Baustein

"Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940

Hrsg: LpB, 2000

 

2.2 Euthanasie in Grafeneck

Die Todeszone in Grafeneck




Inhaltsverzeichnis     


Die Todeszone von Grafeneck wurde fast 300 Meter vom Schloß entfernt eingerichtet (M 21). Das Schloß selbst und das landwirtschaftliche Gebäude blieben von baulichen Veränderungen verschont, die Küche, die Vorratsräume und der Speisesaal wurden wie bisher genutzt. Im ersten Obergeschoß waren die Wohn- und Verwaltungsräume der Ärzte sowie das Standesamt, ein Polizeibüro, die Trostbrief-Abteilung und andere Einrichtungen untergebracht. Im zweiten Obergeschoß befanden sich die Wohn- und Schlafräume des Personals, das bald auf 80 Personen angewachsen war und in sehr beengten Verhältnissen hausen mußte.

Die eigentliche "Euthanasie"-Anlage, nicht aber das Schloß selbst, war von einem Bretterzaun umgeben, der auf der Marbach zugewandten Seite mit 4 Metern deutlich höher war, vermutlich, um den Blick von den höher gelegenen Feldern der anderen Talseite auf den Ort des Geschehens zu verhindern. Es gab zwei verschlossene Tore in der Bretterwand, die die Straße zum Schloß abriegelten, aber groß genug waren, um auch Busse passieren zu lassen.

Nach Einfahrt durch das obere Brettertor befand sich linkerhand eine 68 Meter lange und 7 Meter breite Aufnahmebaracke , die in mehrere Räume unterteilt war. In einem dieser Räume waren etwa 100 Betten aufgestellt, mit Strohsäcken belegt und mit Bettwäsche bezogen. Inwieweit dieser Raum jemals benutzt wurde, ist nicht bekannt, doch ist davon auszugehen, daß eine längere Aufnahme hier zu keinem Zeitpunkt erfolgte. Als diese Baracke 1941 nicht mehr gebraucht wurde, wollte sie Dr. Stähle vom Stuttgarter Innenministerium der HJ-Gebietsleitung als Wehrertüchtigungslager übergeben. Die HJ lehnte das damals ab, möglicherweise in Kenntnis ihrer vorherigen Verwendung. Als KLV-Lager diente Grafeneeck dann bis zum Ende des Krieges der Kinderlandverschickung aus bestimmten Regionen des Reiches, wie beispielsweise dem Düsseldorfer und Kölner Raum.

Jenseits der Straße wurde eine weitere Baracke errichtet, in der ein Sanitätskraftwagen mit Liegeeinrichtungen sowie zwei, später drei Busse der Reichspost untergebracht waren, die die Krankentransporte besorgten. Der unregelmäßige Grundriß des Gebäudes ist wohl auf die vorhandenen Alleebäume zurückzuführen, die man aus Tarnungsgründen nicht fällen wollte.

Ebenfalls direkt an der Straße stand die Baracke, die die drei fahrbaren, mit Koks beheizten Verbrennungsöfen der Firma Topf aufnahm. Mit Hilfe einer speziellen Einschubvorrichtung konnten hier jeweils mehrere Leichen auf einmal verbrannt werden. Da beim pausenlosen Tag- und Nachteinsatz der Öfen die Hitze- und Rauchentwicklung ziemlich groß war, entfernte man vorsorglich das Dach der Baracke. Daß die umstehenden Bäume allerdings dann bald geschwärzt dastanden, konnte man nicht verhindern.

Durch ein Tor im Zaun an der Straße gelangte man schließlich zu jener Remise , in der der eigentliche Tötungsvorgang ablief. Ursprünglich handelte es sich dabei um ein Wasch- und Backhaus eines der Vorbesitzer Grafenecks, des Baron Freiherr von Tessin, das dieser im Jahre 1913 hatte errichten lassen (M 22). An der linken Stirnseite des Schuppens, der in der Folge der Vergasung dienen sollte, befand sich ein gemauerter zweigeteilter Raum mit einer Tür und je einem Fenster an Seiten- und Rückwand. Dieser Raum nahm die Kohlenmonoxid-Flaschen auf, die den Tod brachten. An diesen Gebäudeteil reihten sich drei weitere Räume, die jeder vier Meter breit und sechs Meter tief waren. Der linke und mittlere Raum wurden zusammengelegt und ergaben einen Raum, der jetzt 75 Personen fassen konnte. Er war als "Duschraum" getarnt und mit Bänken, Holzrosten und Brauseköpfen ausgestattet. Zum gemauerten linken Raum hin besaß er ein Sichtfenster, an der Rückwand zwei Ventilatoren. Im Raum an der rechten Stirnseite befanden sich Kleiderhaken und Bänke, die der Entkleidung dienten.

1965 riß man den Schuppen ab, offenbar, weil der schlechte Zustand der Bausubstanz das erforderlich machte. Der heutige Heimleiter in Grafeneck, Dietrich Sachs, erinnert sich noch, als junger Mann den Schuppen gesehen zu haben; in seinem Innern seien Holzroste und Duscharmaturen angebracht gewesen.

Das südwestliche Ende der Todeszone markierte ein ebenfalls vom Vorbesitzer 1911 erbauter runder Reitstall, "Reitzirkel" genannt. Er war ganz aus Holz erbaut und besaß einen Durchmesser von 15 Metern. Über seine Verwendung im Jahre 1940 ist nichts Genaueres bekannt, da aber gelegentlich von einem "Totenraum" in Grafeneck die Rede ist, kann angenommen werden, daß hier die vergasten Leichen bis zu ihrer späteren Verbrennung abgelegt wurden.

Um das ganze Areal verlief besagter Bretterzaun, der die Anlage den Blicken Außenstehender entzog. Eine Reihe von Maßnahmen im Außenbereich sicherten Schloß und Todeszone nach außen ab und machten den Zutritt für Unbefugte unmöglich. Unweit des Bahnübergangs, noch bevor die Auffahrt zum Schloß im Wald begann, wurde ein Postenhaus und eine Holzwand errichtet, die ein so großes Tor hatte, daß Busse und LKWs hindurchfahren konnten. Dieses Postenhaus besaß ein Telefon, konnte also rechtzeitig nach oben melden, wer da als Besucher ankam, wenn überhaupt die Passage erlaubt wurde. Beim Bahngleis selbst war eine Verbotstafel mit der Aufschrift "Betreten wegen Seuchengefahr verboten" angebracht. Eine weitere Tafel stand dort, wo die Straße nach Grafeneck von der alten Münsinger Straße im spitzen Winkel abzweigte. Die schon vorhandenen Drahtzäune der Viehweiden wurden verstärkt und zusätzlich mit Stacheldraht versehen. Von nun an patroullierten Uniformierte mit Hund und Schußwaffe um ganz Grafeneck.


 


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