Götz Kemnitz

Wie macht man nachhaltige Stadtentwicklung akzeptabel?

Götz Kemnitz arbeitet im Stadtplanungsamt Freiburg i. Br.



l. Freiburg als Beispiel

Auch angesichts vieler richtiger Ansätze sind wir in Freiburg noch ganz am Anfang einer systematischen und nachhaltigen Stadtentwicklung: Wie andernorts fehlen in vielen Bereichen die Instrumente und Indikatoren ebenso wie klare Leitlinien. Auch in Freiburg kann heute noch niemand definitiv sagen, ob diese Stadt mit ihren 200.000 Einwohnern, mit dem bestehenden starken Siedlungsdruck und den im Rahmen der Landschaftsplanung festgestellten hohen Empfindlichkeiten der natürlichen Ressourcen überhaupt "nachhaltig" im Sinne der bisher bekannten - und teilweise sehr hohen - Zielanforderungen entwickelt werden kann.

Unterstützung in der Öffentlichkeit

Die Diskussionen zu diesem Thema haben gezeigt, daß nachhaltige Stadtentwicklung nur dann eine Umsetzungschance hat, wenn diese nicht nur von der Verwaltung und den Politikern, sondern vor allem von einer breiten Bürgermehrheit mitgetragen wird. Setzt man die Akzeptanz und das konkrete Mitwirken (fast) aller Stadtbewohner voraus, dann müßte nachhaltige Stadtentwicklung vor allem

- leitbild- und zielorientiert sein;

- ausgewogen und ausgleichend zwischen den einzelnen Belangen sein sowie

- bürgernah, verständlich, nachvollziehbar und anregend (im Sinne einer angestrebten Nachahmung und des persönlichen Engagements oder Mitmachens) sein.

Unkenntnis über Nachhaltigkeit

Sowohl in der Theorie als auch in der Praxis scheint noch weitgehend das Gegenteil vorzuliegen:

- Es gibt in den meisten Kommunen - wie auch in Freiburg - noch kein mehrheitlich beschlossenes Leitbild- oder Zielsystem zur Stadtentwicklung;

- es wird bei der nachhaltigen Stadtentwickung noch oft ein Schwerpunkt einseitig im Bereich der Ökologie gefordert;

- nachhaltige Stadtentwicklung ist ein ausgesprochen komplexes und deshalb äußerst anspruchsvolles Thema, welches derzeit wohl sicher mehr als 90% aller Stadtbürger völlig oder weitestgehend unbekannt ist.

Vergleichen wir die eingangs dargestellten Anforderungen für eine wirkungsvolle, nachhaltige Stadtentwicklung, so gibt es in Freiburg jedoch einige gute Ansätze - und innerhalb dieser Ansätze jeweils auch das Bemühen, die Bürger und Bürgerinnen von der Richtigkeit oder Qualität dieser Ansätze zu überzeugen. ·


2. Das Leitbild und Zielsystem

Die künftige Entwicklung einer Stadt wird neben einer Reihe anderer Einflüsse ganz wesentlich von

- dem Flächen- und Siedlungskonzept sowie

- dem diesem Konzept zugrundeliegenden Leitbildern, Zielen und Maßnahmen gesteuert.

Vermittlung durch Komplexität erschwert

Diese Leitbilder umfassen grundsätzlich alle für die Stadtentwicklung wesentlichen Themenbereiche. Sie reichen von generellen Aussagen zur räumlichen Entwicklung der Stadt, der Identität und der angestrebten Urbanität über die Bereiche Wohnen, Arbeiten und Freizeit bis hin zu den Erfordernissen einer regionalen Kooperation. Zur Diskussion und Konsensfindung innerhalb der Verwaltung und des Stadtrates sowie zur Information einer möglichst breiten Öffentlichkeit wurden 1988/1989 Leitbilder für Freiburg in einem Arbeitskreis der Verwaltung entwickelt und anschließend der Öffentlichkeit vorgestellt. Es zeigte sich sehr schnell, daß wegen der bereits dargestellten Komplexität und der geringen persönlichen Betroffenheit kaum ein Bürger bereit war (von rund 136.000 wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern waren es immerhin etwa 500), sich an der Diskussion über diese Leitbilder und Ziele zu beteiligen. Ein kleiner Versuch, einen Teil dieses Dilemmas zu überwinden, war die Komprimierung der Leitbilder auf ein "Stadthaus". Hierdurch sollte das umfangreiche Zielsystem schneller und besser nachvollzogen werden können (vgl. Abb.1 )


3. Beispiele für die Umsetzung sektoraler Leitbilder

Für eine wirkungsvolle Umsetzung der Leitbilder muß, wenn auch Konflikte in Teilen unvermeidbar sind, nicht nur das Gesamtsystem stimmig sein, sondern auch in den einzelnen "Sektoren" für den Bürger verständlich dargestellt werden und schließlich möglichst attraktive Anreize zum persönlichen Mittun enthalten. Hierzu können folgende Beispiele aus Freiburg genannt werden:

Leitbild Wohnen

Im Bereich Wohnen war das Ziel die Errichtung von neuen Wohnquartieren, bei denen gleichzeitig ökologische, soziale und ökonomische Ziele soweit wie möglich umgesetzt werden sollten. Freiburger Beispiele hierfür sind das neue Wohngebiet auf dem Rieselfeld und auf dem ehemaligen Kasernengelände Vauban mit insgesamt 6.500 Wohneinheiten. Konsequent verfolgte Teilziele bei diesen Beispielen sind (u.a.):

- sparsamer Umgang mit Grund und Boden - angemessene Dichte

- geringe Flächenversiegelung

- Ausnutzung der Sonnenenergie

- Niedrigenergiebauweise, Fernwärmeanschluß

- Sozialverträglichkeit der Gebäudehöhen

- sozial und funktional verträgliche Mischung der Bewohner und der Nutzungen

- kleinteilige Gliederung - individuelle Gestaltung

- kinder-, frauen-, familien- und behindertenfreundliche Planung

- sozialverträgliche Mieten

- verkehrsfreie Räume

- Straßenbahnanschluß sehr frühzeitig anbieten (Rieselfeld)

- neue Formen der Bürgerbeteiligung (Foren)

Leitbild Mobilität

Bei den Fragen nach Mobilität und Verkehr wird seit Jahren durch eine verträgliche Mischung von Nutzungen versucht, eine Stadt der kurzen Wege zu erhalten bzw. zu entwickeln. Einen wesentlichen Beitrag leistet hierzu das Märkte- und Zentrenkonzept mit dem Leitbild einer "dezentralen Konzentration". Alle von den Bürgern und Bürgerinnen meistens zu Fuß erreichbaren Stadtteilzentren sollen ein möglichst breites Angebot an Einzelhandel, Dienstleistungen, Kultur- und Freizeitangeboten haben. Um dies zu erreichen, wurde Einzelhandel in allen Gewerbegebieten teilweise ausgeschlossen.

Parallel hierzu wird der ÖPNV-Umweltverbund maßgeblich gefördert. Durch den Ausbau und die Verknüpfung der effektiven und umweltverträglichen Verkehrssysteme und durch das Angebot einer äußerst preiswerten und an den Wochenenden auch sehr familienfreundlichen, stadtübergreifenden Umweltkarte ist es gelungen, den Modal-split zugunsten des ÖPNV kontinuierlich zu vergrößern. Die in den nächsten Jahren zur Realisierung anstehende Optimierung des Angebotes durch die "Breisgau-S-Bahn" wird die Akzeptanz weiter erhöhen.

Der motorisierte Verkehr wird durch eine flächendeckende Verkehrsberuhigung und eine Bewirtschaftung des öffentlichen Raumes bei gleichzeitiger Bündelung auf wichtige Hauptachsen stadtverträglich gestaltet.

Leitbild Energiewirtschaft

Seit 1986 wird ein Energieversorgungskonzept mit folgenden Maßnahmen umgesetzt

- kommunale Energieberatung

- Deponiegasnutzung in Verbindung mit einem Blockheizkraftwerk

- Ausbau des Fernwärmenetzes

- Aktion "Meister Lampe": Dieses "least-cost-planning"-Beispiel beinhaltet die kostenlose Abgabe von bisher fast 100.000 Energiesparlampen. Gleichzeitig wird der Strompreis um 2,3 Pfennig je Kilowattstunde erhöht - wovon 0,4 Pfennig für die Aktion "Meister Lampe" und 0,2 Pfennig für die Förderung regenerierbarer Energien verwendet wird. Für den Kunden gleichen sich niedrigerer Verbrauch durch die Mehrkosten wieder aus

- Förderung von regenerativen Energien zur Reduzierung der CO2 - Immissionen

- Linearer Zeitzonentarif mit drei Zeitzonen (Spitzenlast, Normallast, Schwachlast). Hierdurch hat der Kunde einen stärkeren Einfluß auf seinen Verbrauch. Einspareffekte: bis zu 3%

Bessere Effekte durch Werbung

Hier zeigte sich, daß eine höhere Akzeptanz und Mitmacheffekte vor allem dann zu erreichen sind, wenn die Aktionen von einer pfiffigen und witzigen Werbung oder Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden.


4. Nachhaltige Stadtentwicklung soll ausgewogen sein

Die Vielzahl von sektoralen Leitbildern und Zielen ergeben ein äußerst komplexes, vielseitiges Mosaik. Diese Situation führt zu einem gravierenden Dilemma: Läßt man einzelne Leitbildbereiche und Ziele weg, kommt sehr bald der Vorwurf der Unvollständigkeit des Gesamtsystems - versucht man alle Bereiche abzudecken, wird das Gesamtsystem regelmäßig unübersichtlich und kaum nachvollziehbar.

Schwerpunktsetzung notwendig

Ohne die Bedeutung einzelner Teilleitbilder einschränken zu wollen, sollten bei der nachhaltigen Stadtentwicklung die Ziele und die Zielerreichung in den Bereichen

- Ökologie

- Soziales Leben und

- Ökonomie

in den Mittelpunkt der Diskussion und der Abwägungsprozesse gestellt werden. Dabei halte ich es nicht für sinnvoll, dem Bereich "Ökologie" grundsätzlich oberste Priorität einzuräumen. Gerade im Planungsprozeß hat sich bisher immer wieder bestätigt, daß eine Planung letztlich nur dann Bestand hat, wenn ein für jeden Plan neu zu bestimmender Ausgleich vor allem zwischen diesen drei Bereichen in einer gerechten Abwägung miteinander und untereinander entwickelt und umgesetzt wird.

Für die künftigen Planungsprozesse wäre es hilfreich, wenn für diese drei Bereiche ein qualitativ gleichwertiger Maßstab entwickelt werden kann und den Stadträten sowie der Offentlichkeit neben der Umweltverträglichkeitsprüfung auch eine vergleichbare Bewertung der Sozialverträglichkeit und der Wirtschaftlichkeit unterbreitet werden kann.


5. Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen: Information und Diskussion

Nachhaltige Stadtentwicklung muß

- bürgernah

- verständlich

- nachvollziehbar und

- anregend - d.h. zur Nachahmung anstiftend sein

Desinteresse fordert neue Vermittlungsformen

Diesen Forderungen steht die bereits dargestellte Komplexität einerseits und das seit Jahren kontinuierlich zunehmende Desinteresse der Bürger am Geschehen in der Stadt entgegen. Da ohne die Unterstützung des Bürgers eine nachhaltige Stadtentwicklung wenig Aussicht auf Erfolg haben wird, müssen künftig wirkungsvolle neue Formen erprobt und angewendet werden. Neben der klassischen Bürgerinformation gibt es hier neben Zukunftswerkstätten auch Foren, in die sich Bürger einbringen können. Für neue Siedlungsprojekte wie den Bereich Rieselfeld oder Vauban hat die Einrichtung von
"Bürgerforen" wesentlich zu einer umfassenderen Diskussion zwischen den Bürgern, der Verwaltung und den politischen Gremien geführt.

Eine andere Möglichkeit, Akzeptanz oder Mitmacheffekte zu erreichen, liegt in finanziellen Anreizen - entweder durch die Förderung z.B. von Fotovoltaik-Elementen oder durch spürbare Minderkosten bei ökologisch sinnvollem Verhalten (Beispiel: Niedriger Abwassertarif bei nur gering versiegeltem Grundstück sowie bei Anpassung des individuellen Stromverbrauchs auf den Zeitzonentarif).

Humor fördert Akzeptanz

In Deutschland neigen wir sehr gern dazu, Themen wie nachhaltige Stadtentwicklung möglichst auf wissenschaftlichem Niveau und mit dem gehörigen Ernst zu betreiben und zu diskutieren. Es ist klar, daß hierbei die meisten Bürger und Bürgerinnen schnell das Weite suchen. Deshalb wünsche ich mir eine wachsende Akzeptanz durch mehr

- Klarheit und Reduzierung auf das Wesentliche und durch mehr

- Humor und Witz, so daß das Mitmachen möglichst vielen Spaß macht!