| Baustein 2
Edgar Hilsenrath: Nacht
3 Textausschnitte aus dem Roman Edgar Hilsenrath: Nacht. München, Zürich
1990.
Klassenstufen: ab 9 und 10
Zeitaufwand: 2 Stunden
Themen: Bilder verzweifelter Menschen im Ghetto
Bevor die Schüler die Texte erhalten, sollte zunächst der Begriff
„Ghetto" geklärt werden. Dabei sollte auf Schülerwissen eingegangen
werden. Sie bringen Ghetto hauptsächlich mit Armenvierteln in
Zusammenhang und beschreiben sie mit Armut, Schmutz, keine Zukunft,
Ausweglosigkeit, Gangs und Verbrechen.
Dann könnten sich Lehrerinformationen zum Ghetto anschließen: wie der
Begriff entstanden ist; die geschichtliche Entwicklung; und vor allem
die Ghettos in Osteuropa zur Zeit des Nationalsozialismus.
Jetzt können die Schüler die ersten beiden Texte, die die Situation in
einem solchen Ghetto beschreiben, lesen. Dazu sollten sich dann die
Schüler äußern.
Die Stimmung dieser beiden Texte sollte genau wiedergegeben werden. Man
könnte diese Stimmung auch malen (nach Meinung der Schüler in den Farben
grau und schwarz).
Abschließend kann der dritte Text gelesen werden. Dabei sollte besonders
die Art der Unterhaltung beachtet werden, z. B. wie diese geführt wird,
bis hin zur Sprachlosigkeit und warum?
Diskussion über Menschen, die in Zwangslagen leben mußten oder müssen:
Kampf ums Überleben, Egoismus, aber auch Gleichgültigkeit,
Hoffnungslosigkeit, bis hin zur Selbstaufgabe.
Lehrerinformation zu den Personen in diesem Buch:
Ranek und Fred sind Brüder, Debora ist Freds Frau. Ranek und Fred kommen
jämmerlich an Flecktyphus um. Dies soll die Schüler anregen, mehr
Textausschnitte oder das ganze Buch zu lesen und sich dadurch intensiver
mit der damaligen Ghettosituation auseinanderzusetzen (siehe Bausstein
1).
Erfahrungen mit zwei ganz verschiedenen Berufsschulklassen:
zu Text 1 (Auf dem Bazar)
- Befremden über den Ausdruck „Skelett" für einen Menschen;
- Das Lachen kann aus Verlegenheit gewesen sein oder weil die
Menschen froh waren, daß es ihnen besser ging.
- Wenn man in Not ist, gibt es keine Gegenseitigkeit, da denkt man
nur an sich selbst, daß man irgendwie überleben kann.
- In einer solchen Situation kann man nur für den Augenblick leben,
ohne Planung für die Zukunft. Deshalb lachte Debora, als es nicht
Ranek war, der im Schlamm versank; das war der gute Augenblick.
zu Text 2 (Im Park)
- kein Gras mehr, keine Natur, also kein Leben, keine Hoffnung
- Gerippe, Kadaver, Leichen - also alles tot;
- trostlos, leer, grausam;
- Man kann dies nur in schwarz und grau malen.
- Die Schüler wollten unbedingt einen weiteren Text lesen.
zu Text 3 (Debora trifft Ranek)
- zunächst Sprachlosigkeit der Schüler;
- dann die Bitte um mehr Information zu dem Buch;
- Das Ganze war für die Schüler kaum faßbar.
- Wie Debora vom Sparen der Kugeln sprach, empfanden sie makaber
bzw. satirisch.
Doris Scherer
Edgar Hilsenrath: Nacht
Auf dem Bazar
Heute nachmittag, auf dem Basar, blieb ein Skelett mit seinen Fußlappen
im Schlamm stecken. Debora, die nur einige Meter weit entfernt stand,
sah es und hatte plötzlich das sonderbare Gefühl, es sei Ranek. Sie
blieb wie gelähmt am selben Fleck stehen und starrte hinüber. Das
Skelett machte verzweifelte Anstrengungen, seine dürren Füße aus dem
tiefen Schlamm herauszuziehen, um sie auf eine festere Stelle des Bodens
zu bringen; es jammerte und schrie und verdrehte seine Augen und
bettelte die herumstehenden Leute um Beistand an. Im Versuch, ihm zu
Hilfe zu eilen, bahnte Debora sich, so schnell sie vermochte, ihren Weg
durch eine lachende, an dem Schauspiel sich ergötzende Menge. Plötzlich
sah sie, daß das Skelett zusammensackte. Es war über seine Kräfte
gegangen. Debora beugte sich mit fliegendem Atem über den Toten. Die
Maske zeigte keine Ähnlichkeit mit Ranek.
Debora verließ den Basar. Ein frohes Gefühl hatte sie überkommen, wie
schon lange nicht mehr, und während sie jetzt mit schnellen Schritten
vorwärts eilte, dachte sie ein wenig beschämt darüber nach. »Es ist
nicht richtig«, murmelte sie vor sich hin, »wie kannst du dich nur über
den Vorfall freuen?« Und eine Stimme in ihr antwortete: Weil es nicht
Ranek war ... weil es nicht Ranek war ... Und die Stimme sagte jetzt: Er
lebt. Er lebt. Er lebt.
Der Stadtpark
Instinktiv schlug sie den Weg zum Stadtpark ein. Das ewige, gleichmäßige
Grau der Straße tat ihren Augen plötzlich weh, und sie hatte das starke
Bedürfnis, etwas anderes zu sehen, und auch dieses Bedürfnis hatte sie
schon lange nicht gehabt. Vielleicht weil ich weiß, daß er lebt, dachte
sie, und weil ich weiß, daß ich nicht vergebens auf ihn warte, und weil
ich jetzt ein Recht hab', mich zu freuen. Und warum soll ich nicht in
den Park gehen? Warum denn nicht? Irgendwo wird wohl noch ein Fleckchen
Gras übriggeblieben sein, das der Schlamm noch nicht begraben hat,
dachte sie. Eine übergroße Sehnsucht war in ihr und wurde stärker und
immer stärker, je näher sie dem Park kam ... die Sehnsucht nach dem
Leben, und wenn's auch nur ein letzter Abschiedsgruß der Natur war, den
sie mit nach Haus nehmen konnte.
Im Stadtpark aber war keine Spur mehr von Gras zu sehen. Und der Anblick
der Bäume schnitt ihr ins Herz; die meisten waren ja abgesägt worden,
und die, die noch nicht abgesägt waren, waren so kahl, als wäre es
bereits Ende November. Der scharfe Wind hatte kein einziges Blatt
übriggelassen. Da standen sie in Reih und Glied, wie Tote, die man nackt
ausgezogen hatte und die auf teuflische Weise zu einer aufrechten
Haltung verdammt worden waren. Dort liegt noch das Pferdegerippe vom
vorigen Jahr, dachte sie, und dort ist noch der Hundskadaver, und dort
auf den Bänken liegen die Obdachlosen, von denen man nie weiß, ob sie
bloß schlafen oder schon steif sind.
Du hättest nicht hierherkommen dürfen, dachte sie, es ist das beste, du
gehst gleich wieder nach Hause.
Debora trifft Ranek
»Du fragst gar nicht nach den Eltern.«
Ranek zuckte zusammen. Er antwortete nicht gleich und dachte nur im
Stillen: Sie erwähnt nur die Eltern. Aber nichts von Fred. Warum?
»Du weißt es also?«
»Ich weiß es jetzt«, sagte er hart. »Ich kann es dir ansehen ... Sag,
Debora! Wo hat man sie umgebracht? im Keller?«
»Nein ... Nicht im Keller! Sie wurden aus dem Keller herausgeholt ...
und dann ... und dann ...« Ihre Stimme überschlug sich und brach
plötzlich ab.
»Sag schon!« fuhr er sie rauh an.
»Ach, Ranek!«
»Wo hat man sie ermordet?« fragte er unerbittlich.
»Hinter der Bäckerei ... unten am Kanal«, flüsterte sie mit erstickter
Stimme.
»Hat man sie lange gequält?«
»Nein, Ranek ... es ging schnell.«
Sie starrten sich beide an, als suchten sie etwas in ihren Gesichtern.
Dann war's wieder er, der das bedrückende Schweigen mit seiner heiseren
Stimme brach. »Wo warst du die ganze Zeit ... seit Oktober
einundvierzig?«
»In Schargorod ... in Kopaigorod ... In Obodowka ... zuletzt im Getto
von Berschad.«
»Also ... auch in Berschad?«
»Ja, auch dort.«
»Bist du illegal hierhergekommen oder mit falschen Papieren?«
»Illegal.« Plötzlich sagte sie: »Fred lebt!«
»Fred? Warum hast du mir nicht gleich ...?!«
»Ich kann doch nicht alles auf einmal.«
»Natürlich.«
»Damals hat man uns beiden das Leben geschenkt. Warum? Dafür gibt es
keine Erklärung, Ranek. Vielleicht weil wir noch jung waren und noch gut
genug, um später mal für Zwangsarbeit verwendet zu werden. Oder auch ...
weil sie Kugeln sparen wollten. Wer kann das wissen?«
»Es gibt keine Erklärung. Du hast recht. Es gibt überhaupt keine
Erklärung mehr.«
»Du wunderst dich sicher, warum ich Fred nicht mit hierhergebracht
habe?«
»Ja.«
»Wir sind zusammen deportiert worden, Fred und ich ... noch am selben
Tag, als Vater und Mutter erschossen wurden. Wir waren dann immer
zusammen ... überall ... die ganze Zeit ... und wir kamen auch zusammen
nach Prokow.«
»Dann ... wo ist er?«
»Im Spital. Flecktyphusverdacht!«
(aus: Edgar Hilsenrath: Nacht. München, Zürich 1990, S. 391, 392, 160.)
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