Baustein

"Evakuiert" und
"Unbekannt verzogen"

Die Deportation der Juden aus Württemberg und Hohenzollern 1941 - 1945

 

2. Didaktische Impulse



Inhaltsverzeichnis


Zieht man anläßlich der 60. Wiederkehr der Deportation der Juden aus Württemberg und Hohenzollern Bilanz, so zeigt sich, dass – zumindest der Kernbereich (die Ereignisse rund um "Killesberg" und "Nordbahnhof") – historisch im wesentlichen aufgearbeitet ist. Für eine Umsetzung im Unterricht zeigt sich allerdings das Problem, dass die nur wenige, zudem nur wenig "spektakuläre" Medien verfügbar sind: hier sind zunächst die amtlichen Dokumente zu nenen (s. 1.), außerdem zwei achtminütige, von der Landesbildstelle aufbereitete Reste von NS-Propagandafilmen (s. 3.2.1); Fotos existieren nicht, Zeitzeugenberichte (etwa aus dem inzwischen beendeten Besuchsprogramm ehemaliger jüdischer Bürger) sind nur schwer greifbar.

Diese Lücke werden voraussichtlich Initiativen füllen, die von der Stiftung Geisstraße bzw. von der Kirchengemeinden des Killesberg-/Norbahnhofviertels getragen werden:

  • Die "Stiftung Geisstrasse 7" wird in der Reihe ihrer "Gedenkblätter" in den nächsten Wochen eine Materialauswahl zur Verfügung stellen. Informationen bietet dazu die bereits bestehende Website www.geissstrasse.de oder die noch einzurichtende Adresse www.nordbahnhof.de
  • Das neue "Gedenkblatt" wird auch Arbeitsmaterial für einen "Internationalen Workshop" sein, der vom 28.11.-2.12.2001 in Stuttgart stattfindet. Unter dem Titel "Zeichen der Erinnerung an die Deportation von Menschen jüdischer Herkunft am Stuttgarter Norbahnhof" beabsichtigen die "Stiftung Geisstraße 7" und der "Infoladen Stuttgart 21"einen Teil jener Verladerampe und jener Gleise von der anstehenden Überbauung auszunehmen, um dort ein Zeichen des Erinnerns zu setzen. Um Ideen für eine angemessene bauliche Form des Erinnerns zu sammeln, laden die genannten Einrichtungen gemeinsam mit dem Stadtarchiv Stuttgart, der FH Nürtingen, der Heinrich-Böll-Stiftung Baden Württemberg, der Landesmedienzentrale und der Stadtbücherei Stuttgart ein zu einem von der Landeszentrale für politische Bildung geförderten Internationalen Workshop.
  • Der zukünftige Erinnerungsort, so ist zu hoffen, wird auch den Schulen neue Zugangsmöglichkeiten zur Thematik "Deportation" bieten. In der Oberstufe könnten zudem auch die Entwürfe des Workshops geprüft und diskutiert werden. Alternativ zum Nordbahnhof-Projekt ließe sich die Denkmalssituation auf dem Killesberg überprüfen bzw. neu gestalten. Projekttage und Workshops zum Thema führt der Stuttgarter Bildhauer Michael Deiml durch, s. www.cjzprojektschule.de
  • Die Evangelische Kirchengemeinde Nord, die Katholische Gemeinde St. Georg und der Infoladen "Stuttgart 21 Auf der Prag" laden am 2.12.2001 zu einem Mahnweg zur ehemaligen Verladerampe im Nordbahnhof ein. Dieses Konzept läßt sich vermutlich für Schulklassen weiterentwickeln. Interessierte Lehrerinnen und Lehrer könnten sich unter www.cjzprojektschule.de zu einer Projektgruppe zusammenfinden.

Ergänzend zu diesen "zukünftigen" Unterrichtsmöglichkeiten sollen nun stichwortartig weiter Impulse aufgeführt werden:

  • Kontext: Das Thema "Deportation" wird im Unterricht nur in "Vernetzung" mit anderen Aspekten wie etwa "Jüdisches Leben in Deutschland bzw. Stuttgart in den 20er/30er" Jahren, "Schritte der Entrechtung und Ausgrenzung", "Holocaust", "Linien bis in unsere Gegenwart" zu behandeln sein. Das gesamte Themenspektrum bzw. eine kurze autobiographische Quelle zur Deportation bietet das bekannte (Jugend-)Buch von Inge Auerbacher (s. 5.1, S. 69). Beispielhaft kommt dies auch im Film über die Synagoge Baisingen (s. 3.2.4) zum Ausdruck. Eine detaillierte didaktische Aufarbeitung am Beispiel des Baisingers Viehhändlers Harry Kahn (wie sie der Film bereits ansatzweise leistet) wäre wünschenswert.
  • Immigration, Flucht, Deportation: Der preisgekrönte autobiographische Bericht Stuttgarterin Olga Levy Drucker (s. 5.1) über ihre Rettung durch den "Kindertransport" erweitert den Blick auf die Handlungsmöglichkeiten jüdischer Bürger in den verschiedenen Phasen des NS-Staats – speziell auch in Stuttgart.
  • Deportation und Konzentrationslager / Bedeutung "Nordbahnhof": In seinen Vorträgen weist der in Yad Vashem tätige Historiker Dr. Gideon Greif immer wieder darauf hin, dass der Zug bzw. Waggon bereits ein KZ "im Kleinen" war: drangvolle Enge, Kälte, Verlust der Intimität, Hunger, Seuchengefahr, Nebeneinander von Leben und Sterben existierten bereits hier. Ein kurzgefaßter historischer Überblick (s. S.16ff) sowie Interviewtexte zur Deportationen und zur den weiteren Stationen der Vernichtung finden sich (u.a.) in Greifs Buch über die "Sonderkommandos" in Auschwitz (s. 5.1).
  • Fächerverbindendes Arbeiten (Deutsch / Geschichte): Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner" gestaltet das Thema "Deportation" auf wenigen Seiten literarisch. Der Erzähler bietet dem Leser zwei Romanschlüsse an: eine positiven, "erfundenen" - mit der Befreiung eines Ghettos durch die Rote Armee - und einen negativen, der mit der Deportation der Ghettobewohner endet (S. 275ff). Aus der Romanbesprechung ergibt sich zwangsläufig die Frage nach den "Quellen" Beckers oder den zugrundeliegenden Sachverhalten. Hier könnten die Stuttgarter Ereignisse zumindest mit thematisiert werden, um den Unterrichtsstoff an die Alltagswirklichkeit der Schüler anzubinden.
    (s.Orte Killesberg, Nordbahnhof)


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