Baustein

Ghettos
Vorstufen der Vernichtung

1939-1944
Menschen in Grenzsituationen

Texte und Unterrichtsvorschläge

Hrsg: LpB, 2000




 

Inhalt

 

Baustein 2

Edgar Hilsenrath: Nacht

3 Textausschnitte aus dem Roman Edgar Hilsenrath: Nacht. München, Zürich 1990.



Klassenstufen: ab 9 und 10

Zeitaufwand: 2 Stunden

Themen: Bilder verzweifelter Menschen im Ghetto


Bevor die Schüler die Texte erhalten, sollte zunächst der Begriff „Ghetto" geklärt werden. Dabei sollte auf Schülerwissen eingegangen werden. Sie bringen Ghetto hauptsächlich mit Armenvierteln in Zusammenhang und beschreiben sie mit Armut, Schmutz, keine Zukunft, Ausweglosigkeit, Gangs und Verbrechen.

Dann könnten sich Lehrerinformationen zum Ghetto anschließen: wie der Begriff entstanden ist; die geschichtliche Entwicklung; und vor allem die Ghettos in Osteuropa zur Zeit des Nationalsozialismus.

Jetzt können die Schüler die ersten beiden Texte, die die Situation in einem solchen Ghetto beschreiben, lesen. Dazu sollten sich dann die Schüler äußern.

Die Stimmung dieser beiden Texte sollte genau wiedergegeben werden. Man könnte diese Stimmung auch malen (nach Meinung der Schüler in den Farben grau und schwarz).

Abschließend kann der dritte Text gelesen werden. Dabei sollte besonders die Art der Unterhaltung beachtet werden, z. B. wie diese geführt wird, bis hin zur Sprachlosigkeit und warum?

Diskussion über Menschen, die in Zwangslagen leben mußten oder müssen: Kampf ums Überleben, Egoismus, aber auch Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit, bis hin zur Selbstaufgabe.

Lehrerinformation zu den Personen in diesem Buch:

Ranek und Fred sind Brüder, Debora ist Freds Frau. Ranek und Fred kommen jämmerlich an Flecktyphus um. Dies soll die Schüler anregen, mehr Textausschnitte oder das ganze Buch zu lesen und sich dadurch intensiver mit der damaligen Ghettosituation auseinanderzusetzen (siehe Bausstein 1).

Erfahrungen mit zwei ganz verschiedenen Berufsschulklassen:

zu Text 1 (Auf dem Bazar)

  • Befremden über den Ausdruck „Skelett" für einen Menschen;
  • Das Lachen kann aus Verlegenheit gewesen sein oder weil die Menschen froh waren, daß es ihnen besser ging.
  • Wenn man in Not ist, gibt es keine Gegenseitigkeit, da denkt man nur an sich selbst, daß man irgendwie überleben kann.
  • In einer solchen Situation kann man nur für den Augenblick leben, ohne Planung für die Zukunft. Deshalb lachte Debora, als es nicht Ranek war, der im Schlamm versank; das war der gute Augenblick.

zu Text 2 (Im Park)

  • kein Gras mehr, keine Natur, also kein Leben, keine Hoffnung
  • Gerippe, Kadaver, Leichen - also alles tot;
  • trostlos, leer, grausam;
  • Man kann dies nur in schwarz und grau malen.
  • Die Schüler wollten unbedingt einen weiteren Text lesen.

zu Text 3 (Debora trifft Ranek)

  • zunächst Sprachlosigkeit der Schüler;
  • dann die Bitte um mehr Information zu dem Buch;
  • Das Ganze war für die Schüler kaum faßbar.
  • Wie Debora vom Sparen der Kugeln sprach, empfanden sie makaber bzw. satirisch.

Doris Scherer


 

Edgar Hilsenrath: Nacht

Auf dem Bazar

Heute nachmittag, auf dem Basar, blieb ein Skelett mit seinen Fußlappen im Schlamm stecken. Debora, die nur einige Meter weit entfernt stand, sah es und hatte plötzlich das sonderbare Gefühl, es sei Ranek. Sie blieb wie gelähmt am selben Fleck stehen und starrte hinüber. Das Skelett machte verzweifelte Anstrengungen, seine dürren Füße aus dem tiefen Schlamm herauszuziehen, um sie auf eine festere Stelle des Bodens zu bringen; es jammerte und schrie und verdrehte seine Augen und bettelte die herumstehenden Leute um Beistand an. Im Versuch, ihm zu Hilfe zu eilen, bahnte Debora sich, so schnell sie vermochte, ihren Weg durch eine lachende, an dem Schauspiel sich ergötzende Menge. Plötzlich sah sie, daß das Skelett zusammensackte. Es war über seine Kräfte gegangen. Debora beugte sich mit fliegendem Atem über den Toten. Die Maske zeigte keine Ähnlichkeit mit Ranek.

Debora verließ den Basar. Ein frohes Gefühl hatte sie überkommen, wie schon lange nicht mehr, und während sie jetzt mit schnellen Schritten vorwärts eilte, dachte sie ein wenig beschämt darüber nach. »Es ist nicht richtig«, murmelte sie vor sich hin, »wie kannst du dich nur über den Vorfall freuen?« Und eine Stimme in ihr antwortete: Weil es nicht Ranek war ... weil es nicht Ranek war ... Und die Stimme sagte jetzt: Er lebt. Er lebt. Er lebt.

Der Stadtpark

Instinktiv schlug sie den Weg zum Stadtpark ein. Das ewige, gleichmäßige Grau der Straße tat ihren Augen plötzlich weh, und sie hatte das starke Bedürfnis, etwas anderes zu sehen, und auch dieses Bedürfnis hatte sie schon lange nicht gehabt. Vielleicht weil ich weiß, daß er lebt, dachte sie, und weil ich weiß, daß ich nicht vergebens auf ihn warte, und weil ich jetzt ein Recht hab', mich zu freuen. Und warum soll ich nicht in den Park gehen? Warum denn nicht? Irgendwo wird wohl noch ein Fleckchen Gras übriggeblieben sein, das der Schlamm noch nicht begraben hat, dachte sie. Eine übergroße Sehnsucht war in ihr und wurde stärker und immer stärker, je näher sie dem Park kam ... die Sehnsucht nach dem Leben, und wenn's auch nur ein letzter Abschiedsgruß der Natur war, den sie mit nach Haus nehmen konnte.

Im Stadtpark aber war keine Spur mehr von Gras zu sehen. Und der Anblick der Bäume schnitt ihr ins Herz; die meisten waren ja abgesägt worden, und die, die noch nicht abgesägt waren, waren so kahl, als wäre es bereits Ende November. Der scharfe Wind hatte kein einziges Blatt übriggelassen. Da standen sie in Reih und Glied, wie Tote, die man nackt ausgezogen hatte und die auf teuflische Weise zu einer aufrechten Haltung verdammt worden waren. Dort liegt noch das Pferdegerippe vom vorigen Jahr, dachte sie, und dort ist noch der Hundskadaver, und dort auf den Bänken liegen die Obdachlosen, von denen man nie weiß, ob sie bloß schlafen oder schon steif sind.

Du hättest nicht hierherkommen dürfen, dachte sie, es ist das beste, du gehst gleich wieder nach Hause.

Debora trifft Ranek

»Du fragst gar nicht nach den Eltern.«

Ranek zuckte zusammen. Er antwortete nicht gleich und dachte nur im Stillen: Sie erwähnt nur die Eltern. Aber nichts von Fred. Warum?

»Du weißt es also?«

»Ich weiß es jetzt«, sagte er hart. »Ich kann es dir ansehen ... Sag, Debora! Wo hat man sie umgebracht? im Keller?«

»Nein ... Nicht im Keller! Sie wurden aus dem Keller herausgeholt ... und dann ... und dann ...« Ihre Stimme überschlug sich und brach plötzlich ab.

»Sag schon!« fuhr er sie rauh an.

»Ach, Ranek!«

»Wo hat man sie ermordet?« fragte er unerbittlich.

»Hinter der Bäckerei ... unten am Kanal«, flüsterte sie mit erstickter Stimme.

»Hat man sie lange gequält?«

»Nein, Ranek ... es ging schnell.«

Sie starrten sich beide an, als suchten sie etwas in ihren Gesichtern.

Dann war's wieder er, der das bedrückende Schweigen mit seiner heiseren Stimme brach. »Wo warst du die ganze Zeit ... seit Oktober einundvierzig?«

»In Schargorod ... in Kopaigorod ... In Obodowka ... zuletzt im Getto von Berschad.«

»Also ... auch in Berschad?«

»Ja, auch dort.«

»Bist du illegal hierhergekommen oder mit falschen Papieren?«

»Illegal.« Plötzlich sagte sie: »Fred lebt!«

»Fred? Warum hast du mir nicht gleich ...?!«

»Ich kann doch nicht alles auf einmal.«

»Natürlich.«

»Damals hat man uns beiden das Leben geschenkt. Warum? Dafür gibt es keine Erklärung, Ranek. Vielleicht weil wir noch jung waren und noch gut genug, um später mal für Zwangsarbeit verwendet zu werden. Oder auch ... weil sie Kugeln sparen wollten. Wer kann das wissen?«

»Es gibt keine Erklärung. Du hast recht. Es gibt überhaupt keine Erklärung mehr.«

»Du wunderst dich sicher, warum ich Fred nicht mit hierhergebracht habe?«

»Ja.«

»Wir sind zusammen deportiert worden, Fred und ich ... noch am selben Tag, als Vater und Mutter erschossen wurden. Wir waren dann immer zusammen ... überall ... die ganze Zeit ... und wir kamen auch zusammen nach Prokow.«

»Dann ... wo ist er?«

»Im Spital. Flecktyphusverdacht!«

(aus: Edgar Hilsenrath: Nacht. München, Zürich 1990, S. 391, 392, 160.) 


 


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