Dokumentation

Globalisierung als Chance II

Blick auf die Weltgesellschaft



Werner Link
Globalisierung und neue Konfliktpotentiale


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Inhaltsverzeichnis


Prof. Dr. Werner Link lehrt am Forschungsinstitut für Politische Wissenschaft und Europäische Fragen der Universität Köln.

Globalisierung" und Konflikt" sind zwei Begriffe, die schlagwortartig in vielen Sonntagsreden und Talkshows auftauchen. Deshalb ist es ratsam, die folgenden Thesen mit zwei definitorischen Klärungen zu eröffnen, die zugleich geeignet sind die Fragestellung zu strukturieren.

1. Begriffsklärungen

In Politik und Wirtschaft nehmen die jeweils Handelnden unterschiedliche Positionen ein und verfolgen Ziele, die miteinander unvereinbar sind. Diese Wettbewerbssituation wird dann zum Konflikt, wenn in dem jeweiligen Beziehungszusammenhang eine kritische Spannung" entsteht, die diesen Beziehungszusammenhang zu bedrohen geeignet ist. Es ist also generell (und speziell bei unserer Frage) nach dem jeweiligen Beziehungszusammenhang zu differenzieren. Konkret ist danach zu fragen, ob Globalisierung" (neue) Konfliktpotentiale und Konflikte entstehen läßt, und zwar (a) innerhalb der Staaten und/oder (b) zwischen den Staaten oder Staaten-gruppierungen. Ferner ist zwischen einem regionalen und einem globalen Beziehungszusammenhang zu unterscheiden. Konfliktregulierung oder gar Konfliktlösung hat mithin bei der Organisation des jeweiligen Beziehungszusammenhangs anzusetzen. Dabei ist von besonderem Interesse, ob durch eine Verdichtung des Beziehungszusammenhanges (integrative Konfliktregulierung) oder durch eine Verminderung dieses Zusammenhanges (Regression, Auseinanderrücken) ein Abbau der kritischen Spannung versucht wird.

Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus (der sogenannten Zweiten Welt) ist die globale Ausdehnung des kapitalistischen Wirtschaftssystems zur Realität geworden. Damit können sich diejenigen technologischen Innovationen und Revolutionen, die bereits früher eingesetzt haben, weltweit durchsetzen. Globale Unternehmensstrategien, globalisierte Forschung, Produktion und Distribution, globale Märkte des Austauschs von Waren, Kapital und Informationen, vernetzte Welt" und Cyber-Space - mit diesen Stichworten ist der empirische Befund zu beschreiben, der unter dem Oberbegriff der Globalisierung zusammengefaßt wird. Gesellschaftliche Akteure, die grenzüberschreitend tätig werden, sind Hauptträger dieser Entwicklung (insbesondere transnationale Konzerne).1

2. Grobmuster der Globalisierung

Die Globalisierung" ist weitgehend ein Phänomen der Industriestaaten des Nordens, der OECD-Welt" und der Triade (USA-Europa-Japan) sowie einiger neu-industrialisierter Länder als neue globale Mitspieler. Die Entwicklungsländer werden höchst ungleichmäßig in diesen Prozeß einbezogen, aktiv nur die Schwellenländer in Ost- und Südostasien und in Mittel- und Südamerika. Globalisierung integriert und vereinheitlicht nicht nur, sondern sie differenziert und trennt auch, vertieft alte und schafft neue Trennungslinien zwischen Zentrum und Peripherie und geht in Peripherie-Ländern mitten durch die Gesellschaften. So entsteht - wie der Politikwissenschaftler Christiano German gezeigt hat - eine Zweiklassen-Informationsgesellschaft: die globale Klasse digitaler Literaten", deren Angehörige primär in den großen Industrieländern wohnen, aber auch in sich entwickelnden Ländern kleine Gruppen bilden, und die Klasse derjenigen, die nicht über Informations- und Kommunikationssysteme bzw. über die Fähigkeit zur Teilhabe verfügen.

Im Globalisierungsprozeß verstärkt sich nicht nur die Konkurrenz zwischen den großen Industriestaaten, sondern es gibt auch Verteilungsunterschiede zwischen Entwicklungsländern. Entgegen der weitverbreiteten Meinung hat die Forschung belegt, daß die Entwicklungsländer keineswegs insgesamt bzw. generell zu den Verlierern" der Globalisierung gehören. Wirtschaftswissenschaftler - wie Bernhard Fischer und Peter Nunnenkamp - haben gezeigt, daß ein positiver Zusammenhang zwischen Globalisierung und wirtschaftlichen Aufholprozessen und ein Zusammenhang zwischen ausbleibender Globalisierung und wirtschaftlicher Armut besteht. Die Entwicklungshilfe hat dann die Aufgabe, Infrastrukturhilfen zu fördern (Entwicklungspartnerschaften), die eine ökonomische, soziale und politische Dimension haben (Demokratisierung", kompetente Gesellschaften" etc.).

3. Aktuelle Konflikte

Betrachtet man die aktuellen lokalen bzw. regionalen Konflikte (s. Abbildung 1) und fragt nach der Relation dieser Konflikte zum Globalisierungsprozeß, so ist der Befund eindeutig: Bei keinem dieser Konflikte ist eine direkte Verursachung durch Globalisierung festzustellen.

Am ehesten ist indirekt und vermittelt über religiös-kulturelle, zivilisatorische Faktoren ein Wirkungszusammenhang feststellbar, wobei Globalisierung" dann eigentlich Verweltlichung" heißt bzw. als eine entsprechend perzipierte Gefahr konfliktverschärfend wirkt. In nicht-westlichen Gesellschaften, insbesondere in islamischen Gesellschaften, entstehen Oppositionskräfte im Rekurs auf traditionell-religiöse und kulturelle Werte, um einer westlichen Überwältigung zu widerstehen und die eigene Identität zu wahren. Die Frage, ob diese innerstaatlichen bzw. innergesellschaftlichen Konflikte zu zwischenstaatlichen werden und somit ein weltpolitisch bedeutsamer clash of civilizations" entsteht, ist bekanntlich von Samuel Huntington positiv beantwortet worden. Eine solche Entwicklung setzt allerdings voraus, daß die gesellschaftlichen Oppositionsbewegungen sich mit staatlicher Macht verbinden und dann Staatengruppierungen (etwa die Koalition von fundamentalistisch-islamistischen Staaten) den Westen" gemeinsam herausfordern. Eine solche Entwicklung ist nicht auszuschließen, aber keineswegs zwangsläufig. Zur Zeit ist eine derartige Konfliktformation nicht vorhanden.

Während innergesellschaftlich bzw. innerregional die Globalisierung nur sehr vermittelt und indirekt neue Konfliktpotentiale schafft, sieht dies im globalen Beziehungszusammenhang anders aus, d.h. hier entstehen in der Tat neue Konfliktpotentiale. Für diese Einschätzung ist die Einsicht maßgebend, daß Globalisierung eigentlich Regionalisierung ist und ein neuer Regionalismus durch Globalisierung gefördert wird bzw. durch sie hervorgebracht wird, und zwar weltweit. Regionalismus oder Kontinentalisierung ist die konstruktive Antwort benachbarter Staaten auf die Globalisierung. Schon vorhandene Regionalverbände erhalten neue Impulse, und es bilden sich neue regionale Integrationsverbunde. Regionalismus wird zu einem Strukturelement der neuen Weltordnung (s. Abbildung 2).

4. Weltweite Kooperation?

Angesichts dieser Entwicklung lautet die für die Konfliktproblematik relevante Frage: Wie gestaltet sich im globalen Beziehungszuammenhang die Beziehung zwischen den Regionen bzw. Regionalverbänden? Entsteht eine Gefährdung des globalen Beziehungszusammenhanges (= globaler Konflikt)? Entwickelt sich aus dem Interregionalismus" eine kritische Spannung, und wird diese kritische Spannung durch globale Integration oder Regression gemildert?

Auf globaler Ebene ist die neue Welthandelsorganisation (WTO) als Rahmen für eine integrative Konfliktregulierung geschaffen worden. Innerhalb der Triade USA-Europa-Japan/Südostasien sind jeweils bilaterale Kooperationsrahmen und -organisationen entstanden:

- zwischen USA und Europa der Transatlantische Dialog;

- zwischen Nordamerika und dem Pazifik die APEC;

- zwischen ASEAN und anderen pazifischen Staaten und der EU das Asean European Meeting (ASEM).

Parallel zu diesen bilateralen Kooperationsgremien, die von den Regierungen der betreffenden Länder gebildet werden, haben sich transnationale Organisationen entwickelt, die von den Spitzenmanagern der transnationalen Konzerne der betreffenden Länder beschickt werden:

- der Transatlantic Business Dialog,

- das Business Forum (Eminent Persons Group) von APEC,

- das Europe-Asia-Business Forum bei ASEM.

Ob diese Kooperationsrahmen genutzt werden und ob dadurch eine kritische Spannung im interregionalen Beziehungszusammenhang vermieden wird, ist eine offene Frage. Bisher sind die bestehenden Konflikte nicht
Abb. 1: Kriege und Konflikte auf der Welt
eskaliert. Und auch im globalen Rahmen der WTO hat es zwar wiederholt eine kritische Spannung gegeben (auch zur Zeit droht dort die Auseinandersetzung zwischen der EU und den USA in eine kritische Phase zu gelangen), aber bisher sind keine festen Konfliktstrukturen entstanden. Aus dem geo-ökonomischen Wettbewerb zwischen den Regionen und Regionalverbänden kann, muß aber nicht unbedingt ein neuer weltpolitischer Konflikt hervorgehen. Gefährlich wäre, wenn sich geo-ökonomische Differenzen mit geopolitischen verbinden würden.

Wenn und insoweit wie sich die Führungsmächte der Triade auf gemeinsame Regeln einigen können, werden sie die neue Weltordnung maßgeblich bestimmen. Sie werden also die Führung im Prozeß der Globalisierung gemeinsam ausüben. Dazu ist es freilich erforderlich, die Mitwirkung der Staaten der Peripherie zu gewinnen. Nicht nur aufsteigende Führungsmächte (wie China), sondern die große Zahl der Entwicklungsländer werden die Führung der Triade-Mächte bzw. Triade-Regionen nur dann akzeptieren, wenn sie ein Mitspracherecht bei den Entscheidungen in den globalen Gremien besitzen. Diese Mitsprache und Mitwirkung der Peripherie-Länder hat eine größere Chance, wenn sich die Entwicklungsländer ihrerseits regional organisieren und auf der globalen Ebene im Rahmen der UNO kooperieren. Eine kritische Spannung dürfte zwar auch in diesem Beziehungszusammenhang nicht auszuschließen sein. Eine rechtzeitige Nutzung der erwähnten Kooperationsrahmen ist jedoch vermutlich die einzige Möglichkeit, eine konfliktpräventive Politik zu betreiben.

Anmerkung

1 Siehe dazu Werner Link, Die Neuordnung der Weltpolitik, München 1998 (Kapitel IV).
Abb. 2: Wirtschaftsbündnisse


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