Baustein

Ghettos
Vorstufen der Vernichtung

1939-1944
Menschen in Grenzsituationen

Texte und Unterrichtsvorschläge

Hrsg: LpB, 2000




 

Inhalt

 

Baustein 7

Andrzej Sczcypiorski:

Die Rettung von Joasia Fichtelbaum
Auszüge aus Andrzej Sczcypiorski: Die schöne Frau Seidenman. Zürich 1988.
 

Klassenstufe: 9/10 
Zeitaufwand: j 2 Unterrichtsstunden
Themen: Lage der Kinder im Ghetto
Hilfsbereitschaft und Gefährdung polnischer Mitbürger
Christliche Taufe der jüdischen Kinder
Problematik der Identität (Leiden der Geretteten, allein „übrig" geblieben, noch lange
danach)
Rolle von Vorurteil und Klischee: das „Aussehen" (Woran erkennt man einen Juden?)
Kombination: Bericht aus einem litauischen Ghetto Baustein 5
Kinder und Jugendliche in Theresienstadt Baustein 9
Petr Ginz Baustein 10


In seinem Roman Die schöne Frau Seidenman erzählt Andrzey Sczczypiorski in vielen Episoden mit wechselnden Hauptfiguren, die zum Teil nur lose mit der Titelgestalt des Romans verknüpft sind, aber untereinander immer wieder in Beziehung stehen, aus der Zeit des Warschauer Ghettos. Vorgriffe behandeln auch die Schicksale der Überlebenden in den Jahren nach Kriegsende.

Die erste Text erzählt, wie ein kleines Mädchen aus dem Ghetto gebracht wird. Der zweite Ausschnitt schildert die Übergabe des Kindes in einem Kloster. Ein Richter - vielleicht ein früherer Kollege des Rechtsanwalts Fichtelbaum? - übergibt das Kind einer Klosterschwester. Die Hilfe geschieht aus menschlichem Pflichtgefühl aber auch gegen „bestimmte Mittel", die das Kloster erhalten hat. Aus dem religiösen Verständnis der Ordensschwestern heraus soll Joasia katholisch erzogen werden. Das könnte allerdings auch zu ihrer Tarnung notwendig werden, denn sie soll eine andere Identität erhalten.

Der Roman endet mit dem weiteren Schicksal des Mädchens Joasia (Text 3).

Diese Episode eignet sich auch für jüngere Schüler, sie ist spannend und macht doch sehr viele Aspekte deutlich. In dem Bericht von Renata Yesner findet sich dazu die eigene Erfahrung: dort wird die kleine Schwester auf diese Weise gerettet (sie geht der Familie aber durch Adoption fast verloren) Baustein 5.

Arbeitshinweise:

Die Lektüre könnte als Hausaufgabe der gemeinsamen Arbeit vorausgehen, mit einigen Lesefragen:

  • Worum geht es? Kurze Darstellung des Rettungsunternehmens und der Beteiligten
  • Wieso schlägt Suchowiak den Schönen Lolo zusammen?
  • Kreatives Schreiben:
  • Jerzy Fichtelbaum schreibt seiner Tochter Joasia einen Brief, den sie später, wenn sie alt genug ist, erhalten soll. Er versucht ihr darin zu sagen, weshalb er sie fortschickt und was das für ihn bedeutet.
  • Miriam Wewer erzählt Jahre später ihrem Mann, was sie erlebte und empfand, als sie aus dem Ghetto gebracht wurde.

Erweiterung:

Ein weiterer Ausschnitt aus dem Roman, der sich für die Klassenstufe 10 eignet, wäre das Kapitel 18, das vom Mathematikprofessor Winiar erzählt und dabei das Verhalten der Menschen außerhalb des Ghettos zu den Ereignissen hinter den Mauern zeigt. Der Text kann als geschlossene Erzählung behandelt werden.

Barbara Heckel

Baustein 7


Andrzej Sczcypiorski:

Die schöne Frau Seidenman

Die Rettung von Joasia Fichtelbaum

Im zeitigen Frühjahr 1943 hörte der Menschenschmuggel aus dem Ghetto auf, eine einträgliche Beschäftigung zu sein, weil es niemanden mehr durchzuschmuggeln gab. Die große Mehrheit der Juden war umgebracht. Die Übriggebliebenen, arme Schlucker, hatten nichts, um den Schmuggel zu bezahlen, sie hatten infolge ihres Aussehens, ihres Verhaltens und ihrer Unkenntnis der Sprache keine Chancen, auf der arischen Seite zu überleben. Die Handvoll der im Ghetto gebliebenen Juden sollte binnen kurzem im Kampfe sterben, um später in der Legende zu überleben.

Eines der letzten von Wiktor Suchowiaks jüdischen Geschäften war Joasia, die kleine Tochter des Rechtsanwalts Jerzy Fichtelbaum, der vor dem Kriege als hervorragender Verteidiger in Strafprozessen bekannt gewesen war. Nicht alle seine Klienten zeichneten sich durch so unbeugsame Grundsätze aus wie Wiktor Suchowiak, Fichtelbaum konnte also nicht damit rechnen, auf der arischen Seite zu überleben. Er sah fatal aus. Klein, dunkelhaarig, mit dunklem, dichtem Bartwuchs, olivfarbener Haut, einer klassischen jüdischen Nase, vollen Lippen, in den Augen den Ausdruck eines Hirten aus dem Lande Kanaan. Außerdem trug der Rechtsanwalt Jerzy Fichtelbaum nur wenig Geld in der Tasche und viel Verzweiflung im Herzen. Seine Frau war vor Jahresfrist an einer banalen Geschwulst gestorben, in ihrem eigenen Bett, worum sie das gesamte Mietshaus beneidet hatte. Der Rechtsanwalt war mit seinem Töchterchen Joasia, einem vernünftigen und hübschen Kind, zurückgeblieben. Kurz vor Kriegsausbruch geboren, war Joasia ein spätes Kind des Rechtsanwalts, was seine Liebe nur noch steigerte. Sein Sohn Henryk, fast neunzehn Jahre alt, lebte sein eigenes Leben und sollte seinen eigenen Tod sterben, ohne Zusammenhang mit dem Familiendrama, dafür in sehr engern Zusammenhang mit dem Drama seines Volkes und seiner Rasse. Henryk Fichtelbaum entfloh aus dem Ghetto im beginnenden Herbst des Jahres 1942 und hielt sich versteckt, ohne den Kontakt mit seinem Vater und der kleinen Schwester zu pflegen. So entschied der Rechtsanwalt Jerzy Fichtelbaum, er müsse Joasia retten, um sich desto männlicher und ruhiger auf den Tod vorzubereiten. Es war eine Entscheidung, die jeder vernünftige Mensch an Stelle des Rechtsanwalts getroffen hätte und die viele vernünftige Menschen damals trafen.

Wie bereits erwähnt, waren die Nazis zwar die grausamsten Totalitaristen in der Geschichte. Weil sie sich aber dermaßen an die Spitze der Menschheit drängten und nach dem Lorbeer der Erstrangigkeit in der modernen Welt griffen, waren sie noch unerfahren, und es kam bei ihnen zu Versäumnissen. Zum Beispiel funktionierten die Telefonverbindungen zwischen dem Ghetto und der arischen Seite unbeeinträchtigt bis zur endgültigen Vernichtung des jüdischen Stadtteils; infolgedessen konnte der Rechtsanwalt Jerzy Fichtelbaum auf telefonischem Wege bestimmte Einzelheiten für die Rettung Joasias vereinbaren. Die Nazis schnitten nicht nur die Verbindungen nicht ab, sie beschäftigten sich nicht einmal mit dem Abhören, was in späteren Jahren Wiktor Suchowiak - und nicht nur er - im Licht der normalen Erfahrungen der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts nicht begreifen konnte. So jedoch war es, und dank dem konnte Joasia Fichtelbaum bis in unsere Tage überleben.

Eines Abends im Frühling nahm Wiktor Suchowiak sie bei der Hand, streichelte ihr das Haar und sagte: »Jetzt geht der Onkel mit dir spazieren«

Und der Rechtsanwalt Jerzy Fichtelbaum sagte sehr leise. »Ja, Joasia. Und du mußt dem Onkel gehorchen.«

Das Kind nickte. Der Rechtsanwalt sagte mit etwas heiserer Stimme. »Gehen Sie schon...«

»Gut«, antwortete Wiktor Suchowiak. »Sie können ganz ruhig sein.«

»Und dem Kind kein Wort«, sagte der Rechtsanwalt. »Nie ein Wort ...«

»Ich werde das alles weitergeben, machen Sie sich deshalb keine Sorgen.«

»Los!« rief der Rechtsanwalt plötzlich und drehte sich zur Wand um.

Wiktor Suchowiak ergriff wieder Joasias Händchen, und sie verließen beide die Wohnung. Der Rechtsanwalt Jerzy Fichtelbaum stöhnte, das Gesicht zur Wand gedreht, aber sehr leise, weil er niemandem Kummer bereiten wollte, am wenigsten seinem Töchterchen.

»Der Onkel bittet dich, nicht zu weinen«, sagte Wiktor Suchowiak zu dem Mädchen. »Am besten sag' gar nichts, sondern atme nur.«

Das Kind nickte wieder.

Sie traten auf die leere Straße. Wiktor Suchowiak kannte den Weg. Die Wache war nach dem Tarif für einen ungezielten Schuß bezahlt. Sie gingen vorbei. Aber nicht einmal der Schuß fiel. An diesem Abend waren die Wachmänner zu träge.

Doch nicht alle gaben sich dem Dolce far niente hin. Unweit der Mauer trieb sich auf der arischen Seite ein eleganter junger Mann herum, den man in Szmalcownik-Kreisen als den Schönen Lolo kannte. [...]

An diesem Abend ging er gerade spazieren und dachte gar nicht ans Jagen. Der Zufall führte ihn in die Nähe des Krasi´nski-Platzes, der Zufall ließ ihn Wiktor Suchowiak begegnen, der ziemlich schnell den Bürgersteig der Miodowa-Straße entlangging und ein jüdisches Kind an der Hand führte. Wiktor Suchowiak war ein brünetter, dunkelhaariger Mensch von der Anmut eines versoffenen Zigeuners. Kaum erblickte der Schöne Lolo das sonderbare Paar, da spürte er den Schauer des Jägers. Er näherte sich Suchowiak und sagte. »Wohin eilst du so, Mosiek?«

»Werter Herr, das ist ein lrrtum«, entgegnete Wiktor Suchowiak.

»Du zerrst diese Salcia hinter dir her, daß sie keine Luft mehr kriegt«, fuhr der Schöne Lolo in scherzhaftem Ton fort. »Halt an, wir gehen in diese Toreinfahrt.«

»Werter Herr, was wollen Sie überhaupt?« fragte Wiktor Suchowiak und blickte sich ängstlich in der Runde um. Die Straße war leer. Im Hintergrund nur hörte man das Quietschen der Straßenbahn. Ein kaum erkennbarer violetter Streifen bewegte sich im Dunkel. Der Schöne Lolo schubste Wiktor auf das nächste Haustor zu.

»Wir reden miteinander«, sagte er im Ernst.

»Werter Herr, ich bin kein Jude«, verwahrte sich Wiktor Suchowiak.

»Das wird man sehen«, entgegnete Lolo, »zeig deine Pfeife.1«

»Das Kind ... «, wandte Wiktor Suchowiak ein.

»Mach mich nicht mit dem Kind verrückt!« rief Lolo. »Zeig deine Pfeife!«

»Joasia«, sagte Wiktor Suchowiak heiter zu dem kleinen Mädchen, »dreh dich zur Wand und steh still!«

Schweigend gehorchte Joasia dem Onkel. Wiktor Suchowiak knöpfte seinen Mantel auf, beugte den Kopf leicht vor und schlug dann Lolo mit dem Ellbogen heftig gegen den Kiefer. Lolo wankte, schrie auf und lehnte sich an die Wand. Wiktor Suchowiak führte einen kurzen Stoß gegen Lolos Magen, und als dieser sich etwas zusammenkrümmte, rammte er ihm das Knie in den Schritt. Lolo stöhnte und erhielt wieder einen Schlag gegen den Kiefer, dann einen zweiten auf die Nasenwurzel. Ein Blutstrom ergoß sich. Der Schöne Lolo glitt zu Boden. Wiktor Suchowiak beugte sich vor, bemerkte aber Joasias Blick und rief: »Dreh dich um, ich bitte dich.«

Das Kind drehte sich um. Wiktor Suchowiak sagte leise zu Lolo: »Du Miststück, das nächste Mal ziehe ich dir die Haut ab! Jetzt gibt her deinen Waisengroschen!«

Der Schöne Lolo blutete heftig, er empfand einen schrecklichen Schmerz, Schwindel im Kopf und Bitterkeit und Entsetzen im Herzen.

»Ich habe nichts«, murmelte er. Ein Fußtritt beförderte ihn mit dem Gesicht auf den Boden. Unter seiner Backe spürte er den Zement und am gesamten Körper die flinken Hände seines Peinigers. Wiktor Suchowiak ertastete Brieftasche und Portemonnaie. Seine Bewegungen blieben ganz ruhig. Sorgfältig zählte er die Geldscheine.

»Wen hast du heute bearbeitet?« fragte er. »Soviel Geld verdiene ich in einem Monat.«

Er sagte nicht die Wahrheit, denn er verdiente mehr, sah aber keinen Grund, den blutenden Räuber in seine Geschäfte einzuführen. Das Portemonnaie warf er neben Lolos Kopf.

»Da hast du was für die Straßenbahn«, sagte er. »Und mach einen Bogen um mich!«

Er nahm Joasia bei der Hand und sagte: »Der Herr ist krank, er ist im Kopf durcheinander.«

Sie verließen den Hauseingang.

1 Er will sehen, ob W. beschnitten, also Jude ist.

(aus: Andrzej Sczcypiorski: Die schöne Frau Seidenman. Zürich 1988, S. 102-109.)
 



Die Übergabe Joasias in ein Kloster

Der Richter Romnicki lächelte und sagte »Welch angenehme Kühle hier.«

Schwester Weronika antwortete, auf der Seite zum Gemüsegarten hin werde es manchmal heiß, doch die aus alter Zeit stammenden Klostermauern seien dick und das bewirke, daß innen gewöhnlich Kühle herrsche.

»Ich habe dieses Kind gebracht«, sagte der Richter und strich Joasia leicht über das dunkle Köpfchen, »wie es verabredet war.«

»Ich verstehe, Herr Richter«, sagte die Schwester und betrachtete das Mädchen. »Sie ist ein bißchen zu dunkel«, fügte sie nach einer Weile hinzu.

»Das kann man sich heutzutage nicht aussuchen, Schwester.«

»Ich will die Sache nicht auf Spitz und Knopf stellen, aber Sie verstehen, Herr Richter.«

»Der Mensch versteht heutzutage mehr als gut tut«, sagte der Richter sentenziös und streichelte wieder Joasias Haar. »Ein bezauberndes kleines Mädchen.«

»Man muß immer hoffen, Herr Richter.«

»Wie festgelegt wurde, hat die Frau Oberin bereits bestimmte Mittel erhalten«, sagte der Richter. »Der Krieg wird nicht ewig dauern. Außerdem stehe ich im Bedarfsfalle immer zur Verfügung.«

»Darum geht es nicht«, entgegnete die Schwester. »Wir kennen unsere Pflichten.« Jetzt strich sie dem Kind über das Haar. »Sie heißt also Joasia«, fuhr sie fort. »Noch heute bringen wir ihr ein Gebet bei.«

»Das kann nützlich sein«, sagte der Richter.

Schwester Weronika blickte aufmerksam zu ihm hoch.

»Es wird ein katholisches Kind werden, Herr Richter. Sie haben nicht nur ihren Körper hergebracht, dem schreckliche Leiden drohen könnten, sondern auch ihre verirrte Seele.«

»Meinen Sie, Schwester, sie hätte Zeit gehabt, sich zu verirren! Sie ist doch erst vier Jahre alt. Wer verirrt sich da?«

»Es ist wohl verständlich, daß wir sie katholisch erziehen. Das ist unsere Pflicht dem Kind gegenüber. Sie sind Katholik, Herr Richter, ich muß nicht nachweisen ...«

»Nun ja«, sagt der Richter und wollte schon das Gespräch beenden, empfand aber plötzlich eine doppelte Schwierigkeit. Er mußte sich von dem lieben, schweigenden Kind trennen. Und ihn bedrückte etwas Wichtiges, eine Unruhe, Bitterkeit oder gar Enttäuschung. Deshalb sagte er: »Tun Sie, Schwester, was Sie für angemessen halten. Aber daraus wird nichts.«

»Woraus wird nichts!«

»Aus diesem Katholizismus, Schwester«, sagte der Richter und wunderte sich selbst, daß eine gewisse Bosheit, ja vielleicht gar Rachsucht in seiner Stimme mitschwang.

(aus: Andrzej Sczcypiorski: Die schöne Frau Seidenman. Zürich 1988, S. 255-256.)


Joasias weiteres Schicksal

Joasia erlebte das Kriegsende als Marysia Wiewiora, als katholisches Mädchen und Waisenkind aus der Gegend von Sanok, dessen Eltern, arme Landwirte, gestorben waren. Sie lebte nach dem Krieg wie die übergroße Mehrheit ihrer Altersgenossinnen, lernte fleißig und dachte daran, Zahnärztin zu werden, weil sie flinke Hände hatte und ihr Verhalten lindernd auf die Menschen wirkte. Doch als sie zwanzig Jahre alt geworden war, vernahm sie eine Stimme, die sie rief. Und folgte ihr in Demut und Gehorsam. Sie wanderte nach Israel aus, wo sie nicht mehr Marysia Wiewiora hieß, sondern Miriam Wewer. Und sie wurde nicht Zahnärztin.


(aus: Andrzej Sczcypiorski: Die schöne Frau Seidenman. Zürich 1988, S. 259.)

 

 


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