Baustein

Ghettos
Vorstufen der Vernichtung

1939-1944
Menschen in Grenzsituationen

Texte und Unterrichtsvorschläge

Hrsg: LpB, 2000




 

Inhalt


 

 

Baustein 1

Das Ghetto als Vorstufe zur Hölle

Calel Perechodnik: Bin ich ein Mörder? Ein Testament eines jüdischen Ghetto-Polizisten. Zu Kampen 1997.

Edgar Hilsenrath: Nacht. München, Zürich 3. Aufl. 1997


Klassenstufe: 8 - 13, unterschiedlich für die einzelnen Kapitel, D/G/Ethik
Zeitaufwand: je nach Auswahl der Themen: 1 - 10 Unterrichtsstunden
Themen: Errichtung eines Ghettos
Lebensbedingungen im Ghetto
Vernichtungsstrategien
Verhalten vom Menschen in der Extremsituation
jüdische Ghetto-Polizei: Schuld durch Mitwirkung?
Kombination: Hilsenrath: Nacht, 3 Textauschnitte (Baustein 2)

Zur Einführung:

Wenn die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Unterricht behandelt wird, liegt es nahe, die Juden vorwiegend als Opfer zu sehen. Dadurch werden „die Juden" leicht zu einer unfaßbaren Masse, die sich einer Vorstellbarkeit entzieht. Das erschwert Schülern den Zugang zu diesem schwierigen Thema zusätzlich. Häufig bespricht man deswegen Einzelschicksale, z. B. das der Anne Frank, mit denen sich Jugendliche identifizieren können. Dabei gerät wiederum allzu leicht die unvorstellbare Massenhaftigkeit der Morde an den Juden aus dem Blickfeld.

Die beiden Bücher, die hier vorgestellt werden, ermöglichen einen anderen Zugang. Sie handeln von individuellen Personen, an denen die Zustände in den Ghettos des Ostens aus der Sicht der Opfer nachvollziehbar werden. Dem Weg der osteuropäischen Juden in die Vernichtungslager ging zumeist ein längerer Aufenthalt in den Ghettos voraus. In diesen Büchern bleiben die Opfer individuelle Menschen inmitten der mit ihnen Leidenden.

Nicht unproblematisch ist es, den heutigen Schülern aus dem Volk der Täter Berichte vorzulegen, in denen auch die häßlichen Seiten im Verhalten der Opfer schonungslos angesprochen werden. Es war erst die Vorstellung des Buches von Perechodnik durch einen Vertreter der Gedächtnisstätte Yad Vaschem in Jerusalem, Dr. Gideon Greiff, die mich ermutigt hat, dieses Buch zu empfehlen. Denn die Juden treten hier als sehr normale Menschen auf - mit individuellen Stärken und vielen menschlichen Schwächen.


Eine Bemerkung zur historischen Sichtweise:

Häufig wird bei der Behandlung der Judenverfolgung vornehmlich der Weg der westeuropäischen Juden in die Lager und in den Tod besprochen. Die Völker Osteuropas haben mit der deutschen Besatzung und mit den Ghettos davon abweichend Schicksale erlebt: der lange Aufenthalt in den quasi selbstverwalteten Ghettos. Jetzt, wo sich Europa nach Osten öffnet, ist es wichtig, die die Erinnerung prägenden schlimmen Erfahrungen dieser Völker in unser Wissen mit einzubeziehen. Wer jetzt als Deutscher nach Osteuropa kommt, sollte davon Kenntnis haben.

Didaktische Überlegungen:

Ein Lehrer, der das Thema „Judenverfolgung - Ghetto" behandeln möchte, muß wohl zu Beginn ausführlich abfragen, was die Schüler an Wissen mitbringen. Im Gespräch kann er dann versuchen, etwas wie Ordnung in ihre Vorstellungen zu bringen. Es ist dazu ein Gerüst an Jahreszahlen zwischen 1933 und 1945 nötig, denn erschreckend Vieles ist den Schülern heute nicht mehr selbstverständlich bekannt. Ein solches Gerüst kann gemeinsam in der Klasse erstellt werden; am einfachsten anhand des Geschichtsbuches.
Wegen der schonungslosen Ehrlichkeit der Meinungsäußerungen in den Texten sowie der bisweilen sehr harten Art der Darstellung der Ereignisse ist ein behutsames Umgehen mit manchen Texten ratsam.

Die 13 vorgestellten Textauszüge können der Reihe nach gelesen werden. Sie ergeben ein Bild des Ghettos in den schlimmen Jahren der deutschen Herrschaft im Osten. Es umfaßt verschiedene Aspekte: von der vorwiegend sachlich-rationalen Verarbeitung des Schreckens, vor allem bei Perechodnik, bis hin zu den mehr emotionalen Schilderungen bei Hilsenrath.

Aber es können auch einzelne Kapitel herausgegriffen werden: z. B. Bereicherung an jüdischem Vermögen in I,3, oder die alle Aktivitäten lähmende, weil schleichende Einschließung ins Ghetto in I,4. Der Text II,2 spricht von der Härte, die das Leben im Ghetto beherrscht, die Texte II,5+6 veranschaulichen das kaum nachvollziehbare Ausmaß von Trostlosigkeit an solchen Orten. Sie alle geben Anstöße zur Beschäftigung mit dem Thema Ghetto im Osteuropa der NS-Zeit.

Was wollen wir erreichen?

Das Ziel einer solchen Unterrichtseinheit geht über das ehrende Gedenken an die Opfer hinaus. Mit diesen beiden Büchern können wir der nachwachsenden Generation immer wieder vor Augen führen, wozu Menschen fähig sind; nicht nur die Täter - auch die Opfer. Es geht nicht so sehr um „die Deutschen", „die Juden" oder „die Polen". Es geht um die Realität menschlichen Elends, das schon lesend wahrzunehmen schwerfällt. Elend, das Menschen physisch und moralisch kaputt macht. Auch diese Seite kann und soll besprochen werden.

Verantwortungsbewußt eingesetzt können die Berichte aus dem Vorhof der Hölle den Schülern deutlich machen, daß die scheinbare Selbstverständlichkeit ihres Seins ein gefährliches Trugbild ist; denn die Hölle gab es auch bei uns, vor gar nicht so langer Zeit. Und hat sich die Menschheit geändert? - wir brauchen nur ins ehemalige Jugoslawien zu sehen.

Als Ergebnis der Behandlung könnte die Frage gestellt werden, was die Voraussetzungen dafür sind, daß wir es so viel besser haben als die Menschen damals. Verdanken wir unsere Sicherheit und unseren Wohlstand dem Zufall? Sind sie Verdienst? Haben sie etwas mit demokratischen Grundrechten zu tun? Sind sie so selbstverständlich und zuverlässig, wie sie uns zu sein scheinen? Und auf die Gegenwart angewandt kann man darauf hinweisen, daß es Vergleichbares heute noch gibt; Ghettos und Vernichtungslager sind nicht Vergangenheit. Die Beschäftigung mit den Schrecken der Vergangenheit kann niemals Selbstzweck bleiben, sie soll den Blick schärfen für eine Welt, die immer gefährdet ist. Und eines sollten wir als Lehrer immer deutlich machen: die schrecklichen Verhältnisse sind von Menschen willentlich erzeugt worden. Ein jeder gestaltet die Welt, in der er lebt, durch sein Tun wie sein Nichttun mit; der eine mehr, der andere weniger. Die Weichen werden früh gestellt, bevor der Zug kommt; wenn der Zug da ist, ist es zu spät.

Calel Perechodnik, nach seinem Selbstverständnis ein Pole jüdischen Glaubens, ist im Warschauer Ghetto umgekommen. Er hat dort einen Bericht niedergeschrieben, dessen erster Teil wie durch ein Wunder erhalten geblieben ist und jetzt von Yad Vaschem als Buch herausgegeben wurde, auch in Deutsch. Das Buch beginnt mit einem Rückblick auf sein Leben im Ghetto von Otwock (gesprochen Otwotzk), einem Städtchen ca. 25 km südöstlich von Warschau. Sodann beschreibt er tagebuchartig den Alltag im Ghetto von Warschau bis zum Oktober 1943. Der Rest ist verloren.

Das Thema, das ihn zutiefst bewegt, ist die bohrende Frage nach dem Verhalten der Juden den Deutschen gegenüber nach dem Einmarsch in Polen 1939. Genauso quält ihn die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Verhalten: er ist wohlmeinend in die Ghetto-Polizei eingetreten, teils um die Zustände durch Mitwirkung zu mildern, teils um für sich und seine Familie scheinbare Sicherheit zu gewinnen. Er war 1939 ein junger Mann, glücklich verheiratet. 1942 mußte er in seiner Funktion als Polizist seine Frau und seine zweijährige Tochter ins Todeslager Treblinka schicken, während er selbst, vorläufig, verschont blieb. Das empfindet er als größtes persönliches Versagen und zugleich als Versagen der Juden ganz allgemein, die den Deutschen das furchtbare Werk leicht, und damit erst möglich gemacht haben. Er artikuliert sein Erschrecken über den ungenierten Opportunismus der Polen - aber auch seinen ungebrochenen Haß auf „die Deutschen".

Edgar Hilsenrath schreibt als Überlebender einen Roman. Er handelt vom Leben und Sterben Raneks und spielt in einem fiktiven Ghetto Prokow im Sommerhalbjahr 1942. Er beschönigt nichts. Er schildert „die Juden" als Menschen, die sich gegenüber der Härte ihres Schicksals unterschiedlich verhalten. Ohnmacht, Angst und Hunger wirken verheerend auf die Betroffenen; und es zeigt sich, daß „die Juden" unter dem maßlosen Druck dieser Verhältnisse keine Heroen sind, sondern ganz normale Menschen - mit vielen, auch sehr häßlichen Verhaltensweisen. Er läßt offen, welche moralischen Maßstäbe in einem Ghetto dieser Art für das Verhalten der Menschen letztlich noch Gültigkeit haben.

 


Erläuterungen zu den Texten:

Teil I: Perechodnik: Bin ich ein Mörder?

zu Text 1 - Ein polnischer Jude


Hier stellt sich der Autor, am Anfang des Buches, als ein „normaler" bürgerlicher Pole jüdischen Glaubens vor, der sich mit Politik nicht allzu viel beschäftigt hat und nun, 1939, von den Schrecken der neuen Situation überrascht wird. Er macht sich Vorwürfe, denn er kann zum Zeitpunkt der Niederschrift seine damalige Haltung nur verurteilen. Dabei gründete sie doch auf den hehren Idealen der Aufklärung.

Eine Besprechung dieses Abschnitts könnte von der Vorstellung Perechodniks ausgehen, alle Deutschen sollten nach ihrem Tode in der Hölle „schmoren". Das wird deutsche Schüler stören oder gar verletzen. Über die Frage, wie es zu diesem Wunsch kommen konnte, kann der Lehrer Vorkenntnisse und Fragen sammeln und so stückweise die Lebensumstände klarmachen, unter denen ein polnischer Jude jener Zeit zu solchen Wunschvorstellungen gekommen ist.

Hervorzuheben wäre der Optimismus des letzten Satzes (die Hoffnung auf einen Fortschritt im Sinne der Aufklärung), der dem naiven Zukunftsoptimismus vieler unserer Schüler nicht unähnlich ist. Hier wird seine Gültigkeit in Frage gestellt. Daraus könnte sich eine Diskussion in der Klasse entwickeln, die die Erfahrungen im ehemaligen Jugoslawien mit einbezieht. Wie sicher kann man sich darauf verlassen, daß immer alles im Leben gut weiter geht?

zu Text 2 - Erste Umsiedlungen

1939 wird Polen von den Deutschen überfallen und es beginnen schlagartig brutale Verfolgungen der Juden. Perechodnik gibt in diesem Text wider, was in seiner Heimatstadt Otwock von den ersten Umsiedlungen in ihrer Unmenschlichkeit bekannt wurde.

Dieser Abschnitt macht die Härte deutlich, denen sich die bis dahin friedlich lebenden Juden von jetzt an ausgesetzt sehen. Man wird den Schülern die Frage vorlegen können, wie sie als Bewohner einer benachbarten Stadt auf eine solche Nachricht reagiert hätten. Im Zusammenspiel mit den Antworten der Schüler wird der Lehrer die weiteren Umstände aufzeigen können, die damals in Polen herrschten. Es wird nicht einfach sein, unseren Schülern die unausweichliche Härte der Situation zu verdeutlichen, in der sich die bisher bürgerlich „normal" lebenden jüdischen Polen plötzlich befanden und in der sie sich nun zurechtfinden mußten. Der Lehrer kann die Schüler bitten, sich Handlungsalternativen auszudenken - und diese Gedanken dann auf ihre Realitätsnähe hin mit ihnen durchsprechen: Flucht? Wohin? Mit welchen Konsequenzen? Widerstand? Mit welchen möglichen Folgen? Hoffnung? Worauf? Und mit welcher Wahrscheinlichkeit?

zu Text 3 - Juden - Polen

Die Juden lebten als starke Minderheit in einer polnischen Umwelt. Wir wissen, daß die Polen ebenfalls Opfer der NS-Aggression wurden. Perechodnik sieht aus seiner Situation heraus nicht deren Leiden, sondern ihr Verhalten den ausgegrenzten Juden gegenüber. Sie plündern sie, mehr oder weniger versteckt, aus.

Die Polen kannten die deutsche Haltung gegenüber den Juden. Jedermann konnte sich vorstellen, was mit den Juden auf die Dauer geschehen würde. Sie würden bald aller Lebensrechte beraubt werden. War das Streben der Polen nach Bereicherung verständlich oder unmoralisch? Im Klassengespräch können Argumente zusammengetragen werden: Haben die Polen in dieser Situation ganz normal eine günstige Chance ergriffen oder haben sie sich an einem Verbrechen beteiligt? Welche Verhaltensspielräume gab es für die Polen? Konnten Sie Juden unter Gefahr ein Versteck anbieten? Oder Juden nicht anzeigen, wenn diese versuchten, unerkannt unter den Polen zu leben? Oder so viel wie irgend möglich von den jüdischen Vermögen (Möbeln, Kleidung und vor allem Geld) an sich bringen, weil sonst andere (Polen und Deutsche) ja doch alles an sich nehmen würden?

Hier ist der Hinweis auf vergleichbare Vorgänge in Deutschland möglich, wie sie Ende 1998 an die Öffentlichkeit gelangten: Stichwort „Arisierung" oder die öffentliche Versteigerung jüdischen Besitzes nach dem Abtransport der Juden in Deutschland.

(Siehe den Zeitungsbericht aus der Frankfurter Rundschau)


zu Text 4 - Einrichtung des Ghettos

Perechodnik schildert, unter welchen Umständen die Juden von Otwock 1940 aufgefordert wurden, ins Ghetto umzuziehen. Dort versuchen sie, so „normal" wie möglich zu leben. Die Lebensbedingungen verschärfen sich erst allmählich. Er selber hält es für sinnvoll, in die Ghetto-Polizei einzutreten. Judenräte mildern die Situation scheinbar. Er stellt sich die bittere Frage, ob die Juden die Situation nicht nüchterner hätten beurteilen sollen - der Tod aller war doch vorgezeichnet.

In diesem Textteil spricht Perechodnik neben der wachsenden Brutalität der Deutschen einen anderen Aspekt an: die Unterschiede zwischen armen und reichen Juden. Die Deutschen nutzen die sozialen Unterschiede unter den Juden aus und bereichern sich dabei schamlos - sie verlangen immer wieder Geld und Gold von den reichen Juden gegen Schutzversprechen, die sie nicht einhalten werden; sie lassen die Reichen in dem Glauben, sie würden verschont, und untergraben damit eine Solidarisierung der Juden untereinander erfolgreich. Letztlich kommen alle gleichermaßen brutal um; die einen etwas früher als die anderen.

Die Bedeutung von Solidarität und von Widerstandsmöglichkeiten kann an dieser Stelle besprochen werden - und auch die Neigung der Menschen, allzu schnell erwünschten Versprechungen zu glauben. Wäre es sinnvoll gewesen, den Armen wirkungsvoller zu helfen? Bis heute wird das Problem der Ghetto-Polizei und der Judenräte unter Juden kontrovers diskutiert. Für viele Überlebende ist es ein existenzielles Problem bis heute. Haben sie Schlimmeres verhindert? Haben sie bloß ihren kurzfristigen Vorteil gesucht? Haben sie den Henkern geholfen? An den Argumenten für und wider kann die Schwierigkeit aufgezeigt werden, unter bestimmten Bedingungen zwischen gut und schlecht zu unterscheiden. Perechodnik fühlt sich schuldig - mit Recht?

zu Text 5 - Unvorstellbares Morden

Die Kunde von Massenmorden ab 1942 dringt ins Ghetto. Was fängt die Welt, was fängt der Einzelne mit solchen Meldungen an? Was ist aus den kulturellen Errungenschaften der Menschheit geworden? Der Mord an einem Menschen, der einem nahesteht, ist unvorstellbar - was denkt man, wenn man von 60.000 Ermordeten hört?

Wie geht man mit dem Unvorstellbaren um? Zu welchem Ausmaß an Unmenschlichkeiten sind normale Menschen fähig? Was machen wir mit den Berichten aus den Elends- und Kriegsgebieten der Welt? Die Juden von Otwock haben weiterhin gehofft, an ihnen würde dieses Schicksal vorübergehen. War das unvernünftig? Oder war das die einzige ihnen verbleibende Möglichkeit, um wenigstens eine Zeitlang weiterleben zu können? Oder hat dieses Weiterlebenwollen jeden Gedanken an einen Aufstand erstickt? Darüber wird man diskutieren können.

zu Text 6 - Die „Leistungen" der Deutschen

In einer Mischung aus ironischer Bewunderung und verzweifeltem Abscheu listet Perechodnik die Schwierigkeiten auf, die die Deutschen „meistern" mußten, um das ungeheure Vernichtungswerk, die Vernichtung aller Juden, mit geringem Aufwand und minimalem Aufsehen möglichst vollständig zu vollbringen. Er spricht vom „grausamen Einfallsreichtum" der Deutschen, der den Teufel selbst beschämen muß.

Der Lehrer kann die 13 Erfolgs-Bedingungen mit den Schülern durchgehen und überlegen, was sie jeweils bezweckten und wie sie erfüllt wurden. Des Autors Gedanken kreisen immer wieder um die Frage, die auch junge Menschen in Israel stellen: Wie war das alles möglich, warum haben sich die Juden nicht gewehrt? Und sein ganzes Buch ist der Versuch einer Antwort auf diese Frage: er schreibt dazu (auf Seite 50): „Eigentlich sind es weder Dummheit noch Naivität. Es ist der Glaube der Juden an die kulturellen Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts, es ist das Unverständnis gegenüber der Blutrünstigkeit der Hunnen, die sich allen menschlichen und christlichen Regeln widersetzen. Das alles blendet die Juden und verdummt sie komplett. Es wundert mich nicht, denn man müßte schon den Teufel in sich haben, um den Lauf der Dinge vorhersehen zu können, und die Deutschen agierten schlau."

Die real mögliche Brutalität des Menschen (der Deutschen) war dem gebildeten Europäer Perechodnik nicht vorstellbar. Ohne die jüdische Mitarbeit hätten die Deutschen es nicht geschafft, an die 6 Millionen Juden zu ermorden. Mit welchen Argumenten und Kniffen haben es die Täter geschafft, die Opfer zur Mitarbeit an ihrer eigenen Vernichtung zu bewegen? Aber wie verhält man sich richtig einer unvorstellbar brutalen, absoluten Macht gegenüber?


zu Text 7a - Die große Deportation

Der dramatische Höhepunkt der Schilderungen Perechodniks ist die Darstellung, wie er selber ohnmächtig und verzweifelt an der Deportation seiner eigenen Frau teilnimmt, und sich damit, wie er glaubt, mitschuldig macht.

Im Ghetto von Otwock haben am 18.8.1942 nahezu alle geahnt, daß sie unmittelbar vor der Deportation stehen. Alle haben ihre Rucksäcke gepackt, manche, darunter auch seine Frau, haben sich versteckt, obgleich den Polizisten und ihren Familien von den Deutschen versprochen worden war, daß sie verschont würden. Perechodnik bewegt seine Frau, auf den allgemeinen Sammelplatz zu gehen, weil er dem Versprechen der Deutschen vertraut. Als deutlich wird, daß sie betrogen wurden, bittet ihn seine Frau, für sich und das Kind Gift zu besorgen, was mißlingt.

Die jüdischen Polizisten müssen selbst die Waggons verriegeln, in denen ihre Mitbürger und Angehörigen eingepfercht sind. Dann müssen sie das geleerte Ghetto aufräumen und die versteckten Juden suchen und ausliefern. Und sie tun das in der verzweifelten Hoffnung, dadurch vielleicht überleben zu können.

Im Original ist der Bericht ausführlicher, mit vielen einprägsamen Details. Aber schon dieser gekürzte Bericht ist geeignet, an einem konkreten Einzelfall den Ablauf einer solchen Aktion zu zeigen, wie die Deutschen sie vielfach geplant und durchgeführt haben. Warum funktioniert alles so reibungslos? Was hindert die Menschen, sich dem tödlichen Spiel zu widersetzen? Würden junge Menschen von heute sich wirklich anders verhalten als die Juden von Otwock damals? Vielleicht kann mit der Klasse auch die - hypothetische - Frage erörtert werden, was sich wohl die deutschen Befehlsgeber in dieser Situation gedacht haben könnten; und wie werden die Täter wohl heute, über 50 Jahre nach der Tat, über die - verbrecherische - Aktion von damals denken? Könnte/sollte einer der deutschen Beteiligten vor Gericht verurteilt werden? Es stellen sich viele Fragen, von denen je nach der Situation in der Klasse sicher nur die eine oder andere angegangen werden kann. Aber den Brückenschlag zum Heute sollte man wohl nicht ganz auslassen.

Bei dieser wie bei allen ähnlichen Aktionen traten „die Deutschen" meistens nur als die Oberherren auf, die eigentliche „Drecksarbeit" ließen sie von ukrainischen Hilfspolizisten erledigen. Über die vielfältigen Motive dieses Handelns kann man die Schüler spekulieren lassen. Ein paar mögliche Antworten können dem voranstehenden Text 6 entnommen werden.

zu Text 7b: Das Ende

Perechodnik stellt sich das weitere Schicksal seiner Frau in der Phantasie in vielen Einzelheiten vor. Das ergibt erschütternde Bilder vom Weg in den Tod in der Gaskammer. Unbeteiligt daneben stehen die Deutschen. Offensichtlich wußten die Juden sehr genau, was mit den Deportierten geschehen würde. Aber was nutzte ihnen dieses Wissen?

Schülerinnen und Schüler von heute haben kaum noch Zugang zu der Unerbittlichkeit des Lebens. Fernsehsendungen gaukeln ihnen gefährliche Träume vor: der Held kommt dabei immer unbeschädigt davon. Folglich neigen sie zu der Illusion, auch ihnen könne eigentlich nichts ernstlich Böses passieren. Vielleicht ist es ratsam, diesen Text aus sich selbst wirken zu lassen, er ist dicht und anschaulich genug. Wenn keine Bemerkungen oder Fragen aus der Klasse kommen, auf die eingegangen werden muß, sollte der Lehrer eher versuchen, ein neues, verwandtes Thema anzuschneiden: vielleicht die Frage, wie man mit den Menschen umgehen sollte, die heute noch versuchen, die Verbrechen von „Auschwitz" zu leugnen. Oder auf die Frage, ob man einen Kriegsverbrecher von damals, der heute über 80 Jahre alt ist, noch vor Gericht bringen darf? Oder die zur Zeit aktuelle Frage, ob und wie die Menschen, die all die Schrecknisse überlebt haben, entschädigt werden sollen - und von wem? Dabei kann es nur darum gehen, solche Fragen allenfalls anzureißen; sind sie doch in sich reichlich kompliziert. Aber sie ermöglichen ein Weiterdenken über das Erfahrene hinaus in die Gegenwart hinein.

Ein Ziel dieser Unterrichtseinheit könnte sein, das Wissen davon zu erhalten, daß politische und wirtschaftliche Entwicklungen, die von Menschen zu verantworten sind, Lebenswege begünstigen oder zerstören können - und daß Sicherheit und Wohlstand keineswegs selbstverständlich sind.


Teil II: Edgar Hilsenrath: Nacht

In Hilsenraths Roman erleben wir, wie eine zentrale Person, Ranek, den Sommer 1942 in einem Getto (im Buch immer ohne `h' geschrieben) ums Überleben kämpft. Das fiktive Getto Prokow liegt in der Ukraine. Es ist eine durch den Krieg verwüstete Stadt. Nach dem Abzug der Deutschen nehmen die Rumänen die Rolle der Unterdrücker ein.

Die Grundgegebenheiten in diesem Getto sind einfach und eindeutig: Es gibt keine Arbeit und damit keine Möglichkeiten, Geld zu verdienen; Lebensmittellieferungen ins Getto sind nicht erlaubt. Die wenigen vom Krieg verschonten Häuser sind bis an die Grenze des Unvorstellbaren überfüllt. Glücklich und „tüchtig" muß sein, wer nachts ein Dach über dem Kopf haben will. Es gibt keinerlei Ordnung und kein Recht, keine Ordnungsmacht - es gibt nur die allgegenwärtige Todesgefahr, zum Teil absolute Willkür, zum Teil nach der Regel: Wer irgendwie auffällt oder nachts außerhalb eines Hauses aufgegriffen wird, wird deportiert. Wie überleben Menschen unter solchen Bedingungen? Sie leben vom Verkauf dessen, was sie mitgebracht haben. Wenn das letzte entbehrliche Kleidungsstück, meistens die eigene Unterwäsche, gegen Lebensmittel eingetauscht ist, bleiben als Möglichkeiten des Überlebens nur Dienstleistungen bei denen, die noch Vermögen haben, oder Diebstahl oder Verhungern - wenn nicht der Fleck-Typhus vorher dem Leben ein Ende setzt. Einige betreiben einen lebensgefährlichen Handel über die Gettogrenze hinaus mit den Bauern der Ukraine und können damit - solange sie etwas haben, das sie den Bauern anbieten können, und solange sie nicht erwischt werden - relativ gut leben. Das System ist aufs Umkommen aller angelegt.

Erstaunlicherweise hat sich keine Mafia gebildet, keine organisierte Gewalt. Alle halten sich, zumindest nach außen hin, an einen bürgerlichen Moralkodex, gepaart mit Zynismus. Fast durchweg verfallen die Menschen in einen Zustand eines durchgängigen Egoismus. Eine Ausnahme ist Debora, die Schwägerin von Ranek, die am Ende des Romans ein Waisenkind zu sich nimmt. Aber auch sie hat keine Chance zu überleben.

Die Unausweichlichkeit der Lebensbedingungen läßt scheinbar wenig Spielraum zu eigenen Entscheidungen - und doch handelt der Roman von Ranek, der nicht aufgibt, sondern immer wieder nach neuen Möglichkeiten sucht, um über den jeweiligen Tag zu kommen. Aber auch er kommt am Ende jämmerlich um.

Die Reduktion alles Menschlichen im Angesicht von Hunger, Krankheit und Tod sind das eigentliche Thema dieses Buches. Es entsteht vor unseren Augen etwas wie eine Gegenwelt zu der unsrigen; zugleich ein überraschend vielfältiges Bild vom Leben in einem Getto. Die Unvorstellbarkeiten dieser Art des Lebens machen das Phänomen verständlich, daß die Überlebenden nach der Befreiung oft nicht erzählen konnten, was sie erlebt hatten. Erst jetzt, 50 Jahre später, fangen einige Überlebende an zu erzählen - den Enkeln.

zu Text 1 - Vorstellung des Gettos

Mit diesem Abschnitt beginnt der Roman. Der Text macht die Lebensumstände im Getto deutlich. Ranek ist schon lange im Getto, war geschnappt und in ein Arbeitslager verschleppt worden und ist von dort geflohen. Er kommt nun zurück in sein bisheriges „Zuhause": ein Zimmer voller Sterbender und Toter.

Vielleicht sollte man diesen Text den Schülern nicht gleich in die Hand geben sondern ihn zunächst nur vorlesen. Sehr viele unserer Vorstellungen, was sein darf und was nicht, werden in diesem Romananfang in Frage gestellt. Hier gelten andere moralische Gesetze. Eine Auflistung der Umstände, die uns ungewohnt, ja ungehörig, erscheinen, könnte das Gespräch einleiten.

Stichworte: Übernachtung, Kleidung, Krankheit, Pietät - Lebenswille.

zu Text 2 - Freds Goldzahn

Eine harte Geschichte: Fred, Raneks Bruder, ist an Flecktyphus und Entkräftung gestorben. Sofort in der Nacht noch schlägt ihm Ranek mit einem dafür ungeeigneten Hammer den Goldzahn aus, Debora, Freds Frau, sitzt bei dieser Schändung daneben. Sie wehrt dem Geschehen nur zaghaft, denn sie weiß um seine Notwendigkeit. Aber sie wird Ranek für eine Zeitlang zu ihrem Nachteil verlassen, denn er ist ein guter Organisator von Lebensmitteln.

Die Lebensbedingungen im Getto müssen mit den Schülern besprochen sein, bevor ihnen diese Geschichte vorgelegt wird, damit bei ihnen weder Ekel noch Sadismus aufkommen. Die Regeln von Logik und Anstand verändern sich, wenn der Überlebenskampf pietätfreies Nutzendenken erfordert. Die Gettobewohner sind erst vor kurzer Zeit aus ihren bürgerlichen Selbstverständlichkeiten herausgerissen worden, sie waren bis vor kurzem kultivierte Menschen - wie wir. Hätte Ranek aus Rücksichtnahme den Goldzahn seines Bruders dem Zimmergenossen, „der Rote" genannt, überlassen sollen? Was geht in Debora vor, wenn sie mitansehen muß, wie ihr eben gestorbener Mann so widerlich behandelt wird?

zu Text 3 - Ranek und Debora: Schuld?

Ranek und Debora sind nach den Ereignissen der Nacht (Text 2) eine Zeitlang getrennter Wege gegangen. Als Ranek hört, daß Debora vor Hunger in der Stadt umgefallen ist, schickt er einen Zimmergenossen, der Debora zu ihm zurückbringen soll und dafür eine gekochte Kartoffel bekommt. Er selbst kann zur Zeit das Zimmer nicht verlassen, weil er ein paar Lebensmittel hat, die er bewachen muß. Es kommt zu einem Gespräch zwischen ihnen über die Nacht mit dem Goldzahn.

Warum teilt Ranek mit Debora das Essen? Ist es Zuneigung oder Menschlichkeit oder Eigennutz - oder das Bedürfnis nach menschlicher Nähe? Nicht alle Menschen sind zu verhärteten Rohlingen geworden. Aber wieviel Menschlichkeit ist in solchen Zeiten möglich? Teilen kann das vorzeitige Verhungern bedeuten. Was ist wichtiger? Essen oder Zuneigung?

zu Text 4 - „Glück" im Getto?

Zwischen Ranek und Debora wächst ein fast rührend zu bezeichnendes Vertrauensverhältnis, das als ganz ungewöhnlich beschrieben wird. Es kommt zu einem heftig aufwallenden Glücksgefühl zwischen beiden, fast eine Liebesszene im Angesicht des sicheren Endes. In ihnen bricht eine ungestüme Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft auf.

Hier wird keine Situation geschildert, die geeignet ist, „Glück" zuzulassen. Wodurch entsteht in ihnen dieses Glücksgefühl? Warum zweifeln sie daran? Was bringt es ihnen? Gerade dieser Text macht deutlich, daß auch unter den schrecklichsten Bedingungen Menschen menschlich bleiben können: in Zuneigung und Ungewißheit. Braucht Glück günstige Umstände?

zu Text 5 - Typhus

Bald darauf, es ist Herbst, bricht in dem Zimmer, das Ranek und Debora (mit ca. 20 anderen) bewohnen, Typhus aus. Sie teilen das Zimmer durch eine Holzwand in zwei Teile; über die Trennwand werfen sie die Erkrankten, im vorderen Teil leben die - noch - Gesunden weiter. An Behandlung ist nicht zu denken. Doch die Barriere hält die Krankheit nicht auf. Ranek und Debora verlassen die „sichere" Unterkunft und hoffen irgendwo anders unter zu kommen. Sie müssen wählen: entweder das „sichere" Dach über dem Kopf im typhusverseuchten Zimmer, oder die nahezu aussichtslose Suche nach einer neuen Unterkunft. Eine vage Hoffnung gibt ihnen Kraft, auch wenn sie noch so fragwürdig ist. Solange sie noch etwas wollen, „Ansprüche haben", und wenn es nur der Wille ist, nicht „in den Büschen" zu nächtigen, wo sowohl das Herbstwetter wie die Razzia sie bedroht, haben sie das Gefühl, noch nicht ganz verloren zu sein.

Es gibt Abstufungen im Elend. Und bei jeder Stufe, die abwärts führt, hat der Betroffene den Eindruck, vorher sei es schön gewesen. Solche Stufen kann man von den Schülern ganz allgemein herausarbeiten lassen. Wie geht man mit einem Unglücksfall um?

zu Text 6 - Debora und das Kind

Wenig später bekommt auch Ranek Flecktyphus und verendet - man kann es nicht anders nennen - jämmerlich unter derselben Treppe, unter der sein Bruder Fred gestorben ist. Debora irrt alleine in die Stadt, schwankend zwischen Hoffnung und Irresein. Sie hat das Kind einer anderen Frau auf dem Arm, die am Typhus umgekommen ist. Damit endet der Roman.

Diesen Schluß des Romans wird man nur vorlesen dürfen, wenn man weiß, daß die Schüler bereit sind, auch erschütternde Emotionen zuzulassen. Andernfalls wird man dieses Ende besser vorsichtig nacherzählen. Man wird den Text jedenfalls nicht „besprechen" können, allenfalls auf Fragen eingehen. Aber um die Schüler nicht mit ihren Emotionen allein zu lassen, könnte es sinnvoll sein, sie Stichworte zu dem Text auf einen Zettel schreiben zu lassen, die man dann je nach der Situation besprechen kann oder auch nicht.

In diesem Roman wird nicht das grausam harte, von Peitschen getriebene Ende von Menschen beschrieben - Stichwort „Auschwitz" -, sondern ein allmähliches, hoffnungsloses Zugrundegehen. Es ist nicht sicher, ob sich Jugendliche von heute dem aussetzen mögen. Dazu fällt mir der Ausspruch einer Jüdin ein, die Auschwitz überlebt hat: „Ihr glaubt, die Erzählung nicht ertragen zu können, wir haben das alles so erleben müssen".

Peter Reinhardt


Texte


Calel Perechodnik:

Bin ich ein Mörder?

Text 1 - Ein polnischer Jude


Ich, Calel Perechodnik, Ingenieur der Agronomie, der ich den Typus des durchschnittlich gebildeten polnischen Juden verkörpere, werde mich bemühen, den Werdegang meiner Familie während der deutschen Okkupation zu beschreiben.

Es sind die Memoiren eines Juden. Im Grunde genommen ist es die Beichte meines Lebens, eine aufrichtige und ehrliche Beichte. Doch leider glaube ich nicht an die Absolution durch Gott, und unter den Menschen gibt es einzig nur meine Frau, die mir vergeben könnte - die es aber nicht tun sollte. Sie lebt nicht mehr. Sie kam ums Leben wegen des deutschen Vandalismus und im besonderen Maße wegen meines Leichtsinns. Ich bitte daher, diese Memoiren als letzte Beichte zu betrachten. Ich gebe mich keinen Illusionen hin, denn früher oder später werde auch ich das Los aller Juden aus ganz Polen teilen. ... Ich habe schon so viele Hinrichtungen gesehen, daß ich nur die Augen zu schließen brauche, um Einzelheiten meines eigenen Todes zu sehen.

Ich bitte nicht um Absolution; wenn ich an Gott, an Himmel, an Hölle, an Belohnung oder Strafe nach dem Tode glaubte, würde ich überhaupt nicht schreiben. Mir genügte die Gewißheit, daß alle Deutschen nach dem Tod in der Hölle schmoren werden. Aber leider, beten - kann ich nicht, zu glauben - vermag ich nicht! Folglich bitte ich die ganze demokratische Welt, die Engländer, Amerikaner, Russen, die Juden in Palästina, daß sie unsere Frauen und Kinder rächen mögen, die in Treblinka verbrannt wurden. Wir Judenmänner sind es nicht wert, gerächt zu werden! Wir sind durch eigene Schuld gefallen.

Ich wurde in Warschau am 8. September 1916 geboren, in die Familie sehr durchschnittlicher, gewöhnlicher Juden aus der sogenannten Mittelschicht. Es waren ehrliche Leute, mit einem großen Familiensinn. Obschon ich nicht besonders religiös war, glaubte ich damals an Gott, ich glaubte an den historischen Auftrag des Judentums, Kultur unter den Völkern der Welt zu verbreiten. Ich war gleichermaßen stolz auf Spinoza, auf Einstein und andere jüdische Geistesgrößen.

Über den Antisemitismus dachte ich nicht besonders nach. Ich war der tiefen Überzeugung, daß mit dem gesellschaftlichen Fortschritt und der Zunahme der zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit der Antisemitismus automatisch aussterben müßte, und ich war überzeugt, daß sich die Menschheit in ihrer Entwicklung immer mehr den Idealen der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - annähern wird.

Text 2 - Erste Umsiedlungen

Aus den meisten Kleinstädten wurden die Juden ausgesiedelt. Die Aussiedlung erfolgte auf wahrhaft barbarische Weise. Ich weiß, wie es in Nasielsk gewesen ist. Die Deutschen haben die Stadt umringt und gaben bekannt, daß jeder Jude mitsamt seinem Gepäck auf dem Platz zu erscheinen habe. Dort hat man den Juden das Gepäck weggenommen, sie selbst wurden in die Synagoge getrieben, wo sie zusammengepfercht vierundzwanzig Stunden stehen mußten. Einer Frau, die zu spät auf den Platz kam, befahlen die Deutschen, sich auszuziehen und in der Synagoge vor der Menge zu tanzen. Solche und ähnliche Entgleisungen waren an der Tagesordnung. Als nächstes wurden die Juden zum Bahnhof getrieben und wie Vieh in Güterwagen verladen. In geschlossenen Wagen wurden sie acht Tage herumgefahren, ohne Essen und Trinken. Was mußte sich in diesen Wagen abgespielt haben. Wieviele Kinder sind dort erstickt, wieviele verhungert, das möge jeder für sich ergänzen.

 

Text 3 - Juden - Polen

Wie war das Verhältnis der Polen zu den Juden in jener Zeit?

Die Phase der Brüderlichkeit aus der Vorkriegszeit und des Kriegsanfangs war vorbei. Doch ich kann nicht sagen, daß das Verhältnis feindselig geworden wäre. Als die Deutschen meinen Schwager Wolf umgebracht haben, weinte Dr. Mieroslawski [ein polnischer Freund der Familie] wie ein kleines Kind.

Im allgemeinen erschien das Verhältnis ziemlich korrekt. Das, was die Polen verlangten, nein, ich schreibe nicht richtig, was sie vorschlugen, führte zum Umschreiben der Geschäfte auf ihre Namen, zur Übergabe der Wohnungen mit Möbeln an sie.

Verständlich, daß Juden den schönen Worten auf den Leim gingen und im guten Glauben verschiedene Verträge schrieben. Kaum einer wurde später eingehalten.

Sicherlich hatten nicht alle von Anfang an vor, sich diese Güter anzueignen, aber sofern es um Otwock geht, sahen die Juden in neunundneunzig Prozent aller Fälle einen Monat nach Geschäftsübergabe keinen Groschen mehr. Genauso war es meist mit Wohnungen, Möbeln und jeglicher Art von Mobiliar.


Text 4 - Einrichtung des Ghettos

Der Sommer 1940 ist vergangen, und es wurde November, als durch Aushang bekannt gegeben wurde, daß ab dem 1. Dezember ein Ghetto für Juden in Otwock entstehen wird. Juden hatten das Recht, ihr ganzes Vermögen mitzunehmen, es wurden Judenräte in Aussicht gestellt und eine eigene Polizei, man wies auch auf die Möglichkeit hin, das Ghetto zu verlassen und sich täglich außer sonntags im polnischen Stadtteil frei zu bewegen.

Auf solche Versprechungen sind fast alle hereingefallen. Sogar Jüdinnen, die mit Polen verheiratet waren, haben sich mit ihren Kindern im Ghetto niedergelassen. Wie leicht ist es gewesen, dort hineinzukommen, eine Ausweg hat es nicht mehr gegeben!

Ich habe auch im Ghetto Wohnsitz genommen.

Das Ghetto sah anfangs ziemlich harmlos aus. Es war nicht umzäunt, man konnte es verlassen, das Gebiet war recht groß, und es hat weder an Wohnungen noch an Lebensmitteln gefehlt.

Langsam ist jedoch drumherum eine Umzäunung entstanden, und man hat es den Juden unter Androhung der Todesstrafe verboten, das Ghetto zu verlassen.

Als ich sah, daß der Krieg nicht zu Ende geht, bin ich im Februar 1941 in die Reihen der Ghetto-Polizei eingetreten. Gemäß der damals vorherrschenden Meinung war es ein Vorteil des Ghettos, daß sich die Deutschen dort nicht herumtrieben. Die Raubüberfälle und Beschlagnahmen hörten auf. Wenn die Deutschen etwas benötigten, wandten sie sich an den Judenrat, der ihnen alles brav ablieferte.

Das Leben im Ghetto war schon ziemlich merkwürdig, es hat [für die Reichen] an nichts gefehlt, für Geld konnte man alles kaufen. Zur gleichen Zeit schwoll der Arme an und starb vor den Augen der Leute an Hunger oder Krankheit. Eine Typhus-Epidemie hat damals gerade begonnen, viele Leute wurden krank und starben.

Überhaupt ist damals eine Atmosphäre entstanden, in der jeder nur allein mit seiner Familie den Krieg überleben wollte. Natürlich hat man den Armen geholfen, es gab kostenlose Armenspeisung, es gab Waisenhäuser, aber faktisch hat dies überhaupt nicht ausgereicht.

[...]

Es verging auch kein Tag, an dem nicht einige Juden wegen Verlassens des Ghettos erschossen wurden. Sie wurden ohne Gericht, auf der Stelle umgebracht und auf Feldern verscharrt.

Ein intelligenter und vorausschauender Jude hätte sich fragen müssen: was droht beim Verbleiben im Ghetto? Vielleicht auch die Todesstrafe? Leider hat sich diese Frage niemand gestellt. Ich auch nicht.


Text 5 - Unvorstellbares Morden

Es begann ein verfluchtes Jahr in der Weltgeschichte, das Jahr 1942, das die kulturellen Errungenschaft der gesamten Menschheit zunichte machte.

So wurde zum Beispiel erzählt, daß man in Slonim vierzehntausend Leute auf dem Platz versammelt hat: Frauen, Kinder, Männer, und alle wurden mit Maschinengewehren erschossen.

Ich frage euch, Leute, kann man denn so etwas glauben? Ohne Grund Frauen und unschuldige Kinder erschießen? Einfach so? Am helllichten Tage? Man darf doch nicht einmal die größte Mörderin zum Tode verurteilen, wenn sie schwanger ist. Und da sollten sie angeblich kleine Kinder umgebracht haben? Wo gibt es denn Menschen, Familienväter, die es wagen würden, mit einem Maschinengewehr auf wehrlose, kleine Kinder zu zielen? Wie kann die Welt dazu schweigen? Das kann doch nicht stimmen.

Nach dieser Nachricht kam eine zweite, noch ungeheuere: in Wilna hat man sechzigtausend Menschen umgebracht, in Bararnowice zwanzigtausend. Die Leute verstehen nichts mehr. Sie glauben es zwar, aber sie können sich das nicht vorstellen, daß nun eines Tages jemand kommen könnte, um ihr zweijähriges Töchterchen umzubringen, dessen einziges Vergehen es ist, von einer jüdischen Mutter und einem jüdischen Vater abzustammen.


Text 6 - Die „Leistungen" der Deutschen

Juli 1942. Was tun die Deutschen? Die deutschen Wissenschaftler stehen vor einem für Normalsterbliche unlösbaren Problem, aber nicht so für ein Volk von solch hohem zivilisatorischen und kulturellen Niveau, wie es die Deutschen sind - das Volk Nietzsches. Sie stehen vor dem Problem, ausnahmslos alle Juden des ganzen Generalgouvernements umzubringen, wobei natürlich folgende Bedingungen zu erfüllen sind:

1) Die Juden sollen nicht merken, daß über sie das Todesurteil gefällt worden ist;

2) die Juden sollen sich nicht wehren;

3) für die Umsetzung sollen so wenig Deutsche wie möglich mobilisiert werden;

4) die Juden selbst sollen dabei helfen, diese Drecksarbeit zu tun;

5) andere Juden sollen die verlassenen Ghettos aufräumen;

6) jüdische Leichen sollen durch Juden bestattet werden;

7) alle bewegliche Habe, Gold, Dollars, Juwelen sollen in deutsche Hände gelangen;

8) alle jüdischen Städte sollen sicher sein, „es kommt nicht in Betracht"; [sich sicher fühlen]

9) jeder einflußreiche oder vermögende Jude sollte hundertprozentig davon überzeugt sein, daß man ihn nicht im Sinne hat - damit er nicht flieht, sondern dableibt, bis er an die Reihe kommt;

10) die abtransportierten Juden sollen nicht merken, daß sie in den Tod fahren;

11) die Juden sollen im Augenblick des Todes nicht rasend werden, die am Leben Gebliebenen sollen jedoch bis zum letzten Augenblick im Unklaren bleiben;

12) die Körper von drei Millionen Menschen sollen als wertvolle Rohstoffe genutzt werden z. B. als natürlicher Dünger oder indem man ihnen das Fett entzieht; es sollen auch keine Friedhöfe hinterlassen werden, die Spuren abgeben könnten;

13) man muß die Rettung der Juden in die polnischen Bezirke unmöglich machen.

Wahrlich ein makaber schwieriges Problem, denn es geht darum, drei Millionen Menschen umzubringen, alle bis auf den letzten.

Ein, wie es scheint, unlösbares Problem. Doch der Teufel persönlich könnte die Deutschen für die tapfere und präzise Ausführung dieses Plans loben und sie mit seinem höchsten Orden auszeichnen, wenn er doch nicht manchmal beschämt wäre, daß sie ihn an grausamem Einfallsreichtum überflügelt haben.


Text 7a - Die große Deportation

Mittwoch, der 19. August 1942. Der Tag der Vernichtung ist gekommen. Ich möchten diesen Tag genau beschreiben, daß ein jeder sich vorstellen kann, welche Hölle die Menschen an diesem verteufelten Tag erlebten, als ihnen plötzlich klar wurde, daß sie sich haben täuschen lassen.

Das erste Opfer war Frau Doktor Gliksmann, eine nette, hübsche Arztin, Mutter zweier Kinder. Sie trat ruhig auf die Straße, um den Ukrainern eine Bescheinigung zu zeigen, die sie als Zahnärztin auswies, speziell für die jüdische Polizei tätig. Mit einem freundlichen Lächeln streckte sie die Hand mit der Bescheinigung aus, ein Schuß traf sie in den Kopf - sie war sofort tot.

Mühe hatten die Deutschen überhaupt nicht. Zuerst begaben sie sich zum jüdischen Kommissariat. Dort befahlen sie der Menge, sich in Reihen aufzustellen. Sie sagten, alle sollen auf den Platz gehen. Die Familien der Polizisten sollten freigelassen werden.

Die Ukrainer feuerten ein ums andere Mal. Jeder Schuß traf den Kopf eines Menschen - und das aus weniger als zwei Metern Entfernung. Die Menschen fielen, Hirne spritzten, Blut floß. Die benommenen Juden verstanden nicht, warum die Deutschen schossen, wo sie doch alle bereit waren, in einer Reihe zu stehen.

Die Menschen verwandeln sich in Automaten, verblödete Marionetten. Niemand ist mehr imstande zu denken. Die Pfiffe der jüdischen Polizisten, die Schüsse der Ukranier, die Leichen von Bekannten unter den Füßen. Die SS-Offiziere, mit ihren Helmen und silbernen Schilden auf der Brust, sehen aus wie Halbgötter, vor ihnen die elende demütige Masse der Juden.

Alle marschieren in Richtung des Platzes. Juden, setzt euch. Alle auf die Erde. So nehmt zur Kenntnis, daß ihr alle verschickt werdet. Niemand wird freigelassen. Die Schuppen der Verblendung fallen. Wir wurden alle betrogen. [...]

[Auf den Rat seines jüdischen Vorgesetzten hin hat Perechodnik seine Frau aus dem Keller geholt und auf den Sammelplatz gebracht, dort sitzt sie, während er geschäftig hin und her läuft.]

In meinem Kopf ist ein Rauschen, als wäre dort der Niagarafall. Von all dem, was geschieht, verstehe ich nichts, ich habe die Fähigkeit zum Denken und Handeln verloren.

Ich funktioniere, wie ein Automat.[...]

[Bis zuletzt hoffen er und seine Frau darauf, daß die Angehörigen der Polizei verschont würden, wie ihnen doch versprochen wurde. Schließlich werden die Polizisten zusammengerufen und der deutsche Kommandant spricht zu ihnen:]

»Ihr Polizisten bleibt in Otwock. Ihr räumt das ganze Ghetto auf. Alle Sachen, Waren, Möbel bringt ihr zu den Magazinen, alle Menschen, die sich verstecken, schickt ihr solange in Arrest, bis die Gendarmerie eintrifft. Ihr dürft nichts wegnehmen, weder Sachen noch Geld. Die Möbel dürfen nicht beschädigt werden, Gold und Dollars müssen mir persönlich ausgehändigt werden. Ist das Ghetto aufgeräumt, kommt ihr ins Arbeitslager nach Karczew. Nach dem Krieg werdet ihr entlassen. Wären eure Frauen hier, würde ich sie freilassen, da sie aber schon auf dem Platz sind, müssen sie mitfahren.«

Mein Gott, verhöhnt er uns, macht er Witze oder lacht er über uns?

Erst befiehlt er, die Frauen auf den Platz zu bringen, später sagt er, wären sie hier, dürften sie bleiben.

Großer Gott, wir stehen hier zu hundert Mann, einer neben dem anderen, und vor uns nur ein paar Gendarmen mit Gewehren. Jungs! Stürzen wir uns auf sie, laßt uns alle umkommen - denke ich weiter. Aber daraus wird nichts.


Text 7b - Das Ende

Ein langer Pfiff - du hast deine letzte Reise angetreten, Anka. Gott sei mir gnädig!

Du befindest dich im vierten Waggon hinter der Lokomotive. Mit angezogenen Beinen sitzt du auf den Brettern und hältst Aluska auf dem Arm.

Wie ist das bloß möglich? Dein Calinka, der dich zehn Jahre geliebt hat, der dir treu war, der alle deine Gedanken und Wünsche erriet und sie so gerne erfüllte, jetzt hat er dich verraten und es zugelassen, daß du den Waggon bestiegst, während er zurückblieb.

Der Zug passiert Kosow und fährt auf das Nebengleis des Todes, das nach Treblinka führt. Treblinka II ist kein Straflager, das ist der Ort, an dem der böse Genius der germanischen Rasse Triumphe feiert. Das ist ein Friedhof für drei Millionen Juden.

Das Tor geht auf, die Lokomotive schnauft, der Zug bleibt stehen, die Waggontüren gehen auf, die Juden können aussteigen.

Anka, Anka, in welchem Zustand hast du den Waggon verlassen? Mit der kleinen Aluska auf dem Arm?

Die Menschen verlassen die Waggons. Aus voller Brust atmen sie die Luft ein, sie vergessen, am Ort der Hinrichtung angekommen zu sein, sie freuen sich über die Luft, den schönen Augusttag und vielleicht - wer weiß? - haben sie Hoffnung. Rings um sie stehen die Deutschen, gut genährt, in Uniformen, mit Helmen und mit silbernen Schilden auf der Brust und mit Maschinengewehren in der Hand. Das sind Götter, muß man ihnen gehorchen?

Ein älterer Offizier kommt heraus und spricht zu der Menge:

- Leute, habt keine Angst, euch wird nichts Böses geschehen, ihr werdet nach Osten fahren, ihr werdet arbeiten. Jetzt werdet ihr alle baden, weil ihr verlaust seid. Später bekommt ihr zu essen und morgen früh werdet ihr weiterfahren. Frauen mit Kindern sollen an eine Seite gehen, sie werden zuerst baden. Jede soll sich ausziehen, die Sachen müssen an der Seite gerade zusammengelegt werden, damit man sie später wiederfinden kann, Schuhe muß man unbedingt paarweise zusammenbinden. Hier sind die Handtücher.

Hast du das alles geglaubt, meine teuerste Anka?

Die Frauen trennen sich von ihren Männern, Vätern, Brüdern. Vor den Augen der Menge müssen sie sich nackt ausziehen. Schämen sie sich, oder ist ihnen bereits alles egal? Sie legen die Kleider zusammen. Die Menge der nackten, schweigenden Frauen, meist mit Kindern auf dem Arm, schiebt sich zu einer riesigen Scheune, hier sollen sie baden. Auf ihr steht mit großen Lettern geschrieben:

ALLE JUDEN BADEN SICH UND FAHREN NACH OSTEN

Schweigend gehen die Frauen hinein, die Sonnenstrahlen leuchten auf ihren Körpern. Aber die Deutschen schauen ihnen nicht einmal zu. Die Sonne geht blutig unter, mit ihr der Rest an Hoffnung.

aus: Calel Perechodnik: Bin ich ein Mörder? Ein Testament eines jüdischen Ghetto-Polizisten. Zu Kampen 1997, S. 17f., 27, 30, 34f., 40, 44f., 65f., 82f.

 



Edgar Hilsenrath: Nacht

Baustein 1


Text 1 - Vorstellung des Gettos

Der Mann [Ranek] war leise eingetreten ... so leise, als hätte er Angst, die Toten zu wecken. Im Zimmer herrschte Halbdunkel. Allmählich gewöhnten sich seine Augen daran, und die Umrisse der langen Schlafpritsche wurden deutlicher.

Da lagen sie. Die meisten waren im Lauf der Woche an Flecktyphus gestorben; einige Leute atmeten noch, aber waren zu kraftlos, um sich zu bewegen. Hinten, in der äußersten Ecke, dicht unter dem scheibenlosen Fenster, war ein einziger leerer Platz; der gehörte ihm.

Warum war er wieder nach Hause gekommen? Das war ja vollkommen verrückt! Nein, heute nacht konnte er nicht mehr hierbleiben; hier war schon alles verseucht; er mußte sich irgendwo anders nach einer Schlafstelle umsehen.

»Nathan«, sagte er heiser »ich muß dich um einen letzten Gefallen bitten.« Nathan gab keine Antwort. Der Mann starrte nachdenklich auf die Füße des Toten, die mit Fußlappen und Bindfaden umwickelt waren, wie seine eigenen. Die Bindfaden sind noch gut, dachte er, nicht so zerfranst wie deine; die Lappen sind zwar nicht viel wert, aber sie sind wenigstens trocken, und man kann sie zum Wechseln benützen. Er überlegte nicht lange. Er knotete die Bindfaden auf und steckte sie ein. Dann wickelte er die Lappen von den starren, krähenartig gespreizten Füßen und ließ auch sie in seinen Taschen verschwinden. Er tat das ohne Widerwillen. Nathan war sein bester Freund gewesen, und es war nur zu natürlich, daß er ihn beerbte. Bevor er ging, nahm er den Hut des Toten und stülpte ihn sich auf den Kopf, während er seinen alten achtlos auf den Boden fallen ließ.

»Sei nicht bös, Nathan«, sagte er, »sei nicht bös, daß ich auch den Hut ..., aber meiner ist nicht mehr wasserdicht.« Er grinste leicht, blickte nicht mehr hin und ging.

Er hatte ein völlig verwahrlostes Gesicht, in dem Hunger und Not erbarmungslos gewühlt hatten. Er drückte den zu großen fremden Hut jetzt tiefer in die Stirn; seine Hosen, die mit einem Eisendraht verschnürt waren, band er fester zu; er hatte kein Hemd an, und seine eingefallene Brust schaute grau und haarig unter der zerfetzten Jacke hervor. Wie kalt es noch immer ist, dachte er schaudernd. Diesmal ließ der Frühling lange auf sich warten. Dabei war es schon März ... März 1942.


Im Prokower Getto sahen die meisten Straßen gleich aus. Der Krieg hatte nicht viel übriggelassen. Ein paar vereinzelte Häuser ... und sonst ... nur die langen Reihen schwarzgefleckter, hohläugiger Ruinen. Prokow war eine ukrainische Stadt am Ufer des Dnjestr, die von rumänischen Truppen besetzt worden war.

Der Mann war unter den ersten gewesen, die nach der Ukraine verschleppt wurden. Er war schon seit Oktober einundvierzig hier und hatte noch die Geburtsstunde des Prokower Gettos erlebt. Er erinnerte sich, daß hier, am Anfang, alles noch leichter gewesen war als heute. Denn damals war das Getto noch nicht so überfüllt. Damals hatte es unter den Einwohnern nur den verzweifelten Kampf um ein Stück Brot gegeben; erst später, als immer wieder neue Menschentransporte aus Rumänien ankamen, fing auch der Kampf um eine Schlafstelle an, der ebenso erbittert und rücksichtslos ausgefochten wurde und ebenso wichtig war.


Er ging jetzt sehr langsam. Zuweilen sah er einen Toten im Schlamm liegen, und er dachte daran, daß der andere Pech gehabt hatte. Er dachte daran, ohne etwas anderes dabei zu empfinden als den leisen Triumph, daß er es nicht war, der dort lag ... daß er noch gehen konnte, wenn er jetzt auch nicht wußte, wohin.


Text 2 - Freds Goldzahn

Fred war mitten in der Nacht gestorben.

Debora merkte es als erste und kam gleich darauf ins Zimmer und weckte Ranek. Ranek folgte ihr mit der Lampe hinaus in den Hausflur.

Ranek starrte seinen Bruder nicht lange an, aber in diesen wenigen Sekunden schien die Zeit still zu stehen. Das ist er nicht, dachte er, das kann er doch nicht sein. Nicht weich werden, dachte er verbissen, dafür hat man später Zeit. Jetzt mußt du handeln!

»Ich muß es jetzt machen«, sagte er heiser zu Debora. »Weil es morgen früh zu spät sein wird.« Und da sie kein Wort herausbrachte, fuhr er fort: »Ich muß es machen, ehe die anderen aufwachen. Die sind alle scharf auf den Zahn. Das weißt du doch. Ich will mich nicht mit ihnen herumschlagen. Ich muß es machen, ehe sie's merken.« Seine Stimme klang hohl und seltsam fremd in der Nacht. »Der Zahn bedeutet Leben, Debora. Ein paar Wochen Weiterleben für uns. Versuch mich zu verstehen.«

Debora hatte sich anfangs nicht eingemischt und schweigend zugeschaut, wie er, mit verkniffenem Gesicht, den Mund des Toten kontrollierte, aber als er dann aus dem Hof zurückkam und anfing, die widerspenstigen Lippen mit dem Hammer aufzureißen, hing sie weinend in seinen Arm und versuchte, die Schändung zu verhindern. Er kämpfte eine Weile mit ihr, bis sie plötzlich losließ und neben dem Toten zu Boden sank.

Wieder ungestört, fuhr er mit seiner Arbeit fort. Freds aufgeplatzte Lippen wurden unter seinen Schlägen allmählich zu einem blutigen Brei. Er bemerkte, daß außer Debora noch jemand im Hausflur war: die alte Levi.

Die alte Frau saß stumm auf dem Treppenabsatz wie eine Nachteule. Ranek hörte sie oben sprechen.

»Sie kommen zu spät«, höhnte die Alte. »Ranek hat den Zahn schon.«

»Scheiße«, sagte der Rote, »verdammte Scheiße.«

»Sehen Sie mal, was der Kerl mit seinem eigenen Bruder gemacht hat«, sagte die Alte. »Sehen Sie dort unten den blutigen Hammer? Mit dem Hammer hat er ihm ...«

Text 3 - Ranek und Debora: Schuld?

Als Debora etwas später, gestützt von Sigi, ins Zimmer schwankte, nahm Ranek sie sanft in seine Arme. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie lehnte sich an ihn an, ein Mensch, der keinen Willen mehr hatte und der sehr müde war und der plötzlich nichts anderes mehr wollte als ein bißchen Schutz und ein bißchen Wärme ... und etwas zu essen. Sie aber sprach kein Wort. Dann gab er ihr den Kartoffeltopf, und noch immer sagte sie kein Wort. Sie hielt den Topf mit bebenden Händen umklammert und fing zu essen an. Der Topf wurde leer, aber sie hörte nicht auf, seine Ränder abzukratzen.

»Ich brauche jemanden, der auf die Lebensmittel aufpaßt, wenn ich nicht zu Hause bin«, sagte er. »Ich kann mich nämlich nicht aus der Bude rausrühren. Willst du das machen?«

»Ja«, sagte sie, »du weißt doch, daß ich das für dich mache.«

»Dafür kannst du fressen«, sagte er. »Es lohnt sich für mich; man hat mich schon einmal bestohlen, und ich will nicht, daß mir das wieder passiert.« Er grinste sie steif an.

Er kratzte sich umständlich. Dann sagte er: »Wollte dich noch was fragen ... `s ist wegen Fred. Du weißt ... die Sache mit dem Zahn«

»Ich wußte, daß du davon sprechen willst.«

Er hockte sich wieder neben sie hin. »Ich hab' oft darüber nachgedacht, ob es nur deshalb zum Bruch zwischen uns beiden kam, weil ich ihm den Zahn herausgeschlagen hab'.« Er räusperte sich, und dann fuhr er fort: »Ranek, hab' ich mir immer gesagt, Debora sieht bestimmt ein, daß es richtig ist, wenn die Hinterbliebenen die Toten beerben. Das kann sie dir also nicht vorwerfen. Vielleicht war's `ne Sünde, das mit dem

Zahn ... vor allem, weil er noch nicht lange tot war und weil du's gleich gemacht hast, aber heutzutage kann man's nicht so genau nehmen. Man erbt, was man kann und wie man's kann. Es bleibt einem keine Wahl. So ist das. Und Debora weiß das. Und deshalb darf sie dir keine Vorwürfe machen.«

»Ich hab' dir doch keine Vorwürfe gemacht, Ranek.« Debora schüttelte den Kopf. Sie starrte eine Weile nachdenklich auf ihre gefalteten Hände. »Ich hab' dir keine Vorwürfe gemacht«, sagte sie dann ruhig, »weil ich gewußt hab', daß du keine Schuld hast. Du hast es getan, weil du verzweifelt warst und weil du geglaubt hast, daß wir von dem Zahn leben können, wenigstens eine Zeitlang. Du hast es für uns beide getan. Die Toten vergeben den Hungrigen, und sie vergeben den Verzweifelten.«

»Warum hast du dann nicht mit mir gesprochen ... während all der vielen Wochen? Warum, Debora?«

»Weil ich nicht konnte«, sagte sie, sie richtete sich halb auf, sie lehnte sich an die Wand, und dabei blickte sie ihn groß, mit halbgeöffneten Lippen an. »Ich hatte Angst. Nicht vor dir, Ranek. Bloß vor der Erinnerung. Vielleicht klingt das dumm. Aber so war's. Ich habe die Szene im Hausflur immer wieder erlebt. Immer wieder erlebt, wenn du in meine Nähe kamst. Es war vor allem sein Gesicht, dieses entsetzlich entstellte, blutige Gesicht. Es war immer da, immer, wenn ich dich anschaute.«

»Und jetzt?« fragte er.

»Jetzt nicht mehr«, sagte sie. »Das war nur in der ersten Zeit so schlimm.«


Text 4 - „Glück" im Getto?

Er öffnete jetzt den Beutel und zeigte ihr das Brot. Es war ein faustdickes Stück, schwarz und klebrig. Er drehte es nach allen Seiten um, und dann brach er es entzwei, und den einen Teil drückte er in ihre Hände.

»Das ist ein schöner Zug von dir, daß du an mich gedacht hast«, sagte sie leise, während es in ihren dunklen Augen glücklich aufleuchtete.

»Ich hab' überhaupt nicht an dich gedacht«, grinste er. »Ich wollte das Brot schon vorhin auf der Straße aufessen, aber da der Junge mit mir ging, konnte ich's nicht.«

»Du lügst wieder mal.« Sie lachte jetzt, aber es war ein zärtliches Lachen. »Du hast absichtlich mit dem Essen gewartet, bis du zu Hause warst. Du wolltest mit mir teilen. Du konntest nicht ohne mich essen.«

»Du irrst dich«, spottete er. »Oder hältst du mich für einen Idioten?«

Sie schüttelte den Kopf, und sie lachte noch immer, ihr Knie berührte sein Knie, ganz sanft, wie unabsichtlich, aber sie nahm es nicht wieder fort, und dann schmiegte sie ihre Wangen an seine spitze Schulter, und noch immer lachte sie, als hätte er etwas sehr Lustiges und völlig Unglaubwürdiges gesagt, aber doch etwas Liebes. Dann wurde ihr Gesicht plötzlich wieder ernst; ihr schmaler Kopf an seiner Schulter bewegte sich langsam seitwärts, und sie blickte zu ihm auf. »Ranek«, sagte sie leise, »ich war die ganze Zeit so allein. Du weißt gar nicht, wie allein ich war.«

»Iß jetzt«, sagte er.

»Du gehst nicht wieder fort, Ranek? Sag, daß du nicht wieder fortgehst.«

»Ich bleibe bei dir«, sagte er.

»Immer?« flüsterte sie.

»Ja, immer«, sagte er.

»Und wenn man einen von uns schnappt?«

»So was kann gar nicht passieren«, lächelte er. »Bestimmt nicht. Wir lassen uns eben nur noch zusammen schnappen ... nur zusammen ... wir lassen uns einfach zusammen schnappen.«

»Und wenn einer von uns krank wird?«

»Dann wird er den anderen anstecken, so daß dann beide krank sind. Ganz einfach ... du siehst ... immer zusammen. Du und ich. Wir beide. Immer zusammen.«

»Ja, Ranek, immer. Und wenn nun einer von uns beiden stirbt?«

»Davon soll man lieber nicht reden«, sagte er.

»Warum bin ich auf einmal so glücklich, Ranek? Ich weiß ... ich habe kein Recht dazu ... nach allem, was hier bei uns geschehen ist. Aber ich bin trotzdem glücklich. Warum, Ranek? Sag, warum?«

»Ich weiß nicht«, sagte er. »Bist du wirklich glücklich?«

»Ja. Sehr, so sehr. Und du?«

»Ja«, sagte er. »Ich auch. Und ich weiß nicht warum.« Und er dachte: Warum lügen wir? Wir sind nicht glücklich. Oder doch? Sind wir's? Sind wir's wirklich?


Text 5 - Typhus

Im Lauf der nächsten Woche griff die Epidemie auf die andere Seite der Barriere über. Die Kranken lagen nun überall im Zimmer herum, und es war schwer, sich vor ihrer Berührung in acht zu nehmen. Noch entsetzlicher aber war die Berührung der Toten, über die man immer wieder stolperte. Es waren gute Vorsätze dagewesen, die Toten fortzuschaffen, aber dann stellte es sich heraus, daß niemand Hand an sie legen wollte. Der Rest der Leute, die noch gehen konnten, zog aus. Sie verstreuten sich in alle Windrichtungen. Die meisten gingen in die Büsche. Für eine Weile, ehe an eine Rückkehr ins Nachtasyl zu denken war, würden sie, wohl oder übel, auf der nassen, herbstlichen Erde schlafen müssen, und es blieb ihnen nur die Hoffnung, daß der Winter nicht so rasch kommen würde.

Ranek und Debora waren erst aufgebrochen, als die anderen längst fort waren; sie hatten nicht aufgeben wollen und verbissen bis zur letzten Stunde ausgeharrt. Ranek hatte noch in aller Eile zwei Säcke besorgt. Sie

hatten sie um ihre Schultern gehängt.

»Glaubst du, daß wir Unterkunft finden?«

Sie blickte fragend in sein entschlossenes Gesicht.

»Bestimmt«, lächelte er. »Ganz bestimmt.«

»Dann ist es gut, daß wir nicht in die Büsche gegangen sind. Mir hat's immer schon vor den Büschen gegraut.«

Ranek sah Debora an.

»Wir werden ein Dach überm Kopf finden«, sagte er zuversichtlich. »Und wir werden nur dort übernachten, wo es nicht hineinregnet und wo der Wind nicht hinkommt. Das haben wir uns doch fest vorgenommen, und deshalb werden wir es auch durchführen.«

»Ja, Ranek«

»Wer in die Büsche geht, hat keine Ansprüche mehr ans Leben. Dem ist alles egal. Und wem alles egal ist, der ist verloren. Solange man noch Ansprüche hat, ist man nicht verloren.«

»Ja, Ranek«, sagte sie wieder.«


Text 6 - Debora und das Kind

Ihre Kehle war ausgetrocknet, ihr ganzer Körper schmerzte, als wäre er eine einzige, große, offene Wunde. Wie tief war der Mensch gesunken! Wie sehr hatte man ihn erniedrigt! Sie wollte zurückblicken, um Ranek ein letztes Mal zu sehen, aber sie konnte jetzt nicht. Das Lachen des Roten schallte ihr heiser aus dem Hausflur nach, und es kam ihr plötzlich vor, als stimme auch der Tote unter der Treppe in dieses Gelächter ein.

Sie schritt benommen über den leeren Hof; ihr war, als träume sie einen Alptraum mit offenen Augen. Der Wind wehte von der Straßenseite schräg gegen den morschen, wetterzerfressenen Zaun.

Auf der Straße blieb sie zögernd stehen Wohin? dachte sie.

Sie hatte das Gefühl, durch eine große Einöde zu gehen. Im Geist hörte sie wieder den Toten lachen, und ihr schien, als blickten seine Augen sie an.

Das Kind räkelte sich schlaftrunken in ihrem Arm. Dieses leise Sichbewegen ließ sie von der Straße aufblicken, und sekundenlang schaute sie wie gebannt auf das winzige, friedliche Antlitz. »Wir werden nicht mehr dorthin zurückkehren«, sagte sie zu dem Kind. »Ranek braucht mich nicht mehr.«

Sie stolperte. Sie raffte sich wieder auf. Das Kind erwachte. Es schlug die Augen auf, und sein kleines, graues Gesicht verzerrte sich zu einem Lachen. Dann schlief es wieder ein.

Debora drückte das Kind fester an sich, als fürchte sie, es zu verlieren. »Wir werden jetzt in den Bordellhof gehen,« sagte sie zu dem Kind. »Und dort werden wir uns wieder auf die Kellertreppe setzen. Man wird uns nicht fortjagen, so wie man ihn fortgejagt hat. Wir beide sind doch gesund! Heute Nacht wird es nicht sehr kalt sein, und morgen früh werden wir ein besseres Quartier suchen. Du brauchst keine Angst zu haben. Wir werden bestimmt etwas finden. Und ich werde auch etwas zu essen auftreiben.« Debora lächelte. »Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte sie wieder. »Mutter wird auf dich aufpassen.«


leicht gekürzt aus: Edgar Hilsenrath: Nacht. München, Zürich 1990, S. 7f., 294f., 372f., 407f., 425, 445.


 


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