrief am 14. Oktober 1939, in dem es u.a. hieß, das Heim sei bis abends von den rund 100 Insassen und dem Personal zu räumen, Einrichtung und Vorräte seien aber zurückzulassen.

Lange Zeit hielt man die Tatsache, daß Absendedatum und Vollzugsdatum auf denselben Tag fielen, für den Gipfel der Rücksichtslosigkeit. Erst sehr viel später wurde die kluge Regie des besorgten Landrats Alber sichtbar, der es der Anstalt durch rechtzeitige Vorinformation und absichtliche Verzögerung der Requirierung ermöglicht hatte, auch alle ihre Vorräte und Maschinen mitzunehmen.

Mitte November 1939, so der Bericht eines SS-Mannes, traf er mit 5 SS-Kameraden sowie Schreibkräften und weiterem Personal in Grafeneck ein, wo nun der Umbau in eine Tötungsanstalt begann. Handwerker aus den umliegenden Orten Dapfen, Dottingen und Steingebronn, etwa 10-15 Mann, wurden vom Arbeitsamt Münsingen mit diesen Arbeiten beauftragt. Während ihres Tuns rätselten sie über die künftige Aufgabe des Schlosses, teilweise glaubten sie an die Einrichtung eines Seuchenlazaretts, wie es Brack bei seinem Grafeneck-Besuch am 6. Oktober den Wirtsleuten der Gestütsgaststätte Marbach angekündigt hatte.

Am 4. Januar 1940 trafen sich ca. 25 Personen, alles bewährte Parteigenossen, im Columbushaus in Berlin. Sie waren als Pfleger und Pflegerinnen angeworben und auf einen mehrmonatigen Einsatz vorbereitet. Die T4-Angestellten Blankenburg und Bohne (Büroabteilung) machten ihnen klar, daß die Angelegenheit vollkommen freiwillig sei und jeder ohne Nachteile zurücktreten könne. Trotzdem weigerte sich niemand, alle fuhren anschließend in zweitägiger Busfahrt nach Grafeneck, wo sie von Dr. Horst Schumann begrüßt wurden.

Dieser Dr. Schumann, 1907 geboren und zu diesem Zeitpunkt also noch ein junger Arzt, war kurz nach Kriegsbeginn zu Brack in die Kanzlei des Führers gerufen und dort nach einer Bedenkzeit zum "Euthanasie"-Arzt verpflichtet worden, obwohl er nicht auf Psychiatrie spezialisiert war. Schumann baute in Grafeneck die Tötungsmaschinerie auf und war dort bis April 1940 tätig.

Mitte Januar 1940 kamen in Grafeneck schließlich auch die 3 Krematoriumsöfen an, fast zeitgleich auch schon der erste Transport von Kranken aus der Anstalt Eglfing-Haar am 18. Januar 1940. Die Tötung der Behinderten konnte beginnen.


 


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