Baustein

Ghettos
Vorstufen der Vernichtung

1939-1944
Menschen in Grenzsituationen

Texte und Unterrichtsvorschläge

Hrsg: LpB, 2000




 

Inhalt

 

Baustein 5

Renata Yesner: Jeder Tag war Jom Kippur
- Kindheit im Ghetto Kaunas

Erinnerungen eines damals 9-12jährigen Mädchens

Klassenstufe: 8-13
Zeitaufwand: j je nach Klassenstufe 2-4 Unterrichtsstunden
Themen: Einrichtung von Ghettos (hier: in Litauen)
Leben im Ghetto
Kinder im Ghetto: ihre Spiele, ihre Begegnung mit der Welt der Erwachsenen und den schwer begreiflichen Vorgängen und Regeln dieser Welt (Wie die Wörter eine Bedeutung bekommen)
Umgang der Ghettobewohner miteinander
Rettung von Kindern
Kombination: Literarische Behandlung der Rettung von Kindern aus dem Ghetto im Baustein 8.

Ihren Erinnerungen an Ghetto und KZ gab Renata Yesner (geb. vermutlich 1932) den Titel Jeder Tag war Jom Kippur und sie erklärt das als „Tag der Buße", an dem ein strenges Fastengebot gilt, um Entsühnung für alle Schuld zu erlangen. Als die deutschen Truppen im von den Russen annektierten Litauen einmarschierten (1941), wurde Renatas Vater deportiert, der Rest der Familie zum Umzug in das neu eingerichtete Ghetto an der Peripherie von Kaunas gezwungen.

Im ersten Text erzählt sie von der Ankunft im Ghetto und dem Einzug in der neuen Wohnung. An die Rolle des auf Anweisung der Deutschen eingerichteten Judenrats erinnert sie sich im zweiten Text. Der dritte Text zeigt, wie wichtig und problematisch Ernährung und Versorgung für die Ghettobewohner waren. Da auch die Kinder ständig bedroht waren, versuchten Eltern, die die Möglichkeit dazu hatten, ihre Kinder - oder wenigstens eines davon - aus dem Ghetto zu retten. Renata Yesner erzählt im vierten Text, wie ein Freund von ihr getötet und ihre Schwester Carmela aus dem Ghetto hinausgeschmuggelt wurde. Der fünfte Text gibt Einblicke in die Spiele und den Spielplatz der Kinder im Ghetto - Renata Yesner war neuen Jahre alt, als das Ghetto errichtet wurde. Der sechste Text zeigt, worüber die Kinder im Ghetto sprachen.

Arbeitshinweise:

Für die jüngeren Schüler empfiehlt sich Gruppenarbeit zu verschiedenen Aspekten (Wohnen, Essen, Familie, Spiele, Gewalt und Unrecht im Ghetto-Alltag ...). Das ließe sich vorbereiten durch Festhalten der eigenen Erfahrungen und Erwartungen zu diesen Punkten. Die Konfrontation der eigenen Lebenswelt mit den Erfahrungen der Kinder im Ghetto könnte ganz ohne Zeigefinger eindrücklich sein.

Die älteren Schüler können sich, ausgehend von dem Bericht, historische Kenntnisse über die Lebensbedingungen in den Ghettos erwerben, sie erweitern und konkretisieren.

Schließlich wäre im Deutschunterricht auch interessant eine Untersuchung der besonderen Erzählperspektive (Erinnerungen eines Kindes aus seiner kindlichen Sicht, aufgeschrieben von einer Erwachsenen) und der im Nachwort von Mona Körte hervorgehobenen Begegnung mit der Wirklichkeit durch den Erwerb der „neuen Wörter". Der kindliche Versuch, ihren Bedeutungen in märchenhafte eigene Deutungen zu entkommen, wird von dem Kind immer wieder gemacht; die Ent-Täuschung ist dann um so härter.

Denkbar wäre auch die Lektüre des ganzen Taschenbuches, das mit Erinnerungen an die Kinderzeit in den Dreißiger Jahren beginnt und nach den drei Ghettojahren (1941-44) das eigentlich unmögliche Überleben in einem Arbeitslager des KZ Stutthof schildert. Ein Epilog und das Nachwort informieren über die weiteren Schicksale der Autorin, vor allem aber über die vollkommene Verdrängung, die die Mutter dem Kind auferlegt hatte und welche die Tochter erst mit etwa vierzig Jahren unter Schmerzen durchbrechen kann durch die Rekonstruktion ihrer Erinnerungen in der „Autobiographie eines Kindes".

Barbara Heckel

 


Renata Yesner:

Jeder Tag war Jom Kippur


Einzug und Wohnen im Ghetto Kaunas

Als wir an das breite Tor kamen, wurde unser Gepäck durchwühlt, und auch wir wurden von den Männern in schwarzer Uniform sorgfältig durchsucht. Ein Mann mit einem gelben Stern gab unserem Bauern Anweisungen, und wir fuhren durch das Tor einen schmalen Pfad entlang in Richtung einer Ansammlung von Hütten, von denen eine unser neues Zuhause war. [...]

Ein Mann mit einer weißen Armbinde begleitete uns ins Haus. Dort befanden sich viele Leute, und ich fragte mich, was sie wohl in unserem Haus zu suchen hätten. Bald wurde mir mitgeteilt, daß wir den Wohnraum mit all diesen Menschen teilen mußten. [...]

Ich machte mich auf, um die fremde Umgebung zu erkunden. Neben dem Haus standen hölzerne Verschläge wie in Kalautuva sowie ein vertrauter Brunnen, nur war dieser nicht in Holz eingefaßt, sondern aus häßlichem grauen Zement. Ich spazierte durch den Dschungel der Vegetation, um die Vorderseite des Hauses zu betrachten, und Carmela ließ ich zurück. Der Garten war plötzlich zu Ende. Ich sah auf, und ein furchterregender, riesiger Stacheldrahtzaun starrte auf mich herab. (Die Vorderseite unseres Hauses war weniger als fünf Meter von diesem Zaun entfernt - ein seltenes Ereignis im Ghetto.) Ich war gerade im Begriff, mir diesen Zaun näher anzuschauen, als lautes Rufen mich davon abhielt: »Komm sofort zurück!« Ich hastete zurück, während der Mann mit der weißen Armbinde mir eine Lektion erteilte. »Unter keinen Umständen darfst du zur Vorderseite des Hauses gehen«, schimpfte der Mann, und brachte Carmela zum Weinen. Er hob Carmela auf und setzte, von ihrem Schluchzen unberührt, seine Tirade fort: »Du darfst diesem Zaun niemals zu nahe kommen, sonst wirst du erschossen.« Ich verstand nicht genau, was er meinte, aber das Wort »erschießen« erinnerte mich an den blutenden Mann auf der Bahre, von dem die Lehrerinnen gesagt hatten, daß ihn ein Schuß getroffen habe. Ich wollte nicht über und über voll mit Blut sein wie dieser Mann, deshalb hörte ich ganz genau zu. »Auf der anderen Seite des Stacheldrahtzauns patrouilliert ein Soldat. Du kannst froh sein, daß er dich nicht gesehen hat. Er hat Befehl zu schießen; du mußt gut auf deine Schwester aufpassen, darfst sie nicht loslassen und dich niemals, hörst du, niemals dem Zaun nähern.« [...]

Der uns zugewiesene Teil des Hauses hatte zwei Räume und eine winzige Küche, die gleichzeitig als Eingang diente. Zur Linken befand sich ein schmaler Raum, in dem vier Leute wohnten, und geradeaus lag unser Raum, der etwas größer war und ein großes Fenster hatte, das den Blick auf den verbotenen, häßlichen Zaun freigab.

Der Bauer war gerade damit beschäftigt, Nägel in die Deckenbalken zu schlagen, an denen wir behelfsmäßig Trennwände und Vorhänge befestigen sollten, um den Platz für zwei Familien aufzuteilen. In unserer Zimmerhälfte stand ein Bett an der Wand, das andere paßte zwischen das Ende des Bettes und das große Fenster. Direkt unter das Fenster stellte Mutter unser einziges erlaubtes Möbelstück - eine riesige hölzerne Truhe, die halb so lang wie das Bett und beinahe so lang wie das Fenster war. Wir verstauten in ihr unsere Küchenutensilien und Lebensmittel. [...]

Über die L-förmige Anordnung der Betten wurde eine Konstruktion von querhängenden Holzteilen befestigt, die als Ablage für Koffer und ähnliches diente. Die restlichen Koffer wurden unter den Betten verstaut, um uns wenigstens etwas Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. Später wurde der Hängeboden über den Betten leichter, da wir alles, was wir besaßen, gegen Lebensmittel eingetauscht hatten. Zum jetzigen Zeitpunkt aber wären wir von der Last der Konstruktion, hätte sie sich gelöst, erschlagen worden. Mir war es verboten, auf dem Bett zu stehen oder die Konstruktion mit den Koffern zu berühren. Ich schlief bei Großmutter, Carmela bei Mutter im Bett.


Der Judenrat

Die Hauptquartiere des Judenrats befanden sich an einer abschüssigen Straße des Ghettos, in unmittelbarer Nähe zu den Räumen der Gestapo. In diesen Räumen erteilten der Kommandant und seine Untergebenen Befehle und überprüften die Effizienz des Judenrats und dessen großen Stabs von Polizisten mit den weißen Armbinden. Um ihre Aufgaben waren sie nicht zu beneiden. Als erstes mußten sie immer dafür sorgen, daß alle Befehle der Deutschen strikt befolgt wurden; sie mußten danach sehen, daß die gelben Sterne aufgenäht waren, Bäume nicht gefällt wurden, der Handel über den Zaun unterblieb und vor allem die Flucht der Ghettobewohner verhindert wurde. Manche Ghettobewohner versuchten zu fliehen und waren auch erfolgreich, dies hatte jedoch für die übrigen Bewohner schlimme Folgen. Manche versuchten sogar Radios zu bauen, was strengstens verboten war und mit dem Tod bestraft wurde, wenn man es entdeckte.


Versorgung, Ernährung und Tausch

Nachdem der Judenrat eine Volkszählung durchgeführt hatte, teilte er Marken als Zahlungsmittel für die Geschäfte aus, die sich hauptsächlich in der Nähe der Ghettotore befanden. Gewöhnliche geschäftliche Transaktionen fanden nicht statt, da wir kein Geld hatten, aber die kostbaren Marken hüteten wir wie unsere Augäpfel. Jeden Tag wurden Nahrungsmittel ins Ghetto gebracht - altbackenes Brot, Buchweizen, faulige Kartoffeln, Weißkohl, Zuckerrüben, gefrorenes Pferdefleisch, angeblich von der russischen Front, und andere Ware, die von den zweitklassigen Bürgern Litauens zurückgewiesen worden war. »Schweinefraß« nannten die Erwachsenen das Brot. »Das Beste des Getreides wurde schon herausgenommen, und wir bekommen nur die Schalen.« Die Ironie dabei war, daß man zu dieser Zeit wenig über den Wert des Korns und der Vitamine wußte, so daß wir zu guter Letzt eigentlich doch das Beste bekamen.

Es bildete sich immer eine lange Schlange vor dem Geschäft, und manchmal, wenn wir endlich an die Reihe kamen, war das Brot gerade ausgegangen. Mütter, die Milch für ihre Kinder brauchten, hatten kaum genug Marken für das Brot. Auch Paraffin, Spiritus, Ersatzkaffee und hin und wieder solche Luxusartikel wie Margarine, Eier und Milchpulver konnte man erstehen. Dafür benötigte man aber eine große Anzahl von Coupons, die Großmutter nur selten bekam, außerdem fehlte es uns dann an Marken für Brot. Carmela bekam Milch, aber ich war ja schon groß. Im Winter waren die Kartoffeln gefroren und hatten einen süßlichen Geschmack; manchmal waren die Zwiebeln verfault, aber das Innere konnte man noch verwenden. Die Kartoffeln schälten wir nie, dafür rieb Großmutter sie sehr gut ab. Die Personen, die allein von den Marken abhängig waren, um sich über Wasser zu halten, hatten nur eine sehr kleine Überlebenschance. Deshalb gab es einen lebhaften Austausch von Wertgegenständen, für die man im Gegenzug Nahrungsmittel bekam. [...]

Wenn meine Mutter einen Schal oder Handschuhe mit zur Arbeit nahm, war ich neugierig darauf, was sie statt dessen zurückbrachte. Es konnte geräucherter Schinken, Käse oder gar Zucker sein. Es mußte immer unter ihrem Mantel versteckt werden, da es strengstens verboten war, Waren in das Ghetto zu bringen. Ghettobewohner, die nicht arbeiteten, benutzten andere zu Schmuggeldiensten. Es gab auch etablierte Schmuggler, die den Verkehr über den Zaun regelten. Ein litauischer Händler arrangierte diese Tauschaktionen; wo und wann, hatte er mit einem Wächter, der ein Auge zudrückte, abgesprochen.


Der Tod Mischas und die Rettung Carmelas

Die meiste Zeit verbrachte ich entweder mit Schlangestehen oder mit der Bewachung unseres Beetes und der Aufsicht über Carmela. Dennoch gelang es mir, Freundschaften mit den Nachbarskindern zu schließen. Ein Junge namens Mischa spielte eines Tages in der Nähe der Ghettogrenze und wurde von einem betrunkenen Soldaten angeschossen. Jeder von uns wußte, daß es verboten war, sich dem Zaun auf fünf Meter zu nähern, Mischa hatte auch weit davon entfernt gespielt. Der Soldat stand da, lachend und taumelnd mit der Flasche in der Hand. Mischa schrie, aber wir wagten es nicht, uns ihm zu nähern, aus Angst, selbst getroffen zu werden. Auch die eintreffende jüdische Ghettopolizei bekam es mit der Angst zu tun, als der Soldat unbekümmert mit seinem Gewehr in der Luft herumfuchtelte. Jemand ging, um das Gestapohauptquartier zu informieren. Der Soldat war inzwischen so betrunken, daß er nicht mehr richtig stehen, geschweige denn zielen konnte. Ein mutiger Polizist hob Mischa auf, der mittlerweile sehr still geworden und über und über mit Blut beschmiert war. »Er ist tot«, sagte der Polizist. Von da an versteckten wir Kinder uns immer, wenn wir einen Wachposten auftauchen sahen. [...]

Wir waren ungefähr sechs Monate im Ghetto, als Mutters Freundin, Frau Balikenis, es ermöglichte, Carmela aus dem Ghetto zu schmuggeln. Einige Zeit, nachdem der Priester gehängt worden war, hatte sich eine geheime Organisation im Umfeld der katholischen Kirche gebildet, die das Ziel hatte, Juden zu helfen, ohne dabei Menschenleben zu gefährden. Die Organisation versuchte hauptsächlich, jüdische Mädchen zu retten, denn jüdische Jungen waren zu leicht zu identifizieren (zu der Zeit wurden im europäischen Raum nur Juden beschnitten). So wurde nur einigen wenigen Mädchen die Erlösung zuteil. Sobald die Tochter einer katholischen Familie unerwartet starb, wurden die Eltern angewiesen, ihr Kind heimlich und in aller Stille zu begraben und keinen Totenschein ausstellen zu lassen. Vermutlich war ein Arzt in die Sache eingeweiht. Der erste Schritt bestand im Herausschmuggeln eines kleinen Mädchens aus dem Ghetto in ein Kloster, in dem es von Nonnen versteckt wurde. Nach dem Tod der eigenen Tochter wurde ein jüdisches Mädchen ähnlichen Alters und gleicher äußerer Beschreibung in die trauernde Familie gegeben. So täuschte man die Deutschen. Die Aktion verlief entsprechend langsam, aber immerhin konnten einige Kinder mit Hilfe eines Urkundenfälschers zu gottesfürchtigen Leuten in Pflege gegeben werden. Die Pflegeeltern mußten hieb- und stichfeste Alibis haben, um sich vor den Denunzianten zu schützen. Ein Kind, das in Pflege genommen wurde, konnte als entfernte Verwandte ausgegeben werden, deren Mutter gestorben oder mit einem deutschen Soldaten auf und davon gegangen war. Solche und ähnlich überzeugende Geschichten sollten die Neugier der Nachbarn befriedigen. Sorgfältig gesponnene Lügen mußten mit der Hilfe und dem Segen des Klerus erfunden werden. Wie alle konspirativen Tätigkeiten war dies trotz aller Vorsicht ein gefährliches Unterfangen, und man setzte dabei viele Menschenleben aufs Spiel. Ein Litauer, der auf seinem Fuhrwerk Brot in das Ghetto lieferte, war ebenso wie der jüdische Kutscher ein Helfershelfer der Organisation. Auf dem Wagen befand sich immer ein Sack Heu für das Pferd, und dieser Sack stellte die Rettung etlicher jüdischer Mädchen dar. Hatte der Wagen sich seiner Lebensmittel entledigt und verließ das Ghetto, so befand sich in dem Heusack ein Mädchen (das, falls es noch sehr jung war, betäubt worden war). An einem vereinbarten Ort jenseits der Ghettoabsperrung wartete ein Mönch mit einem Karren; kam das Fuhrwerk an ihm vorbei, warf der Bauer den Sack in den Straßengraben, der dann von dem Mönch, der wie zufällig die Straße kehrte, auf den Karren geladen wurde. Dieser brachte das Bündel zum nächstgelegenen Kloster, wo die Nonnen sich seiner annahmen.

Eines Tages kam ein Mann zu uns nach Hause und gab Carmela eine Spritze. Kurze Zeit später fiel sie wie eine leblose Puppe um. Der Mann klebte ihr ein Pflaster über den Mund, legte sie in den Sack voll Heu und machte viele Löcher in Höhe ihrer Nase hinein, damit sie atmen konnte. Mutters Freund, Onkel Hans, hüllte den Sack in seinen Mantel und rannte zu dem wartenden Karren. Der andere Mann hielt Mutter fest, damit sie Hans nicht hinterherlief, und versicherte ihr, daß sie nichts zu befürchten hatte, daß es Carmela gut gehe und sie sicher im Kloster aufwachen werde. Mutter weinte, bis Hans zurückkam. »Es ging alles gut«, keuchte er, vom Laufen außer Atem. »Ich sah den Karren durch das Tor fahren.« Mir wurde eingebleut, niemandem von Carmelas Verschwinden zu erzählen, selbst meiner besten Freundin Masha nicht. Falls die Erwachsenen mich fragten, sollte ich sagen, daß Carmela vermutlich in den Brunnen gefallen sei. Wenn Kinder auf Carmelas Art verschwanden, so galt der Brunnen als nützliche Ausrede, da er in der Tat manchen von uns zum Verhängnis wurde. [...]

Und schließlich ließ Frau Balikenis die Nachricht von der wohlbehaltenen Ankunft Carmelas und ihrer allmählichen Eingewöhnung im Kloster meiner Mutter bei der Arbeit zukommen.


Der Kinderspielplatz

Da die meisten Erwachsenen Zwangsarbeit leisten mußten, blieb das Ghetto tagsüber das Reich der Kinder. Natürlich war der Judenrat stets wachsam, aber abgesehen davon war es unsere Welt. Wie Katzen steckten wir unsere Reviere ab und spielten hauptsächlich mit den Kindern in unserer Straße. Ein großes Feld mit einem tiefen Graben in der Nähe unseres Hauses wurde das von uns Kindern streng bewachte Territorium. Für uns war das Feld Treffpunkt und Spielplatz in einem, und alle Kinder wurden von ihm angezogen, wie die Ratten von der Kanalisation. Es gab dort eine Menge Ratten, manche mit sehr langen Schwänzen, kleine graue und große braune, und sogar schwarze Ratten. Trotz unserer Furcht, vor allem von uns Mädchen, konnte uns niemand von dieser Müllkippe wegbringen. Im Winter war das Feld voller Krähen. Sie beklagten ihr Schicksal und sahen auf dem weißen Schnee noch finsterer aus als sonst. Einige von ihnen wurden Opfer der Jagd und landeten, von einer Steinschleuder getötet, in einem Kochtopf. Die Jungen bauten Schleudern aus Metallstäben oder Zweigen, an denen eine Schnur oder ein Gummi befestigt wurde, die sie aus den Kleidern, die vor der Reparaturwerkstatt lagen, hatten. Sie griffen zurück auf die einfachen Waffen, mit denen schon David den Goliath getötet hatte.

Im Winter war das brachliegende Feld ein gefährlicher Ort, da der dicke Schneemantel die tiefen Spalten und Löcher heimtückisch verdeckte. Man konnte in ihnen spurlos verschwinden und bis zur ersten Schneeschmelze unentdeckt bleiben. Einem Jungen wurde das Feld zur Falle. Er war zu groß, um in den Brunnen zu fallen, so machten sich seine Eltern zusammen mit der Polizei auf, um ihn auf dem Feld zu suchen. Als sie ihn endlich fanden, war er erfroren. Seine Füße hatten sich im Stacheldraht verfangen, ohne daß er sich selbst hatte befreien können. Niemand hatte seine Hilfeschreie gehört. Nach diesem Vorfall waren wir überaus vorsichtig und gingen niemals mehr im Dunkeln dorthin - wir waren nun gewarnt.


Kinderthemen

Morgens, sobald die Erwachsenen zur Arbeit aufgebrochen waren, schlichen wir uns in irgendein Haus, um auf jedem verfügbaren Blatt Papier das Kästchenspiel mit Nullen und Kreuzen zu spielen oder über unsere Lieblingsthemen - das Essen und das Ende des Krieges - zu sprechen. Haime hatte von seinem Vater und dieser wiederum von Litauern erfahren, daß die Amerikaner in den Krieg eingetreten und so stark seien, daß sie die Deutschen und alle anderen grausamen Leute töten könnten. Und wir würden dann aus dem Ghetto befreit werden und könnten nach Hause gehen. Ich hoffte so sehr, daß dies bald geschehen würde, da ich endlich meinen Vater und meinen Großvater wiedersehen wollte. Ich beneidete alle Kinder, deren Väter nicht in die Arbeitslager geschickt worden waren. Ein Mädchen brüstete sich damit, daß ihr Vater ihr Schokolade von der Arbeit mitgebracht habe. Wir glaubten ihr nicht, sprachen aber unaufhörlich darüber. Mark, dessen Vater ebenfalls abgeholt worden war, erfand Geschichten. Er erzählte immer von neuem, daß sein Vater für einen bedeutenden deutschen Kommandanten arbeite und deswegen nicht da sei. Falls wir ihn schlecht behandelten, würde der Vater den Kommandanten beauftragen, uns zu bestrafen.

Der selbsternannte Führer unserer Bande war Kiva. Er war größer als die meisten von uns und sehr herrisch; sein Wissen schien grenzenlos zu sein. Mit sicherem Instinkt spürte er immer irgendwelche Nahrungsquellen auf, und in der Regel war er freundlich zu uns. Er erzählte uns von seinem Bruder Mellamed, der aus dem Ghetto geflohen war, um in dem großen Wald bei den Partisanen zu leben, die in der Nacht kamen und die Deutschen angriffen. Ich dachte, daß die Partisanen eine Tierart seien, ähnlich dem Wolf im Märchen, der in den Wäldern lebte. Ich schämte mich, vor den anderen zuzugeben, noch nie etwas von ihnen gehört zu haben. Kiva wollte über den Zaun, um sich seinem Bruder Mellamed und den Partisanen anzuschließen, von denen ich bald erfuhr, daß sie tapfere Männer waren. Wie dumm von mir zu denken, daß es sich bei ihnen um eine Tierart handelte, wo sie doch Menschen waren, die im Wald lebten und die Deutschen bekämpften. Jeder von uns kannte jemanden, der aus dem Ghetto ausgebrochen war, um zu den Partisanen zu stoßen. Oft taten wir so, als ob wir bei ihnen im Wald wären, um uns im Kampf zu schulen und unsere Tapferkeit unter Beweis zu stellen. Aber, um ehrlich zu sein, dachte ich bei dem Wald weniger an die Partisanen als an die Beeren, diese unzähligen süßen, reifen Beeren. Kiva kam zwar über den Zaun, wurde aber auf der litauischen Seite erschossen.


(aus: Renata Yesner: Jeder Tag war Jom Kippur. Eine Kindheit im Ghetto und KZ. Frankfurt 1995, S. 42ff., 45, 51f. ,58ff., 61f., 66f.)

 


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