| Baustein 7
Andrzej Sczcypiorski:
Die Rettung von Joasia Fichtelbaum
Auszüge aus Andrzej Sczcypiorski: Die schöne Frau Seidenman. Zürich
1988.
| Klassenstufe: |
9/10 |
| Zeitaufwand: j |
2 Unterrichtsstunden |
| Themen: |
Lage der Kinder im Ghetto
Hilfsbereitschaft und Gefährdung polnischer Mitbürger
Christliche Taufe der jüdischen Kinder
Problematik der Identität (Leiden der Geretteten, allein „übrig"
geblieben, noch lange
danach)
Rolle von Vorurteil und Klischee: das „Aussehen" (Woran erkennt man
einen Juden?) |
| Kombination: |
Bericht aus einem litauischen Ghetto Baustein 5
Kinder und Jugendliche in Theresienstadt Baustein 9
Petr Ginz Baustein 10 |
In seinem Roman Die schöne Frau Seidenman erzählt Andrzey Sczczypiorski
in vielen Episoden mit wechselnden Hauptfiguren, die zum Teil nur lose
mit der Titelgestalt des Romans verknüpft sind, aber untereinander immer
wieder in Beziehung stehen, aus der Zeit des Warschauer Ghettos.
Vorgriffe behandeln auch die Schicksale der Überlebenden in den Jahren
nach Kriegsende.
Die erste Text erzählt, wie ein kleines Mädchen aus dem Ghetto gebracht
wird. Der zweite Ausschnitt schildert die Übergabe des Kindes in einem
Kloster. Ein Richter - vielleicht ein früherer Kollege des Rechtsanwalts
Fichtelbaum? - übergibt das Kind einer Klosterschwester. Die Hilfe
geschieht aus menschlichem Pflichtgefühl aber auch gegen „bestimmte
Mittel", die das Kloster erhalten hat. Aus dem religiösen Verständnis
der Ordensschwestern heraus soll Joasia katholisch erzogen werden. Das
könnte allerdings auch zu ihrer Tarnung notwendig werden, denn sie soll
eine andere Identität erhalten.
Der Roman endet mit dem weiteren Schicksal des Mädchens Joasia (Text 3).
Diese Episode eignet sich auch für jüngere Schüler, sie ist spannend und
macht doch sehr viele Aspekte deutlich. In dem Bericht von Renata Yesner
findet sich dazu die eigene Erfahrung: dort wird die kleine Schwester
auf diese Weise gerettet (sie geht der Familie aber durch Adoption fast
verloren) Baustein 5.
Arbeitshinweise:
Die Lektüre könnte als Hausaufgabe der gemeinsamen Arbeit vorausgehen,
mit einigen Lesefragen:
- Worum geht es? Kurze Darstellung des Rettungsunternehmens und der
Beteiligten
- Wieso schlägt Suchowiak den Schönen Lolo zusammen?
- Kreatives Schreiben:
- Jerzy Fichtelbaum schreibt seiner Tochter Joasia einen Brief, den
sie später, wenn sie alt genug ist, erhalten soll. Er versucht ihr
darin zu sagen, weshalb er sie fortschickt und was das für ihn
bedeutet.
- Miriam Wewer erzählt Jahre später ihrem Mann, was sie erlebte und
empfand, als sie aus dem Ghetto gebracht wurde.
Erweiterung:
Ein weiterer Ausschnitt aus dem Roman, der sich für die Klassenstufe 10
eignet, wäre das Kapitel 18, das vom Mathematikprofessor Winiar erzählt
und dabei das Verhalten der Menschen außerhalb des Ghettos zu den
Ereignissen hinter den Mauern zeigt. Der Text kann als geschlossene
Erzählung behandelt werden.
Barbara Heckel
Baustein 7
Andrzej Sczcypiorski:
Die schöne Frau Seidenman
Die Rettung von Joasia Fichtelbaum
Im zeitigen Frühjahr 1943 hörte der Menschenschmuggel aus dem Ghetto
auf, eine einträgliche Beschäftigung zu sein, weil es niemanden mehr
durchzuschmuggeln gab. Die große Mehrheit der Juden war umgebracht. Die
Übriggebliebenen, arme Schlucker, hatten nichts, um den Schmuggel zu
bezahlen, sie hatten infolge ihres Aussehens, ihres Verhaltens und ihrer
Unkenntnis der Sprache keine Chancen, auf der arischen Seite zu
überleben. Die Handvoll der im Ghetto gebliebenen Juden sollte binnen
kurzem im Kampfe sterben, um später in der Legende zu überleben.
Eines der letzten von Wiktor Suchowiaks jüdischen Geschäften war Joasia,
die kleine Tochter des Rechtsanwalts Jerzy Fichtelbaum, der vor dem
Kriege als hervorragender Verteidiger in Strafprozessen bekannt gewesen
war. Nicht alle seine Klienten zeichneten sich durch so unbeugsame
Grundsätze aus wie Wiktor Suchowiak, Fichtelbaum konnte also nicht damit
rechnen, auf der arischen Seite zu überleben. Er sah fatal aus. Klein,
dunkelhaarig, mit dunklem, dichtem Bartwuchs, olivfarbener Haut, einer
klassischen jüdischen Nase, vollen Lippen, in den Augen den Ausdruck
eines Hirten aus dem Lande Kanaan. Außerdem trug der Rechtsanwalt Jerzy
Fichtelbaum nur wenig Geld in der Tasche und viel Verzweiflung im
Herzen. Seine Frau war vor Jahresfrist an einer banalen Geschwulst
gestorben, in ihrem eigenen Bett, worum sie das gesamte Mietshaus
beneidet hatte. Der Rechtsanwalt war mit seinem Töchterchen Joasia,
einem vernünftigen und hübschen Kind, zurückgeblieben. Kurz vor
Kriegsausbruch geboren, war Joasia ein spätes Kind des Rechtsanwalts,
was seine Liebe nur noch steigerte. Sein Sohn Henryk, fast neunzehn
Jahre alt, lebte sein eigenes Leben und sollte seinen eigenen Tod
sterben, ohne Zusammenhang mit dem Familiendrama, dafür in sehr engern
Zusammenhang mit dem Drama seines Volkes und seiner Rasse. Henryk
Fichtelbaum entfloh aus dem Ghetto im beginnenden Herbst des Jahres 1942
und hielt sich versteckt, ohne den Kontakt mit seinem Vater und der
kleinen Schwester zu pflegen. So entschied der Rechtsanwalt Jerzy
Fichtelbaum, er müsse Joasia retten, um sich desto männlicher und
ruhiger auf den Tod vorzubereiten. Es war eine Entscheidung, die jeder
vernünftige Mensch an Stelle des Rechtsanwalts getroffen hätte und die
viele vernünftige Menschen damals trafen.
Wie bereits erwähnt, waren die Nazis zwar die grausamsten Totalitaristen
in der Geschichte. Weil sie sich aber dermaßen an die Spitze der
Menschheit drängten und nach dem Lorbeer der Erstrangigkeit in der
modernen Welt griffen, waren sie noch unerfahren, und es kam bei ihnen
zu Versäumnissen. Zum Beispiel funktionierten die Telefonverbindungen
zwischen dem Ghetto und der arischen Seite unbeeinträchtigt bis zur
endgültigen Vernichtung des jüdischen Stadtteils; infolgedessen konnte
der Rechtsanwalt Jerzy Fichtelbaum auf telefonischem Wege bestimmte
Einzelheiten für die Rettung Joasias vereinbaren. Die Nazis schnitten
nicht nur die Verbindungen nicht ab, sie beschäftigten sich nicht einmal
mit dem Abhören, was in späteren Jahren Wiktor Suchowiak - und nicht nur
er - im Licht der normalen Erfahrungen der zweiten Hälfte unseres
Jahrhunderts nicht begreifen konnte. So jedoch war es, und dank dem
konnte Joasia Fichtelbaum bis in unsere Tage überleben.
Eines Abends im Frühling nahm Wiktor Suchowiak sie bei der Hand,
streichelte ihr das Haar und sagte: »Jetzt geht der Onkel mit dir
spazieren«
Und der Rechtsanwalt Jerzy Fichtelbaum sagte sehr leise. »Ja, Joasia.
Und du mußt dem Onkel gehorchen.«
Das Kind nickte. Der Rechtsanwalt sagte mit etwas heiserer Stimme.
»Gehen Sie schon...«
»Gut«, antwortete Wiktor Suchowiak. »Sie können ganz ruhig sein.«
»Und dem Kind kein Wort«, sagte der Rechtsanwalt. »Nie ein Wort ...«
»Ich werde das alles weitergeben, machen Sie sich deshalb keine Sorgen.«
»Los!« rief der Rechtsanwalt plötzlich und drehte sich zur Wand um.
Wiktor Suchowiak ergriff wieder Joasias Händchen, und sie verließen
beide die Wohnung. Der Rechtsanwalt Jerzy Fichtelbaum stöhnte, das
Gesicht zur Wand gedreht, aber sehr leise, weil er niemandem Kummer
bereiten wollte, am wenigsten seinem Töchterchen.
»Der Onkel bittet dich, nicht zu weinen«, sagte Wiktor Suchowiak zu dem
Mädchen. »Am besten sag' gar nichts, sondern atme nur.«
Das Kind nickte wieder.
Sie traten auf die leere Straße. Wiktor Suchowiak kannte den Weg. Die
Wache war nach dem Tarif für einen ungezielten Schuß bezahlt. Sie gingen
vorbei. Aber nicht einmal der Schuß fiel. An diesem Abend waren die
Wachmänner zu träge.
Doch nicht alle gaben sich dem Dolce far niente hin. Unweit der Mauer
trieb sich auf der arischen Seite ein eleganter junger Mann herum, den
man in Szmalcownik-Kreisen als den Schönen Lolo kannte. [...]
An diesem Abend ging er gerade spazieren und dachte gar nicht ans Jagen.
Der Zufall führte ihn in die Nähe des Krasi´nski-Platzes, der Zufall
ließ ihn Wiktor Suchowiak begegnen, der ziemlich schnell den Bürgersteig
der Miodowa-Straße entlangging und ein jüdisches Kind an der Hand
führte. Wiktor Suchowiak war ein brünetter, dunkelhaariger Mensch von
der Anmut eines versoffenen Zigeuners. Kaum erblickte der Schöne Lolo
das sonderbare Paar, da spürte er den Schauer des Jägers. Er näherte
sich Suchowiak und sagte. »Wohin eilst du so, Mosiek?«
»Werter Herr, das ist ein lrrtum«, entgegnete Wiktor Suchowiak.
»Du zerrst diese Salcia hinter dir her, daß sie keine Luft mehr kriegt«,
fuhr der Schöne Lolo in scherzhaftem Ton fort. »Halt an, wir gehen in
diese Toreinfahrt.«
»Werter Herr, was wollen Sie überhaupt?« fragte Wiktor Suchowiak und
blickte sich ängstlich in der Runde um. Die Straße war leer. Im
Hintergrund nur hörte man das Quietschen der Straßenbahn. Ein kaum
erkennbarer violetter Streifen bewegte sich im Dunkel. Der Schöne Lolo
schubste Wiktor auf das nächste Haustor zu.
»Wir reden miteinander«, sagte er im Ernst.
»Werter Herr, ich bin kein Jude«, verwahrte sich Wiktor Suchowiak.
»Das wird man sehen«, entgegnete Lolo, »zeig deine Pfeife.1«
»Das Kind ... «, wandte Wiktor Suchowiak ein.
»Mach mich nicht mit dem Kind verrückt!« rief Lolo. »Zeig deine Pfeife!«
»Joasia«, sagte Wiktor Suchowiak heiter zu dem kleinen Mädchen, »dreh
dich zur Wand und steh still!«
Schweigend gehorchte Joasia dem Onkel. Wiktor Suchowiak knöpfte seinen
Mantel auf, beugte den Kopf leicht vor und schlug dann Lolo mit dem
Ellbogen heftig gegen den Kiefer. Lolo wankte, schrie auf und lehnte
sich an die Wand. Wiktor Suchowiak führte einen kurzen Stoß gegen Lolos
Magen, und als dieser sich etwas zusammenkrümmte, rammte er ihm das Knie
in den Schritt. Lolo stöhnte und erhielt wieder einen Schlag gegen den
Kiefer, dann einen zweiten auf die Nasenwurzel. Ein Blutstrom ergoß
sich. Der Schöne Lolo glitt zu Boden. Wiktor Suchowiak beugte sich vor,
bemerkte aber Joasias Blick und rief: »Dreh dich um, ich bitte dich.«
Das Kind drehte sich um. Wiktor Suchowiak sagte leise zu Lolo: »Du
Miststück, das nächste Mal ziehe ich dir die Haut ab! Jetzt gibt her
deinen Waisengroschen!«
Der Schöne Lolo blutete heftig, er empfand einen schrecklichen Schmerz,
Schwindel im Kopf und Bitterkeit und Entsetzen im Herzen.
»Ich habe nichts«, murmelte er. Ein Fußtritt beförderte ihn mit dem
Gesicht auf den Boden. Unter seiner Backe spürte er den Zement und am
gesamten Körper die flinken Hände seines Peinigers. Wiktor Suchowiak
ertastete Brieftasche und Portemonnaie. Seine Bewegungen blieben ganz
ruhig. Sorgfältig zählte er die Geldscheine.
»Wen hast du heute bearbeitet?« fragte er. »Soviel Geld verdiene ich in
einem Monat.«
Er sagte nicht die Wahrheit, denn er verdiente mehr, sah aber keinen
Grund, den blutenden Räuber in seine Geschäfte einzuführen. Das
Portemonnaie warf er neben Lolos Kopf.
»Da hast du was für die Straßenbahn«, sagte er. »Und mach einen Bogen um
mich!«
Er nahm Joasia bei der Hand und sagte: »Der Herr ist krank, er ist im
Kopf durcheinander.«
Sie verließen den Hauseingang.
1 Er will sehen, ob W. beschnitten, also Jude ist.
(aus: Andrzej Sczcypiorski: Die schöne Frau Seidenman. Zürich 1988, S.
102-109.)
Die Übergabe Joasias in ein Kloster
Der Richter Romnicki lächelte und sagte »Welch angenehme Kühle hier.«
Schwester Weronika antwortete, auf der Seite zum Gemüsegarten hin werde
es manchmal heiß, doch die aus alter Zeit stammenden Klostermauern seien
dick und das bewirke, daß innen gewöhnlich Kühle herrsche.
»Ich habe dieses Kind gebracht«, sagte der Richter und strich Joasia
leicht über das dunkle Köpfchen, »wie es verabredet war.«
»Ich verstehe, Herr Richter«, sagte die Schwester und betrachtete das
Mädchen. »Sie ist ein bißchen zu dunkel«, fügte sie nach einer Weile
hinzu.
»Das kann man sich heutzutage nicht aussuchen, Schwester.«
»Ich will die Sache nicht auf Spitz und Knopf stellen, aber Sie
verstehen, Herr Richter.«
»Der Mensch versteht heutzutage mehr als gut tut«, sagte der Richter
sentenziös und streichelte wieder Joasias Haar. »Ein bezauberndes
kleines Mädchen.«
»Man muß immer hoffen, Herr Richter.«
»Wie festgelegt wurde, hat die Frau Oberin bereits bestimmte Mittel
erhalten«, sagte der Richter. »Der Krieg wird nicht ewig dauern.
Außerdem stehe ich im Bedarfsfalle immer zur Verfügung.«
»Darum geht es nicht«, entgegnete die Schwester. »Wir kennen unsere
Pflichten.« Jetzt strich sie dem Kind über das Haar. »Sie heißt also
Joasia«, fuhr sie fort. »Noch heute bringen wir ihr ein Gebet bei.«
»Das kann nützlich sein«, sagte der Richter.
Schwester Weronika blickte aufmerksam zu ihm hoch.
»Es wird ein katholisches Kind werden, Herr Richter. Sie haben nicht nur
ihren Körper hergebracht, dem schreckliche Leiden drohen könnten,
sondern auch ihre verirrte Seele.«
»Meinen Sie, Schwester, sie hätte Zeit gehabt, sich zu verirren! Sie ist
doch erst vier Jahre alt. Wer verirrt sich da?«
»Es ist wohl verständlich, daß wir sie katholisch erziehen. Das ist
unsere Pflicht dem Kind gegenüber. Sie sind Katholik, Herr Richter, ich
muß nicht nachweisen ...«
»Nun ja«, sagt der Richter und wollte schon das Gespräch beenden,
empfand aber plötzlich eine doppelte Schwierigkeit. Er mußte sich von
dem lieben, schweigenden Kind trennen. Und ihn bedrückte etwas
Wichtiges, eine Unruhe, Bitterkeit oder gar Enttäuschung. Deshalb sagte
er: »Tun Sie, Schwester, was Sie für angemessen halten. Aber daraus wird
nichts.«
»Woraus wird nichts!«
»Aus diesem Katholizismus, Schwester«, sagte der Richter und wunderte
sich selbst, daß eine gewisse Bosheit, ja vielleicht gar Rachsucht in
seiner Stimme mitschwang.
(aus: Andrzej Sczcypiorski: Die schöne Frau Seidenman. Zürich 1988, S.
255-256.)
Joasias weiteres Schicksal
Joasia erlebte das Kriegsende als Marysia Wiewiora, als katholisches
Mädchen und Waisenkind aus der Gegend von Sanok, dessen Eltern, arme
Landwirte, gestorben waren. Sie lebte nach dem Krieg wie die übergroße
Mehrheit ihrer Altersgenossinnen, lernte fleißig und dachte daran,
Zahnärztin zu werden, weil sie flinke Hände hatte und ihr Verhalten
lindernd auf die Menschen wirkte. Doch als sie zwanzig Jahre alt
geworden war, vernahm sie eine Stimme, die sie rief. Und folgte ihr in
Demut und Gehorsam. Sie wanderte nach Israel aus, wo sie nicht mehr
Marysia Wiewiora hieß, sondern Miriam Wewer. Und sie wurde nicht
Zahnärztin.
(aus: Andrzej Sczcypiorski: Die schöne Frau Seidenman. Zürich 1988, S.
259.)
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