Siegfried Rettich

Zur Notwendigkeit von kommunalen Energiekonzepten

Siegfried Rettich ist ehemaliger Direktor der Stadtwerke Rottweil



1. Die Problematik des Energieverbrauchs

Die in Deutschland derzeit nahezu ausschließlich verwendeten Energien Kohle, Erdgas und Öl sind begrenzt, werden weltweit extrem unterschiedlich verbraucht, sind maßgeblich an der klimabeeinträchtigenden Kohlendioxidproduktion beteiligt und produzieren die Luftschadstoffe, die unsere Fauna und Flora mehr oder weniger stark negativ beeinflussen. Beim Einsatz von Uran in Kernkraftwerken ist zumindest das Problem der Endlagerung der Brennstoffe nicht gelöst.

Reichdauer der Primärenergieträger

Untersuchungen verschiedener Fachinstitute in verschiedenen Szenarien kommen zu dem Ergebnis, daß den Primärenergieträgern Erdgas, Öl und Uran nur noch Reichdauern von Jahrzehnten gegeben werden kann, wobei die Aussagen zwischen drei und sechs Jahrzehnten schwanken; dem Primärenergieträger Kohle wird eine Reichdauer von ein bis zwei Jahrhunderten eingeräumt.

Diese Reichdauern werden stark beeinflußt werden

- durch das zu erwartende Bevölkerungswachstum vor allem in den Regionen der Dritten Welt verbunden mit dem berechtigten Wunsch nach höherem Lebensstandart,

- von den mehr oder weniger genutzten Möglichkeiten der rationellen Energieverwendung und

- -umwandlung sowie

- von der Ausbaugeschwindigkeit der Nutzung regenerativer Energieträger

Verteilungsstruktur

Untersuchungen ergeben daß der spezifische Verbrauch in den USA ca. 9.600 kg Steinkohleeinheiten (SKE) je Einwohner (E) und Jahr (J) (SKE/E u. J), in Deutschland derzeit 6.000 kg SKE/E u. J, in Indien lediglich 275 kg SKE/E u. J beträgt und in Staaten Afrikas teilweise unter 30 kg SKE/E u. J absinkt.

Eine gleichmäßigere Verteilung ohne drastische Einschränkung des Energieverbrauchs der reichen Industrienationen führt zwangsläufig zu einem gewaltigen Mehrverbrauch und damit zu einer Verkürzung der Reichdauer der nicht erneuerbaren Energien.

Die Kohlendioxidproblematik

Die Primärenergieträger Kohle, Öl und Erdgas verursachen bei ihrer Verbrennung mehr oder weniger hohe Mengen Kohlendioxid (C02), das vor Millionen von Jahren in Form von Kohlenstoff (C) und chemisch gebundener Sonnenenergie unter Freisetzung von Sauerstoff (O) in den Pflanzen gespeichert wurde, und das sich dann in die Primärenergien Erdgas, Öl und Kohle umgewandelt hat und nun in kurzer Frist (Jahrzehnte) wieder in CO2 umgewandelt wird. Die Problematik der dadurch weltweit schon eingesetzten Erderwärmung muß dringend gelöst werden. Dies kann nur durch eine weltweite drastische Reduzierung des Verbrauchs der Energieträger Kohle, Erdöl, Erdgas geschehen.

An der spezifischen CO2-Produktion sind die Energieträger unterschiedlich beteiligt.

Spezifische CO2-Produktion der Energieträger in kg/kWhpr

Steinkohle 0,51 - 0,36

Braunkohle 0,42 - 0,43

Heizöl schwer 0,32 - 0,31

Heizöl leicht 0,29 - 0,30

Erdgas 0,21 - 0,25

Die Problematik der Luftschadstoffe

Die Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas sind die Hauptverursacher der durch die Luftschadstoffe Schwefeldioxid (SO2), Stickoxid (NOX), Kohlenmonoxid (CO) und Kohlenwasserstoff (CXHY) hervorgerufenen Umweltschäden an Flora, Fauna und Bauwerken. Je nach Energieträger, Art der Verbrennung und Rauchgasreinigung ist der Luftschadstoffanteil unterschiedlich hoch.

Die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE AG) erstellen jährlich ein detailliertes Energieflußbild für Deutschland. Hieraus kann z.B. für das Jahr 1990 entnommen werden, daß von den verbrauchten 426 Mio to SKE lediglich 182,8 Mio to SKE - entsprechen 42% - genutzt wurden. Dabei nutzte die Industrie von 76,9 Mio to SKE 43,6 Mio to SKE = 56%, die Haushalte von 63,4 Mio to SKE 41,2 Mio to SKE = 65%, die Kleinverbraucher von 41,9 Mio to SKE 22,3 Mio to SKE = 53% und der Verkehr von 71,3 Mio to SKE lediglich 12,9 Mio to SKE =18%.

Der Energieverbrauch einer Kommune ist definiert als Verbrauch der verschiedenen Energieträger, der unterschiedlichen Konsumenten, der Art des Energieverbrauchs und der Wertigkeit der Energie.

Energieträger sind Erdgas, Erdöl, Kohle, Kernenergie, Flüssiggas, Holz, Sonnenenergien. Hierbei ist grundsätzlich zwischen der Verbrauchsstruktur der alten und der neuen Bundesländern zu unterscheiden.

Unterschiede in der Verbrauchsstruktur

Alte Bundesländer: Der Anteil der Energieträger ist vom Grad der Erdgasverdichtung abhängig. In Städten mit langjähriger aktiver Kundenberatung kann der Verdichtungsgrad bis 80 % betragen, in neuerschlossenen Gebieten sogar bis 100 %. Holz und Kohle hat in nahezu allen Städten und Gemeinden lediglich noch Anteile unter 10 %. Der mehr oder weniger große Rest wird mit Heizöl abgedeckt. Die elektrische Energie wird weitgehend über die Energieträger Kohle und Kernenergie erzeugt. Kernenergie ist an der gesamten Erzeugung der elektrischen Energie mit ca. 37% beteiligt.

Im Gegensatz zu den alten wird in den neuen Bundesländern Wärme in nahezu allen Städten und Gemeinden weitgehend in Fernheizwerken auf der Energieträgerbasis Steinkohle, Braunkohle und schweres Heizöl erzeugt. Im Rahmen einer derzeit stattfindendenden umfassenden Erdgaserschließung werden hauptsächlich Kohle-Einzelheizungen durch Erdgas-Zentralheizungen ersetzt. Sukzessive werden auch Kohle-Fernheizwerke in Heizkraftwerke mit Gasturbinen oder Gasmotoren umgerüstet.

Konsumenten sind Haushalte, Gewerbe und Industrie sowie öffentliche Einrichtungen. Der Energieverbrauchsanteil hängt wesentlich ab von der Gebäudestruktur und der Industriestruktur.

Bei der Energieart wird unterschieden zwischen leitungs- und nichtleitungsgebundener Energie. Leitungsgebundene Energien sind Erdgas, elektrische Energien, Fern- und Nahwärme. Nichtleitungsgebundene Energien sind Kohle, Heizöl, Holz, Flüssiggas und Sonnenenergien.

Nutzungsgrade der Primärenergie

Der Primärenergieverbrauch wird in kWhpr/Jahr gemessen, der Nutzenenergieverbrauch in Primärenergie kWhN/Jahr. Das Verhältnis Nutzenergieverbrauch zu Primärenergieverbrauch bringt der Jahresnutzungsgrad ha zum Ausdruck. Der Jahresnutzungsgrad der Wärmeversorgung schwankt zwischen 50% bei einfachen Kohleeinzelheizungen und bis zu 105% bei modernen Brennwertheizungen. Elektrospeicherheizungen, bei denen die elektrische Energie in Kondensationskraftwerken mit einem Nutzungsgrad um 35% erzeugt wird, erreichen, auf die eingesetzte Primärenergie bezogen, in der Heizanlage selbst lediglich noch Nutzungsgrade um 32%.

Der Jahresnutzungsgrad der Wärmeversorgung einer Kommune kann deshalb extrem unterschiedliche Werte aufweisen. Am Beispiel der Stadt Rottweil kann demonstriert werden, wie maßgeblich die Energienutzungsgrade von der Primärenergieverbrauchsstruktur abhängig sind. Während in der Kernstadt mit einem Erdgasanteil von 79% und einem E-Speicherheizungsanteil von 1,8% der Jahresnutzungsgrad 74,4% beträgt, haben die Ortsteile, in denen nahezu ausschließlich mit Heizöl und E-Speicherheizung geheizt wird, lediglich Jahresnutzungsgrade von 64% bis 61,5%. Der Jahresnutzungsgrad der Gesamtstadt (Kernstadt einschließlich Ortsteile) beträgt dadurch lediglich noch 72,3%.


2. Wege und Instrumente zur Reduzierung des Energieverbrauchs

Ein kommunales Energiekonzept soll den Entscheidungsträgern (Bürgermeister, Stadtdirektoren, Gemeinderäten) Mittel und Wege aufzeigen, wie die derzeitige Struktur und Höhe des Energieverbrauchs so beeinflußt werden kann, daß der Primärenergieverbrauch und damit in der Folge die Luft-Schadstoff-Belastung wesentlich gesenkt werden kann.

Wege hierzu sind:

- rationelle Energieverwendung

- rationelle Energieumwandlung

- Ausbau regenerativer Energien

Instrumente hierzu sind:

- technische Instrumente

- organisatorische Instrumente

- politische Instrumente.

Das Wärmekataster

Aus einem Energiekonzept können auf der Grundlage einer detailliert aufgezeichneten derzeitigen Energieverbrauchsstruktur praktikable Schlüsse zur positiven Beeinflussung gezogen werden. Am Beispiel des Wärmeverbrauchs einer Stadt soll dies erläutert werden.

Der Wärmeverbrauch eines Hauses ist von der Bausubstanz, der Art der Nutzung und der topografischen Lage wesentlich beeinflußt. Eine detaillierte Wärmeverbrauchsermittlung ist deshalb unerläßlich. Unter Zuhilfenahme von Tarifstatistiken der Stromversorger und Erdgasversorger sowie der Kaminkehreraufschriebe können preiswert Verbrauchswerte erarbeitet werden, die gegenüber einer im allgemeinen nicht bezahlbaren detaillierten Ermittlung noch ausreichend genaue Werte ergeben. Wenn diese Werte aus Datenschutzgründen nicht zu erhalten sind, können die Verbrauchswerte auf der Basis der Gebäudetypologiemethode ebenfalls ausreichend genau ermittelt werden. Mit den gebäudescharfen Wärmebedarfszahlen wird das Wärmekataster erstellt, das z.B. auf einen Blick bei farblich angelegten Zahlen die Energieträgerstruktur oder die für die Beurteilung von Nahwärme-Inseln mit Blockheizkraftwerken möglichen Verdichtungen aufzeigt.

Auf der Grundlage des Wärmekatasters kann der für die Beurteilung der Szenarien vorliegende spezifische mittlere Nutzwärmebedarf in Watt/m2 errechnet werden. Dieser Wert als Ausgangspunkt zeigt die technischen Reduktionsmöglichkeiten der einzelnen Zukunftsszenarien auf.

Szenario "Status quo"

Im Szenario "Status quo" wird davon ausgegangen daß der spezifische Wärmebedarf nicht verändert wird, wenn niemand bereit ist, zusätzlich in Wärmedämmung zu investieren und damit den derzeitigen Wärmebedarf nicht senkt. Soziologische Untersuchungen gehen davon aus, daß auch in Zukunft die Zahl der Einwohner je Wohneinheit sukzessive zurückgehen wird, während gleichzeitig die Wohnfläche je Wohneinheit sukzessive größer werden wird. Die Folge ist ein Anstieg des Gesamtwärmeverbrauchs.

Szenario "70 Watt"

Im Szenario "70 Watt" wird davon ausgegangen, daß der spezifische Wärmebedarf durch Wärmedämm-Maßnahmen allmählich auf diesen Wert reduziert wird. Auch unter Berücksichtigung der vorab erwähnten soziologischen Einflüsse ist ein Rückgang des Wärmeverbrauchs zu erreichen. 70 Watt/m2 entspricht in etwa den spezifischen Werten der deutschen Wärmeschutzverordnung.

Szenario "45 Watt"

In Szenario "45 Watt/m2" wird im Endstadium ein mittlerer Wärmebedarfswert von 45 Watt/m2 erwartet. Es ist davon auszugehen, daß nach der Novellierung der deutschen Wärmeschutzverordnung derartige Wärmebedarfswerte zumindest für Neubauten vorgeschrieben werden.

Szenario "45 Watt/m2 + Solar" geht davon aus, daß zumindest zukünftig bei der Planung von Neubauten die Möglichkeiten der Sonneneinstrahlung berücksichtigt werden.

Bei Betrachtung des Primärenergieverbrauchs zeigt ein Szenario die Entwicklung ohne Verbesserung der vorhandenen Heizanlagen, ein weiteres Szenario geht davon aus, daß der Energienutzungsgrad bei Ersatz vorhandener Heizanlagen durch Brennwertkesselanlagen, Wärmepumpen und Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung bis auf 92% verbessert wird.

Weiter wird im Energieversorgungskonzept detailliert untersucht, welche Anteile am Wärmeverbrauch im Betrachtungszeitraum durch regenerative Energien ersetzt werden können.

Reduktionsmöglichkeiten

Die Zusammenfassung der Szenarien am Beispiel der Stadt Rottweil stellt Abbildung 1 dar. Daraus ist ersichtlich, daß der Wärmeverbrauch im Szenario "45 W/m2 + Solar" von derzeit 323 Mio kWhN/Jahr auf 126 kWhN/Jahr entsprechend um 61 % gesenkt werden könnte. Bei gleichzeitiger Verbesserung des Energieumwandlungsgrades von derzeit 72,3% auf 92% könnte der Primärenergieverbrauch von derzeit 446 Mio kWhpr/Jahr auf 137 Mio kWhpr/Jahr entsprechend um 71 % gesenkt werden. Wenn es zusätzlicrh gelingen würde den regenerativen Anteil von 71 Mio kWh/Jahr zu verwirklichen, müßten im Jahre 2011 lediglich noch die Differenz von 66 Mio kWhpr/Jahr in Form von Kohle, Heizöl und Erdgas verbrannt werden, was gegenüber derzeit eine Reduktion von 85% und gegenüber dem Szenario "Status quo" einer Reduktion von nahezu 88% entsprechen würde.

Technische Möglichkeiten

Die weitaus größten Einsparpotentiale sind sowohl beim Wärmeverbrauch als auch beim Verbrauch elektrischer Energie durch rationelle Energieverwendung zu erreichen. Beim Wärmeverbrauch können durch bessere Wärmedämmung, Entfernung von Kältebrücken, Einbau von hochwärmegedämmten Fenstern und Anbau von Wintergärten Einsparungen von 30% bis 70% erreicht werden. Wie dänische Untersuchungen zeigen, sind auch bei Ersatz alter elektrischer Haushaltsgeräte durch neue energiesparende Geräte sowie bei Ersatz von Elektroherden durch Gasherde Einsparungen um 42% ohne Probleme möglich.

In Neubaugebieten könnte der Energieverbrauch durch sinnvolle Bauleitplanung extrem niedrig gehalten werden. Mittel hierzu sind z.B. Südausrichtung der Dachflächen für Sonnenkollektoren, größere Südfensterflächen zum temporären Gewinn von Sonnenwärme und Reduzierung des Stromverbrauchs für Beleuchtung, niedrige Wärmedurchgangswerte
(k = 0,4 W/m2 o C), durch verdichtete Bauweise und Verwendung moderner Dämmstoffe wie z.B. transparenter Wärmedämmstoffe (TWD).

Eine Nahwärmeversorgung durch kleine dezentrale Blockheizkraftwerkseinheiten gestattet gleichzeitig die Wärmeversorgung von Waschmaschinen und Geschirrspülmaschinen mit Warmwasser aus dem Nahwärmesystem und die Versorgung der Wohnungen mit Kochgas.

Bessere Energieausnutzung

Der Heizanlagenbestand im Altbau ist gekennzeichnet durch weitgehend überdimensionierte Heizkessel, so daß Öl-Zentralheizanlagen Jahresnutzungsgrade unter 70%, Gas-Zentralheizungen solche um 75% und Einzelofenanlagen solche teilweise unter 60% aufweisen. Richtig dimensionierte Gas- oder Öl-Zentralheizanlagen mit einer Benutzungsstruktur einschließlich Brauchwasserbereitung von ca. 2.000 Std/Jahr können durchaus Jahresnutzungsgrade von 85% erreichen. Mit modernen Brennwertkesselanlagen auf Erdgas- oder Flüssiggasbasis sind sogar Jahresnutzungsgrade von 95% bis 105% (bezogen auf den Heizwert des Brennstoffs) möglich.

Eine besondere Möglichkeit, gleichzeitig Gas in elektrische Energie und Wärme rationell umzuwandeln, bietet die dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung mit Gasturbinen oder Gasmotoren, bezeichnet als Blockheizkraftwerktechnik (BHKW-Technik). Die Energieeinsparung sowohl auf der Strom- wie auch auf der Wärmeseite liegt gegenüber der herkömmlichen Wärmeerzeugung in Zentralheizkesseln und der Stromerzeugung in Kondensationskraftwerken bei 30% bis 40%. Lediglich mit Gas-Wärmepumpen sind - allerdings nur auf dem Wärmesektor - höhere Einsparungen zu erreichen.

Kleine BHKW-Anlagen herunter bis zu 15 kWel bzw. 30 kWth - gekoppelt mit einem Spitzenkessel - bei einer Laufzeit von 5.500 bis 6.000 Std/Jahr können Nahwärmeprojekte ab 140 kWth schon betriebswirtschaftlich versorgen.


3. Der technisch mögliche Beitrag regenerativer Energien

Unter regenerativer Energie wird die direkt oder indirekt aus der Sonne gewonnene Energie verstanden.

Direkt aus der Sonne kann Energie gewonnen werden

- durch Solararchitektur = Wärme

- durch Sonnenkollektoren und -absorber = Wärme

- durch Sonnenzellen (Fotovoltaik) = elektrische Energie

Indirekt aus der Sonne kann Energie gewonnen werden

- durch Wasserkraft = mechanische Energie

- durch Windkraft = mechanische Energie

- durch Biomassen in Form von Holz, Stroh und Biogas = Wärme + elektrische Energie

Sonnenenergie

Daher sollte Solararchitektur in Neubaugebieten eine entscheidende Rolle spielen. Detaillierte Aussagen über mögliche Potentiale der Sonnenwärme können nur über ein Dachflächenkataster, das sämtliche nach Süden geneigten sowie sämtliche Flachdachflächen enthält, getroffen werden. Das mögliche Potential von elektrischer Energie aus der Sonne ist ebenfalls aus dem Dachflächenkataster zu ermitteln. Einen wesentlichen Einfluß haben die jährliche mittlere Stundenzahl der Sonneneinstrahlung und die jährlichen mittleren Nebeltage.

Wasserkraft

Zur Nutzung der Wasserkraft können vielerorts kleinere Wasserkraftanlagen neu erschlossen werden oder bereits bestehende, jedoch vor Jahren wegen Unwirtschaftlichkeit stillgelegte Anlagen renaturiert werden.

Windkraft

Die Möglichkeiten zur Nutzung der Windkraft sind je nach geographischer Lage und topographischer Geländegestaltung sehr unterschiedlich. Vor der konkreten Planung einer Windfarm sind anhand einer Pilotanlage oder lediglich einer Windmeßstation die für die Planung notwendigen Daten, wie ganzjährige Windgeschwindigkeit, Windrichtung, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und Lufttemperaturen, zu messen.

Biomasse

Vor allem Energie aus Biomasse sollte in Zukunft vermehrt im ländlichen Raum eingesetzt werden. Die energetische Infrastruktur der Städte ist durch eine weitgehende Erdgasversorgung abgedeckt, während in vielen ländlichen Gemeinden eine Erdgasversorgung wegen fehlender Betriebswirtschaftlichkeit nicht vorhanden ist. Die Bevölkerung ist dort weitgehend auf Heizöl, Elektrospeicherheizung und Einzelraumheizung mit Holz oder Kohle angewiesen. Die Folgen sind extrem schlechte Energienutzungsgrade, die teilweise zwischen 50% und 60% liegen.

Je nach land- und forstwirtschaftlicher Struktur bieten sich ländliche Wärme- und Stromkonzepte an, welche folgende Brennstoffe verwenden:

- Holzabfälle aus Forstwirtschaft und Holzindustrie

- Holz aus Kurzumtriebswäldern

- Strohabfälle

- Einjahres-Energiepflanzen

- Rapsöl unter energetischer Verwendung von Preßkuchen und Rapsstroh

- Biogas aus landwirtschaftlichen Abfällen

- Biogas aus nativ-organischen Küchen- und Gartenabfällen


4. Organisatorische Instrumente

Bei Umbaumaßnahmen sind den Haushalten, Gewerbe- und Industriebetrieben, aber auch den Öffentlichen Einrichtungen durch Energieberatungsprogramme sowohl auf dem Sektor der Wärmeversorgung als auch der Versorgung mit elektrischer Energie detaillierte und umfangreiche kostenlose Beratungen anzubieten. Als Berater kommen neben den regionalen oder kommunalen Energieversorgern auch kommunale Fachbehörden infrage.

Energiedienstleistung statt Energieversorgung

Energieversorgungsunternehmen können z.B. durch Verkauf der "Energiedienstleistung Licht" anstelle elektrischer Energie wesentlich zur Stromeinsparung - zumindest auf dem "Beleuchtungssektor" beitragen. Das Prinzip ist, elektrische Energie durch bessere Technik zu ersetzen. Wirtschaftlich ließe sich dieses Prinzip heute schon weitgehend bei der Straßenbeleuchtung (Einsparpotential bis ca. 40%), bei Schulen (bis ca. 50%), bei Hotels, Produktionsstätten und öffentlichen Einrichtungen anwenden. Die Finanzierung der Investition könnte bei momentaner Finanzknappheit über Contracting-Modelle erfolgen.

Energieversorgungsunternehmen könnten dem Kunden künftig anstelle der Rohenergien die Dienstleistung "Wärme" anbieten, mit der eindeutigen Aussage, "Energie durch Kapital" zu ersetzen. Dadurch würde die Möglichkeit geschaffen, in weitläufig bebauten Gebieten energiesparende Brennwertkesselheizungen und ab einer ausreichenden Verdichtung die hocheffektive BHKW-Technik einzusetzen. Dieses Organisationskonzept ist unter dem Namen "Nutzwärmekonzept" (Rottweil) und "Nahwärme Plus" (Paderborn) bekannt.

Im Rahmen von Nutzwärmekonzepten mit Brennwert- oder BHKW-Technik können künftig vom Energiedienstleistungsunternehmen auch Sonnenkollektoren auf kundeneigenen Dächern installiert werden, deren Wärmeproduktion über die ohnehin vorhandenen Wärmezähler verrechnet wird.

Die Installation von Sonnenzellen auf kundeneigenen Dachflächen durch das Energieversorgungsunternehmen gestattet die Zusammenfassung mehrerer Anlagen über einen Wechselrichter und damit eine wesentliche Senkung der Investitionskosten.

Holzheizwerke, Holzheizkraftwerke, Strohheizwerke, Strohheizkraftwerke, BHKW-Anlagen auf Rapsöl-Basis, Biogas-Anlagen auf Basis landwirtschaftlicher Abfälle oder Küchen- und Gartenabfälle - geplant zur Wärme- und teilweise Stromversorgung kleiner Ortschaften oder Teilorte - sollte durch die Energieversorgungsunternehmen in Kooperation mit den örtlichen Biobrennstoff-Lieferanten erfolgen.

Integrale Konzepte

Integrale Konzepte werden in Zukunft Voraussetzung sein, um verschiedenen Interessengruppen die Möglichkeit zu geben, unter für alle Beteiligten ökonomischen Gesichtspunkten ökologische Projekte zu verwirklichen.

Die Landwirte haben Probleme mit der zeitlichen Unterbringung der Gülle wegen Nitratbelastung des Grundwassers. Dem Landkreis entstehen bei der Müllentsorgung sowohl bei Deponierung als auch bei Verbrennung Probleme wegen der Belastung durch Küchen- und Gartenabfälle. Die Erdgasversorgung der Kommune ist wegen fehlender Zubringerhochdruckleitung unwirtschaftlich.

Auf der Grundlage des integralen Konzepts wird ein Heizkraftwerk auf BHKW-Basis erstellt, das mit Biogas aus einer zu erstellenden Biogas-Anlage versorgt wird. Die benötigte regenerative Energie "Gülle und nativ-organische Abfälle" wird von seiten der Landwirte und der Landkreisverwaltung angeliefert. Das Restsubstrat wird an die Landwirtschaft zur direkten Düngung zurückgeliefert. Damit kann das Grundwasser-Nitratproblem weitgehend gelöst werden. Das in der Biogas-Anlage produzierte Biogas wird mittels eines Blockheizkraftwerkes in elektrische Energie und Wärme umgewandelt, die zur Energieversorgung der Kommune oder Teile der Kommune verwendet wird.

An einem derartigen Konzept wären Landratsamt, Bürgermeisteramt, Energieversorger, Landwirtschaft, Finanzierungsgesellschaft, Genehmigungsbehörde und evtl. Zuschußgeber zu beteiligen.

Ein solches Konzept könnte z.B. über eine landeseigene Energieagentur entwickelt und mit den Beteiligten organisiert werden.

Durch Einsatz politischer Instrumente kann auf die Durchsetzung energiesparender Maßnahmen wesentlich Einfluß genommen werden. Dies kann in Form von

- Fördermaßnahmen

- Tarifgestaltung

- Auflagen und Gebote geschehen.

Fördermaßnahmen

Im Rahmen eines von der Kommunalverwaltung oder der Stadtwerke aufgestellten Förderkatalogs werden energiesparende Investitionen in rationelle Energieverwendung (Wärmedämmung, wärmedämmende Fenster, energiesparende Elektrogeräte), in Energieumwandlung (Brennwertkessel, Wärmepumpen, Blockheizkraftwerke) sowie in regenerative Energien (Sonnenkollektoren, Solarzellen, Wasserkraftanlagen, Windkraftanlagen) bezuschußt. Die erforderlichen Mittel können z.B. aus der Konzessionsabgabe bereitgestellt werden. Langfristig wird nicht zu vertreten sein, daß die Gewinne der kommunalen Energieversorgungsunternehmen in den Bau und Betrieb nichtenergetischer Maßnahmen wie z.B. Parkhäuser oder Freizeitanlagen fliessen.

Durch weitgehende Linearisierung der Strom-, Wärme- und Gastarife werden zumindest die Haushaltskunden im Sinne der Energieeinsparung beeinflußt. Zur Markteinführung regenerativer Energien kann der Entscheidungsträger zusätzliche Preiserhöhungen beschließen.

Tarifgestaltung

Eine Strompreiserhöhung um 0,25 Pf/kWh entspricht einer prozentualen Erhöhung

- bei Tarifkunden von ca.1 %

- bei Sondervertragskunden von ca.1,7%

Bei einer mittleren Kreisstadt (ca. 35.000 Einwohner) mit einem jährlichen Stromumsatz von ca.130 Mio kWh entstehen dadurch Mehreinnahmen von 325.000 DM/Jahr.

Bei einem Annuitätsfaktor von 10% entspricht dies einer möglichen Investitionssumme von 3,25 Mio DM. Mit dieser zusätzlichen Investitionssumme könnte z.B. ein Ortsteil mit 1.200 bis 1.500 Einwohner mittels eines Stroh- oder Holzheizkraftwerks kostendeckend mit elektrischer Energie versorgt werden. Alternativ könnte mit dieser Summe eine Solarzellen-Anlage mit einer Fläche von ca. 2.000 m2 entsprechend 200 kWpik installiert werden. Mit dieser Anlage könnten jährlich ca. 240.000 kWhel schadstoffrei geerntet werden.

Auflagen und Gebote

Diese können z.B. darin bestehen, daß in Neubaugebieten ein vorgeschriebener Wärmedämmstandart eingehalten, eine Südausrichtung der Bebauung, eine Mindestbaudichte sowie ein Benutzungszwang der Wärmeversorgung aus einem Blockheizkraftwerk vorgeschrieben wird.

Die in den Szenarien der Wärme- und Stromversorgung erzielbaren Primärenergie-Einsparungen wirken sich analog auch auf die Reduktionsmöglichkeiten der Luftschadstoffe S02, NOX, CO, CXHY und Staub sowie des Kohlendioxid CO2 aus.

Im Energiekonzept der Stadt Rottweil ergeben sich bei voller Ausschöpfung des Potentials der Energie-Einsparung, des Potentials der rationellen Energieumwandlung und des Potentials der regenerativen Energien beim Wärme- und Stromverbrauch nachfolgend aufgeführte Reduktionsmöglichkeiten:

Primärenergie-Einsparung 72%

CO2 Reduktion 78%

NOX Reduktion 67%

SO2 Reduktion 88%

CO-Reduktion 37%