Zieht man anläßlich der 60. Wiederkehr der Deportation der Juden aus
Württemberg und Hohenzollern Bilanz, so zeigt sich, dass – zumindest
der Kernbereich (die Ereignisse rund um "Killesberg" und
"Nordbahnhof") – historisch im wesentlichen
aufgearbeitet ist. Für eine Umsetzung im Unterricht zeigt sich
allerdings das Problem, dass die nur wenige, zudem nur wenig
"spektakuläre" Medien verfügbar sind: hier sind zunächst
die amtlichen Dokumente zu nenen (s. 1.),
außerdem zwei achtminütige, von der Landesbildstelle aufbereitete
Reste von NS-Propagandafilmen (s. 3.2.1);
Fotos existieren nicht, Zeitzeugenberichte (etwa aus dem inzwischen
beendeten Besuchsprogramm ehemaliger jüdischer Bürger) sind nur schwer
greifbar.Diese Lücke werden voraussichtlich Initiativen füllen, die von der
Stiftung Geisstraße bzw. von der Kirchengemeinden des Killesberg-/Norbahnhofviertels
getragen werden:
Die "Stiftung Geisstrasse 7" wird in der Reihe ihrer
"Gedenkblätter" in den nächsten Wochen eine
Materialauswahl zur Verfügung stellen. Informationen bietet dazu die
bereits bestehende Website www.geissstrasse.de
oder die noch einzurichtende Adresse www.nordbahnhof.de
Das neue "Gedenkblatt" wird auch Arbeitsmaterial für
einen "Internationalen Workshop" sein, der vom
28.11.-2.12.2001 in Stuttgart stattfindet. Unter dem Titel
"Zeichen der Erinnerung an die Deportation von Menschen
jüdischer Herkunft am Stuttgarter Norbahnhof" beabsichtigen die
"Stiftung Geisstraße 7" und der "Infoladen Stuttgart
21"einen Teil jener Verladerampe und jener Gleise von der
anstehenden Überbauung auszunehmen, um dort ein Zeichen des Erinnerns
zu setzen. Um Ideen für eine angemessene bauliche Form des Erinnerns
zu sammeln, laden die genannten Einrichtungen gemeinsam mit dem
Stadtarchiv Stuttgart, der FH Nürtingen, der Heinrich-Böll-Stiftung
Baden Württemberg, der Landesmedienzentrale und der Stadtbücherei
Stuttgart ein zu einem von der Landeszentrale für politische Bildung
geförderten Internationalen Workshop.
Der zukünftige Erinnerungsort, so ist zu hoffen, wird auch den
Schulen neue Zugangsmöglichkeiten zur Thematik
"Deportation" bieten. In der Oberstufe könnten zudem auch
die Entwürfe des Workshops geprüft und diskutiert werden. Alternativ
zum Nordbahnhof-Projekt ließe sich die Denkmalssituation auf dem
Killesberg überprüfen bzw. neu gestalten. Projekttage und Workshops
zum Thema führt der Stuttgarter Bildhauer Michael Deiml durch, s. www.cjzprojektschule.de
Die Evangelische Kirchengemeinde Nord, die Katholische Gemeinde St.
Georg und der Infoladen "Stuttgart 21 Auf der Prag" laden am
2.12.2001 zu einem Mahnweg zur ehemaligen Verladerampe im Nordbahnhof
ein. Dieses Konzept läßt sich vermutlich für Schulklassen
weiterentwickeln. Interessierte Lehrerinnen und Lehrer könnten sich
unter www.cjzprojektschule.de
zu einer Projektgruppe zusammenfinden.
Ergänzend zu diesen "zukünftigen"
Unterrichtsmöglichkeiten sollen nun stichwortartig weiter Impulse
aufgeführt werden:
- Kontext:
Das Thema "Deportation" wird im Unterricht
nur in "Vernetzung" mit anderen Aspekten wie etwa
"Jüdisches Leben in Deutschland bzw. Stuttgart in den
20er/30er" Jahren, "Schritte der Entrechtung und
Ausgrenzung", "Holocaust", "Linien bis in unsere
Gegenwart" zu behandeln sein. Das gesamte Themenspektrum bzw.
eine kurze autobiographische Quelle zur Deportation bietet das
bekannte (Jugend-)Buch von Inge Auerbacher (s. 5.1,
S. 69). Beispielhaft kommt dies auch im Film über die Synagoge
Baisingen (s. 3.2.4) zum Ausdruck.
Eine detaillierte didaktische Aufarbeitung am Beispiel des Baisingers
Viehhändlers Harry Kahn (wie sie der Film bereits ansatzweise
leistet) wäre wünschenswert.
Immigration, Flucht, Deportation: Der preisgekrönte
autobiographische Bericht Stuttgarterin Olga Levy Drucker (s. 5.1)
über ihre Rettung durch den "Kindertransport" erweitert den
Blick auf die Handlungsmöglichkeiten jüdischer Bürger in den
verschiedenen Phasen des NS-Staats – speziell auch in Stuttgart.
Deportation und Konzentrationslager / Bedeutung
"Nordbahnhof": In seinen Vorträgen weist der in Yad
Vashem tätige Historiker Dr. Gideon Greif immer wieder darauf hin, dass
der Zug bzw. Waggon bereits ein KZ "im Kleinen" war:
drangvolle Enge, Kälte, Verlust der Intimität, Hunger, Seuchengefahr,
Nebeneinander von Leben und Sterben existierten bereits hier. Ein
kurzgefaßter historischer Überblick (s. S.16ff)
sowie Interviewtexte zur Deportationen und zur den weiteren Stationen
der Vernichtung finden sich (u.a.) in Greifs Buch über die
"Sonderkommandos" in Auschwitz (s. 5.1).
Fächerverbindendes Arbeiten (Deutsch / Geschichte): Jurek
Beckers Roman "Jakob der Lügner" gestaltet das Thema
"Deportation" auf wenigen Seiten literarisch. Der Erzähler
bietet dem Leser zwei Romanschlüsse an: eine positiven,
"erfundenen" - mit der Befreiung eines Ghettos durch die Rote
Armee - und einen negativen, der mit der Deportation der Ghettobewohner
endet (S. 275ff). Aus der Romanbesprechung ergibt sich
zwangsläufig die Frage nach den "Quellen" Beckers oder den
zugrundeliegenden Sachverhalten. Hier könnten die Stuttgarter
Ereignisse zumindest mit thematisiert werden, um den Unterrichtsstoff an
die Alltagswirklichkeit der Schüler anzubinden.
(s.Orte Killesberg, Nordbahnhof)
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