Heidi Dumreicher, Richard S. Levine

Ein nachhaltiger Stadthügel für das Wiener Westbahnhof-Areal

Dr. Heidi Dumreicher, Oikodrom Wien, und Prof. Dr. Richard S. Levine, Center for Sustainable Cities, Lexington, KY, USA, haben als 'Arbeitsgemeinschaft Stadthügel'. im Auftrag der Stadt Wien eine "Kostprobe" für das Projekt 'Nachhaltiger Stadthügel' erarbeitet.



l. Einleitung

Als Standort für dieses Musterprojekt wählte die Stadt Wien das Areal des Wiener Westbahnhofes. Der nachhaltige Stadthügel ist eine Stadtvision für das nächste Jahrtausend. Diese Stadtvision behält gleichzeitig die konkreten Wiener Realisierungsfragen im Auge.

Der Stadthügel bietet seinen BewohnerInnen die Gelegenheit zu einer informierten Wahl - einer Wahl für die Form der Stadt, in der sie leben wollen, einer Wahl für den Lebensstil, den sie sich leisten wollen innerhalb eines Projekts, das die Anstrengung lohnt.

Nachhaltigkeitsprozeß

Die vielen Umwelt-Ansprüche, die theoretisch ausgearbeitet wurden und vielen Menschen bewußt sind, wurden niemals in komplexer Weise in die Praxis umgesetzt. Der Stadthügel bietet den Rahmen, in dem die großen ökologischen, sozialen und städtebaulichen Fragen unserer Zeit auf synergistische Weise gelöst werden können. Etliche von diesen Ansätzen werden widersprüchlich sein, und daher beinhaltet das Konzept des Stadthügels einen Nachhaltigkeitsprozeß, in dem Lösungen für diese Widersprüche zu finden sind, wobei vieles eine Frage des Verhandelns sein wird.

Der urbanistisch reizvolle, aber höchst problematische Standort Westbahnhof stellt eine Herausforderung für viele Städteplaner dar, viele Projekte wurden bereits vorgestellt. Der Stadthügel geht intensiv auf die bestehenden Fragestellungen im Bezirk ein, er schließt die Wunden innerhalb der Region, aber er geht weit darüber hinaus: er schafft ein Modell von exemplarischer Kraft.


2. Ein Modell für Europa - Wien Westbahnhof, 31. Jänner 2005

Se una notte d'inverno, un viaggiatore...(Italo Calvino)

Die Reisende kommt per Eisenbahn aus dem Westen. Vielleicht ist es auch ein Reisender, der aus dem Osten kommt. Die Reisende fährt nach Wien, weil dort ein neues Ziel lockt: ein ganzer Stadtteil, gebaut wie ein Hügel, wo man alles, was innovative Urbanistik und innovative Umwelttechnik an Lebens- und Wohnraum, an Lebens- und Wohnqualität in den letzten zwanzig Jahren erfunden hat, realiter leben kann. Die Reisende wird in wenigen Minuten ihr Ziel, den Wiener Westbahnhof erreichen. Der EC 3000 mit seinen benutzerfreundlichen Eigenschaften überquert die Eisenbahnbrücke, fährt in einen Tunnel ein. Die Reisende ist jetzt sichtlich unterhalb der Stadt. Dunkelheit, der Zug bremst, steht. Wien Westbahnhof.

Das Ankommen und Aussteigen hier ist zum Erlebnis geworden: der Westbahnhof zeigt sich seit seiner Wiedereröffnung vor ein paar Tagen in seiner vollen, neuen Pracht.

Hohe Glasbögen, ineinander verschachtelte gläserne Tonnengewölbe, formen das Hallendach. Sie folgen einem interessanten, nicht leicht durchschaubaren Muster, das an eine Mischung zwischen Fischgrät- und Schachbrettsystem erinnert. An der Südseite der Halle sind die Bögen nur wenige Meter hoch, doch zur Nordseite hin steigen sie höher und höher an, eine Kaskade von flutendem Sonnenlicht.

Der Blick der Reisenden folgt den Kristallbögen und Lichtmodulen in Richtung Westen: dort schließt ein grüner Dschungel die Bahnhofshalle ab und lädt gleichzeitig dazu ein, ihn zu erforschen. Es locken die neuen Wintergärten, das Symbol des nun immergrünen Westbahnhofs, des immergrünen Wien.

Immergrüner Westbahnhof

Eine Rampe am Rand der Bahnhofshalle führt zu den Wintergärten hinauf, eine Westbahnhof Fußgängerstraße, die zur Bahnhofshalle hin von Büschen und Bäumen gesäumt ist und in sanftem Schwung das Bahnhofsgebäude mit den Wintergärten verbindet.


Abbildung 1: Übergang des Wintergartens in die Stadt, Beginn der Schrägstraße

Die Reisende folgt dem Strom der Ankommenden zum Bahnhofsausgang an der Nordostecke. Vom Europaplatz her kommt die Straßenbahn Nr. 55 die Schrägstraße herauf, fährt durch das Eingangstor, setzt das wesentliche Zeichen: Der Stadthügel ist ein fußläufiger Stadtteil. Die Reisende folgt der Fußgängerstraße hinauf zur Piazza. Vor ihr liegen jetzt die Wintergärten, rechts eine Häuserzeile, unten Geschäfte, darüber Wohnungen mit abwechslungsreichen Fassaden.

Stadt der unterschiedlichen Rhytmen

Die Piazza ist voll Leben: Eltern aus der Felberstraßengegend kommen mit ihren Kindern zu einem Besuch der Wintergärten, Touristen genießen den geschützten Platz. Manager trinken einen eiligen Stehkaffee, Spediteure besprechen die nächste Fracht. Diese Stadt bietet Raum für die verschiedensten Tages- und Lebensrhythmen.

Weiter nach Westen von der Piazza führt eine Arkadenstraße in den Hügel hinein. Tageslicht kommt von oben über Lichtbrunnen und Glasdächer zur Straße. Eine sehr belebte Straße: Lieferanten bedienen das Kleingewerbe, das hier arbeitet, Import-Export-Firmen sind hier angesiedelt. En-Gros-Unternehmen finden hier in der Nähe der Westbahn einen günstigen Standort.

Südlich der Piazza liegt der Eingang zu den Wintergärten: ein Ort, der in der kurzen Zeit seines Bestandes bereits sein Publikum gefunden hat. Die Wintergärten wirken fast wie ein Wald, so dicht wächst hier das Grün. Viele Pflanzen blühen, dazwischen wird aber auch Gemüse gezogen und andere Pflanzen, die produktive Qualitäten haben. Hier kann man Setzlinge kaufen für den eigenen Bedarf, hier kann man sich Ratschläge holen für den eigenen Wintergarten: die Wintergärten werden von der Öko-Universität, die auf der Hügelstadt liegt, mitbetreut. Hier kann man sich neben einen der Teiche setzen und zuschauen, wie das Wasser, das auf dem Glasdach des Westbahnhofs gesammelt wird, in kleinen Wasserfällen herunterfließt und zu den Beeten weitergeleitet wird.

Sonnenenergie betreibt den Lift

Die Reisende läßt die Wintergärten hinter sich und kommt in die Markthallen. Sie kauft Obst für den Tag - es ist biologisch und kommt aus den Wiener biologischen Landwirtschaftsbetrieben - und will jetzt endlich zum Aussichtspunkt der Hügelstadt. Sie geht in den Hügel zum Aufzug und drückt 'Ebene 10 - Hauptplatz'. Sonnenenergie betreibt den Lift, der sie zum Hauptplatz bringt. Hier fährt die Hügelstraßenbahn vorbei, hier münden kleine Straßen, die zu den nächsten Ebene-10-Plätzen führen. In einer Nebengasse erwartet sie eine angenehme Überraschung: von hier hat man eine herrliche Aussicht über Wien, man sieht bis zum Stephansdom. Ein paar Ecken weiter und Schönbrunn taucht auf, gekrönt von der Gloriette führt eine Allee vom Platz in diese Richtung, sanft abfallend, von Bäumen gerahmt.


Abbildung 2: Querschnitt zwischen Avedik- und Felberstraße auf Höhe des Wintergartens

Die Reisende folgt der Allee durch eine parkähnliche Landschaft, in der sie Schulen sieht, Kindergärten und viele kleine Höfe, die zu Wohnvierteln gehören. Am nächsten Platz kommt sie an einem Aufzug vorbei - hier könnte sie zur Avedikstraße hinunterfahren und von dort zur nahen Mariahilferstraße. Doch unsere Reisende will den neuen Stadthügel kennenlernen, sie folgt also der Allee und landet im Urbanodrom.

Eine Stadt erklärt sich selbst

Hier liegt, inmitten eines Parks, der Stolz des Stadthügels: eine Dauerausstellung von ökologischen Strategien und Systemen, die im urbanen Raum angewendet werden können, begleitet von Erlebnispfaden zu den vier Elementen. Eine Stadt, die sich selbst erklärt. Der Park ist terrassenförmig angelegt, die Wege führen in Serpentinen zu den verschiedenen Stationen, man geht zu Teichen und Energiepfaden, aber auch zu den Ausstellungspavillons im Hügel. Von hier oben sieht man die neue Brücke, die zum Auer-Welsbachpark anschließt, und das Gebäude des neu restaurierten Technischen Museums.

Im Hügel führt eine Atriumstraße zurück in den Hügel: die Atriumstraße ist drei Stockwerke hoch, durch das Glasdach oben kommt Tageslicht herein, hier liegen Sport- und Fitnesszentren, ein Postamt, Banken, eine Polizeistation und andere öffentliche Einrichtungen. Die Atriumstraße führt auf einen Platz hinaus, dort entdeckt unsere Reisende eine Haltestelle der Straßenbahn 55. Sie steigt ein und fährt zurück in ihr Hotel, vorbei am Hauptplatz und den Hügel hinunter entlang dem Wintergarten.

Ein Blick zurück zeigt die Hügellinie, das Sonnenkraftwerk, die Wintergärten: Wien ist, so denkt sie, um eine Attraktion reicher geworden. Um eine zukunftsweisende Attraktion.


3. Ein urbanes Design und sein Managementprozeß

Der Stadthügel - City as a Hill - ist ein neuer urbaner Prototyp der in eine bestehende Stadt eingebaut werden kann: der sozialökologische Stadthügel. Der Stadthügel hat eine außergewöhnliche, urbanistische Form - es ist ein künstlicher Hügel, eine Stadt in der Form eines Hügels.

Nachhaltiger Stadthügel

Er hat außerdem eine innovative, innere nachhaltige Struktur: Es ist der Ort für einen nachhaltigen Prozeß. Hier wird ein Managementprozeß durchgeführt, der das vorhandene technologische Umweltwissen zusammenführt und erstmals in kombinierter Form verknüpft.


Abbildung 3: Standbild aus einer Flugsimulation

Der äußere Stadthügel beherbergt die Stadt mit hoher Wohnqualität und Raum für öffentliches Leben. Der vervielfältigte urbane Raum, den der Hügel schafft, wird genutzt für Terrassen, Grünraum und privaten und öffentlichen Raum. Hier entstehen kleine Wohneinheiten, Nachbarschaften und Gewerbeeinrichtungen, die mit Straßen, Gassen und öffentlichen Plätzen zu einer Fußgängerstadt zusammengewoben werden, zu einer vielfältigen Stadtgestalt.

Stadt in der Stadt

In der Hügelstadt liegt die innere Stadt, die um drei Stockwerke hohe, mit Tageslicht beleuchtete Atriumstraßen organisiert ist. Entlang dieser Straßen liegen die großen institutionellen, kommerziellen und industriellen Einrichtungen, die wegen ihrer raumgreifenden Struktur tote Zonen schaffen, wenn sie in der normalen Straße stehen, für das Funktionieren einer modernen Stadt aber wesentlich sind. Hier ist auch Raum für den Zugang zur Eisenbahn, für Parkplätze und andere Infrastruktur.

Der Prozeß, der den Stadthügel City as a Hill entwirft und konstruiert, basiert auf einem neuen urbanistischen und architektonischen System, das es erlaubt, die Stadt als ein Ganzes zu begreifen und zu entwickeln.

Der Computer ist in diesem Prozeß mehr als eine Plattform, auf der das Design entwickelt wird: das entstehende Stadtdesign erhält durch die digitale Unterstützung mehr Komplexität und Diversität und daher auch mehr Möglichkeiten, auf die Bedürnisse der Stadt und ihrer BewohnerInnen einzugehen.


4. Der Stadthügel und seine Bedeutung für die Umgebung

Das Umfeld des Stadthügels ist eines der gravierendsten Problemviertel in Wien, aber auch eine urbanistische Herausforderung. Das Viertel zwischen äußerer Mariahilferstraße, Westbahnhof und Technischem Museum weckt Assoziationen wie 'einkommensschwache Bevölkerungsschicht, desolate Fassaden, abgewohnte Häuser, schmale und unfreundliche Straßenräume, wenig Grün, viel Lärm-, Geruchs- und Abgasbelastung'. Diese schlechte städtebauliche Situation ist teilweise auch dadurch bedingt, daß die Westbahnschienen das Viertel in zwei Teile trennen.

Brückenstadt

Ein nachhaltiger Stadthügel über dem Westbahnhofareal, als Brückenstadt verstanden, bringt neue Qualität in das Viertel: Arbeitsplätze, Erholungsraum, soziale und kulturelle Einrichtungen, Grünraum, verbessertes Mikroklima.

Das Planungsgebiet für das Westbahnareal hat eine Gesamtfläche von ca. 30 ha bei einer Breite von ca.100 bis 200 m und einer Länge von ca.1.500 m.

Bei einer Erhebung der Wünsche zur Besserung der Umweltbedingungen bestätigte sich die eher triste Lage des 15. Bezirkes. Auf die Frage "Fühlen Sie sich in Ihrer Wohnung durch Gerüche und Abgase von außen erheblich belästigt?" antworteten 50,5% mit "Ja". Bei Fragen zum Staub führen gar zwei Drittel der Befragten den KfZ-Verkehr als Hauptemmissionsverursacher an.

Sozialer Brennpunkt

Zusätzlich ist die Erwartungshaltung der Bevölkerung hinsichtlich der sozialen Verträglichkeit des Projektes Stadthügel hoch: die Umgebung ist gekennzeichnet von einer ausufernden Drogenszene, dem sozialen Umfeld des Gürtels als Bordellstraße, von ausländischen Jugendbanden in Verbindung mit zunehmender Ausländerfeindlichkeit.

Im Stadthügel soll eine Zeitschiene ausgearbeitet werden, die grundsätzlich interaktiv mit den Bewohnern neue soziale und kulturelle Netze schafft - als Anlaufstelle für die regionalen Bedürfnisse, die mit dem Stadthügel mitwachsen könnte und Kommunikationszentren für die BewohnerInnen darstellt. Eine Art Volkshochschulstruktur, vermischt mit Nachbarschaftszentrum und Regionalbetreuung, daneben halböffentliche und öffentliche Räume für unterschiedliche Verwendungszwecke - vom Streetball und Rollerskating bis zu Probe-Kellern für Jugend-Musik-Bands und multikulturellen Einrichtungen bis zum türkischen Bad.

Der Stadthügel ist eine Art nachhaltiger Insel in der Stadt, die positive Werte in die Umgebung ausstrahlt, auf sozialem, kulturellem, ökologischem Gebiet. Er ist nicht als abgeschlossene Einheit konzipiert, sondern als durchgängiges Stadtviertel - mit eigenem Charakter, aber in die Stadtlandschaft eng eingepaßt und mit ihr vernetzt.


5. Die urbane Designstudie

Der Stadthügel ist eine Art Bibliothek von mit einander vernetzten, austauschbaren Bau-Modulen in den verschiedenen Ebenen. Mit diesen Bau-Modulen können verschiedenste Städtemodelle zusammengestellt werden. Es entsteht ein Reichtum im Stadtgeflecht, das sich ändernden sozialen, technischen und wirtschaftlichen Bedürfnissen entspricht. Es entsteht eine flexible architektonisch-urbane Basis - als Werkzeug und Rahmen, mit dem die Aspekte der Stadt ausgearbeitet werden können. Sie sind die Basis für einen Prozeß der partizipativen Demokratie, so daß Einzelpersonen und Vertreter verschiedener Interessengruppen die Details und den Charakter der entstehenden, sich ändernden, nachhaltigen Stadt aushandeln können.

Das Sonnenkraftwerk

Für den nachhaltigen Stadthügel ist der Westbahnhof ein monumentales Eingangstor zu Wien. Ein weiter, hoher, verglaster Raum über den Bahnsteigen und Gleisen setzt sich in Richtung Westen in einer Wintergartenregion fort. Die Bahnhofhalle wird überdeckt von ineinander verschachtelten Tonnengewölben verschiedener Größe, die neben ihrer architektonischen Funktion auch technologisch genutzt werden: das Modulnetzwerk unter dem Dach dient als Sonnenkraftwerk für den Stadthügel. Die Effizienz dieses Energiekraftwerks wird durch die Schräglage des gesamten Daches, das von Süden nach Norden in vielen Kuppen ansteigt, gesichert.

Gleichzeitig wird auf dem Dach das Regenwasser gesammelt und den Grünbereichen des Stadthügels zugeführt.

Mit der neuen Halle entsteht auch ein neuer sozialer Raum: eine gedeckte Rampe führt leicht ansteigend zu einer ebenfalls überdeckten Piazza, die bei Schlechtwetter und im Winter geschützten Raum bietet.

Der öffentliche Wintergarten, der die Westbahnhalle abschließt, ist vielfältig: gleichzeitig ein Raum der Erholung und der Nutzung. Er bietet eine wetter- und saisonunabhängige Freiraumlandschaft. Er gibt, symbolisch und tatsächlich, Nahrungsmittel, Energie und Wasser an den Stadthügel weiter. Der Wintergarten zeigt ein durchgehendes Prinzip des Stadthügels: soziale, technologische, ökonomische, umweltgerechte und ästhetische Anforderungen müssen nicht um begrenzte Ressourcen wettstreiten, sondern können gemeinsam entstehen und die Ressourcen vervielfältigen.


6. Lebensraum

Wohnen auf dem Stadthügel hat eine neue Qualität. Da es keinen motorisierten Verkehr gibt, gehört dieses Stadtviertel dem Menschen. Der Stadthügel ist lebendiger, kleinteiliger, intimer als herkömmliche Stadterneuerungsgebiete. Die Straßen sind zum Wohnen und Leben da, sie sind geknickt und versetzt und zu halböffentlichem Raum erweitert. Der Stadthügel bietet Flächen für improvisiertes öffentliches und gemeinschaftliches Leben auf den Plätzen und Wohnstraßen, auf Wiesen und Teichen.

Eine Stadt zu Fuß und per Rad, in der man das Auto (wenn überhaupt) tief unten auf dem Parkplatz läßt. Eine Stadt, die Außenraum und Nähe enthält für Nachbarschaft und Gemeinsamkeit.

Stadt der Nähe und Vervielfachung

Durch die Vervielfachung des Raums im Stadthügel werden zusätzliche Nutzungen erschwinglich wie Innenhöfe, Terrassen und Balkone. Es ist eine Stadt der kurzen Wege - für Menschen, die hier arbeiten wollen, ergibt die gemischte Struktur von Wohnen und Arbeiten neue Möglichkeiten, erzwungene Mobilität durch echte Bewegungskultur zu ersetzen. Der dichte, fußläufige Stadthügel legt die Basis für die Qualitäten dieses Lebensraums. Das Stadtgeflecht des Stadthügels vervielfacht Raum, bindet ihn zusammen und läßt die Distanzen zwischen Orten verschiedener Aktivitäten sehr eng werden, ohne daß sie sich gegenseitig stören. Die positiven Aspekte von Stadtdichte können zum Tragen kommen, die negativen verschwinden. Die Hügelstadt erinnert an die städtebaulichen Qualitäten mittelalterlicher Hügelstädte in Mittel- und Südeuropa: nicht am Designerpult entworfen, sondern organisch gewachsen.

Diese Qualität wird durch das Stadtspiel erreicht, das mit Hilfe von Hochtechnologien gespielt wird: die virtuelle Stadt formt gleichsam den historischen Stadtwerdungsprozeß im dreidimensionalen, virtuellen Raum nach. Bauelemente können erprobt und ausgetauscht werden - im Spiel der Experten, ebenso im Spiel der künftigen BewohnerInnen.

Vernetzung und Geborgenheit

Was an den Altstadtkernen moderner Städte so reizvoll ist, ist ihre Behaglichkeit, Geborgenheit, Ästhetik und Lebendigkeit. Der Stadthügel bietet ähnliche Qualitäten. Es gibt hier enge Gassen und weite Plätze, lineare Parks und rückspringende Häuserzeilen die sich zu Plätzen weiten. Es gibt Licht und Schatten in den Höfen, Schutz unter Arkaden, Durchgänge und stille Winkel, Treppen, Brunnen, Tore, Gärten, Lebensraum. Zum Begegnen, zum Arbeiten, zum Flanieren. Straßen sind zugleich lichtdurchlässige Dächer für Atriumstraßen darunter, Brücken verbinden Gebäude auf den verschiedensten Ebenen und bilden Aussichtspunkte nach unten und oben. Höfe liegen tief im Hügel und bieten interessante Durchblicke zu anderen Plätzen weiter oben oder tiefer unten im Hügel.

Der Stadthügel hat bewegte Gassenräume, in denen sich Raumgefühl breit macht. Er lebt von der Dynamik und Beziehung der Häuser zueinander, von Winkeln, Ecken und Wänden, die einander Antwort geben, nützlich, gemütlich, einprägsam sind. Wesentliches Verbindungsglied auf dem Hügel sind die beiden Schrägstraßen, die in Ost-West-Richtung den Hügel an seinem Rand begleiten. Die Hauptstraße führt vom Europaplatz der Länge nach über den Stadthügel bis zum Technischen Museum parallel zur Felberstraße. Hier fährt die neue Straßenbahn Nr. 55, die beim Europaplatz beginnt und auf jedem Platz eine Haltestelle hat. Bei der Linzerstraße schließt sie an das bestehende Straßenbahnnetz an. Diese Nordstraße hat urbanen und kommerziellen Charakter. Die zweite Schrägstraße, die Südstraße, parallel zur Avedikstraße, beherbergt niedrigere Häuser, hat viel Grün und könnte als linearer Park bezeichnet werden, der mit Wohnhäusern durchsetzt ist.

Sämtliche horizontalen Flächen des Hügels sind Dächer und zugleich begeh- und benutzbare Flächen: Terrassen, Dachgärten, Parks, Innenhöfe und Piazzas.

Raum ohne Auto: Lebensraum

Der Stadthügel ist ein Ort für dichtes Wohnen und großen sozialen Freiraum. Da in der fußläufigen Stadt keine Zufahrtstraßen, keine Parkplätze und Erschließungen Flächenfraß betreiben, ist jeder Stadtraum gleichzeitig Lebensraum. Die Nutzbarkeit wohnungsnaher Freiräume stellt eine wichtige Alternative zum Auspendeln in andere städtische Freizeit- und Erholungsräume dar, reduziert die 'forced mobility' (erzwungene Mobilität), die zum wochenendlichen mobilen Ausverkauf der Städte führt. Der Stadthügel mit seinen öffentlichen und halböffentlichen Plätzen dagegen lädt zur Alltags- und Freizeitnutzung ein.

Der Hügel steigt terassenförmig nach Süden ab, und so können Straßen, Gassen und Plätze, Höfe und Gärten gleichzeitig die Hausdächer der darunterliegenden Wohnhäuser sein. Rampen und Schrägstraßen werden zu Aussichtsterrassen erweitert, die ebenfalls auf den Dächern liegen.


Abbildung 4: Dachgärten, öffentliche und halböffentliche Innenhöfe in der Vogelperspektive

Plätze als Verknüpfungspunkt

Das ganze Westende besteht aus einem terrassenförmig gegliederten Park, der praktisch auf den Gebäudeflächen gestaltet wird, alle Kreuzungen zwischen den Schrägstraßen und den Horizontalstraßen bieten Gelegenheit, öffentliche Plätze zu gestalten.

Die öffentlichen Plätze geben dem Stadthügel sein Flair. Hier sind die Schnittflächen zwischen den verschiedenen Vierteln, zwischen Wohn- und Arbeitsgegenden, zwischen geruhsamen Parks und pulsierenden Geschäftsgegenden.


7. Der Hügel als urbanes Prinzip

Die Hügelform bringt der Stadt eine neue Dimension, sie multipliziert die Dimensionalität der Stadt. Sie vermehrt die Bodenfläche, sie vermehrt Dichte, Erfahrung, Information, Kommunikation und Wahlmöglichkeiten. Gleichzeitig gibt die Hügelform dem neuen Stadtmodell seine Kohärenz: Wenn der Stadthügel den Boden erreicht, erreicht er auch seine Grenze. Diese Grenze schickt die Energie und die Struktur zurück in den Hügel.

Krebsgeschwür - moderne Stadt

Moderne Städte leiden darunter, daß sie sich krebsartig in die Umgebung ausbreiten, ohne auf Widerstände zu stoßen. Sie leiden auch darunter, daß viele verschiedene Bedürfnisse - Wohnen, Industrie, Freizeit, Bildung, Alltagsversorgung - um ihren Anteil am vorhandenen Grund und Boden kämpfen müssen. Manche dieser Bedürfnisse schaffen tote Zonen, die in der traditionellen zweidimensionalen Stadt die Qualität von humanen und ökonomischen Nebennutzungen stören. Menschen vermeiden die toten Zonen, die durch großflächige Institutionen mit undifferenziertem Gebrauch entstehen - Industrien, Parkplätze, alle Plätze, an denen keine menschliche Interaktion stattfinden kann.

Diese Institutionen sind für die Stadt und für ihre gesunde Aktivität notwendig, aber ihre äußere Gestalt ist innerhalb des Stadtgeflechts langweilig, ohne Leben, manchmal stellen sie Angsträume dar und bilden jedenfalls Hindernisse, die für die BewohnerInnen schwer zu überwinden sind. In der zweidimensionalen Stadt sind Distanzen groß und uninteressant, besonders für Fußgänger. Sie ermutigen zum Benützen von energieintensiven, ressourcenverbrauchenden Verkehrsmitteln, die obendrein das Leben auf den öffentlichen Plätzen reduzieren und damit das Stadtleben schädigen.

Konzentration im Hügel

Der Stadthügel ist ein Stadtteil ohne diese Probleme. Der nachhaltige Stadthügel verbannt diese Institutionen nicht aus dem Stadtgebiet, sondern integriert sie entsprechend seinem Anspruch, in die städtebauliche Struktur.

Der Hügel innen ist wesentlicher Bestandteil des Projekts Stadthügel. Nachhaltigkeit, wie sie hier verstanden wird, geht davon aus, daß im Stadthügel nicht nur die sogenannten 'guten' Dinge stattfinden, sondern alles, was zur Sicherung des Alltagslebens in der Stadt notwendig ist, also auch Industrie und Gewerbe. Beides trägt auch zum lebendigen Charakter einer Stadt bei, die nicht nur aus 'Schöngebieten' bestehen kann und soll.

Der innere Stadthügel wird zum Attraktor für innovative, umweltgerechte Industrie, aber auch für traditionelle Gewerbetreibende, die daran interessiert sind, umweltgerechte, kreislauforientierte Produktionsweisen zu entwickeln.

Organisationsraster und Tragwerkskonstruktion

Wenn im Städtebau ein Organisationsmuster als räumliche Grundlage verwendet wird, entsteht leicht eine sterile unflexible und selbstwiederholende Tendenz. Damit wird die Möglichkeit, auf äußere Faktoren einzugehen - die Sonne, die Eisenbahnschienen, der innere Verkehr, die lokalen Aktivitäten, die Bedürfnisse der umgebenden Viertel - eingeschränkt, denn die jeweiligen Organisationsbedürfnisse stehen im Konflikt. Der Stadthügel hingegen nutzt eine sehr komplexe Geometrie - genauer gesagt, eine Vernetzung verschiedener Geometrien, die abwechslungsreiche, aber regelmäßige Ordnungssysteme für Straßen, Plätze und Häuser entstehen lassen - Diversität und Komplexität wachsen gleichsam von innen heraus. Grundlage ist ein Rösselsprungraster, der im Windmühlensystem gedreht werden kann und in ein Spiel mit dem Levine'schen CPSF eintritt.


Abbildung 5: Der Konstruktionsprozeß des CPSF: Die Gußformen werden modular aneinandergereiht, Armierungen eingelegt, Beton eingegossen, die Schalungen nach der Fertigung entfernt

Das Levine'sche CPSF

Das Levine'sche CPSF ist statistisch gesehen ein außergewöhnliches Struktursystem, dessen leichtes Gewicht und breite Spannkraft erstmals eine Überbauung des Westbahnareals auch ökonomisch machbar erscheinen lassen. Es ist keine massive Betonplatte als Basis für den weiteren Ausbau mehr nötig, womit sich die gesamte Grundlage für ein solches Projekt positiv verändert.

Die Säulengruppen sind nicht in einem konventionellen rechtwinkeligen Quadratraster angeordnet, sondern in einem Wechselspielmuster, das Fischgerät und Rösselsprungelemente spriralig verdreht. Dieses Spiel zwischen dem normalen Quadratmuster des CPSF und dem Wechselspielraster der Säulengruppen potenziert die Variabilität, die Flexibilität und Komplexität von Desigen-Entscheidungen verschiedenster Maßstäbe im ganzen Stadthügel. Die Trägersäulen, auf denen der Stadthügel ruht, sind nach dem Rösselsprungmuster in Bündeln organisiert - die Trägerkonstruktion folgt einem quadratischen Muster. Der Stadthügel bedarf mit diesen beiden Systemen keiner Überplattung - was enorme ökonomische und gestalterische Vorteile bringt.

Das CPSF, von Richard S. Levine entwickelt und getestet, ein post-tensioning concrete System, ist für große Belastungen geeignet, nämlich für 640 kg/m2, bei einer Spannweite von 19 m. Es ist ein flexibles System, das Straßen, Parks, Dachbegrünungen, Häuser und Wasserinstallationen tragen kann. Es ist auch höchst flexibel bei Reparaturen und Veränderungen - Bestandteil der Zukunftsfähigkeit des Stadthügels, der auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen der Zukunft flexibel eingehen kann und soll. Das Levine'sche CPSF kann abschnittweise gebaut werden, wobei die neuen Abschnitte in den früher gebauten fest verankert werden. Seine große Flexibilität ermöglicht es, Teile des Tragewerks herauszunehmen, um Brunnen, Lichtbrunnen und Innenhöfe zu gestalten.

Oikodrom und World-Trade-Center der Nachhaltigkeit

Das Oikodrom ist der Ort, wo ökologische Energien entstehen, studiert und verbreitet werden, und zwar materiell wie auch kulturell.

Das Oikodrom ist ein Marktplatz der Ideen, der Erfahrungen, der kulturellen Belange von Nachhaltigkeit, es ist aber auch eine Art Öko-Science-Park, wo entstehende nachhaltige ökologische Entwicklungen vorausschauend dargestellt werden. Es geht um Prozesse und ökologische Werkzeuge und darum, diese für viele Menschen zugänglich zu machen.

Das Oikodrom nützt die Gelegenheiten, die der Stadthügel bietet: außen auf dem Hügel können Open-Air-Demonstrationen ihren Ort finden, innen im Hügel ist Platz für virtuelle Realität und andere Darstellungsformen, die kein Tageslicht brauchen.

Das Oikodrom hat mehrere Abteilungen. Es ist teilweise publikumsorientiert wie das Urbanodrom. Es ist fortbildungsorientiert mit seiner Fachhochschule oder seinen innovativen Volkshochschulen/Colleges. Es ist wissenschaftsorientiert wie Abteilungen verschiedener Hochschulen (Technik, Bodenkultur etc.), und produktionsorientiert wie diverse ökologische Industrien, die hier entstehen. Und es demonstriert die Synthese zwischen dichter urbaner Gestalt und natürlicher Landschaft, beispielsweise mit begehbaren Dachterrassen, auf denen verschiedene Arten von Begrünung zu sehen und zu lernen sind.

Das Oikodrom richtet sich an BesucherInnen aus dem Bezirk, aus Wien und Österreich, doch es ist auch ein Ost-West-Zentrum angegliedert, wo ein Know-How-Austausch stattfinden kann. Es steht in direkter Beziehung mit dem World-Trade-Center der Nachhaltigkeit, das ebenfalls auf dem Stadthügel liegt.

Das Oikodrom liegt am Westhang des Stadthügels. Es ist als Terrassen-Park gestaltet als Ausläufer des Grüngürtels, der von Schönbrunn herführt und den linearen Park entlangläuft.


8. Das Urbanodrom: Hügelstadt-Erfahrungswege

Die Hügelstadt ist als urbane Manifestation einer geänderten Lebenshaltung zu deuten und stellt damit für ihre BewohnerInnen und BesucherInnen einen Rahmen her, der sich von dem Rahmen traditioneller Städte notwendigerweise unterscheidet.

Das Urbanodrom thematisiert diese Differenz und geht der Frage nach, in welcher Weise sie transparent und erfahrbar gemacht werden kann - um einerseits den BewohnerInnen die Aneignung von Hügelstadt zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen (hier geht es also um das Erwerben und Einüben von Hügelstadt-relevanten Praktiken); und um andererseits seinen Besuchern als lebendiges und zugleich konkretes Experimentier- und Erfahrungsfeld, gleichsam als eine Art Kultur- und Zukunftslabor, zu dienen.

Ort der Entdeckungen

Der Wert eines Lebensraums wird unter anderem von den Erfahrungsmöglichkeiten bestimmt, die er dem Menschen aufgrund seiner strukturellen Gegebenheiten bietet. Phänomenologisch reichhaltige Umgebungen, die dem Menschen viele Anreize bieten, werden als wertvoller und damit als lebenswerter empfunden als solche, die von stuktureller Eintönigkeit geprägt sind. Der Stadthügel wird Erfahrungsfelder bieten - im Sinne von Hugo Kükelhaus. Ein beliebiger, geschlossener oder offener Raum wird in ein Feld möglicher sensorischer, motorischer, gedanklicher Entdeckungen verwandelt.

Im Erfahrungsfeld kann man berühren, betasten, in-Gang-setzen, bewegen, verfolgen, beobachten etc. Solche Stationen können in der Hügelstadt überall dort implantiert werden, wo sich Menschen treffen oder vorübergehend aufhalten - in Parkanlagen, in Cafes, in Foyers von Kaufhäusern oder öffentlichen Gebäuden, im Bereich von Straßenbahnhaltestellen, auf Plätzen, in den gedeckten Atriumsstraßen etc.


9. Die Stadt als System

Eine nachhaltige Stadt muß als Netz von interagierenden Systemen verstanden und gemanagt werden. Alle Entscheidungen, die mit Ressourcen, Material- und Energieströmen zusammenhängen, müssen modelliert werden, denn die Systeme der Stadt sollen in synergistischen Mustern verbunden werden. So kann man die negativen Nebenprodukte des Stadtprozesses ausbalancieren.

Im nachhaltigen Stadtteil soll so gewirtschaftet werden, daß Probleme, die innerhalb seiner Grenzen entstehen, in regenerativer Weise behandelt werden, so daß Abfälle eines Prozesses Rohmaterial oder Ressource für andere Prozesse werden.

Vernetzung der Stoffströme

Ziel ist ja, daß der Stadthügel keine Probleme in die Umgebung oder in die Zukunft exportiert. Die verschiedenen Subsysteme der Stadt sind von ihrem Input her zu studieren wie auch von ihrem Output. Diese Stoffströme sollen in der nachhaltigen Stadt miteinander verschränkt werden. Die wesentlichen Subsysteme der Stadt wie Energie, Ernährung und Landwirtschaft - aber auch die Ressourcen und Materialien für die verschiedenen Industrien und anderen Gewerbe in der Stadt werden erfaßt. Individuelle Alternativen in diesen Bereichen sind gut bekannt, wie passive Solartechniken, Recycling, Energiesparen, urbane Permakultur, Baubiologie etc.

Im nachhaltigen Stadthügel sollen diese individuellen Ansätze zu kreisläufigen Systemen zusammengebunden werden. Abfall soll als Quelle für Energie, für Baumaterial, für Dünger oder als Basis für Recycling-Prozesse dienen. Der C02-Output soll mit der landwirtschaftichen Produktion und dem Hinterland der Stadt ausbalanciert werden.

Ökologische Balance

Zukünftig sollen Umweltschutzmaßnahmen das gesamte System betrachten und auf den Prinzipien der Vorsorge und Ressourcen-Schonung basieren. Das Ziel einer solchen Betrachtung ist der langfristig umweltverträgliche und ressourcenschonende Stoffhaushalt der Region, der den Input, den Output, die Lagerung sowie die Nutzung von Stoffen in der Atmosphäre optimiert und kontrolliert. Diese Strategie soll im zukünftigen Umweltschutz als Ziel verankert sein.

Diesem Thema kommt besondere Bedeutung zu, da durch den Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft die Umweltprobleme eine Verschiebung erleben: weg von den punktförmigen Emissionsquellen (Produktionsemissionen), die in ihrer Bedeutung abnehmen werden, hin zu Konsumemissionen, die flächenhaft sind.


10. Nachhaltige Wassernutzung im Stadthügel

Im geplanten Nachhaltigkeitsprozeß erarbeiten Wissenschaftsteams verschiedene ProjektModule. Die bestehende 'Kostprobe' stellt sich exemplarisch das Modul Wasser vor. Grundlegende Zielvorstellung für den Wasserhaushalt und die Wassernutzung ist die Schaffung eines hochqualitativen urbanen Lebensraums unter Schonung bzw. nachhaltiger Nutzung der Ressource Wasser.

Für die Wassernutzung ergeben sich folgende Prioritäten: das Niederschlagswasser wird in den Wasserkreislauf des Stadthügels einbezogen. Es soll nicht ungenutzt im Kanal verschwinden, sondern vielfältig genutzt werden - vor allem für die Begrünung der vielen horizontalen Flächen im Stadthügel, wodurch die Lebensqualität, aber auch das Mikroklima entscheidend verbessert wird. Wasser reduziert die Staubbelastung, kühlt an heißen Tagen und schafft insgesamt ein menschenfreundliches Stadtklima.

Wasser und Begrünung

Der Jahresniederschlag beträgt im Gebiet ca. 600 mm, die in den verschiedenen Jahreszeiten verschieden dicht fallen, so daß für eine kontinuierliche Brauchwassernutzung Ausgleichspeicher erstellt werden. Dabei ist an Zisternen gedacht, die an Ort und Stelle angebracht sind - sie haben didaktischen Wert, weil der Gartenbenützer den Wasserverbrauch ohne Umwege feststellen kann - aber auch an zentrale Speicher. Bei Starkniederschlägen können kurzfristig auch Bereiche zum Auffangen und Speichern genutzt werden, die sonst anderen Zwecken dienen, wie Geländemulden u.ä.

Im Jahr fallen im Gebiet 180.000 m3 Regenwasser. Der in der Vegetationsperiode fallende Niederschlag überwiegt in 23% aller Jahre die potentielle Verdunstung. Bei einer intensiven Begrünung, wie der Stadthügel sie vorsieht, wird zusätzlich zum Niederschlagswasser Wasserbedarf bestehen, der je nach Intensität (vom Kaktus zur Kastanie) sehr unterschiedliche Szenarien ergibt.

Trinkwasser

Trinkwasser wird im Haushalt genutzt; das aufbereitete Abwasser wird als Ressource für Trinkwasser eine Mehrfachnutzung erschlossen. Die Aufbereitung wird je nach Nutzungsart individuell gelöst - für die Toilettenspülung gelten andere Parameter als für die Bewässerung von Grünflächen oder für einen Wasserschaupfad.

Der Stadthügel rechnet damit, den in Wien üblichen Trinkwasserverbrauch von ca. 170 l pro Einwohner und pro Tag stark zu reduzieren. Das gelingt einerseits durch den Einsatz von Spartechnologien wie Low-Flush-Toiletten, Spar-Armaturen etc., andererseits durch den Einsatz von Brauchwasser für die Toilettenspülung. Dies ist unter einem relativ geringen Mehraufwand bei der Installation und erfahrungsgemäß guter Akzeptanz der Nutzer möglich. Für Industrie und Gewerbe sollen ähnliche Grundsätze gelten wie für die Haushalte.

Da in Wien (noch) sehr hochwertiges, frisches Trinkwasser in ausreichender Menge zur Verfügung steht, scheint eine Trinkwasseraufbereitung als nicht zielführend. Für die Grünraumgestaltung hingegen ist eine solche Nutzung sehr sinnvoll. Der sonst unerwünschte hohe Gehalt an Nährstoffen ist hier gut einsetzbar. Mikrobiologische Belastung bei Speichern kann bei richtiger Ausführung des Bewässerungssystems (z.B. Untergrundbewässerung) ausgeschlossen werden. Bei den offenen Gewässerläufen, die im Stadthügel vorgesehen sind, müssen Maßnahmen ergriffen werden, die die Stabilität dieser ökologischen Subsysteme garantieren.

Bei den weiteren Überlegungen zum Wasserhaushalt sind die beiden gegenläufigen Ziele eines nachhaltigen Wasserhaushaltes zu berücksichtigen - einerseits der geringe Wasserverbrauch, andererseits eine entscheidende Verbesserung des Bioklimas im Stadtteil und eine entscheidende Verbesserung des Stadtgefühls insgesamt. In der Privatzisterne könnte auch der Weihnachtskarpfen gezogen werden.

Wasser und Orientierung

Mit der tendenziellen Auflösung kollektiver Sicherheitsnetze in der Stadt steigt die Suche und Forderung nach individueller Sicherheitsgewähr. Dieses Problem läßt sich zwar nur teilweise mit dem städtebaulichen Handlungsrepertoire lösen. Da jedoch in einem hohen Maße auch die zunehmend schlechtere Orientierbarkeit im Gefüge der Stadt zu den städtischen Unsicherheitsfaktoren gehört, ist der Städtebau gefordert, Orientierungssicherheit zu bieten.

In stereotyp und duch serielle Reihung verwechselbar gestalteten Neubausiedlungen ist beispielsweise die Orientierbarkeit für Kinder und alte Menschen extrem erschwert. Nachträglich installierte 'Leitsysteme' verweisen eher auf den Mangel an Orientierungsqualität und -sicherheit durch städtebauliche Gestaltung, als daß sie das Problem substantiell lösen. Für die Konzeption des Stadthügels ist daher von vorneherein der Aspekt der Orientierungssicherheit mitzudenken.

Eine systematische Oberflächenführung des Wassers kann helfen, im Gefüge des öffentlichen Raumes sinnlich erfahrbare und erlebnisreiche 'Leitsysteme' ohne Schilderwald zu installieren, die Wesensmerkmal des 'Stadthügel-Quartiers' sind, die die städtebauliche Organisation des Quartiers im Gebrauch nachvollziehbar machen und so die Orientierung erleichtern. Der Lauf des Wassers hat seit jeher Orientierung geboten.

Erlebniswelt Wasser

Wasser besitzt generell - unabhängig von dem naturräumlichen Potential seiner Umgebung und der visuellen Qualität und Vielfalt des Raumkontextes - einen hohen Erlebniswert und strahlt 'Natur' aus. Wasser besitzt im städtischen wie im ländlichen Raum und in der freien Landschaft für beinahe jede Altersgruppe eine ausgeprägte Anziehungskraft. Wasser im öffentlichen Raum in Szene zu setzen, um Orientierungsqualität und -sicherheit im Gefüge der Stadt zu erzeugen, ist ein prädestiniertes und erfolgversprechendes städtebauliches Gestaltungsmittel.


11. Stadthügel und Landwirtschaft

Ein nachhaltiger Stadtteil braucht ein landwirtschaftliches Hinterland, mit dem er in Ressourcentausch treten kann. Der Stadthügel wird eine Vertragspartnerschaft mit einer landwirtschaftlichen Region eingehen und in diesem Rahmen den Nachhaltigkeitsprozeß durchführen: Das Sonnenkraftwerk über dem Westbahnhof wird in Kombination mit weiterer erneuerbarer Energie im Stadtteil selbst etwa 5-15% des Energiebedarfs decken, als Ergänzung wird Energie aus dem Partnerland bezogen. Energie kann hier aus Biomasse, aus direkter Sonnenkonversion und anderen erneuerbaren Energieträgern gewonnen werden.

Gegenseitigkeit

Auf diese Weise wird ein Prozeß der Gegenseitigkeit ausgelöst: in der Partnerregion werden neue Arbeitsplätze geschaffen, die eine ökologische Wirtschaft entwickeln und so entsteht ein neues Gleichgewicht zwischen Landwirtschaft, Naturlandschaft und dem urbanen Ökosystem. Auf ähnliche Weise etabliert der Stadthügel auch eine Partnerschaft mit einem Betrieb in einem Entwicklungsland um dem Grundsatz 'global denken lokal handeln' eine praktische Dimension zu geben. Zusätzlich ist City Farming, also der Aufbau städtischer Bauernhöfe zur Nahversorgung, geplant.


12. Der interaktive Gestaltungsprozeß

Städte müssen historisch wachsen, sollen sie urban, bewohnerfreundlich, nutzungsgerecht, mit einem Wort: lebensfreundlich sein.

Historisch gewachsene Städte können als kollektive Kunstwerke verstanden werden, entstanden aus der gemeinsamen Anstrengung, der gemeinsamen Kreativität verschiedener Generationen, die der Stadtlandschaft ihr unverwechselbares Gepräge geben. Felder sorgen dafür, daß die Stadt lebendig bleibt, sich weiterentwickelt und sie bieten Raum für spätere Veränderungen - vorausgesetzt, sie zerstören das System nicht. Moderne Stadterweiterungsgebiete - innerstädtische oder solche, die am Stadtrand liegen - antworten jedoch auf Wohnungsnot und wachsenden Bevölkerungsdruck, eine expandierende Stadt wie Wien kann es sich nicht leisten, Stadterweiterung über Jahrzehnte hinweg selbst entstehen zu lassen.

Computersimulation: Stadtentwicklung im Zeitraffer

Der Ansatz des Projekts Nachhaltiger Stadthügel geht davon aus, daß die modernen Computertechnologien es ermöglichen, die historische Eptwicklung im Zeitraffer zumindest teilweise zu simulieren und solcherart zu einem komplexen Prozeß zu kommen, der Bedürfnisse der BewohnerInnen, der Stadtadministration, der AnrainerInnen, der Wirtschaft, des Gewerbe, der Umwelterfordernisse auszuhandeln ermöglicht. Der Reichtum eines Prozesses wird nachgebaut, ein Prozeß von Wechsel, Veränderung und Anpassung. Der Prozeß der Stadtwerdung wird hier im Computer nachgeformt, bevor die Bautätigkeit beginnt.

Während die Stadt im Computer modelliert und verändert wird, geschieht ein ständiges Feed-Back mit den TeilnehmerInnen an diesem Prozeß, sie verständigen sich über die ökonomischen, ökologischen, sozialen und raumbezogenen Konsequenzen ihrer Trial-and-Error-Prozesse.

Die Flexibilität des Computermodells erlaubt es, ein mögliches Szenario durch ein anderes zu ergänzen, auf Experten- und Verwaltungswünsche ebenso einzugehen wie auf ermittelte Bedürfnisse der künftigen BewohnerInnen und AnrainerInnen des Projekts. Ein äußerst komplexer Prozeß, der das vorhandene Wissen vernetzt und außerdem für die soziale Akzeptanz des Projekts förderlich sein wird.

Spielen mit Modellen

Auf diese Weise werden über längere Zeit hinweg viele Spiele gespielt, wodurch Module und Modelle geschaffen werden, die im Computer gespeichert werden und für die spätere Verwendung im nachfolgenden Spiel zur Verfügung stehen. Der interaktive Gestaltungsprozeß der nachhaltigen Hügelstadt ist die innere Struktur der Stadt. Es werden verschiedene Arten von Modellen gebildet, von geographischen und ökonomischen bis zu industriellen Prozessen oder städtebaulichen Modellen.

Ökologische Aktivitäten werden bevorzugt ausgewählt, doch kann es sich erweisen, daß auch traditionell als nicht ökologisch eingestufte Aktivitäten im Zuge des nach Gleichgewicht strebenden Prozesses akzeptabel erscheinen.

Dieser Prozeß der verhandelnden Partizipation führt zur nachhaltigen Stadt-Implantation; der kleinsten Einheit, in der Nachhaltigkeit sinnvoll angestrebt werden kann, und gleichzeitig der größten Einheit, die überschaubar und managebar ist.

Virtuelle Städte

Der Stadthügel ist keine bestimmte Form, kein bestimmtes Objekt, eher eine Struktur, eine Gestalt aus miteinander in Beziehung stehenden Systemen. Sein Ziel ist eine Vielfalt erwünschter Formen und Charakteristika. Das System Stadthügel besteht aus Familien von Bausteinen in verschiedenen Maßstäben. Diese Bausteine können innerhalb der Computer-Stadtgestalt bearbeitet oder aus ihr herausgenommen werden. Sie werden unabhängig neu gezeichnet und dann wieder neu eingefügt, wobei sie an denselben Ort oder an eine andere Stelle innerhalb des Stadtgeflechts gestellt werden. Zentrales Anliegen des nachhaltigen Stadthügels ist die Strategie, viele Alternativen und Parallelmodelle der bestehenden Stadtgestalt auszuarbeiten. Die verschiedenenen Interessengruppen, die am Gestaltungsprozeß teilhaben, werden in eine positive Konkurrenz treten, damit die manchmal gegensätzlichen Bedürfnisse befriedigt werden können.




Nachwort

Wien Westbahnhof, 31. Jänner 2005

Den Menschen, der lange Zeit über wilde Felder geritten ist, überkommt die Sehnsucht nach einer Stadt ...

Italo Calvino, Le città invisibili