Dokumentation

Globalisierung als Chance II

Blick auf die Weltgesellschaft



Manfred Linz
Die Notwendigkeit einer globalen sozial-ökologischen Marktwirtschaft


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Inhaltsverzeichnis


Dr. Manfred Linz arbeitet am Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie.

Die Notwendigkeit einer globalen sozial-ökologischen Marktwirtschaft: Notwendigkeit wird in diesem Titel postuliert. Was ist gemeint? Muß es eine globale Marktwirtschaft geben, die dann auch sozial und ökologisch sein sollte? Nun, es gibt diese globale Wirtschaft. Sie entsteht und wächst vor unseren Augen. Aber das heißt ja noch nicht, daß diese Entwicklung notwendig war. Es wären auch ganz andere Entwicklungen denkbar und für mein Urteil sogar wünschenswert gewesen. Weltweites Wirtschaften enthält sicher erhebliche Chancen, aber auch drastische Gefahren - jeweils für andere Teilnehmer. Ich sehe keinen Grund, die globale Wirtschaft zu verteufeln, wie es die radikale Kapitalismuskritik tut, so, als gäbe es dabei nur ein Race to the Bottom". Aber es besteht ebenso wenig Anlaß, in ihr das offene Tor zu weltweitem Wohlstand zu sehen. Sie ist da, und wir müssen mit ihr zurande kommen. Was sich da gegenwärtig entwickelt, ist freilich von solcher Vehemenz, daß der Schutz der Natur und friedensfähige Beziehungen zwischen den Teilnehmern dieses Marktes besondere Aufmerksamkeit brauchen. Wenn die Dynamik der Weltwirtschaft nicht die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit zerstören soll, wenn sie nicht zerreißende soziale Konflikte hervorrufen soll - dann sind gemeinsame Anstrengungen aller Beteiligten notwendig. Und darüber nachzudenken ist die Aufgabe dieses Beitrages.

Diese Mitsorge für eine zukunftsfähige Weltwirtschaft ist auch die Rechtfertigung, daß ich mich als ein Nicht-Ökonom mit einem wirtschaftlichen Thema auseinandersetze. Ich habe mich mit dieser Disziplin beschäftigt; aber ich arbeite als Generalist mit sozialwissenschaftlicher Prägung am Wuppertal Institut. Meine Berechtigung zur Grenzüberschreitung nehme ich aus den Erfahrungen der letzten Jahre. Wenn man über zukunftsfähiges Handeln nachdenkt, sind in einem Fach allein keine haltbaren Auskünfte zu erwarten. Die Studie Zukunftsfähiges Deutschland", an der ich mitgearbeitet habe, war ein strikt interdisziplinäres Unternehmen. Wir haben gelernt, daß wir einander brauchen: die Naturwissenschaftler, die Wirtschaftswissenschaftler, die Politk-, Sozial- und Kulturwissenschaftler. Es ist also nicht Anmaßung, es ist die Vielschichtigkeit des Themas, die mich denken läßt: Auch über eine nachhaltige Weltwirtschaft ist Nützliches nur zu erfahren, wenn nach mehr gefragt wird als nach den Marktkräften und ihrer Dynamik.

Ich möchte im folgenden zunächst darlegen, was ich unter Globalisierung verstehe, ihre Merkmale bennenen und diesen Merkmalen eine allgemeinere Bestimmung vorausstellen. Dann will ich auf zwei Herausforderungen aufmerksam machen, die wir in den nächsten Jahrzehnten bestehen müssen und die elementare Bedeutung für unser Thema haben. In einem dritten Teil will ich dann Anforderungen an eine ökologische und soziale Weltwirtschaft formulieren. Das Ganze kann, wie leicht einzusehen ist, nicht mehr als eine unvollständige Skizze sein.

1. Globalisierung und ihre Merkmale

Die gegenwärtige Globalisierung ist ein säkularer Prozeß, in dem die politisch, wirtschaftlich und kulturell aktiven Kräfte der Gesellschaft die Erde als ganze zu ihrem Handlungsraum machen, und in dem folgerichtig die Verbindungen und die Abhängigkeiten zwischen den Gesellschaften immer dichter werden. Seinen epochalen Charakter gewinnt dieser Vorgang dadurch, daß die seit langem angelegte Überwindung von Grenzen einschließlich der internationalen Wirtschaftstätigkeit jetzt eine solche Größenordnung erreicht, daß die quantitativen Veränderungen eine neue Qualität gewinnen.

Die politisch, wirtschaftlich und kulturell aktiven Kräfte machen zunehmend die Erde als Ganze zum Handlungsspielraum
Mit diesem Definitionsversuch gehe ich bewußt über das hinaus, was gemeinhin mit Globalisierung verbunden wird. Oft wird darunter nur die Entstehung globaler Märkte verstanden, auf denen dieselben Dinge auf dieselbe Weise überall verkauft werden können. The international integration of markets - that is what globalization means in short" - habe ich gerade auf einem Universitätspodium von einem gestandenen Ökonomieprofessor gehört. Eine so enge Definition macht erkenntnisblind für das, was gegenwärtig tatsächlich geschieht, abgesehen davon, daß diese vollständige Integration der Märkte mit guten Gründen in Zweifel gezogen wird.

Mir ist es darum wichtiger, Merkmale der gegenwärtigen Globalisierung zu suchen. Ich nenne sieben, beginne auch mit der Wirtschaft, aber höre nicht bei ihr auf:

- Die Ausbreitung von Kapital-Investitionen und Produktionen über kontinentale Grenzen hinaus;

- weltweit operierende Finanzmärkte ohne Bezug zu realen Gütermärkten und mit einem hohen destabilisierenden Potential;

- weltweite Kommunikationsmöglichkeiten fast ohne Zeitverzögerung und zu geringen Kosten;

- eine deutliche Schwächung von nationalen Regierungen als Ordnungsmächten zugunsten international operierender Unternehmen, einstweilen ohne zureichenden Ausgleich durch globale Institutionen;

- intensive und unausweichliche Begegnung und Auseinandersetzung einander fremder Kulturen und Wertesysteme;

- hohe Mobilität von Menschen, Gütern und Dienstleistungen durch schnellen und billigen Transport;

- ein Auseinanderdriften der Gewinner und der Verlierer globalen Wirtschaftens.

Alle diese Vorgänge bekommen ihre Bedeutung und ihre Dramatik angesichts von Herausforderungen, die unsere Einsicht und unsere Vorstellungskraft stark bestimmen werden.

Ich will, wieder selektiv, zwei solche Herausforderungen in den kommenden Jahrzehnten benennen: Zum einen das Erkennen und Anerkennen von Grenzen, zum anderen das Verringern von Ungleichheiten.


2. Grenzen erkennen und anerkennen

Das scheint eine rückwärts gewandte, eher provinzielle Aufforderung zu sein. Das ganze Projekt der Moderne richtet sich doch auf das Überwinden von Grenzen. Grenzen sind mit Beschränktheit verbunden, ihre Aufhebung mit Freiheit, mit größeren Möglichkeiten und Chancen. Geht es im Zeitalter der Globalisierung und der großen Technologien nicht statt um die Grenzen des Wachstums umgekehrt um das Wachstum der Grenzen? Der erste Bericht des Club of Rome 1972 hatte ja den Titel Die Grenzen des Wachstums". Aber er irrte, was den Bestand und damit die Reichweite der Rohstoffe angeht. Irrte er nicht auch, was die allgemeine Einschätzung der Weltentwicklung angeht? Die Grenzen des Wachstums sind ja enorm hinausgeschoben worden. Aber gerade dieser Aufschub samt dem enormen Aufstieg der Weltwirtschaft seit den frühen 70er Jahren beschert uns nun die spezifischen Grenzen der kommenden Jahrzehnte. Ich denke vor allem an die Grenzen der industriellen Zivilisation, wie sie sich im Norden so erfolgreich entwickelt hat und sich nun über den ganzen Globus ausbreitet. Es geht dabei um Grenzen, die von der Natur gesetzt werden, aber möglicherweise auch um systemische Grenzen, die das Wirtschaftssystem aus sich selbst heraus setzt.

Die dem Industrie-System gesetzten Naturgrenzen entstehen aus dem Mengenwachstum in Produktion, Transport, Konsum und Mobilität. Eine Zeitlang hat der nachsorgende Umweltschutz die Belastung der Natur verringern können. Inzwischen freilich kommen die End-of-the-Pipe-Technologien in ihrer Finanzierbarkeit wie in ihrer Wirksamkeit an ihre Grenzen. Sie sind teuer, für viele zu teuer, und manche Schäden verlagern sie nur. Luft und Wasser werden sauberer, aber Filter müssen entsorgt werden, Klärschlämme sind nicht mehr zu verwenden. Vor allem aber bleibt die Entkoppelung von wirtschaftlicher Aktivität und dem Durchsatz von Stoffen und Energie weit hinter dem Notwendigen zurück. Das gilt erst recht, wenn die Entwicklungen in Asien und Lateinamerika einbezogen werden. Dort entsteht die eigentliche Dramatik der Situation, wenn und weil sich dort unser Umgang mit den Ressourcen wiederholt. Die USA mit knapp fünf Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen zwanzig Prozent der Weltenergie. Deutschland verbraucht pro Kopf sechsmal so viel Energie wie China, vierzehnmal so viel wie Indien.

Die industrielle Aufholjagd der Schwellenländer Asiens und Lateinamerikas hat trotz der jüngsten Krise noch immer ein hohes Tempo. In China und Indien allein lebt mehr als ein Drittel der Menschheit. Wenn diese Länder samt den anderen Aufsteigern der Region ihre nachholende Entwicklung erfolgreich fortsetzen und in einigen Jahrzehnten ihre Vorbilder im Norden erreicht haben, ist die Regenerationsfähigkeit der Atmosphäre, der Meere, der Böden sicher überschritten. Das läßt sich sagen, auch wenn uns Faktor 4 oder Faktor 10 gelingen, und auch wenn viele Belastungsgrenzen nicht genau bekannt sind, weil sie entweder noch nicht erkannt sind oder vielleicht auch im voraus überhaupt nicht berechenbar sind. Es ist nach meiner Kenntnis keine solche Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch denkbar, die die Überlastung der Öko-Systeme auffangen könnte - angesichts einer weiter wachsenden Weltbevölkerung und vor allem angesichts der Konsum-Erwartungen einer ebenfalls wachsenden globalen Mittelklasse.

Öko-Effizienz wird also nicht genügen. Ohne eine Beschränkung der Produktion, des Warenverkehrs, und ohne daß die globale Ober- und Mittelklasse ihre Lebens- und Konsumgewohnheiten verändert, ihr Mobilitätsverhalten, auch ihre Ansprüche an materiellen Wohlstand, also ohne so etwas wie Selbstbegrenzung wird die Menschheit die von der Natur gesetzten Grenzen nicht einhalten können. Was bedeutet das für das herrschende Wirtschaftssystem? Universalisierbar ist es nur, wenn es sich so verändert, daß es denen, die die Armut verlassen wollen, eine nachhaltige Entwicklung ermöglicht, und zwar eine solche, die die Industrieländer im Norden selbst noch keineswegs praktizieren.

Diese Herausforderung verbindet sich für mich mit einer systemischen Frage: Wie lange bleibt Wirtschaftswachstum überhaupt möglich? Vom Wirtschaftswachstum erwarten ja nach wie vor der Norden wie der Süden die Lösung ihrer Probleme, wie übrigens auch die neue Bundesregierung. Hieß es früher einfach: Was nötig ist, ist Sustained Growth, anhaltendes, gesichertes Wachstum, so ist die neue, Einsicht verheißende Formel Sustainable Growth, nachhaltiges, zukunftsfähiges Wachstum. Aber wie lange geht das gut? Erzeugt nicht ein wachsendes System seine eigenen Grenzen? In der Biologie ist das ja so. Bäume wachsen nicht in den Himmel. Gilt nicht auch für die Wirtschaft, daß in einer endlichen Welt unendliches Wachstum nicht möglich ist?

Diese Frage hat für mich vor kurzem neue Nahrung bekommen. Das Wuppertal Institut hat vor knapp zwei Jahren einen Kongreß abgehalten, der sich mit den Grenzen von Systemen, biologischen wie sozialen, beschäftigt hat, mit ihrer Notwendigkeit für das Funktionieren wie mit ihrer ebenso notwendigen Durchlässigkeit. Dort hat Hans Günter Danielmeyer, damals Vorstandsmitglied des Siemens-Konzerns, eine erstaunliche Prognose vorgetragen. Die Industriegesellschaft, so resümierte er seine Untersuchungen, löst unsere Probleme nicht. Der Aufstieg von Industriegesellschaften, so hätten seine Computermodelle gezeigt, verlaufe nach einer Art Glockenkurve. China und andere Teile Asiens hätten für die nächsten vier Jahrzehnte ein gigantisches Wachstum vor sich, seien also noch auf dem Anstieg zum Gipfel der Glocke, während Deutschland und die anderen G7-Länder längst auf der abfallenden Seite der Glocke angelangt seien. Unsere Situation werde dadurch kaschiert, daß sich die Industrieländer mit Kapital, Know-how und Gütern in starkem Maße am Aufbau der wachsenden Gesellschaften beteiligten. Wenn dieser Boom abgeschlossen sei, könnten sie nirgendwo mehr hingehen. Seine Folgerung hieß: Wollen wir nicht sehenden Auges in eine soziale und ökonomische Krise taumeln, sind soziale Investitionen und Innovationen nötig."

Noch einmal: Ich kann diese Modellrechnungen und die ihnen zugrundeliegenden Annahmen nicht ausreichend beurteilen. Aber ich denke, daß die Naturgrenzen und die systemischen Grenzen der expandierenden Weltwirtschaft eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte sein werden. Dazu gehört dann auch das ständig wachsende Volumen des global operierenden Geldkapitals mit seinen Ansprüchen an eine hohe Rendite. Wenn diese Ansprüche befriedigt werden sollen, geht das, so wie wir gegenwärtig wirtschaften, nur auf Kosten der beiden anderen Produktions-Faktoren Natur und Arbeit. Und ich begegne immer häufiger Stimmen, die erklären: Der Wachstumszwang einer Wirtschaft, deren Motor die Vermehrung des eingesetzten Geldkapitals ist, könnte bald Züge der Selbstzerstörung annehmen.

3. Ungleichheiten verringern

Weltweit nehmen die Ungleichheiten zwischen Menschen und zwischen Staaten zu, und auch das wird zu einer großen Herausforderung in den nächsten Jahrzehnten werden. Der Human Development Report 1997 der Vereinten Nationen zeigt, wie ungleich der Wohlstand in der Welt verteilt ist. Zwar ist eine globale Mittelklasse entstanden, an Zahl wie an Einkommen; aber gleichzeitig wird die Distanz zu den Armen oder fast Armen größer. Zwischen 1960 und 1991 stieg der Anteil des reichsten Fünftels der Weltbevölkerung am monetären Wohlstand von 70 auf 85 Prozent, während der Anteil des ärmsten Fünftels von 2,3 auf 1,4 Prozent fiel. Für ein gutes Dutzend der asiatischen und lateinamerikanischen Länder verringert sich der Abstand zwischen Norden und Süden, für hundert andere Länder vergrößert er sich. Ein ganzer Kontinent, Afrika, gerät an den
Große Teile der Welt werden sich nicht in ein wachsendes Elend fügen
Rand, in einem Land wie Indien erhält das oberste Fünftel der Bevölkerung die Anerkennung der Welt für seinen Aufstieg, die übrigen 750 Millionen bleiben im Abseits. Ähnliche Proportionen herrschen in Lateinamerika. In dem eben erwähnten Bericht der Vereinten Nationen steht eine Zahl mit hohem Symbolwert: In der Welt gibt es 358 Milliardäre. Sie besitzen soviel an Vermögen wie die knappe Hälfte der Menschheit an jährlichem Einkommen hat.

Wo sich in der Weltgesellschaft eine solche Schere auftut, gibt es wenig Aussichten auf friedliche Zustände. Reichtum ist nur ungefährdet unter wenigstens einer von drei Voraussetzungen: Entweder ist er den Notleidenden unbekannt, oder sie nehmen ihre Notlage als selbstverschuldet bzw. als schicksalhaft hin, oder der Reichtum ist für sie unerreichbar. Keine dieser Voraussetzungen trifft mehr zu. In dieser vernetzten Welt wissen inzwischen zuviele zuviel. Auch die Mittel sich zu wehren, vom Terrorismus bis zur Migration, sind zu verfügbar, als daß sich große Teile der Weltbevölkerung in ein wachsendes Elend fügen werden. Entschlossene Akteure haben schon Zeichen ihrer Chaosmacht gesetzt, nicht zuletzt im Namen der Religion, wie es überhaupt kaum eine explosivere Mischung gibt als die Verbindung von Armut und Fanatismus.

Die Reichen und die reichen Länder müssen aus mehreren Gründen ein vitales Interesse an der Entschärfung der Ungleichheit haben: einmal, wie erwähnt, um des politischen und sozialen Friedens willen; dann, weil auf der diplomatischen Ebene auch arme Staaten Verhandlungsmacht haben und sie bereits gezielt einsetzen. Ohne ihre Zustimmung sind etwa Abkommen zum Klimaschutz nicht zu erreichen, und die großen Entwicklungsländer China, Indien, Brasilien, Indonesien setzen ihren klimapolitischen Rang längst als Drohpotential ein. Schließlich müssen die Industrieländer einen sozialen Ausgleich auch darum wollen, weil sonst die Entwicklungsländer aus Armut oder aber um ihrer industriellen Aufholjagd willen den Schutz der Natur ihrem Wirtschaftswachstum nachordnen, also die Global Commons übernutzen, die Erde ihrer Senken berauben und damit die Lebensgrundlage aller gefährden.

4. Anforderungen an eine soziale und ökologische Weltwirtschaft

Naturgrenzen und systemische Grenzen der expandierenden Weltwirtschaft werden eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte
Auch in diesem Abschnitt muß ich mich auf Grundlinien beschränken. Der Teufel wie auch die Chancen stecken jeweils im Detail, und die Details müssen in ihren Auswirkungen sorgsam erforscht und dann politisch ausgehandelt werden. Aber an drei Erfordernissen kann doch wohl kein Zweifel sein:

Die Märkte müssen wieder eingebettet werden in das soziale Ganze.

Aus der Ökonomisierung der Politik muß wieder die Politisierung der Ökonomie werden. D.h. die Staaten und die internationalen Regime müssen dem Markt die Rahmenbedingungen setzen. Das ist mühsam, weil sie sich ja in den vergangenen Jahrzehnten von den Interessen der Global Players so abhängig gemacht haben. Ob es ihnen gelingt, ist offen. Wenn es gelingt, wird es nur in Schritten und über einen längeren Zeitraum hin möglich sein.

Immerhin hat die Diskussion über nationale und globale Regulierungen begonnen. Ein ständiger Ausschuß zur Regulierung globaler Finanzströme wird gefordert, die Kreditvergabe der Banken soll kontrolliert werden. Eine Steuer auf Spekulationsgeschäfte mit Währungen wie die sogenannte Tobin-Steuer wird bis tief in die Wirtschaft hinein für sinnvoll gehalten. Sie kann zur Teil-Stabilisierung der Finanzmärkte beitragen und erbringt gleichzeitig erhebliche Geldmittel für eine zukunftsfähige Entwicklung der Wirtschaft der armen Länder. Die Regeln der World Trade Organization sind jetzt an der weitestgehenden Liberalisierung des Handels orientiert. Das muß nicht so bleiben. Berechtigte ökologische und soziale Vorbehalte von Ländern können in das Regelsystem eingebaut und die Rechte der Kleinen gegenüber den Großen geschützt werden.

Noch ist die Einsicht dafür gering, noch dominiert das neoliberale Marktdenken. Aber das kann sich ändern, umso eher, je stärker die Katastrophenhaltigkeit des sogenannten freien Marktes auch seinen Befürwortern erkennbar wird. Und dafür gibt es ja durchaus Indizien. Eine Weltkartellbehörde wird diskutiert. Eine Steuer auf den Energie- und Ressourcenverbrauch kann Zeit kaufen und ein Signal auch für die Entwicklungsländer sein. Sie läßt sich sowohl national als auch in der EU ohne Wettbewerbsnachteile gegenüber den uneinsichtigen Konkurrenten einführen.

Es deutet sich aber auch auf einer anderen Ebene eine wichtige Veränderung an. Gegenwärtig ist in aller Regel der oberste Richtwert unternehmerischer Entscheidungen der Shareholder Value, also der Gewinn, den ein Unternehmen an die Kapitaleigner ausschütten kann. In der angelsächsischen Diskussion wird ihm zunehmend ein ähnlich lautender Begriff entgegengesetzt: der Stakeholder Value, also das Interesse all derer, die von einem Unternehmen abhängen. Das ist ein deutlich größerer Kreis: Die Kapitaleigner gehören dazu, aber auch die Beschäftigten, die Kunden, die Kommunen, in denen Unternehmen ansässig sind, und in einem weiteren Sinne alle, denen die unternehmerische Tätigkeit nützt oder schadet. Das schließt die Schonung der Natur ein. Werden alle diese Bedürfnisse berücksichtigt, können Anteilseigner einen ordentlichen, aber nicht mehr den maximalen Profit erwarten, und eine gute Unternehmensführung bezieht ökologische und soziale Belange in ihre Wettbewerbsentscheidungen ein.

Ich habe vor kurzem an einer zweitägigen Beratung teilgenommen, durch die ein transnationales britisches Unternehmen Leitlinien für die Einbeziehung der Stakeholder gewinnen wollte. Warum tut es das? Weil es langfristig denken lernen will, weil es sein Corporate Image nach innen und außen verbessern möchte, weil es erfährt, daß mehr und mehr Kunden ökologische und soziale Bedingungen an den Kauf der Produkte stellen, weil die, die oben und unten in diesem Unternehmen arbeiten, weniger zerrissen sein möchten zwischen ihren Einsichten und ihrem tatsächlichen Verhalten. Die britische Telecom, von der ich berichte, repräsentiert nicht die Mehrheit der Unternehmen, sondern eine Vorhut. Aber sie ist keineswegs allein, weder in Großbritannien noch hier. Ich erzähle von diesem Beispiel so ausführlich, weil ich denke, daß hier beträchtliche Einflußmöglichkeiten von Verbraucherinnen und Verbrauchern liegen, erst recht, wenn sie sich in Initiativen zusammenschließen und international agieren.

Global Governance stärken

Aus dem eben Gesagten folgt: Wenn es zu einer ökologischen und sozialen Weltwirtschaft kommen soll, ist eine der wichtigsten und gleichzeitig dornenvollsten Aufgaben die Stärkung dessen, was Global Governance genannt wird, also internationale Institutionen, die regelungsbedürftige Sachverhalte mit Autorität entscheiden und ihren Entscheidungen Geltung verschaffen können. Noch einmal: Nicht die Globalisierung als solche ist das Problem, das Problem ist ihre Gestaltlosigkeit, ihr krebsartiger Wildwuchs, angetrieben von Kapital und Technologie. Umso unentbehrlicher sind regelsetzende Vereinbarungen auf Dauer. Es gibt ja schon einige funktionierende Regime, etwa das zur Eindämmung des Ozons, teilweise auch das gegen den Mülltourismus. Andererseits läßt sich am Gerangel um das Klimaprotokoll von Kioto ablesen, wie mühsam der Ausgleich der Interessen ist, wie groß das Mißtrauen, und wie unterschiedlich überhaupt schon die Wahrnehmung der Probleme ist. Trotzdem gibt es keine Alternative zu solchen dauerhaften Vereinbarungen. Wir brauchen sicher keine zentrale Weltregierung, wohl aber eine stärkere UN, ein wirksames Klimaschutz-Regime, eine am Menschheitswohl orientierte Welthandelsorganisation, die sich auch auf das steinige Feld der sozialen und ökologischen Mindeststandards wagt, und sicher ist auch eine Treuhand-Organisation notwendig, die den armen Ländern bei einer zukunftsfähigen Entwicklung hilft. Das führt mich zum dritten Punkt.

Faire Chancen für alle Beteiligten schaffen

Davon ist die Weltwirtschaft gegenwärtig weit entfernt. Die GATT-Abkommen begünstigen vor allem die Industrieländer und in ihnen die großen Unternehmen. Das Patentrecht schützt den technologischen Vorsprung der Unternehmen des Nordens und schafft ihnen eine neue Dominanz bei gentechnischen Produkten, Saaten und Tiersorten. Die EU gibt mit der einen Hand Entwicklungshilfe, stellt Fachleute bereit und beteiligt sich am Aufbau von Ländern des Südens. Mit der anderen Hand nimmt sie. Sie schützt ihre eigenen Märkte durch Einfuhrzölle auf weiterverarbeitete Rohstoffe, durch Exportsubventionen für eigene Überschußprodukte (z.B. Rindfleisch, Getreide), durch ein Fischereiabkommen, das ihren Fangflotten hohe Erträge sichert, auch wenn die Küstenregionen Westafrikas leergefischt werden. Das gerade noch einmal abgewendete MAI Abkommen (Multilateral Agreement on Investment) hätte den finanzstarken Kapitalinvestoren eine Blankovollmacht zur Ausübung ihrer Marktmacht gegeben.

Ich werde nie ein Gespräch mit Solita Collas-Monsod vergessen, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität der Philippinen. Für uns, so sagte sie, heißt die Frage:Wie überleben wir jetzt? Wenn weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, wenn so viele nicht wissen, woher sie die nächste Mahlzeit für ihre Familie nehmen sollen, dann gibt es nur die Frage, wie die Menschen jetzt überleben. Der Umweltschutz ist eine späte Blume. Ihr im Westen könnt ihn euch leisten. Für euch ist er eine Sache des Überschusses, auf den ihr verzichten könnt. Wir haben diese Wahl nicht. Wir müssen das Land so bald wie möglich aus der Armut befreien. Bitte insistiert nicht darauf, daß wir das Überleben in dreißig Jahren ins Auge fassen. Es geht um unser Überleben jetzt. Das war 1989. Solita Collas-Monsod wird, so denke ich mir, diese Haltung inzwischen überdacht haben, weil ihr der Zusammenhang von Armut und Naturzerstörung deutlicher geworden ist (Naturzerstörung verursacht ja auch Armut). Aber sie wird andere Menschen, sie wird schon sich selbst nur überzeugen können, langfristig zu denken, wenn sie den Westen ernsthafte Anstrengungen zu einer ökologischen Erneuerung machen sieht, und wenn die Lasten wie die Vorteile einer ökologischen Wirtschaftsweise gleichmäßiger verteilt werden.

Es sind darum drei Kategorien von Maßnahmen unerläßlich: Eine faire Ausgestaltung der Handelspolitik, wie schon besprochen, eine Entschuldung der etwa 40 ärmsten Länder der Erde, und drittens Ausgleichszahlungen aus einem ausreichend ausgestatteten internationalen Fonds, der etwa aus den Einkünften der Tobin-Steuer gespeist werden könnte. Dieser Fonds ist dazu bestimmt, Länder, Regionen und Bevölkerungsgruppen zu fördern, die aus sich selbst heraus nicht stark genug sind, ihre Gesellschaften ökologisch und sozial zukunftsfähig zu machen.

Es ist keine Frage, daß die Länder im Süden, und zwar gerade die armen Länder, dafür auch Technologien benötigen. Und es ist ja auch so, daß die Exportaussichten für umweltgerechte Technologien der hiesigen Industrie als Köder vorgehalten werden, um sie in eine ökologische Denkweise zu locken. Aber man muß genau hinsehen: Wer in den Entwicklungsländern will haben, was unsere Industrie liefern möchte? Wem kommt es zugute? Ein Beispiel: Anil Agarval hat Vorschläge gemacht für die Erneuerung der indischen Dörfer und Städte: Wie wäre es mit neuen Technologien für Häuser aus Lehm statt aus Ziegeln und Zement, die für die allermeisten unerschwinglich sind? Wie mit Kompostierungs-Toiletten statt der unbezahlbaren Kanalisation und Kläranlagen? Wie mit Verkehrssystemen mit Fahrrädern und modernem Massentransport statt mit Straßenbau für die 15 Prozent, die sich irgendwann einmal ein Auto leisten können? Das setzt freilich Umdenken in Indien voraus - und in den Lieferländern. Denn für ein Unternehmen des Nordens ist es zunächst lohnender, wenn sich der Aufbau eines Landes an den Wünschen der schon Arrivierten orientiert. Der Zukunftsfähigkeit des Südens wie des Nordens dient freilich erst jener innovative Weg.

Die globalen Vorgänge, von denen hier die Rede ist, können einen ja schon zweifeln lassen an der Gestaltungsmacht von Bürgerinnen und Bürgern. Der alte Satz: Die da oben machen doch, was sie wollen", erhält in diesen Zeiten neue Nahrung: Die schiere Grössenordnung der Ereignisse kann einen schon auf den Gedanken bringen: Das hängt zu hoch. Da reiche ich nicht heran. Und solche Gefühle entstehen ja nicht nur auf den Zuschauerbänken des politischen Geschehens, sondern gerade bei denen, die sich selbst einsetzen möchten. Umso wichtiger ist es, gemeinsam zu überlegen, welche Möglichkeiten der Einwirkung auf das Geschehen denn bestehen. Es gibt sie, denke ich, durchaus.

Nicht die Globalisierung als solche ist das Problem, sondern ihre Gestaltlosigkeit


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