| Baustein 5
Renata Yesner: Jeder Tag war Jom Kippur
- Kindheit im Ghetto Kaunas
Erinnerungen eines damals 9-12jährigen Mädchens
| Klassenstufe: |
8-13 |
| Zeitaufwand: j |
je nach Klassenstufe 2-4 Unterrichtsstunden |
| Themen: |
Einrichtung von Ghettos (hier: in Litauen)
Leben im Ghetto
Kinder im Ghetto: ihre Spiele, ihre Begegnung mit der Welt der
Erwachsenen und den schwer begreiflichen Vorgängen und Regeln dieser
Welt (Wie die Wörter eine Bedeutung bekommen)
Umgang der Ghettobewohner miteinander
Rettung von Kindern |
| Kombination: |
Literarische Behandlung der Rettung von Kindern aus
dem Ghetto im Baustein 8. |
Ihren Erinnerungen an Ghetto und KZ gab Renata Yesner (geb.
vermutlich 1932) den Titel Jeder Tag war Jom Kippur und sie erklärt das
als „Tag der Buße", an dem ein strenges Fastengebot gilt, um Entsühnung
für alle Schuld zu erlangen. Als die deutschen Truppen im von den Russen
annektierten Litauen einmarschierten (1941), wurde Renatas Vater
deportiert, der Rest der Familie zum Umzug in das neu eingerichtete
Ghetto an der Peripherie von Kaunas gezwungen.
Im ersten Text erzählt sie von der Ankunft im Ghetto und dem Einzug in
der neuen Wohnung. An die Rolle des auf Anweisung der Deutschen
eingerichteten Judenrats erinnert sie sich im zweiten Text. Der dritte
Text zeigt, wie wichtig und problematisch Ernährung und Versorgung für
die Ghettobewohner waren. Da auch die Kinder ständig bedroht waren,
versuchten Eltern, die die Möglichkeit dazu hatten, ihre Kinder - oder
wenigstens eines davon - aus dem Ghetto zu retten. Renata Yesner erzählt
im vierten Text, wie ein Freund von ihr getötet und ihre Schwester
Carmela aus dem Ghetto hinausgeschmuggelt wurde. Der fünfte Text gibt
Einblicke in die Spiele und den Spielplatz der Kinder im Ghetto - Renata
Yesner war neuen Jahre alt, als das Ghetto errichtet wurde. Der sechste
Text zeigt, worüber die Kinder im Ghetto sprachen.
Arbeitshinweise:
Für die jüngeren Schüler empfiehlt sich Gruppenarbeit zu verschiedenen
Aspekten (Wohnen, Essen, Familie, Spiele, Gewalt und Unrecht im
Ghetto-Alltag ...). Das ließe sich vorbereiten durch Festhalten der
eigenen Erfahrungen und Erwartungen zu diesen Punkten. Die Konfrontation
der eigenen Lebenswelt mit den Erfahrungen der Kinder im Ghetto könnte
ganz ohne Zeigefinger eindrücklich sein.
Die älteren Schüler können sich, ausgehend von dem Bericht, historische
Kenntnisse über die Lebensbedingungen in den Ghettos erwerben, sie
erweitern und konkretisieren.
Schließlich wäre im Deutschunterricht auch interessant eine Untersuchung
der besonderen Erzählperspektive (Erinnerungen eines Kindes aus seiner
kindlichen Sicht, aufgeschrieben von einer Erwachsenen) und der im
Nachwort von Mona Körte hervorgehobenen Begegnung mit der Wirklichkeit
durch den Erwerb der „neuen Wörter". Der kindliche Versuch, ihren
Bedeutungen in märchenhafte eigene Deutungen zu entkommen, wird von dem
Kind immer wieder gemacht; die Ent-Täuschung ist dann um so härter.
Denkbar wäre auch die Lektüre des ganzen Taschenbuches, das mit
Erinnerungen an die Kinderzeit in den Dreißiger Jahren beginnt und nach
den drei Ghettojahren (1941-44) das eigentlich unmögliche Überleben in
einem Arbeitslager des KZ Stutthof schildert. Ein Epilog und das
Nachwort informieren über die weiteren Schicksale der Autorin, vor allem
aber über die vollkommene Verdrängung, die die Mutter dem Kind auferlegt
hatte und welche die Tochter erst mit etwa vierzig Jahren unter
Schmerzen durchbrechen kann durch die Rekonstruktion ihrer Erinnerungen
in der „Autobiographie eines Kindes".
Barbara Heckel
Renata Yesner:
Jeder Tag war Jom Kippur
Einzug und Wohnen im Ghetto Kaunas
Als wir an das breite Tor kamen, wurde unser Gepäck durchwühlt, und auch
wir wurden von den Männern in schwarzer Uniform sorgfältig durchsucht.
Ein Mann mit einem gelben Stern gab unserem Bauern Anweisungen, und wir
fuhren durch das Tor einen schmalen Pfad entlang in Richtung einer
Ansammlung von Hütten, von denen eine unser neues Zuhause war. [...]
Ein Mann mit einer weißen Armbinde begleitete uns ins Haus. Dort
befanden sich viele Leute, und ich fragte mich, was sie wohl in unserem
Haus zu suchen hätten. Bald wurde mir mitgeteilt, daß wir den Wohnraum
mit all diesen Menschen teilen mußten. [...]
Ich machte mich auf, um die fremde Umgebung zu erkunden. Neben dem Haus
standen hölzerne Verschläge wie in Kalautuva sowie ein vertrauter
Brunnen, nur war dieser nicht in Holz eingefaßt, sondern aus häßlichem
grauen Zement. Ich spazierte durch den Dschungel der Vegetation, um die
Vorderseite des Hauses zu betrachten, und Carmela ließ ich zurück. Der
Garten war plötzlich zu Ende. Ich sah auf, und ein furchterregender,
riesiger Stacheldrahtzaun starrte auf mich herab. (Die Vorderseite
unseres Hauses war weniger als fünf Meter von diesem Zaun entfernt - ein
seltenes Ereignis im Ghetto.) Ich war gerade im Begriff, mir diesen Zaun
näher anzuschauen, als lautes Rufen mich davon abhielt: »Komm sofort
zurück!« Ich hastete zurück, während der Mann mit der weißen Armbinde
mir eine Lektion erteilte. »Unter keinen Umständen darfst du zur
Vorderseite des Hauses gehen«, schimpfte der Mann, und brachte Carmela
zum Weinen. Er hob Carmela auf und setzte, von ihrem Schluchzen
unberührt, seine Tirade fort: »Du darfst diesem Zaun niemals zu nahe
kommen, sonst wirst du erschossen.« Ich verstand nicht genau, was er
meinte, aber das Wort »erschießen« erinnerte mich an den blutenden Mann
auf der Bahre, von dem die Lehrerinnen gesagt hatten, daß ihn ein Schuß
getroffen habe. Ich wollte nicht über und über voll mit Blut sein wie
dieser Mann, deshalb hörte ich ganz genau zu. »Auf der anderen Seite des
Stacheldrahtzauns patrouilliert ein Soldat. Du kannst froh sein, daß er
dich nicht gesehen hat. Er hat Befehl zu schießen; du mußt gut auf deine
Schwester aufpassen, darfst sie nicht loslassen und dich niemals, hörst
du, niemals dem Zaun nähern.« [...]
Der uns zugewiesene Teil des Hauses hatte zwei Räume und eine winzige
Küche, die gleichzeitig als Eingang diente. Zur Linken befand sich ein
schmaler Raum, in dem vier Leute wohnten, und geradeaus lag unser Raum,
der etwas größer war und ein großes Fenster hatte, das den Blick auf den
verbotenen, häßlichen Zaun freigab.
Der Bauer war gerade damit beschäftigt, Nägel in die Deckenbalken zu
schlagen, an denen wir behelfsmäßig Trennwände und Vorhänge befestigen
sollten, um den Platz für zwei Familien aufzuteilen. In unserer
Zimmerhälfte stand ein Bett an der Wand, das andere paßte zwischen das
Ende des Bettes und das große Fenster. Direkt unter das Fenster stellte
Mutter unser einziges erlaubtes Möbelstück - eine riesige hölzerne
Truhe, die halb so lang wie das Bett und beinahe so lang wie das Fenster
war. Wir verstauten in ihr unsere Küchenutensilien und Lebensmittel.
[...]
Über die L-förmige Anordnung der Betten wurde eine Konstruktion von
querhängenden Holzteilen befestigt, die als Ablage für Koffer und
ähnliches diente. Die restlichen Koffer wurden unter den Betten
verstaut, um uns wenigstens etwas Bewegungsfreiheit zu ermöglichen.
Später wurde der Hängeboden über den Betten leichter, da wir alles, was
wir besaßen, gegen Lebensmittel eingetauscht hatten. Zum jetzigen
Zeitpunkt aber wären wir von der Last der Konstruktion, hätte sie sich
gelöst, erschlagen worden. Mir war es verboten, auf dem Bett zu stehen
oder die Konstruktion mit den Koffern zu berühren. Ich schlief bei
Großmutter, Carmela bei Mutter im Bett.
Der Judenrat
Die Hauptquartiere des Judenrats befanden sich an einer abschüssigen
Straße des Ghettos, in unmittelbarer Nähe zu den Räumen der Gestapo. In
diesen Räumen erteilten der Kommandant und seine Untergebenen Befehle
und überprüften die Effizienz des Judenrats und dessen großen Stabs von
Polizisten mit den weißen Armbinden. Um ihre Aufgaben waren sie nicht zu
beneiden. Als erstes mußten sie immer dafür sorgen, daß alle Befehle der
Deutschen strikt befolgt wurden; sie mußten danach sehen, daß die gelben
Sterne aufgenäht waren, Bäume nicht gefällt wurden, der Handel über den
Zaun unterblieb und vor allem die Flucht der Ghettobewohner verhindert
wurde. Manche Ghettobewohner versuchten zu fliehen und waren auch
erfolgreich, dies hatte jedoch für die übrigen Bewohner schlimme Folgen.
Manche versuchten sogar Radios zu bauen, was strengstens verboten war
und mit dem Tod bestraft wurde, wenn man es entdeckte.
Versorgung, Ernährung und Tausch
Nachdem der Judenrat eine Volkszählung durchgeführt hatte, teilte er
Marken als Zahlungsmittel für die Geschäfte aus, die sich hauptsächlich
in der Nähe der Ghettotore befanden. Gewöhnliche geschäftliche
Transaktionen fanden nicht statt, da wir kein Geld hatten, aber die
kostbaren Marken hüteten wir wie unsere Augäpfel. Jeden Tag wurden
Nahrungsmittel ins Ghetto gebracht - altbackenes Brot, Buchweizen,
faulige Kartoffeln, Weißkohl, Zuckerrüben, gefrorenes Pferdefleisch,
angeblich von der russischen Front, und andere Ware, die von den
zweitklassigen Bürgern Litauens zurückgewiesen worden war.
»Schweinefraß« nannten die Erwachsenen das Brot. »Das Beste des
Getreides wurde schon herausgenommen, und wir bekommen nur die Schalen.«
Die Ironie dabei war, daß man zu dieser Zeit wenig über den Wert des
Korns und der Vitamine wußte, so daß wir zu guter Letzt eigentlich doch
das Beste bekamen.
Es bildete sich immer eine lange Schlange vor dem Geschäft, und
manchmal, wenn wir endlich an die Reihe kamen, war das Brot gerade
ausgegangen. Mütter, die Milch für ihre Kinder brauchten, hatten kaum
genug Marken für das Brot. Auch Paraffin, Spiritus, Ersatzkaffee und hin
und wieder solche Luxusartikel wie Margarine, Eier und Milchpulver
konnte man erstehen. Dafür benötigte man aber eine große Anzahl von
Coupons, die Großmutter nur selten bekam, außerdem fehlte es uns dann an
Marken für Brot. Carmela bekam Milch, aber ich war ja schon groß. Im
Winter waren die Kartoffeln gefroren und hatten einen süßlichen
Geschmack; manchmal waren die Zwiebeln verfault, aber das Innere konnte
man noch verwenden. Die Kartoffeln schälten wir nie, dafür rieb
Großmutter sie sehr gut ab. Die Personen, die allein von den Marken
abhängig waren, um sich über Wasser zu halten, hatten nur eine sehr
kleine Überlebenschance. Deshalb gab es einen lebhaften Austausch von
Wertgegenständen, für die man im Gegenzug Nahrungsmittel bekam. [...]
Wenn meine Mutter einen Schal oder Handschuhe mit zur Arbeit nahm, war
ich neugierig darauf, was sie statt dessen zurückbrachte. Es konnte
geräucherter Schinken, Käse oder gar Zucker sein. Es mußte immer unter
ihrem Mantel versteckt werden, da es strengstens verboten war, Waren in
das Ghetto zu bringen. Ghettobewohner, die nicht arbeiteten, benutzten
andere zu Schmuggeldiensten. Es gab auch etablierte Schmuggler, die den
Verkehr über den Zaun regelten. Ein litauischer Händler arrangierte
diese Tauschaktionen; wo und wann, hatte er mit einem Wächter, der ein
Auge zudrückte, abgesprochen.
Der Tod Mischas und die Rettung Carmelas
Die meiste Zeit verbrachte ich entweder mit Schlangestehen oder mit der
Bewachung unseres Beetes und der Aufsicht über Carmela. Dennoch gelang
es mir, Freundschaften mit den Nachbarskindern zu schließen. Ein Junge
namens Mischa spielte eines Tages in der Nähe der Ghettogrenze und wurde
von einem betrunkenen Soldaten angeschossen. Jeder von uns wußte, daß es
verboten war, sich dem Zaun auf fünf Meter zu nähern, Mischa hatte auch
weit davon entfernt gespielt. Der Soldat stand da, lachend und taumelnd
mit der Flasche in der Hand. Mischa schrie, aber wir wagten es nicht,
uns ihm zu nähern, aus Angst, selbst getroffen zu werden. Auch die
eintreffende jüdische Ghettopolizei bekam es mit der Angst zu tun, als
der Soldat unbekümmert mit seinem Gewehr in der Luft herumfuchtelte.
Jemand ging, um das Gestapohauptquartier zu informieren. Der Soldat war
inzwischen so betrunken, daß er nicht mehr richtig stehen, geschweige
denn zielen konnte. Ein mutiger Polizist hob Mischa auf, der
mittlerweile sehr still geworden und über und über mit Blut beschmiert
war. »Er ist tot«, sagte der Polizist. Von da an versteckten wir Kinder
uns immer, wenn wir einen Wachposten auftauchen sahen. [...]
Wir waren ungefähr sechs Monate im Ghetto, als Mutters Freundin, Frau
Balikenis, es ermöglichte, Carmela aus dem Ghetto zu schmuggeln. Einige
Zeit, nachdem der Priester gehängt worden war, hatte sich eine geheime
Organisation im Umfeld der katholischen Kirche gebildet, die das Ziel
hatte, Juden zu helfen, ohne dabei Menschenleben zu gefährden. Die
Organisation versuchte hauptsächlich, jüdische Mädchen zu retten, denn
jüdische Jungen waren zu leicht zu identifizieren (zu der Zeit wurden im
europäischen Raum nur Juden beschnitten). So wurde nur einigen wenigen
Mädchen die Erlösung zuteil. Sobald die Tochter einer katholischen
Familie unerwartet starb, wurden die Eltern angewiesen, ihr Kind
heimlich und in aller Stille zu begraben und keinen Totenschein
ausstellen zu lassen. Vermutlich war ein Arzt in die Sache eingeweiht.
Der erste Schritt bestand im Herausschmuggeln eines kleinen Mädchens aus
dem Ghetto in ein Kloster, in dem es von Nonnen versteckt wurde. Nach
dem Tod der eigenen Tochter wurde ein jüdisches Mädchen ähnlichen Alters
und gleicher äußerer Beschreibung in die trauernde Familie gegeben. So
täuschte man die Deutschen. Die Aktion verlief entsprechend langsam,
aber immerhin konnten einige Kinder mit Hilfe eines Urkundenfälschers zu
gottesfürchtigen Leuten in Pflege gegeben werden. Die Pflegeeltern
mußten hieb- und stichfeste Alibis haben, um sich vor den Denunzianten
zu schützen. Ein Kind, das in Pflege genommen wurde, konnte als
entfernte Verwandte ausgegeben werden, deren Mutter gestorben oder mit
einem deutschen Soldaten auf und davon gegangen war. Solche und ähnlich
überzeugende Geschichten sollten die Neugier der Nachbarn befriedigen.
Sorgfältig gesponnene Lügen mußten mit der Hilfe und dem Segen des
Klerus erfunden werden. Wie alle konspirativen Tätigkeiten war dies
trotz aller Vorsicht ein gefährliches Unterfangen, und man setzte dabei
viele Menschenleben aufs Spiel. Ein Litauer, der auf seinem Fuhrwerk
Brot in das Ghetto lieferte, war ebenso wie der jüdische Kutscher ein
Helfershelfer der Organisation. Auf dem Wagen befand sich immer ein Sack
Heu für das Pferd, und dieser Sack stellte die Rettung etlicher
jüdischer Mädchen dar. Hatte der Wagen sich seiner Lebensmittel
entledigt und verließ das Ghetto, so befand sich in dem Heusack ein
Mädchen (das, falls es noch sehr jung war, betäubt worden war). An einem
vereinbarten Ort jenseits der Ghettoabsperrung wartete ein Mönch mit
einem Karren; kam das Fuhrwerk an ihm vorbei, warf der Bauer den Sack in
den Straßengraben, der dann von dem Mönch, der wie zufällig die Straße
kehrte, auf den Karren geladen wurde. Dieser brachte das Bündel zum
nächstgelegenen Kloster, wo die Nonnen sich seiner annahmen.
Eines Tages kam ein Mann zu uns nach Hause und gab Carmela eine Spritze.
Kurze Zeit später fiel sie wie eine leblose Puppe um. Der Mann klebte
ihr ein Pflaster über den Mund, legte sie in den Sack voll Heu und
machte viele Löcher in Höhe ihrer Nase hinein, damit sie atmen konnte.
Mutters Freund, Onkel Hans, hüllte den Sack in seinen Mantel und rannte
zu dem wartenden Karren. Der andere Mann hielt Mutter fest, damit sie
Hans nicht hinterherlief, und versicherte ihr, daß sie nichts zu
befürchten hatte, daß es Carmela gut gehe und sie sicher im Kloster
aufwachen werde. Mutter weinte, bis Hans zurückkam. »Es ging alles gut«,
keuchte er, vom Laufen außer Atem. »Ich sah den Karren durch das Tor
fahren.« Mir wurde eingebleut, niemandem von Carmelas Verschwinden zu
erzählen, selbst meiner besten Freundin Masha nicht. Falls die
Erwachsenen mich fragten, sollte ich sagen, daß Carmela vermutlich in
den Brunnen gefallen sei. Wenn Kinder auf Carmelas Art verschwanden, so
galt der Brunnen als nützliche Ausrede, da er in der Tat manchen von uns
zum Verhängnis wurde. [...]
Und schließlich ließ Frau Balikenis die Nachricht von der wohlbehaltenen
Ankunft Carmelas und ihrer allmählichen Eingewöhnung im Kloster meiner
Mutter bei der Arbeit zukommen.
Der Kinderspielplatz
Da die meisten Erwachsenen Zwangsarbeit leisten mußten, blieb das Ghetto
tagsüber das Reich der Kinder. Natürlich war der Judenrat stets wachsam,
aber abgesehen davon war es unsere Welt. Wie Katzen steckten wir unsere
Reviere ab und spielten hauptsächlich mit den Kindern in unserer Straße.
Ein großes Feld mit einem tiefen Graben in der Nähe unseres Hauses wurde
das von uns Kindern streng bewachte Territorium. Für uns war das Feld
Treffpunkt und Spielplatz in einem, und alle Kinder wurden von ihm
angezogen, wie die Ratten von der Kanalisation. Es gab dort eine Menge
Ratten, manche mit sehr langen Schwänzen, kleine graue und große braune,
und sogar schwarze Ratten. Trotz unserer Furcht, vor allem von uns
Mädchen, konnte uns niemand von dieser Müllkippe wegbringen. Im Winter
war das Feld voller Krähen. Sie beklagten ihr Schicksal und sahen auf
dem weißen Schnee noch finsterer aus als sonst. Einige von ihnen wurden
Opfer der Jagd und landeten, von einer Steinschleuder getötet, in einem
Kochtopf. Die Jungen bauten Schleudern aus Metallstäben oder Zweigen, an
denen eine Schnur oder ein Gummi befestigt wurde, die sie aus den
Kleidern, die vor der Reparaturwerkstatt lagen, hatten. Sie griffen
zurück auf die einfachen Waffen, mit denen schon David den Goliath
getötet hatte.
Im Winter war das brachliegende Feld ein gefährlicher Ort, da der dicke
Schneemantel die tiefen Spalten und Löcher heimtückisch verdeckte. Man
konnte in ihnen spurlos verschwinden und bis zur ersten Schneeschmelze
unentdeckt bleiben. Einem Jungen wurde das Feld zur Falle. Er war zu
groß, um in den Brunnen zu fallen, so machten sich seine Eltern zusammen
mit der Polizei auf, um ihn auf dem Feld zu suchen. Als sie ihn endlich
fanden, war er erfroren. Seine Füße hatten sich im Stacheldraht
verfangen, ohne daß er sich selbst hatte befreien können. Niemand hatte
seine Hilfeschreie gehört. Nach diesem Vorfall waren wir überaus
vorsichtig und gingen niemals mehr im Dunkeln dorthin - wir waren nun
gewarnt.
Kinderthemen
Morgens, sobald die Erwachsenen zur Arbeit aufgebrochen waren, schlichen
wir uns in irgendein Haus, um auf jedem verfügbaren Blatt Papier das
Kästchenspiel mit Nullen und Kreuzen zu spielen oder über unsere
Lieblingsthemen - das Essen und das Ende des Krieges - zu sprechen.
Haime hatte von seinem Vater und dieser wiederum von Litauern erfahren,
daß die Amerikaner in den Krieg eingetreten und so stark seien, daß sie
die Deutschen und alle anderen grausamen Leute töten könnten. Und wir
würden dann aus dem Ghetto befreit werden und könnten nach Hause gehen.
Ich hoffte so sehr, daß dies bald geschehen würde, da ich endlich meinen
Vater und meinen Großvater wiedersehen wollte. Ich beneidete alle
Kinder, deren Väter nicht in die Arbeitslager geschickt worden waren.
Ein Mädchen brüstete sich damit, daß ihr Vater ihr Schokolade von der
Arbeit mitgebracht habe. Wir glaubten ihr nicht, sprachen aber
unaufhörlich darüber. Mark, dessen Vater ebenfalls abgeholt worden war,
erfand Geschichten. Er erzählte immer von neuem, daß sein Vater für
einen bedeutenden deutschen Kommandanten arbeite und deswegen nicht da
sei. Falls wir ihn schlecht behandelten, würde der Vater den
Kommandanten beauftragen, uns zu bestrafen.
Der selbsternannte Führer unserer Bande war Kiva. Er war größer als die
meisten von uns und sehr herrisch; sein Wissen schien grenzenlos zu
sein. Mit sicherem Instinkt spürte er immer irgendwelche Nahrungsquellen
auf, und in der Regel war er freundlich zu uns. Er erzählte uns von
seinem Bruder Mellamed, der aus dem Ghetto geflohen war, um in dem
großen Wald bei den Partisanen zu leben, die in der Nacht kamen und die
Deutschen angriffen. Ich dachte, daß die Partisanen eine Tierart seien,
ähnlich dem Wolf im Märchen, der in den Wäldern lebte. Ich schämte mich,
vor den anderen zuzugeben, noch nie etwas von ihnen gehört zu haben.
Kiva wollte über den Zaun, um sich seinem Bruder Mellamed und den
Partisanen anzuschließen, von denen ich bald erfuhr, daß sie tapfere
Männer waren. Wie dumm von mir zu denken, daß es sich bei ihnen um eine
Tierart handelte, wo sie doch Menschen waren, die im Wald lebten und die
Deutschen bekämpften. Jeder von uns kannte jemanden, der aus dem Ghetto
ausgebrochen war, um zu den Partisanen zu stoßen. Oft taten wir so, als
ob wir bei ihnen im Wald wären, um uns im Kampf zu schulen und unsere
Tapferkeit unter Beweis zu stellen. Aber, um ehrlich zu sein, dachte ich
bei dem Wald weniger an die Partisanen als an die Beeren, diese
unzähligen süßen, reifen Beeren. Kiva kam zwar über den Zaun, wurde aber
auf der litauischen Seite erschossen.
(aus: Renata Yesner: Jeder Tag war Jom Kippur. Eine Kindheit im Ghetto
und KZ. Frankfurt 1995, S. 42ff., 45, 51f. ,58ff., 61f., 66f.)
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